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Nr. 33.

Mitteldenutsche Sonutags⸗Zeitung.

Seite 7.

auch an zu blühen, gleichzeitig aber erwuchs für den Herrn Bürgermeister ein großes Heer von häßlichen neuen Sorgen, an die Herrn Wansterls Kopf, der im Grunde genommen von derselben Beschaffenheit war wie der Kopf der übrigen Dings dahausener, nur etwas dicker und schlauer, im ersten Augenblick nicht gedacht hatte. Die hübsche kleine Bahn wirkte eben wie alle diese Bahnen: sie scheuchte die Fleder⸗ mäuse und Eulen aus dem Schlafe und brachte neues Leben in dieBude.

Es dauerte nicht lange, da kam ein kluger Kopf natürlich kein Dings dahausener auf den Einfall, in der Nähe der Stadt eine große Dampfziegelei einzurichten und die armen Vor⸗ stadtbewohner, die, wie die meisten Vorstadt⸗ bewohner in diesen pommerschen, posenschen und sonstigen Städtchen des Ostens, vom wahren Laufe der Welt keine Ahnung hatten und stumpfsinnig in der angeerbten Gedankenwelt dahinlebten, als billige Arbeitskräftenutzbar zu machen. Bald darauf faßten auch die Herren Grundbestitzer der Umgegend, eingefleischte Agrarier vom reinsten Wafer, den kühnen Plan, eine Zuckerfabrik auf Aktien zu gründen und dieselbe gleichfalls, schon der bequemen Bahnverbindung wegen, in die nächste Nähe von Dingsdahausen zu legen. Das gab dann natürlich dem Städtchen den bekanntenAuf⸗ schwung, Arbeiter strömten aus den Nachbar⸗ orten zu Hunderten nach Dingsdahausen, und Herr Wansterl als oberster Chef der Orts⸗ polizei hatte alle Hände voll zu tun, um diese ungezügelten undunruhigen Elemente in Ordnung zu halten.

Mit dem idyllischen Leben der alten Zeit war es nun vorbei. Das alte Rezept zog nicht mehr, und ein neues war nicht so schnell zu beschaffen. Es hatten sich da sogar Leute ein⸗ gefunden, die den Herrn Bürgermeister nicht einmal auf der Straße grüßten, und Herr Wansterl hatte allen Grund, anzunehmen, daß diese Leute jener umstürzlerischen Partei ange⸗ hörten, von welcher man in dem frommen und loyalen Dingsdahausen bisher nur aus der Zeitung etwas vernommen hatte und die nun leibhaftig am Horizont des guten Städtchens aufgetaucht zu sein schien. Herr Wansterl be⸗ schwerte sich beim Direktor der Zuckerfabrik, dieser aber, ein Eingewanderter aus dem Haupt⸗ zuckerlande Böhmen, dem die innere Politik der Praißen sehr gleichgültig war, und der sich überdies selbst vom schlichten Arbeiter zu einem Techniker ersten Ranges heraufgearbeitet hatte, gab dem geehrten Stadtoberhaupte die Antwort, daß ihn die Sachenix angehe, und daß die Verdächtigten zu seinen besten Leuten gehörten.

Das hat man von dieser dummen Eisen⸗ bahn! murmelte Herr Wansterl ärgerlich in sich hinein, als er aus dem Bureau des Fabrik⸗ direktors nach dem Rathause zurückkehrte. Und er verwünschte im Grunde seiner selbstherrlichen Seele die arme Sekundärbahn, dieses einstmalige Lieblingskind seines planenden Geistes, das sich nun in so unerfreuliche Weise in sein Schmerzens⸗ kind verwandelt hatte.

II.

Auf dem Rathause erwartete Herrn Wan⸗ sterl eine Ueberraschung, welche durchaus nicht geeignet war, seine Laune zu verbessern. Die Post hatte ein Schreiben des Herrn Landrats gebracht, welches dem Herrn Bürgermeister die vertrauliche Mitteilung machte, daß am nächsten Sonntag dem guten Städtchen Dingsdahausen ein Besuch bevorstehe, der die ganz besondere Wachsamkeit der städtischen Behörden erfordere und für das Wohl und Wehe von Dingsda⸗ hausen von der verhängntsvollsten Bedeutung werden könne. Das Königliche Landratsamt habe nämlich in Erfahrung gebracht, daß die Sozialdemokraten der durch ihre Tuchfabriken bekannten Stadt Leuchtenburg, die bei der letzten Reichstagswahl um Haaresbreite den Reichs, tagswahlkreis Leuchtenburg⸗Grimmingen erobert hätten, seit einiger Zeit die kleinen Landstädtchen der Umgegend mit ihrer Agitation beunruhtgen, und daß sie für den nächsten Sonntag einen Einfall in Dingsdahausen planten, dessen Ar⸗ beiterschaft bei der immerhin anstrengenden Be⸗ chäftigung in der Zuckerfabrik und denaller⸗

dings ziemlich mäßigen Arbeitslöhnen für die

Einflüsterungen der gewissenlosen Verführer viel⸗ leicht nicht unzugänglich sein dürften. Die Ortspolizei möge daher auf der Hut sein und entweder den geplanten Ueberfall der wahr⸗ scheinlich unter irgend einer Maske sich ein⸗ schleichenden Aufwiegler zu verhindern suchen oder doch dafür sorgen, daß die verderbliche Tätigkeit derselben auf das möglich geringste Maß eingeschränkt werde. Bei alledem aber empfehle der Herr Landrat Vorsicht, damit nicht etwa die regierungsfeindliche Presse zu Angriffen auf die Behörden Gelegenheit be⸗ komme, im Uebrigen vertraue er vollkommen den erprobten Talenten des Herrn Wansterl, der ja schon weit schwierigere Aufgaben mit glücklicher Hand gelöst habe.

Das fehlt gerade noch! rief Herr Wan⸗ sterl in gerechtem Zorne aus, nachdem er das landrätliche Schreiben gelesen hatte. Plötzlich aber leuchtete es wie eine Art grimmiger Freude über sein feistes Antlitz, und ein genialer Gedanke schien in seinem Haupte aufzublitzen.

Wartet, Hallunken, hier seid Ihr auf dem Holzweg! murmelte er mit unheilverkündender Miene vor sich hin.Euch soll die Lust ver⸗ gehen, zum zweiten Male nach Dingsdahausen zu kommen!

Spornstreichs nahm er Stock und Hut, steckte den Brief des Herrn Landrats in seine Brust⸗ tasche und begab sich geraden Weges nach dem Herrenstübchen der Moserschen Weinhandlung, in welchem alle schwierigen Fragen, die in dem öffentlichen Leben von Dingsdahausen auf⸗ tauchten, am vollzählig besetzten Stammtisch verhandelt und zumeist auch gelöst zu werden

pflegten. (Fortsetzung folgt.)

Allerlei.

Ueber Erbschaften brachte kürzlich die Wiener Arbeiter⸗Zeitung folgende Plauderei: Haben Sie schon einmal einen Proletarter ge⸗ sehen, der was geerbt bat?... Das Erben ist meistens eine Beschäftigung für bereits wohlhabende Leute. Kaiser Wilhelm hat ein paarmal hübsch geerbt, der Fürst Bülow hat unlängst auf einen Sitz an 20 Millionen geerbt, Erzherzoge beerben einander ununter⸗ brochen, aber es ist ein Verhängnis, daß fast immer nurschwere Leute durch Erbschaften noch schwerer gemacht werden. Gestern stand im Inseratenteil derArbeiter⸗Zeitung die unglaubliche, aber doch wahre Kunde zu lesen, daß ein Arbeiter einmal was geerbt hat. Kein dicker Geldsack, in den noch ein Scheffel Dukaten geschüttet wird, kein Besitzgewohnter, dem ein paar Tausender mehr oder weniger ziemlich Wurst sind, sondern ein Proletarterpaar, der Metalldreher Gustav und Johanna Hörmann aus Wiener⸗Neustadt, wird in diesem Inserat behufs Behebung einer ausehnlichen Erbschaft gesucht. Erbt ein Arbeiter was, ist er richtigunbekannt wohin verzogen. Erbschaften sind eben für den Proletarier etwas, was ihm höchstens von alten Weibern aus den Karten geweissagt wird. Wenn er schon wohlhabende oder kreiche Verwandte hat, so haben diese meistens für ihren ärmlichen Ursprung ein ab⸗ sichtlich schlechtes Gedächtnis. Ein netter Mensch wird heute selten reich, dazu gehört gemeiniglich eine Portion Skrupellosigkeit, wie ste gewöhnlich nur der ordinäre, willig ins kapttalistische Getriebe sich fügende Mensch aufbringt. Gerade solche Emporkömmlinge suchen aber die Spuren ihrer Herkunft ängstlich zu verwischen. Der Wohlgenährte hält sich instinktiv an seine wohl⸗ genährten Klassengenossen, deshalb erben die Bülows oft und Proletarier fast nie. Sein Glück machen, das heißt Karriere machen, reich heiraten, Verwandte beerben, das ist meist nur die Laufbahn derer von der Sonnenseite des Lebens. Wenn einmal ein Proletarier was erbt, dann ist er nicht zu finden

Der inländische Tabakban weist nach den steueramtlichen Angaben in den letzten 20 Jahren einen rapiden Rückgang auf. Es betrug die Zahl der deutschen Tabakpflanzer im Jahre 1884 187582. Der Fl ächeninhalt

der mit Tabak bepflanzten Grundstücke stellte sich auf 21091 Hektar mit einem Gesamtwerte von 471930 Doppelzentnern an getrockneten Tabakblättern. Im Jahre 1894 war die Zahl der Tabakpflanzer bereits auf 151261 gesunken. Der Flächeninhalt der mit Tabak bepflanzten Grundstücke stellte sich auf 17575 Hektar mit einer Gesamternte von 383 170 Doppelzentnern an getrockneten Tabakblättern. Das Jahr 1903 zeigte einen weiteren Rückgang der Zahl der Tabakpflanzer auf 105991. Die mit Tabak bestellte Bebaufläche betrug nur noch 16 552 Hektar mit einem Gesamtwerte von 330 718 Doppelzentnern an getrockneten Tabakblättern. Die Zahl der Tabakpflanzer ist also in den letzten 29 Jahren um 81591, die jährliche Gesamternte an getrockreten Tabakblättern um 141212 Doppelzentner zurückgegaagen. Dagegen ist in demselben Zeitraum der Tabak verbrauch ständig angewachsen. Er betrug in den Jahren 1881/85: 63714 Tonnen, 1891/95: 79265 Tonnen und im Jahre 1903: 91528 Tonnen.

Splitter.

Es ist mir noch nie ein einziger unter⸗ gekommen, der für seine eigene Moralität besorgt gewesen wäre, jeder war es immer nur für die aller anderen. Ich dächte, Sie be⸗ ruhigten sich angesichts dieser der menschlichen Gesellschaft zur Ehre gereichenden Gegenseitigkeit, nach welcher keiner die anderen für verkappte Lumpen halten kann, oder selbst einem jeden dafür zu gelten. Ich schließe die Tür und grüße den Leser.

L. Anzengruber. *

*

*

Du sollst nicht, wenn du plötzlichVorge⸗ setzter geworden, nun gleich denken, der große Hund sei dein Gevatter. Du bist dadurch um kein Haar besser geworden, als deine bisherigen Mitarbeiter. Hüte dich aber, nun durch deine Herrschaft und deinen Dünkel schlechter zu werden als sie.

** *

Dem Dieb sind alle Menschen Diebe; Mörder dem Mörder alle. So färbt das Gewissen, das Augenglas, wodurch die Seele liebt; wer nicht an Tugend glaubt, hat selber keine.

85 Lessing.

* Die Religion der Massen.

Gestützt auf die Wissenschaft ist der Sozi⸗ alis mus die Religion der Massen des arbei⸗ tenden Volkes und aller Unterdrückten. Nicht Religion im dogmatischen Sinne, aber eine Religion, die das Herz, das Gemüt, den ganzen Menschen packt, ihn für höchste Ideale begeistert: ihn keine Gefahr fürchten läßt, ihn zu jeder Aufopferung bereit macht.

Liebknecht.

Literarisches.

Zeitgemäße Ausrede.Wissen Sie nicht, daß Betteln hier streng verboten ist?Ich sammle doch bloß Beiträge für den Zehnmillionenfonds zur Unterstützung notleidender Offiziere.

Wahres Geschichtchen. Ein Hauptlehrer über⸗ reicht seinem vorgesetzten Inspektor das Entlassungsgesuch einer an seiner Schule angestellten älteren Lehrerin. Bei flüchtigem Einblick in das ihm vorgelegte Schreiben findet der alte Herr als Grund für das Scheiden aus dem AmteBeabsichtigte Heirat angegeben.

Ich gätte nicht gedacht, meinte er dann,daß wir die alte Schraube auf diese Weise noch los würden! Wer ist denn darauf reingefallen?

Ich, Herr Inspektor!

Vertraulich.Der Antisemitismus ja ja, gewiß... aber lebensfähig wird die Bewegung erst werden, wenn sie ein tüchtiger Jud' in die Hand

nimmt. Bemüht

Parteifreunde! cn n

nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der

Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!