Ausgabe 
13.8.1905
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 33.

Lieferung der Lernmittel für alle Volksschüler durch die Stadt hatten unsere Parteigenossen in der Mainzer Stadtvertretung beantragt. Der Schulvorstand hat diesen An⸗ trag aber abgelehnt. Für einen wirklichen Fortschritt 15 dem Gebiete des Unterrichts⸗ wesens sind eben die bürgerlichen und in diesem Falle liberalen Herren nicht zu haben. Die Zustimmung zu dem sozialdemokratischen An⸗ trage hätte ihnen hier um so leichter fallen müssen, als jetzt schon in den Mainzer Schulen über 60 Prozent sämtlicher Volksschüler freie Lernmittel erhalten.

Eine Bündler⸗ und Antise⸗ miten⸗Para den veranstalteten die Hirschel⸗ Leute am Sonntag in Altenburg bei Alsfeld. Es traten ein knappes Dutzend Redner auf; man hatte sich sogar den dicken Oertel aus Berlin verschrieben. Außer einem tüchtigen Regen mußten die erschienenen Bauern auch noch den Phrasenbrei der agrarischen Agitatoren, die bekanntlich sämtlich keine Bauern sind, über sich ergehen lassen. Wenn der Bericht des Gieß. Anz. richtig ist, so muß besonders Oertel an widerlicher Phrasendrescherei Un⸗ heimliches geleistet haben.Deutsche Kraft, deutsche Art, deutscher Acker, deutsch⸗deutsch⸗ deutsch-deutsch geht's da in einem fort, als obs keine andern Menschen mehr gäbe! Noch tolleres Zeug gaben andere Redner zum Besten. Hirschel bezeichnete die Großstadt als den Komposthaufen, auf dem aller Unrat der Welt sich aufhäufe! Nach Köhler verkörpern der Bauernstand und derechte deutsche Ur⸗ adel das deutsche Volk. Also die Millionen Arbeiter, Handwerker und andere ehrliche und tüchtige Menschen zählen bei Köhler nicht mit. Vollwertige Deutsche sind nur die Handvoll Nachkommen der Wegelagerer und Strauchritter. O Anttisemitismus, o Köhlerianissimus! Nun, auf die Dauer werden sich auch die oberhessischen Bauern von diesen Brüdern nicht nasführen lasseu!

Gießener Angelegenheiten.

Das Fest der Freien Turner⸗ schaft am Sonntag hatte einen recht guten Besuch aufzuweisen und nahm den besten Ver⸗ lauf. Glücklicherweise hielt sich auch das Wetter, obwohl es nicht weit von Gießen, in der Gegend von Alsfeld sowie im Mainthale sehr stark regnete. Die turnerischen Leistungen unserer Arbeiterturner fanden wohlverdiente An⸗ erkenuung und vielen Beifall. Erfreulicher⸗ weise war auch für Kinderspiele gut gesorgt; auf dem großen Platze tummelten sich 19 2 die Kleinen recht lustig und freuten sich über die kleinen Geschenke, die ihnen als Gewinne überreicht wurden. Das Arrangement von Kinderspielen sollten die Turner immer für ihre spezielle Aufgabe ansehen! Unangenehm ist nur das immerwährende Karussellgetrudel, das nach unserer Meinung entschieden nicht auf ein solches Fest gehört. Außerdem trägt die Anwesenheit eines solchen Belustigungsmittels zur Erhöhung der Ausgaben für Familienväter bei, denn die Kinder wollen natürlich fahren, wenn sie ein Karussell sehen und quälen die Eltern so lange, bis diese die Pfennige heraus⸗ rücken, die sehr oft besser angewendet werden könnten.

Auf die Generalversammlung des Wahlvereins diesen Samstag sei nochmals aufmerksam gemacht. Es ist not⸗ wendig, daß die Mitglieder recht zahlreich erscheinen.

Bubenstreichebesserer Leute finden in der Regel eine viel mildere Beurtei⸗ lung als etwa, wenn ein gewöhnlicher Mensch etwas ausgefressen hat. Vor einiger Zeit wurde im Anzeiger berichtet, daß mehrfach bedeutende Sachbeschädigungen an Gebäuden ꝛc. verübt worden seien und daß es sehr wünschens⸗ wert sei, daß diese Rohlinge erwischt würden. Auch der Direktor des Gymnastums, Dr. Schädel, beschwerte sich, daß das Geländer am Gymnastum nachts ruiniert worden war, Schutzleute stellten sich auf Posten und erwischten die Sünder. Es war ein Student, namens Frech und ein Kaufmann Gregori. Jetzt wurde aber merk⸗

würdigerweise kein Strafantrag von der Ver⸗ waltung des Gymnastums gestellt, so daß die Herrchen glücklich wegkommen! Der Student ist schon einmal wegen ähnlichem Unfug vor⸗ bestraft, damals hatte er Stämme quer über die Licherstraße gelegt, wodurch ein großes Unglück hätte herbeigeführt werden können! Ein schreckliches Unglück traf am Montag die Frau des in der Walltorstraße wohnenden Sergeanten Po st. Sie soll damit beschäftigt gewesen seln, ihre Petroleumlampe aufzufüllen und mit der Petroleumkanne dem heißen Herd zu nahe gekommen sein, so daß der Behälter explodierte und die Kleider der Frau in Flammen setzte. Lichterloh brennend lief sie auf die Straße, wo Passanten die Flammen löschten. Mit schrecklichen Brandwunden bedeckt wurde sie in die Klinik gebracht, wo sie sie befand sich in hochschwangerem

Zustande einem Kinde das Leben gab. Ihr Befinden

soll verhältnismäßig gut sein. Nur immer vorsichtig mit Petroleum umgehen! Auch in Hanau verbrannte am Samstag eine Frau total, die ihrer üblen Gewohnheit gemäß Petroleum in's Herdfeuer goß.

Vor einer gefährlichen Spielerei warnt das Gießener Polizeiamt. Schuljungen machten öfters Experimente mit ungelöschtem Kalk, den sie in eine Flasche füllten, Wasser zuschütteten und so eine Exploston herbeiführten. In einem Falle wurde ein Junge durch einen fortgeschleuderten Glassplitter bedeutend im Gesicht und am Halse verletzt. Das Polizeiamt fordert daher Eltern und Erzieher auf, die ihnen anvertrauten Kinder vor solchem gefähr- lichen Spiel eindringlichst zu warnen.

Einen Simplizissimus⸗Ahend, bestehend in Rezitationen humoristischer Dich⸗ tungen von den Schauspielern Willi Hagen und Hans Nauendorf nebst Konzert, veranstaltet das Gewerkschaftskartell auf Samstag, den 26. August im Café Leib. Das nähere Pro⸗ gramm wird noch bekannt gegeben.

Vom Hudde. Wie berichtet wird, hätte der Großherzog gegenüber dem zum Tode verurteilten Hudde bon seinem Begnadigungs⸗ rechte keinen Gebrauch gemacht. So wird fte bald die Exekution des Mörders statt⸗

nden.

Aus dem Rreise gießen.

d. Eisenbahnfragen in Wieseck. Seit einiger Zeit wird in den beiden Industrie⸗ orten Alten⸗Buseck und Wieseck das Bahnbau⸗ projekt ventiltert, das s. Zt. von Herrn Prof. Sommer entworfen wurde. Es sieht bekanntlich die Verlegung der Linie Gießen⸗Fulda vor, die von Großen⸗Buseck aus über Wieseck geführt und nördlich des Gießener Bahnhofs(in der sogenannten Schwarzlach) in die Main⸗Weser⸗ bahn einmünden soll. Für das Projekt, dessen Ausführung für unsere Gemeinde zweifellos von Vorteil wäre, besteht innerhalb der Einwohner⸗ schaft viel Sympathie und es sollte seine Ver⸗ wirklichung von der gesamten Bürgerschaft energisch betrieben werden. Und das kann am besten in Verbindung mit der in Alten⸗ Buseck bereits bestehenden Kommisston geschehen. Für Fragen von solcher Wichtigkeit muß die gesamte Einwohnerschaft interessiert werden, es genügt nicht, daß ein paar Leute vom sogenannten Bürgerverein die Sache betreiben wollten, aber weiter noch nicht damit gekommen sind.

l. In Heuchelheim veranstaltet diesen Sonntag, den 18. August die Turnabteilung des Wahi⸗ vereins ein Schauturnen verbunden mit Preis⸗ schießen bei Wirt H. Volkmann. Die Gesangsab⸗ teilung wird die Veranstaltung durch Liedervorträge ver⸗ schönern helfen. Das Schauturnen beginnt um 3 Uhr, Eintritt ist frei. Die Parteifreunde und Turngenossen in Gießen werden dazu freundlichst eingeladen, zahlreiches Erscheinen der Heuchelheimer wird als selbstverständlich erwartet.

Aus dem Nreise Jriedherg⸗Püdingen.

In Friedberg sprach am Sonntag vor acht Tagen Genosse Dr. Michels⸗Marburg in einer recht gut besuchten Versammlung über Regierungs⸗ und Arbeiterpolittk. Redner streifte die letzten Vorgänge auf dem Gebiete der äußeren und inneren Politit und übte eine scharfe Kritik an dem Verhalten der Regierung. Demgegenüber betonte er, daß eine Arbeiterpolitik denn doch ganz anders aussehen mülsse, als die, welche die Regierung betreibt. Ein Nattonalsozialer, namens Blumen⸗ thal meinte in der Diskussion, die Nationalsozlalen und Sozialdemokraten hätten manche Berührungspunkte, die

führte demgegenüber an verschiedenen Beispielen den Nachweis, daß es mit den angeblichen Berührungspunkten doch eigentümlich aussteht. Sie gleichen sich nämlich wie Feuer und Wasser. Uebrigens hätten die National⸗ sozialen bei allen Wahlen zwischen einem Sozialdemo⸗ kraten und einem Bürgerlichen stets gegen den Arbeiter⸗ vertreter gestimmt. Die Arbeiter müßten es entschieden von sich weisen, in irgend einer Weise mit den National⸗ sozialen gemeinsame Sache machen zu können. Die Versammlung bekam dadurch noch einen kleinen inter⸗ nationalen Charakter, als Genosse Ankersmit von Amsterdam, Redakteur des holländischen Zentralorgans der Partei, zum Schluß noch einige Worte an die Ver⸗ sammlung richtete.

Der Beleidigungsprozeß gegen drei Einwohner von Rödgen und den Re⸗ dakteur der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung, der schon zweimal vor dem Nauheimer Schöffen⸗ gericht verhandelt wurde, wird nun nochmals die Gießener Strafkammer beschäftigen. Der Staatsanwalt hat gegen das schöffengericht⸗ liche Urteil Berufung eingelegt, über die nächsten Freitag verhandelt wird.

Aus dem RNreise Wetzlar.

h. Eine allgemeine Gewerkschafts⸗ versammlung findet diesen Sonntag, nach⸗ mittags Uhr, im Saale desSchützen⸗ garten statt. Die Tagesordnung lautet: 1. Die gewerkschaftlichen Kämpfe der e 2. Die Berggesetznovelle. Stadtverordneter Maurer Hüttmann⸗Frank⸗ furt und Verbandskassierer Wiß man n⸗Bochum werden darüber sprechen. Pflicht jedes Arbeiters ist es in dieser Versammlung pünktlich zu er⸗ scheinen. Herr Bergverwalter Stähler, dessen in Dillenburg ausgesprochene Verdächtigungen wir an anderer Stelle erwähnen, mit samt seinem VereinBerggeist, ist zu der Versamm⸗ lung durch eingeschriebenen Brief eingeladen.

* Zur Lage der Bergarbeiter im Lahn⸗Dill⸗ Bezirk. In den letzten Tagen haben im Wetzlarer Kreise mehrere Bergarbeiter⸗Versammlungen stattgefunden, in denen die Arbeits verhältnisse und die Lage der hiesigen Bergarbeiter einer Erörterung unter⸗ zogen wurde. Ueber die Verhältnisse selbst haben wir in voriger Nummer einiges gebracht, wo⸗ mit jedoch die Klagen der geplagten Arbeiter noch keineswegs erschöpft sind. Trotzdem bemüht sich das Bergunternehmertum und seine Wortführer, die traurigen Verhältnisse zu beschönigen und die Klagen abzuschwächen. In dieser Richtung quält sich ein ungenannter Schreiber eines langen Artikels imWetzl. Anz. ab. Vier Spalten stellt das Amtsblatt für die Kapitalisten zur Verfügung! Für Arbeiterinteressen würde es wohl noch keine 20 Zeilen übrig haben. Selbstverständlich geht's nicht ohne Verdächttgung ab: jener Artikel- . behauptet, der aufreizende Ton, den ie Redner in den Versammlungen anschlügen, beweist, daß es sich um sozialdemokratische Bestrebungen handele. Sobald irgendwo Ar⸗ beiter bessere Arbeitsbedingungen fordern, sind sie sofort Sozialdemokraten! Freilich, die Leute, die nicht in die Grube zu steigen brauchen, aber doch jedes Jahr ihre vierteljährige Badereise machen und dabei noch reicher werden, sind nationalliberal⸗zufrieden! Mit einer Lohn⸗ statistik weist der Artikelschreiber nach, daß die Bergarbeiterlöhne seit 10 Jahren um 30 Prozent 1 9 seien, von Mk. 1.82 auf Mk, 2.38.

a also, was wollen die Proleten noch? Wäre der Schichtlohn von einer Mark auf z wei Mark gestiegen, so betrüge die Steigerung sogar 100 Prozent! Kurz, nach dem Artikel verdient der Bergmann fürchterlich viel Geld, während der arme Kapitalist stets Verluste hat. Merk⸗ würdigerweise wird dabei das Unternehmertum immer reicher und der Bergmann muß darben! Besonders iuteressant muß es gewesen sein, als Herr Bergverwalter Stähler man nennt ihn im VolksmundeElektrischer Funke am Sonntag in Dillenburg über die Bergarbeiter⸗ bewegung und ⸗Verhältnisse sprach. Dorthin hatte er mit seinem VereinBerggeist, wie im Anzeiger berichtet wird, einen Ausflug unternommen und bei festlichem Gelage im Hotel Neuhof schimpfte er über die Urheber der Versammlungen, die

nur den Bergleuten ihre Groschen abnehmen

sie verpflichteten, bei Wahlen zusammenzugehen. Michels