Ausgabe 
13.8.1905
 
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Nr. 33.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite.

teiligt waren. Ein Hauptanlaß zu dieser Ver⸗ n war der Fall des Pfarrers Fischer, essen Zweifel an der Gottheit Christi den Haß der Frommen herausgefordert hat. Auf jener Versammlung, die u. a. auch den Theologie⸗ professoren selbst wegen zu freier Ansichten den Krieg erklärt hatte, wurde ein Arbeits ausschuß eingesetzt. Dieser tagte am 1. Juli und fatzte eine Resolution von etwa folgendem Inhalt: Es müsse Protest erhoben werden gegen die grundstürzende Theologie der neuesten Zeit, die den biblischen und bekenntnismäßigen Bestand der evangelischen Kirche rücksichtslos angreife. Es sei daher die wichtigste Aufgabe im Hinblick auf die Gefahren, die der Kirche drohen, alle positiv gerichteten Elemente zu sammeln. Es wird gebeten, daß alle, die noch auf dem Boden der göttlichen Autorität der heiligen Schrift und auf dem Grunde des Glaubens an die Gottheit Christi stehn, das Vertrauen auf die Zukunft der evangelischen Landeskirche nicht wegwerfen möchten. Es müßten alle Maß⸗ nahmen der kirchlichen Behörde unterstützt werden, die darauf gerichtet sind, die Funda⸗ mente der evangelischen Kirche zu erhalten und Irrlehren abzuweisen.

Diese Resolution stellt offenbar den Versuch dar, die protestantische Kirche in orthodoxem Sinne neuzubegründen und zwar nach den nämlichen Prinzipien, auf die auch die katho⸗ lische Kirche sich stützt. Es scheint fast so, als ob die evangelischen Theologen sich durch das Beispiel des gerade in unsern Tagen so kühn auftretenden Ultramontanismus hätten impo⸗ nieren lassen. Das Fürwahrhalten einiger bestimmten Dogmen gilt für allein seligmachend und daraus ergibt sich von selbst, die, so weit es unsre Zeit erlaubt, strenge Intoleranz gegen anders und freier Denkende. Der Unter⸗ schied dieser protestantischen Kirche gegenüber der katholischen besteht nur noch in der geringeren Zahl der obligatorischen(pflichtgemäßen) Lehr⸗ sätze und Kultformen. Wir fürchten nur, daß diejenigen bescheidenen Gemüter, die überhaupt noch ihre Weltanschauung auf Wunderglauben und Zeremoniendienst zu gründen im Stande sind, dann doch schon lieber gleich zu der innerlich reicheren und historisch ehrwürdigeren katholischen Kirche sich hingezogen fühlen. Das, was wir bisher so oft als das eigene Prinzip der evangelischen Kirche preisen hörten, daß sie jedes einzelne Gewissen ohne Zwang und Mit⸗ telspersonen auf seinen Gott direkt verwiese ist mit jener Resolution verlassen.

Im Uebrigen ist dieser Zusammenschluß der Orthodoxen nur natürlich, und man kann sich in gewissem Sinne sogar über ihn freuen. Er bewirkt möglicherweise eine reinliche Scheidung zwischen den konservativen und liberalen Theo⸗ logen und damit auch zwischen ihren enger oder weiterdenkenden Anhängern, zwischen denen, welche die Religion in bestimmten äußerlich faßbaren Erscheinungen sehn, und jenen andern mehr innerlich gerichteten Naturen, die weder ihr eigenes religiöses Empfinden, noch das ihrer Mitmenschen in so bequeme, gleichmäßige For⸗ meln der Beurteilung pressen mögen. Welche Früchte jener konservativ gerichtete, beschränkte Geist notwendigerweise zeitigen muß, dafür können wir sofort auf ein charakteristisches Beispiel hinweisen: das ist der Aufruf der Zentralkonferenz der lutherischen Vereine in Preußen gegen den Pfarrer Jatho in Köln, dessen religiöse Anschauungen als die eines modern gebildeten Mannes nicht mehr in das althergebrachte kirchliche Schema eingezwängt werden können. Wir führen ein paar Sätze aus derZum Zeugnis überschriebenen Schrift gegen ihn hier an:Noch ist die Gemeinde aufs tiefste erregt über den Fall Fischer, da wird ihr durch einen andern Diener der Kirche ein neues, noch schwereres Aergernis gegeben. Der Pfarrer Jatho in Köln verkündigt in seinen Predigten eine neue, moderne Religion er identifiziert(setzt gleich) Gott und die Welt, und Gott ist ihm das unendliche Schaffen, das überall sich neu gebiert, die Einheit aller wirk⸗ enden Kräfte, das Geheimnis des Werdens 55 ob das nicht die Gedanken unsrer größten

enker und Dichter wären!)... wir vermögen es nicht zu begreifen, daß ein Pfarrer das

Amt in einer Kirche, deren Glauben und Be⸗ kenntnis er aufs Entschiedenste bekämpft, noch länger verwalten kann. Er solle sein Amt freiwillig niederlegen, sonst müsse diegläubige Gemeinde in Köln das von ihm fordern, oder müsse von der vorgesetzten Kirchenbehörde Ab⸗ hilfe diesesfurchtbaren Notstandes erbitten. Jathos Predigten seien stenographisch aufge⸗ zeichnet und so habe man alle Handhaben zur Anstrengung eines Lehrprozesses.Es ist wahr⸗ lich hohe Zeit, daß der unheilvolle Grund⸗ satz von der Gleichberechtigung aller theologischen Richtungen endlich aufgegeben und vor der Oeffentlichkeit klar gestellt werde, daß es in unsrer Landeskirche nicht rechtens ist, Irrlehren zu predigen, welche die Fundamente unsres Glaubens freventlich antasten, denn die gläubige Gemeinde kann und will es nicht länger er⸗ tragen, daß die Grundwahrheiten ihres Glaubens von Dienern der Kirche öffeutlich geleugnet und angegriffen werden. Diese gläubige Gemeinde, offenbar die Anhänger des Kollegen des Herrn Jatho, scheinen aber an Zahl nicht die Ueber⸗ legenen zu sein, ebenso wie ihr Hülferuf an die Behörde nicht gerade ihre geistige Ueber⸗ legenheit beweist, denn aus der Gemeinde Jathos erging folgendes Schreiben an die Frankfurter Zeitung:

Zu Ihrer Notiz über den evangelischen Pastor Jatho wäre noch nachzutragen, daß die Predigten des⸗ selben so besucht waren, wie bei keinem andern der hiesigen Geistlichen. Lange vor Beginn des Gottes⸗ dienstes strömte das Volk aus allen Stadtteilen herbei, um Jatho zu hören und ein Plätzchen in der Kirche zu erhaschen, die, wenn der letzte Glockenschlag verklungen, meistens schon überfüllt war, sodaß Nachzügler entweder umkehren oder stehenden Fußes den Worten Jathos lauschen mußten. Was er dann seinen Zuhörern bot, war nichts Angelerntes, nicht Salbaderei über Wahr⸗ scheinlichkeit in kirchlich⸗orthodoxem Sinne, sondern es sprudelte von Beispielen aus dem Leben.(Ein Bild, das den Geschichtskenner so recht lebhaft an die im Mittelalter verketzerten, von den protestantischen Theologen als Vorläufer der Reformation so viel gepriesenen Mystiker, Eckhart und Tauler, erinnert. Auch Luthers bekanntes Wort kommt einem wohl in Sinn, wie er der Mutter im Haus, den Kindern auf der Gasse, dem gemeinen Mann auf dem Markt auf das Maul gesehen habe, um ihnen verständlich Deutsch zu sprechen.) Da war nichts zu finden von dem Fluche, der die Leute treffen solle, welche in dem Rahmen der Kirche als un⸗ gläubig gelten, nein, er zog auch diese Leute an sich heran, er wußte ihnen die Religion nahe zu bringen in seiner Weise. Die evangelische Kirche versetzt sich selber einen Schlag, wenn sie einen solchen Mann mundtot macht. Zu den ledernen Predigten so mancher Geist⸗ lichen gehen meist nur die Gewohnheitskirchengänger. Wenn dem Volke aber der Glaube erhalten werden soll, dann muß ihm derselbe auch sozusagen mundgerecht gemacht werden, und das hat Jatho verstanden. Er verketzerte auch keinen Schiller, keinen Goethe, er sah in ihnen Werkzeuge Gottes und schilderte ihre Vorzüge. Er war ein warmer Anhänger der Kunst. Sollte nicht auch der Neid über seine Erfolge bei den Angriffen mit⸗ spielen? Unsere Geistlichen sind alle Menschen, das wird mancher erst dann recht gewahr, wenn sie in der Tat beweisen sollen, daß sie die Liebe Gottes, die sie dem Volke predigen, besitzen und von derselben austeilen sollen. Meistens haben sie dann nichts zu geben, weil sie selber davon nichts besitzen. Wenn sie selber aber dem Volke in ihrer Person nichts zu bieten vermögen, weil sie weder kalt noch warm sind, dann sollten sie einen Jatho, der wirklich Positives schafft, ruhig seine Bahnen ziehen lassen.

Ist nun etwa ein solcher Mann kein Christ mehr? Meinen denn unsre Kirchenfürsten, das Wesen der Religion noch besser bestimmen zu müssen, als ihr Heilaud selbst, der doch be⸗ kanntlich das Gesetz und alle Propheten in die zwei Gebote zusammenfaßte: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten als dich selbst?

Wem fielen angesichts dieses Kampfes zwi⸗ schen modern fortschrittlicher und beschränkt rückständiger Religion nicht Schillers Worte ein von den Brotgelehrten: 5

Jede Erweiterung seiner Brotwissenschaft beunruhigt ihn, weil sie ihm neue Arbeit zu sendet oder die vergangene unnütz macht; jede wichtige Neuerung schreckt ihn auf, denn ste zerbricht die alte Schulform, die er sich so mühsam zu eigen machte, sie setzt ihn in Gefahr, die ganze Arbeit seines vorigen Lebens zu ver⸗ lieren. Wer hat über Reformatoren mehr ge⸗ schrieben als der Haufe der Brotgelehrten?

Wer aber hält dann den Fortgang nützlicher Revolutionen im Reich des Wissens mehr auf, als eben diese? Jedes Licht, das durch ein glückliches Genie, in welcher Wissenschaft es set, angezündet wird, macht ihre Dürftigkeit sichtbar; sie fechten mit Erbitterung, Heimtücke, mit Verzweiflung, weil sie bei dem Schulsystem, das ste verteidigen, zugleich für ihr ganzes Dasein fechten. Darum kein unversöhnlicherer Feind, kein neidischerer Amtsgehllfe, kein bereit⸗ willigerer Ketzermacher als der Brotgelehrte.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Schulgeld nach dem Einkommen. Von verschiedenen Seiten wurde schon der Vorschlag gemacht, das Schulgeld nach der Leistungsfähigkeit festzusetzen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß eine Bemessung nach dem Einkommen gegen die bisherigen Zustände eine Besserung bedeutet. Die sozialdemo⸗ kratische Forderung geht bekanntlich auf Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel. In Mügeln bei Leipzig ist für das laufende Schuljahr ein Schulgeldregulativ geschaffen worden, das die Zahlungspflicht nach der Leistungsfähigkeit festsetzt. Es sind zu zahlen bei einem Jahreseinkommen

bis 700 M. für ein Kind wöch. 5 Pf. ii r i 10 17 1101 1. 1600 1* 1 15 17 1601 2200 4 20 2201 1 3000 8 1 25 1 3001 und höher 5 30

Wenn aus einer Familie nur ein Kind die Schule besucht, so wird das Schulgeld für dieses Kind nach der nächsthöheren Stufe be⸗ rechnet. Wenn aber drei Geschwister aus einer Familie zu gleicher Zeit die Schule besuchen, so ist das Schulgeld nach der nächstniedrigen Stufe zu berechnen. Besuchen mehr als drei Geschwister die Schule zu gleicher Zeit, so wird das Schulgeld für jedes dieser Kinder um zwei Stufen ermäßigt, bezw. werden eins oder mehrere dieser Kinder vom Schulgelde ganz befreit. Kinder aus anderen Schulbezirken, welche die mittlere Volksschule zu Mügeln be⸗ suchen, haben an Schulgeld wöchentlich 60 Pf. zu entrichten.

Die Verschmelzung der Arbeiter- versicherungsgesetze wird schon längst von allen mit dieser Materie Vertrauten gefordert. Kürzlich faßte die Generalversammlung des Verbandes der Ortskrankenkassen in Elsaß⸗ Lothringen in Straßburg eine Resolution, die sich für die Verschmelzung von Kranken-, Unfall- und Inbalidenversicherung ausspricht. Gleich⸗ zeitig wird aber betont, daß das Selbstver⸗ waltungsrecht der Verstcherten nicht ange⸗ tastet werden dürfe.

Lohnkämpfe. 500 Handschuhmacher sind in Halberstadt in den Ausstand getreten. Die Fabrikanten lehnten sowohl die Verhand⸗ lungen mit den Arbeitern als die Vermittelung der beiden Bürgermeister wegen Verhandlungen über den Lohntarif strikte ab. Da ungewöhnlich viel Arbeitsaufträge vorhanden sind, werden sich die Protzen schon noch zu Verhandlungen herbeilassen müssen. Mit einer Aussperrung sämtlicher Metallarbeiter hatten die Unternehmer in Breslau gedroht. Sie unter⸗ blieb jedoch; es kam zwischen der Maschinen⸗ bauanstalt in Breslau und den Drehern eine Einigung zustande.

Von Nah und Fern.

Hessisches.

Vorbereitung zu den Landtags⸗ wahlen. Das Ministerium hat die Krets⸗ ämter beauftragt, mit den Vorarbeiten für die demnächst stattfindenden Landtagswahlen zu beginnen. Auch daraus geht hervor, daß die Regierung nicht mehr mit dem Zustandekommen der Wahlreform rechnet, also die Wahlen wie bisher nach dem berühmten indirekten Wahl⸗ verfahren stattfinden.