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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 33.
— Trotzdem leugnen die agrarischen Wucher⸗ öllner⸗Organe das Vorhandensein eines Not⸗ andes und haben nur Hohn und Spott für die Forderungen, die geeignet sind, die Notlage des Volkes zu mildern.
Der Wahlrechts raub in der Republik Lübeck ist nunmehr perfekt geworden. Am Montag hat die Bürgerschaft den Vorschlägen des Senats zur Verschlechterung des Wahlrechts zugestimmt. Dadurch werden die Minder⸗ bemittelten so gut wie rechtlos gemacht. Bisher hatte jeder Bürger das aktive und passive Wahlrecht, wenn er den Nachweis lieferte, daß er in den letzten fünf Jahren ein Ein⸗ kommen von 1200 Mk. versteuert habe. Und das Bürgerrecht konnte durch Zahlung einer Gebühr von 28 Mk. erworben werden. Das neue Gesetz steht zwei Abteilungen von Wählern vor, von denen die erste Abteilung, die bis 2000 Mark versteuert, 105 Vertreter, während die zweite Abteilung, unter diesem Satze, 15 Vertreter zu wählen hat. Das Wahlberechti⸗ gungsalter wurde auf 25 Jahre erhöht. Die Verhältniswahlen, welche die Kommisston vor⸗ geschlagen hatte, wurden abgelehnt. Wenn die lübischen Spießer des Glaubens sind, da⸗ mit die„sozialdemokratische Gefahr“ beseitigt zu haben, so dürften ste durch die weitere Entwickelung überzeugt werden, daß dies eine Borniertheit war.
Die sächsischen Landtagswahlen finden voraussichtlich in der zweiten Hälfte des September statt. Unsere Parteigenossen sind bereits mit einem wirkungsvollen Aufrufe, in dem gegen die sächsische Wirtschaft energisch protestiert wird, vor die Wählerschaft getreten.
Der 16. internationale Berg⸗ arbeiter⸗Kongreß trat am Montag in Lüttich zusammen. Es waren etwa 100 Delegierte aus allen Ländern anwesend. Der Kongreß begann, von dem sozialistischen Ge⸗ meinderat Henault eröffnet, mit einer impo⸗ santen Kundgebung für die Erhaltung des Weltfriedens.
Die Friedensunterhandlungen zwischen Rußland und Japan haben nun am Mittwoch in Portsmouth(in der Nähe von New⸗Nork) begonnen. Die beiderseitigen Bevollmächtigten trafen bereits Anfangs der Woche ein. Man hofft, daß die Verhandlungen zum Abschlusse des Friedens führen. Rußland hat wirklich alle Ursache, dazu beizutragen. Denn nicht nur dringen die Japaner auf dem Kriegsschauplatze immer weiter vor, es greift auch die revolutionäre Bewegung in Rußland selbst immer weiter um sich. Gelänge es dem russischen Volke, die zarische Tyrannei abzu⸗ schütteln, so wären die Kriegsopfer nicht um⸗ sonst gebracht!
Die Satten und die Hungrigen.
In einem Aufsatze über die Frage: Wie erhalten wir uns einen gesunden Magen? machte kürzlich die Kölnische Zeitung folgende Bemerkungen:„Wer nicht eine sogenannte Saison in der Großstadt mitgemacht hat, der kann kaum verstehen, warum in den Kreisen der oberen Zehntausend so häufig ein schlechter Magen anzutreffen ist. In einer solchen „Gesellschaftssalson“ stürmen so viel Schädlich⸗ keiten auf den Magen ein, werden so viel Diätfehler gemacht durch das Uebermaß der genossenen Speisen, durch das Durch⸗ einander von heiß und kalt, von scharfen und
ewürzten Sachen, vor allem aber durch den
ißbrauch von Schnäpsen und sonstigen alkoholischen Getränken und zuletzt noch durch den Genuß von schweren Importen (Havanna⸗Zigarren), daß man sich eigentlich nur wundern muß, warum nicht die ganze feine Gesellschaft einen schwachen Magen hat.“ — Das nationalliberale Blatt schreibt für die feine, nichtstuende Gesellschaft, die auf Kosten anderer in Ueppigkeit lebt.— Also die„feine“ Gesellschaft verdirbt sich den Magen durch 5 Genuß von Speisen aller Art, feinen Likören ꝛc., während die Arbeiter⸗ schaft zu immerwährendem ist, die Arbeiter ziehen sich zu infolge
unger verurteilt 0 agenerkrankungen ungenügender Ernährung! Und
während die bessere Gesellschaft in der soge⸗ nannten Saison praßt und schlemmt und Feste feiert, ist es dem Arbeiter nicht möglich, ein Stückchen Fleisch für sich und die Seinen her⸗ beizuschaffen. Er muß bei den künstlich ge⸗ steigerten, auf eine verbrecherische Höhe gebrachten Fleischpreisen auf Fleischnahrung fast vollständig verzichten oder sich bei seiner schweren Arbeit mit Pferde⸗, Hunde⸗ und— höchstens— Frei⸗ bankfleisch begnügen. So will es die heutige gottgewollte Ordnung, für welche die Junker und Junkergenossen ihre Räuberpolitik ausgeben.
Wie das Geheimnis des Wahlrechts respektiert wird
zeigt folgender Fall, der dadurch ein besonderes Interesse gewinnt, daß eine Behörde, die Staatsanwaltschaft, veranlaßt wurde, Stellung zu nehmen.
Bei der letzten Reichstagswahl im 9. han⸗ noverschen Wahlkreise(Hameln) hatte der Wahl⸗ vorsteher Stille in Latwehren ein ihm über⸗ gebenes Wahlkouvert geöffnet, den darin enthaltenen Stimmzettel für den sozial⸗ demokratischen Kandidaten Brey herausgenommen und dem Wähler einen Stimmzettel für den Kandidaten des Bundes der Landwirte in die Hand gedrückt mit der energischen Aufforderung, diesen zu wählen. Der protestierende Wähler ging aufs neue in die„Wahlzelle“ und steckte einen anderen sozialdemokratischen Stimmzettel in das Kouvert, das der Wahl vorsteher schein⸗ bar ordnungsgemäß in die Urne legte. Einige Tage später gab ein anderes Mitglied des Wahlvorstands, Vollmeier Karstorf, dem Wähler unter allerhand beleidigenden Ausfällen zu ver⸗ stehen, daß er dessen sozialdemokratische Abstimmung erspäht habe, also das ge⸗ setzlich garantierte Wahlgeheimnis doch verletzt war.
Die Sache wurde der Behörde in Hannover angezeigt. Der Staatsanwalt aber antwortete: „Ich sehe mich nicht veranlaßt, die öffent⸗ liche Klage zu erheben. In dem Ver⸗ halten des Wahlvorstehers Stille, wie es in dem Schreiben des August Möller(Name des Wählers) dar gestellt ist, ist eine strafbare Handlung nicht zu erblicken.“
Nun folgt eine lange Begründung dieser Entscheidung.— Erst vor den Wahlen von 1903 sind Bestimmungen gegeben worden, die das geheime Wahlrecht sichern sollten, weil man die Erfahrung gemacht hatte, wie wenig oft dieses heilige Grundrecht des Volkes respektiert wurde. Wie soll es aber ferner respektiert werden, wenn ein Wahlvorsteher machen kann, was er will?
Deutscher Kolonialjammer.
Unsere famose Kolonialpolitik zeitigt Folgen, die in ihrer Gesamtheit geradezu un⸗ heimlich sind. Den zur Unterwerfung der südwestafrikanischen Negerstämme unternom⸗ menen Feldzug, der dem deutschen Volke jetzt fast 300 bis 350 Millionen Mark kostet, glaubte man nun bald beendigt und den Aufstand unterdrückt zu sehen. Diese Hoffnung hat sich als trügerisch erwiesen. Ende voriger Woche kam die Meldung, daß der Hottentottenhäupt⸗ ling Hendrik Witboi mit starken Schaaren aus dem englischen Gebiet(wohin er stch zurückgezogen hatte) zurückgekehrt ist und sich mitten im Schutzgebiet auf seinem alten Kampf⸗ platz festgesetzt hat. Erstaunlich ist vor allem dabei, meint sogar die„Deutsche Tagesztg.“, daß die Erfolge unserer Truppen auf Hendrik keinen großen Eindruck gemacht haben können, sonst würde er nicht das britische Gebiet verlassen und sich zwischen die deutschen Truppen begeben haben.“ Sein Auftreten zwingt den General Trotha zu bedeutenden Truppenver⸗ schiebungen und das Blatt meinte, daß man uit Verstärkung des Truppenkommandos rechnen 970 1
Es wurde denn auch bereits in den Zeitungen davon gesprochen, daß 5000 Mann nach Süd⸗ westafrika abgehen sollten. Die Meldung wurde zwar von der Regierungspresse als unrichtig bezeichnet, Tatsache ist jedoch, daß am 29. Juli
280 Mann abgegangen sind und weitere 900 am 20. August eingeschifft werden sollen. Das sind in einem Monat 1200 Mann Verstärk⸗ ungen, ohne die regelmäßigen Ersatzkolonnen. Und das geschieht ohne die gesetzmäßige Zu⸗ stimmung des Reichstages! Dessen so⸗ fortige Einberufung ist unbedingt erforderlich, damit die Vertreter der arbeitenden Klasse, die die Kosten des unerhörten Kolonial⸗ abenteuers zu tragen hat, mit der Regierung und ihren Handlangern ungesäumt Abrechnung halten können!
Aber auch in Deutsch⸗Ostafrika sind Unruhen ausgebrochen, deren Veranlassung „noch nicht völlig aufgeklärt“ ist, wie das Berliner Regierungsorgan sagt. In dem an der Küste gelegenen Ort Samanga sind ver⸗ schiedene Inderhäuser von den Eingeborenen verbrannt worden. Zur Unterdrückung der Unruhen braucht man natürlich wieder Soldaten und noch mehr Geld.— Die Miß⸗ stimmung über die riesigen Menschen⸗ und Geldopfer, die dem Volke für die wertlosen afrikanischen Sandwüsten zugemutet werden, ergreift immer weitere Kreise und das mit vollem Rechte.
Ueber den Wert unserer Kolonien,
besonders Südwestafrikas, äußerte sich ein gründlicher Kenner dieses Gebietes, der zurzeit in England weilende Baron Nicolaus von Nettelbladt, der seit einer Reihe von Jahren Leiter eines Unternehmens in Deutsch⸗ Südwestafrika ist, in einem Artikel des„Tag“, wie folgt:„Ich mache... das Geständnis .„daß nach meiner Meinung ganz Südwest⸗ afrika nicht mehr als 40 bis 50000 Menschen zu ernähren vermögen wird und daß die zwanzig Millionen Lstrl.(400 Millionen Marg), die Deutschland schon an die Unterdrückung des Aufstandes gewendet hat, so und sovielmal den Wert der ganzen Kolonie betragen.“ Also un⸗ sinnigerweise Millionen verpulvert! Es ist ja eine längst bekannte, nicht aus der Welt zu lügende Tatsache, daß unsere Kolonien das denkbar unwirtschaftlichste Unternehmen sind; sie fressen am deutschen National⸗ vermögen, statt es zu mehren. Der„Segen“ der ganzen Kolonialpolitik beschränkt sich auf den Vorteil einiger Großkaufleute, denen das Reich das Geschäftsrisiko abgenommen hat.
Unsere Kolonialfanatiker werden Nettelbladts Schätzung nicht gelten lassen und übrigens die absurde Ausrede gebrauchen, daß für„die deutsche Ehre kein Opfer zu groß sei“. Das Volk allerdings hat für diese Art von„Ehre“ kein Verständnis und darf verlangen, daß man es mit weiteren Opfern verschont.
Der russische Zusammenbruch.
„Meuternde“ Soldaten sind in Rußland keine Seltenheit mehr. Ganze Regimenter ver⸗ weigern den Gehorsam. In Lublin teilte der General Remitsch dem 71. Infanterie⸗ Regiment mit, daß es nach der Mandschurei beordert set, er es aber nicht begleiten könne. Darauf rief man:„Schurke! Memme!“ aus den Reihen der Kompagnien. Daraufhin näherte sich der General mit vorgestrecktem Revolver der Kompagnie und schoß einen Korporal sowie einen Hauptmann nieder. Wütend stürzten sich jetzt die Soldaten auf den General und in wenigen Augenblicken blieben von ihm nur blutige Fleischfetzen übrig. Die zur Hülfe geholten Kosaken wurden mit Gewehrsalven empfangen, 130 von ihnen blieben tot. Ein ganz ähnlicher Vorfall spielte sich in Warschau ab, wo ein Litauisches Regi⸗ ment sich weigerte,„Meuterer“ zu erschießen.
Pfaͤffische Bestrebungen.
Von K. Wbr. (Vergl. Artikel in der vorigen Nummer.)
II. Protestantische.
Am 3. Mai fand in Berlin eine landes⸗ kirchliche Versammlung statt, an der Geistliche und Politiker von der Richtung des Freihr. von Manteuffel und des Hofpredigers Stöcker be⸗


