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13.8.1905
 
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Nr. 33. Gießen, den 13. August 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Redaktions schluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Dounerztag Nachmittag 4 Uhr.

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VBeherzigenswerte worte!

Dis Millionen Abonnenten und Leser der feindlichen Presse sind größtenteils Glieder des arbeitenden Volkes, und gerade sie sind es, welche dieser zu ihrer Knechtung bestimmten Presse die ungeheure Macht ver⸗ leiht, über welche sie verfügt. Der Ar⸗ beiter, der statt eines Arbeiter⸗ blattes ein Organ der Arbeiterfeinde hält, begeht einen geistigen Selbstmord, e in Verbrechen an seinen Brüdern, einen Verrat an seiner Klasse. Die Presse ist heute das wirksamste Mittel der Knechtung. Bemächtigen wir uns dieses Hebels und die Presse wird das wir k⸗ samste Mittel der Befreiung sein.

wilhelm siebknecht.

Wer verschuldet den Ttbengnüttelwuchet?

Eine alte Behauptung der Agrarier und Wucherzöllner geht dahin, daß die Zölle auf die Preisbildung keine Einwirkung hätten. Die Schuld an den hohen Lebensmittelpreisen trügen vielmehr die Händler. Und wie die land⸗ bündlerische Presse die Bäcker des Brotwuchers beschuldigte, so schiebt sie jetzt die Schuld an den unerhört hohen Fleischpreisen den Metzgern zu. Darob ist natürlich grimmige Fehde zwischen Agrariern und Schlächkern ausgebrochen. Unser Zentralorgan widmet diesem Streite einen Ar⸗ tikel, in dem ausgeführt wird: Während sonst die konservative Handwerks- und Mittelstands⸗ retterei gerade bei den behäbigen Vertretern der Fleischerzunft auf inniges Verständnis stößt und die Bekämpfung der Einfuhr ausländischen Fleisches durch die agrarische Presse in den Fachzeitungen der Schlächtermeister ein lebhaftes Echo findet, beschuldigen sich jetzt beide Teile der Selbstsucht, der rücksichtslosen Ausnützung der Marktlage. Die Schlächter erklären, daß sie gutes Schlachtvieh selbst zu hohen Preisen kaum zu erhalten vermögen, und sie fordern deshalb die Oeffnung der Grenzen für die Vieh⸗ einfuhr aus dem Auslande. Die Agrarier hin gegen behaupten, Vieh wäre genug vorhanden, die Schlächter wollen nur zu viel verdienen. Als nach dem Herbste 1902 die Viehpreise be⸗ trächtlich gefallen wären, hätten die Schlächter keineswegs ihre Fleischpreise in gleichem Maße herabgesetzt und ebensowenig wäre es ihnen im vierten Quartal vorigen Jahres, als die Schweine⸗ preise einen Rückgang erlitten, eingefallen, ihre Detailpreise entsprechend zu ermäßigen. Damals hätten sie den Extravorteil willig eingesteckt, aber nun, wo an sie die Forderung heranträte, sich einzurichten, hätten sie keine Lust, sich nach der Decke zu strecken.

Ganz stimmen die Anklagen der mittelstands⸗ retterischen agrarischen Presse gegen die Schlächter nicht. Wie die Berichte von den verschiedenen Schlachtviehmärkten beweisen, ist auf diesen selbst zu den jetzigen außerordentlich hohen Preisen nicht immer gules Schlachtvieh zu haben, und manchem kleinen Schlächter in ärmeren Stadt⸗

gegenden, der nicht mit größeren Kapitalien

arbeitet, mag es schwer fallen, über der jetzigen Teuerungspertode hinwegzukommen; doch der Behauptung, daß in Zeiten der Viehteuerung die Schlächter schneller bereit seien, ihre Detail⸗ preise zu erhöhen, als sie dann, wenn die Vieh⸗ preise wieder fielen, herabzusetzen, läßt sich eine gewisse Berechtigung nicht abstreiten. Die Viehmarktsnotierungen und die amtlichen Fest⸗ stellungen der Kleinverkaufspreise in den ver⸗ schiedenen deutschen Großstädten liefern dafür klare Beweise.

In einer Tabelle weist der Vorwärts dann nach, daß auch für Berlin die Detailpreise sich im allgemeinen nach den Viehpreisen richten.

Die Behauptung der Agrarier, Vieh⸗ und Fleischpreise ständen nicht untereinander im Zusammenhange, sondern die Fleischpreise würden willkürlich von den Schlächtern fest⸗ gesetzt, ist danach die Tabellen anderer Städte ergeben dasselbe Resultat Unsinn. Im ganzen bewegen beide Preise sich parallel, nur folgt dem Rückgang der Viehpreise nicht als⸗ bald auch ein Nückgang der Fleischpreise. Die Schlächter suchen vielmehr nach dem Fall der Viehpreise ihre Kleinverkaufspreise noch läugere Zeit auf dem höhern Stand zu halten und folgen erst allmählich mit deren Ermäßigung. Allerdings hinkt dafür auch die Erhöhung der Fleischpreise immer der Erhöhung der Vieh⸗ preise nach, doch läßt sich, wenn man die obige Zusammenstellung mit denen anderer Städte vergleicht, nicht bestreiten, daß die Schlächter schneller bei der Hand sind, bei einer Steigerung der Viehpreise ihre Verkaufspreise hinaufzusetzen, als sie im entgegengesetzten Fall zu ermäßigen. So gehen z. B. die Preise für Schweine auf dem Berliner Viehmarkt nach der Steigerung des Jahres 1892 allmählich bis zum Jahre 1896 von 110 auf 86,2 M., d. h. um rund 22 Proz. zurück, die Schweinefleischpreise aber nur von 1,37 M. auf 1,20 M. pro Kilogramm, also nur um 12 Proz. Dafür steigen dann von 1896 bis 1898 die Schweinepreise allerdings wieder um 31 Proz., die Kleinverkaufspreise nur um 17 Proz.; Loch als darauf im nächsten Jahr der Schweinepreis um zirka 15 Proz. sinkt, fällt auch der Fleischpreis nur um 3 Proz. Dasselbe Spiel wiederholt sich in den Jahren 1900 1902.

Daraus ergibt sich, wenn man die Gesamt⸗ schwankungen während der letzten drei Jahre in Betracht zieht, ein kleinerer Vorteil für die Schlächter, den übrigens wahrscheinlich die Großschlächter, nicht die Kleinschlächter, ein gesteckt haben. Für die Behauptung, die jetzigen wie die früheren hohen Schweinepreise in den Jahren 1902 und 1904 seien nicht allein durch die hohen Viehpreise bedingt gewesen, sondern die Schlächter hätten die Gelegenheit zur Er⸗ zielung besonderer Vorteile benutzt, liefert jedoch die Tabelle nicht den geringsten Beleg; sie zeigt vielmehr, daß gerade in den Jahren der Fleisch⸗ teuerung die Spannung zwischen Vieh- und Fleischpreis, also auch der Verdienst der Schlächter, am schmalsten gewesen ist.

Die Ursache der Fleischteuerung ist lediglich die Viehteuerung, und diese konnte nur deshalb bis zu ihrem jetzigen Grad steigen, weil vom deutschen Markt die fremde Zufuhr künstlich ferngchalten wird, weil die Einfuhr aus⸗ ländischen Schlachtviehs teils ganz verboten, teils außerordentlich beschränkt ist. Nur durch

die Wegräumung dieser ausschließlich dem Profitinteresse der Agrarier dienenden Einfuhr⸗ hemmnisse wird eine Aenderung der jetzigen Teuerung erreicht, nur sie vermag die enorm gestiegenen Preise wieder auf ein halbwegs erträgliches Maß herabzudrücken.

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Auf eine gute Idee, dem Volke die Wirkung der Wucherzölle klar zu machen, ist der Kost⸗ heimer Arbeiterwahlverein gekommen. Er stellt bei der Landeskonferenz folgenden Antrag:

Nach Inkrafttreten des Wuchertarifs sind Plakate für ganz Deutschland herzustellen, welche dem deutschen Volke klar machen, was die nötigsten Nahrungsmittel in anderen Staaten kosten und was diese in Deutschland kosten. Die Plakate sind allen Organisationen zum Selbstkostenpreise zu überlassen.

Wir sind sehr für den Antrag! In weiten Volkskreisen sind sehr oft längst feststehende Tatsachen völlig unbekannt, darum muß auf egen Art die Aufklärung gefördert werden.

..... Politische Rundschau.

Gießen, den 10. August 1905. Politisches von der Woche.

Die Fleischnot macht sich im ganzen Reiche außerordentlich fühlbar, für die Arbeiter⸗ klasse sind die jetzigen Fleischpreise einfach un⸗ erschwinglich. In Berlin wurden am Diens⸗ tag Abend 26 Volksversammlungen abgehalten, in denen gegen den Fleischwucher protesttert wurde. Alle Versammlungen waren überfüllt. Eine Resolution wurde bescklossen, in der es heißt:Die gegenwärtige Fleischteuerung ist eine notwendige Folge der im Interesse der Agrarier ergriffenen Maßregeln der Vieh⸗ und Fleisck zölle, sowie der von den Landesregierungen erlassenen Vieh⸗ und Fleischeinfuhrverbote und Einfuhrbeschränkungen. Die Einfuhrverbote und Einfuhrbeschränkungen, die angeblich im Interesse der öffentlichen Gesundheit erlassen worden sein sollen, haben nur die Wirkung, daß ste eine maßlose Steigerung der Vieh⸗ und Fleischpreise herbeiführen und eine winzige Minderheit der Bevölkerung bereichern. Eine Verschlimmerung dieses Zustandes werde noch eintreten, sobald der Zolltarif in Kraft tritt. Es wird gefordert, daß die unbeschränkte Ein⸗ fuhr ausländischen Schlachtviehes nach allen Orten freigegeben werde, wo durch gute Fleisch⸗ beschau Sicherheit gegen Einschleppung von Viehseuchen und austeckenden Krankheiten ge⸗ geben ist. Aehnliche Forderungen hat vor Kurzem bereits die Berliner Metzgerinnung erhoben, gegen die gewiß nicht der Vorwurf lan dwirtschaftsfeindlicher Tendenzen erhoben werden kann. Besonders fühlbar macht sich die Fleischnot in Oberschlesien. Die Magistrate der oberschlesischen Städte verlangten wieder⸗ holt vom Land wirtschaftsminister, daß er die Einfuhr von mindestens 2500 Stück Schweinen aus Rußland gestatten solle. Dieser Petition waren statistische Uebersichten beigegeben, aus denen hervorgeht, daß die Schla chtungen inländischer Schweine gegen das Vorjahr um 33 Prozent zurückgegangen sind. Ferner wird betont, daß die Ernährung der Be⸗ völkerung im höchsten Maße gefährdet sie.