Ausgabe 
12.11.1905
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

den Wahlrechtsrefor m⸗ Beratungen und wies besonders auf die Stellungnahme des Herrn Leun in dieser Frage hin. Ferner besprach er die Verhandlungen über die Ge⸗ meindesteuer⸗Vorlage und die Aufgaben des kommenden Landtags. Genosse Beckmann forderte noch auf, diesmal Mann für Mann zur Wahl zu gehen und für die sozialdemo⸗ kratischen Wahlmänner zu stimmen.

m. In Heuchelheim sprach Genosse David am Samstag in sehr gut besuchter Versammlung. Redner legte in großen Zügen und in bekannter meisterhafter Weise dar, wor⸗ um es sich im bevorstehenden Wahlkampfe handle. Die Bauernbündler und namen lich Herr Leun sprächen vorsichtigerweise nur vom direkten Wahlrecht, vomkautelenfreien Wahlrecht, wie wir es forderten, wollen ste nichts wissen; durch eine ganze Anzahl Beweise belegte unser Freund die Umtriebe, die an den Haaren herbesgezogenen Erschwerungen und hinterlistigen Ränke um das Wahlunrecht, das heute die kleinen Leute treffe, zu verewigen und zu verschlimmern. Insbesondere zeigte David auch, wen die agrarische Zollpolitik nütze, nicht dem kleinen Bauer, der das, was er für ein fettes Schweinchen mehr erlöse, schon längst vorher für teuere Ferkel und hohe Futter⸗ mittelpreise in die Junkertaschen abladen mußte. Unter großer Heiterkeit zeigte unser Redner noch, wie früher die Bauernbündler über den Bund der Landwirte dachten,(als sie noch nicht Kostgänger dieses Bundes waren. D. R.) Herr Gilbert vertrat in der Diskussion die Partei Leun. Leun sei ein charakterwerter Politiker (lebhafte Heiterkeit!) und stimmte nur gegen das direkte Wahlrecht, weil ihm dessen Belastung durch Kautelen nicht gefallen habe(Gelächter!). Auch die Versteuerung der Schulden als Ver⸗ mögen sei nötig, da die Gemeinden das Geld brauchten. Schrecklich schien es namentlich Herrn G., daß z. B. ein Zigarrenfabrikant seine Schulden nicht mit versteuern solle usw. Auch die alten Ladenhüter der Notariate, Körordnung, Bauernbündler, Grundbuch, Ortsgericht, besprach Herr Gilbert. Für David war es nicht schwer, der Versammlung zu zeigen, wie alles Gute was Herr Leun erstrebt schon seit Jahr⸗ zehnten von uns gefordert wurde. Nota⸗ riats Grundbücher de. basierten auf Reichs gesetzen. Wer Herrn Leun's Tätigkeit verfolge, wer sehe, daß er offtzieller Kandidat des Junkerbundes sei, der werde als kleiner Mann schon wissen, daß er sich, seiner Familie und dem Vaterlande einen Gefallen erzeige, wenn er diesen unsicheren, geschickt jedem Farbebekennen ausweichender Politiker durch unseren Gen. Vetters ersetze. Diesmal sorgen jedenfalls unsere Heuchel⸗ heimer Parteifreunde dafür, daß sie nicht wieder so wie vor sechs Jahren um den Sieg geprellt werden. Jeder muß es für seine heilige Pflicht halten, rechtzeitig an die Urne zu treten und die sozialdemokratischen Wahlmänner zu wählen!

Wie Herr Leun Landtagsab⸗

eordneter wurde. Angesichts der bevor⸗ stehenden Neuwahl im Kreise Gießen-Land kann es nichts schaden an die Art zu erinnern, wie Leun vor sechs Jahren zu dem Mandat kam. Damals standen sich wie heute die Antisemiten und Sozialdemokraten gegenüber. Kandidat unserer Partei war Genosse Scheidemann, für die Antisemiten kandidierte Hirschel. Ganz kurz vor der Wahl wurde auf einmal in der Frankfurter Kl. Presse noch der Bürgermeister von Großenlinden, Leun, alsunparteitscher Kandidat genannt. Dieser schrieb jedoch dem Frankfurter Blatte folgenden Schreibebrief:

In Nr. 234 Ihres geschätzten Blattes, bringen Sie einen Artikel aus Gießen über die Landtagswahl, der zwar aus sehr zuver⸗ lässtger Quelle stammen soll, jedoch sehr unzuverlässig ist. Die Landgemeinden, die hier in Betracht kommen, teilen sich bekanntlich in zwei große Parteien Antisemiten und Sozialdemokraten und diese haben ihre Kandidaten aufgestellt. Von einer weiteren Kandidatur kann deshalb unmöglich die Rede sein. Bitte lassen Sie künftig bei der⸗ artigen Undingen meinen Namen außer Betracht. Hochachtend! Leun, Bürgermelster.

Diese Erklärung hielt jedermann für auf⸗ richtig gemeint. In dem Anttsemitenblatte wurde sogar seinmannhaftes Verhalten ge⸗ lobt. Aber siehe da, einen oder zwei Tage vor der Wahl stellte der Bürgermeister von Großen⸗ linden plötzlich seine Kandidatur auf und brachte auch wirklich 8-10 Wahlmännner durch. Hirschel trat zurück, richtiger wurde beiseite ge⸗ schoben und Herr Leun wurde Landtagsabge⸗ ordneter. Er stieg gewissermaßen auf Hinter⸗ treppen in die Kammer. Kein Mensch hatte eine Ahnung der politischen Richtung Leuns, niemand hatte ihn gefragt, was er wollte und er hatte es noch viel weniger jemanden gesagt. Trotzdem mußten die Wähler des Kreises sich die Vertretung gefallen lassen. Wer ein feineres Gefühl für politische Reinlichkeit hat, wird niemals derartige Manöver zur Erlangung eines Mandates ausführen. Und da verlangt das Amtsblatt auch noch, daß die Erklärungen des Herrn Leun über seine Stellung zue Wahl⸗ rechtsfrage gläubig hingenommen werden sollen.

In Hausen sprach am Samstag Gen. Vetters über die Landtagswahl vor gut besuchter Versammlung. Die Ausführungen des Redners wurden beifällig aufge⸗ nommen.

n. Hausen. Am Montag erschien unvermutet Herr Bürgermeister Leun hier in der Wirtschaft von Schardt, wo er vor etwa 10 Mann über seine Tätig⸗ keit im Landtage redete. In seiner Begleitung befanden sich der Nationalliberale Joh. Leicht und der Antisemit Metzger Sommer sowie Fabrikant Braun aus Großen⸗ linden. Herrn Leun will es durchaus nicht gefallen, daß man ihn als Reaktionär bezeichnet, da er ja nur ein⸗ mal gegen das direkte Wahlrecht gestimmt habe.() Er habe es ja gar nicht für so wichtig gehalten,(hört, hört!) und habe bei der letzten Vorlage dafür ge⸗ stimmt. Ferner erklärte er, daß ihm Wiesecker Bürger versichert hätten, daß er diesmal in Wieseck den Sieg davon trage. Antisemit Sommer bestätigt, daß die Wiesecker Sozialdemokraten anderer Meinung geworden seien, und meistens ihre Stimme dem Herrn Leun geben würden.(Nächstes Jahr schicken die Wiesecker Herrn Leun vielleicht auf den sozialdemokratischen Parteitag. D. R.) Herr Leun will wie er sagte, noch eine öffentliche Versammlung ab⸗ halten, er soll sie aber zeitig genug bekannt machen!

y. Aus Garbent eich wird uns mitgeteilt, daß der dortige Bürgermeister die Wahlzeit auf 14 Uhr sestgesetzt, trotzdem von Seiten des Wahlvereins im Interesse der vielen auswärts arbeitenden Wähler um Festsetzung der Wahl auf die Zeit von 47 Uhr er⸗ sucht worden war. Wie es scheint, hat der Bürger⸗ meister diese Entscheidung nach Anhörung des Ge⸗ meinderats getroffen. In diesem sitzen 6 Mann, die ihre Wahl der Arbeiterschaft verdanken, was sich bis zur nächsten Gemeinderatswahl gemerkt werden muß. Lasse sich deshald keiner abschrecken. Geht zur Wahl und zeigt, daß Ihr Euch nicht um Euer Wahlrecht bringen lassen wollt. Richtet Euch jo ein, wie Ihr am wenigsten Verluste habt! Für manchen ist es vielleicht angängig, daß er 125 nach Hause fährt und um 3 Uhr an dle Arbeit zurückkehrt; andere können vielleicht die Zeit zu Hause ausnützen. Wahrt unter allen Umständen Euer Recht!

Die Lollarer Wählerversammlung am vorigen Freitag war gut besucht. Die klaren und verständlichen Ausführungen des Genossen Dr. David wurden beifällig aufgenommen, ebenso diejenigen des Kandidaten Vetters. Hoffentlich tun die Lollarer am kommenden Mittwoch ihre Schuldigkeit.

f. Leihgestern. Sehr starken Besuch wies die am Sonntag stattgesundene Wähler versam m⸗ lung auf. Mit großem Interesse warden die Ausfüh⸗ rungen Scheidemanns verfolgt, die beifällige Zu⸗ stimmung fanden. Vetters wies auf dle Tätigkeit un⸗ serer Genossen im Reichs- und Landtag hin, wo fie stets für die Rechte und Interessen des Volkes einge⸗ treten setien. Faber wies noch auf das Verhalten Leuns in Sachen des Großen⸗Lindener Bahnhofs hin und zeigte, wie Leihgestern dadurch empfindlich geschäd igt wurde. Die Versammlung nahm den besten Verlauf.

CCC T0VTbTTbTbTbTbTTbTbTTTTTT Ehrenpflicht

eines jeden Arbeiters im Kreis Gießen⸗Land ist es, am Mittwoch, den 15. November zur Wahl zu gehen und seine Stimme für die Wahlmänner der Arbeiterpartei abzugeben. Der Sieg unseres Kandidaten Vetters ist stcher, wenn alle Arbeiter ihre Schuldigkeit tun.

von Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten.

Amtsblatt⸗ Gemeinheit. Einen Anwurf niedrigster Sorte leistete sich der Gie ßener Anzeiger in seiner Nummer vom vorigen Donnerstag. An der Hand einer von Königsberg aus in die Welt gesetzten Notiz, in der die Sozialdemokraten des unerhörtesten Wahlterrorismus beschuldigt werden die Notiz geht angeblich vom Wahlkomitee der staatserhaltenden Arbeiter(sehr bekannte Sorte!) aus wagte der Gießener Anzeiger zu be⸗ haupten, daß auch in unserem Lande die nicht sozialdemokratischen Wähler von unsern Partei⸗ genossen belästigt und es jenen unmöglich ge⸗ macht wurde, ihr Wahlrecht auszuüben. Das ist eine so gemeine, bewugzte Lüge, daß Worte fehlen, sie zu kennzeichnen. Nirgendwo ist derartiges von sozialdemokratischer Seite geschehen übrigens würde die Poltzei da sehr schnell bei der Hand sein wohl aber von Seiten der Gegner.

In der erwähnten Notiz wird über die in Königsberg stattgefundenen Gewerbegerichts⸗ wahlen erzählt:

Die Ausübung des Wahlrechtes kam etwa dem früheren Spießrutenlaufen gleich, und viele Anhänger der staatserhaltenden Parteien scheuten sich deshalb, an die Wahlurne zu treten. Vielen wurde es auch durch Gewalt unmöglich gemacht, an den Wahl⸗ tisch heranzukommen. Schon vor dem Lokal umringten die Sozialdemokraten die Ankommenden, sie wurden gestoßen, geschoben und in der gemeinsten und un⸗ flätigsten Weise beschimpft. Man riß sozial⸗

demokratischerseits den bürgerlichen Zettelverteilern ihre

Plakate von der Brust, stieß einzelne Wähler mit Spazier⸗

stöcken in den Rücken, einer erhielt sogar eine Ohrfeige.

Weiter wurden den gegnerischen Wählern die Stimmzettel nicht nur aus der Hand, sondern auch aus den Taschen gerissen und vernichtet. An diesen wüsten Ausschreitungen beteiligten sich neben

Gewerkschaftlern auch Führer der Königsberger Sozial⸗

demokratie.

Man sieht dieser Notiz auf den ersten Blick an, daß sie gelogen ist und darum hat sie

auch das Amtsblatt schleunigst aufgegriffen und abgedruckt. Trotzdem wandten wir uns an unsere Königsberger Genossen und baten um . 0 1 Sie wurde uns in folgenden eilen: Als Drucksache senden wir Euch die ein⸗

schlägigen Blätter, woraus Ihr ersehen könnt,

daß das Blatt(der Gießener Anzeiger) ge⸗ schwindelt hat. Der Magistrat(der ist Hiberal D. R.) hat selber zugeben müssen, daß seine Maßnahmen zur Wahl völlig un⸗

zulänglich gewesen sind. Er hat weiter anerkannt,

daß erst unsere Genossen durch Organisterung 5 5 Ordnungsdienstes ein Wählen ermöglicht aben.

Es fehlte uns der Raum, den Schwindel

aktenmäßig im Einzelnen zu beleuchten. Der liberale Magistrat der Stadt Königsberg wird aber gewiß in der Lage sein, die Darstellungen unserer Genossen zu bestätigen und zu bezeugen, daß das Schwindel ist, was im Anzeiger zu lesen war. Dem Anzeiger genügte aber die Königsberger Mordgeschichte noch nicht, er log. selbst noch hinzu, daß auch in Hessen in Offen⸗ bachBelästigungen gegnerischer durch Sozialdemokraten vorgekommen seien. Wann ist solches je passiert?

Der Anzeiger wird keinen einzigen derartigen Fall nachweisen können. Mit solchen Mitteln bekämpft dievornehme Amtsblatt⸗Redaktion die Sozialdemokratie und betreibt die Wahl⸗ agitation. Wir können demnach noch ganz nette Dinge vor den Landtagswahlen erwarten. Auf verständige Leute verfehlen jedoch solche elende, niedrige Verdächtigungen ihren Zweck vollkommen, Darum kümmert sich aber dieOrdnungspresse ohen dort ist die Scham zu den Hunden ent⸗

ohen.

Prozeß gegen den Landtagsabge⸗ ordneten Köhler. antisemitische Landtagsabgeordnete Ph. Köhler, Bürger⸗

meister von Langsdorf wegen Beleldigung vor der Gießener

Strafkammer zu verantworten. Die Beleidigung ist er⸗ folgt durch die Veröffentlichung einer Interpellation, die

Wähler

e bewirken eher das Gegenteil.

Am Dienstag hatte sich der