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Witteldeutsche Sonntags ⸗ Zeitung.
Nr. 48.
Landkreises Gießen der Zumutung, für die Wahlmänner Leuns zu stimmen, nachkommen? Wir geben uns zwar keiner Täuschung hin, meinen aber, für jeden denkenden Wähler der erwähnten Richtung müßte das eine Unmög⸗ lichkeit sein. a
Nein, wer da will, daß unsere Verhältnisse im Staate wie im Reiche zum Bessern gelenkt und im freiheitlichen Sinne ausgestaltet werden, daß volksfeindlichen Bestrebungen, den An⸗ maßungen der Adelskaste und Kapitalistenklasse energisch entgegengewirkt werde, der
muß sozialdemskratisch wählen!
Revolution in Rußland.
Obwohl an verschiedenen Orten infolge der Versprechungen des Zarenmanifestes der General⸗ streik eingestellt wurde und auch ein großer Teil der Bahnlinien den Betrieb wieder aufge⸗ nommen hat, ist die allgemeine Lage ver⸗ worrener und unsicherer als je. Zahlreiche Telegramme berichten über fürchterliche Straßen⸗ kämpfe und Blutbäder, die von der zarischen Sol dateska, Polizei und sonstigem„patriotischen“ Gesindel veranstaltet wurden. Denn wenn in den Telegrammen von„Mob“ und„Pöbel“ die Rede ist, stellt sich der brave Leser und biedere Bürger die Revolutionäre darunter vor. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum, die Räuber, Mordbrenner und Plünderer rekrutieren sich aus dem von Pfaffen verdummten, ebenso ver⸗ rohten, als„zaren treuen und gutgesinnten“ Gesindel, das von der Polizei zu allen möglichen Schandtaten aufgestachelt wird. Für jeden Denkenden ist es auch ohne weiteres klar, daß die Revoluttonäre, die opferwillig alles für eine gerechtere und freiheitliche Ordnung ein⸗ sezen, keine Schand⸗ und Mordbuben sein können. Die Richtigkeit des eben Gesagten geht aus einem Bericht hervor, den ein patentiertes Ordnungsblatt, der„Berliner Lokal⸗Anzeiger“ brachte. Darin hies 28:
Moskau, 5. November. Hier herrscht vollstän dige Anarchie. An vielen Stellen der Stadt kommt es zu schrecklichen Massakres. Es ist lebensgefährlich die Straße zu betreten, nur im äußersten Notfall wagt man es die Wohnung zu verlassen, jeden Augenblick ziehen patriotische Mani⸗ festationen, sogenannte Monarch isten, in der Hauptsache Haufen zerlump⸗ ten Gesindels und betrunkener Hausknechte, durch die Straßen mit Fahnen, Kaiserbildern und Heiligen⸗ bildern. Wer nicht vor diesem Volk das Haupt entblößt, wird zum Krüppel geschlagen oder getötet. Die Straßen wimmeln von Pro⸗ vokatoren, wesche beim Vorüberziehen der Monarchisten in die Luft feuern und Metzeleien hervorrufen. Besonders kehrt sich die Wut des Pöbels gegen die Studenten; täglich werden mehrere von diesen unter den scheußlichsten Mißhandlungen getötet, in Stücke gerissen und im Fluß ertränkt.
Dieses monarchische Gesindel führt den Namen„Schwarze Bande“. Am Samstag zog diese Bande in Moskau mit Nattonalfahnen zum Palais des Generalgouverneurs. Auf Verlangen des Menge trat er heraus, hielt eine Ansprache und gestattete den Leuten weiterzu⸗ ziehen, obwohl er selbst tags vorher alle An⸗ sammlungen und Mauifestatlonen verboten hatte. Vom Palais zog die Menge zum Haus des Stadthauptmanns, welcher ebenfalls eine An⸗ sprache hielt. Auf der Steinbrücke stieß dieser Haufe auf einen Studenten, riß ihn von der Droschke herunter, schoß mehrmals auf ihn, schleifte ihn unter fürchterlichen Mißhandlungen zum Geländer und warf ihn mit dem Kopf zuunterst in den Fluß. Da der Student einige⸗ mal auftauchte und anscheinend noch lebte, begab sich der ganze Haufe ans Ufer und warf so lange mit Steinen und Holzstücken nach dem Ertrinkenden, bis die Leiche verschwand. Es ist unmöglich alle derartigen Fälle einzeln auf⸗ zuzählen. Die„Schwarze Bande“ prahlt offen, daß sie für jeden getöteten oder mißhandelten Bürger von der Polizei eine Beloh⸗ nung erhalte. Jedenfalls steht unzweifelhaft
fest, daß die Polizei bei allen diesen Morden zuschaut oder tätig mithilft. Ein Volks⸗ haufe belagerte am gleichen Tage das Gerichts⸗ gebäude und verlangte vom Staatsanwalt die unverzügliche Freilassung des tags vorher ver⸗ hafteten Mörders des Tierarztes Baumann. Der Staatsanwalt gab nach und verfügte, daß dieser Mörder sofort in Freiheit zu setzen sei. Die Menge begab sich zum Gefängnis und empfing den triumphierenden Verbrecher mit Ovationen. Auf dem Rückweg vom Gefängnis tötete ste dann einen Einjährig⸗Freiwilligen. Sonntag mittag überfiel die„Schwarze Bande“ die Ingenieurschule. Die Studenten verteidigten sich tapfer, töteten 6 und verwundeten 14 von den Angreifenden. Auf Verfügung des Stadt⸗ hauptmanns wurden die Angreifer, welche die Schule in Brand stecken wollten, von Infanterie verjagt.
Scheußliche Judenverfolgungen und ⸗Metzeleien wurden aus vielen, besonders südrussischen Städten gemeldet. Reaktionäre Elemente betreiben antisemitische Agitation, wobei sie von der Po liz e unterstützt werden. Alle aus der Provinz eingetroffene Nachrichten, besagte ein Bericht aus Petersburg, bestätigten, daß das Militär lediglich gegen die Intelligenz und die Juden einschritt, nicht gegen die Plünderer. Aus vielen Orten laufen Berichte ein, wonach das Militär und Polizei untätig zuschauten, während die höchsten Beamten der Semstwoverwaltuug vom Pöbel massakriert wurden. In Moskau hielten Offiziere an öffentlichen Orten Reden an das Volk, es solle sich bewaffnen, Militär würde ihnen gegen die Juden helfen.
In Odessa und Kiew wütete der Pöbel und die Polizei in grauenhafter Weise gegen die Juden. Allein in Odessa sollen im ganzen 3500 Personen getötet und 12 000 verwundet sein. Tausende von Leichen lagen am Samstag und Sonntag auf der Straße, sie wurden von der Behörde aufgelesen und in große Massengräber geworfen. Alle Hospitäler, viele Schulgebäude und Privat⸗ häuser liegen voller Verwundeter. Im Juden⸗ viertel wurden unglaubliche Greuel verübt, alte Leute, Frauen und Säuglinge wurden massakriert, viele Kinder wurden er⸗ würgt und Hunderte von ihnen lebendig von hohen Häusern aus den Fenstern geworfen. Der Pöbel foltert die Opfer zu Tode, indem er ihnen Nagel in die Köpfe schlug, die Augen ausdrückte, die Ohren abschnitt und die Zungeu mit Zangen ausriß; vielen Frauen wurden die Eingeweide ausgerissen, alte Leute und Kranke, die sich in Kellern versteckten, wurden mit Petroleum begossen und lebendig verbrannt. Die Rasereien des Pöbels wurden von Polizisten und Sodaten or ganisiert und geleitet. In den Privatkliniken allein wurden über 300 Kinder an schweren, von Soldaten erhaltenen Säbelwund en an Köpfen und Schultern behandelt. Der in Odessa an⸗ gerichtete Schaden wird auf 20 Millionen Mark geschätzt.
Das Mißtrauen gegen die Re⸗ gierung greift immer mehr um sich. Man traut besonders Witte, der jetzt Minister⸗ präsideut geworden ist, durchaus nicht. Es herrscht die Ansicht, die Regierung wolle die Bewegung sich verbluten lassen, um dann reak⸗ tionär zu wirken. Andernfalls würde, wie solches 1863 geschah, schon die Absetzung vieler Beamter des alten Regiments und die Ernen⸗ nung neuer erfolgt sein. Immer mehr greift die Meinung um sich, die blutige Revolution sei unvermeidlich, Witte spiele ein falsches Spiel. Denn alle sind überzeugt, er könne bei seiner großen Stärke mehr leisten, wenn er wolle. Sozialisten warnen jetzt in Ausstand zu treten, da die Arbeiter und Unternehmer erschöpft und angeekelt sich alle nach Ruhe sehnen. Sie würden den richtigen Augenblick schon bestimmen, dann losschlagen; die Reaktion treibe Rußland zur Republik.
Zu den Wahlen für die Reichsduma hat der Ministerrat Bestimmungen erlassen, wo⸗ nach die U ah der Duma sich auf 600 beläuft. Das Wahlrecht richtet sich nach
Steuerleistung und es sollen eine bestimmte Anzahl Arbeitervertreter gewählt werden. Also das Wahlrecht taugt von vornherein nichts.
politische Rundschau.
Gießen, den 9. November 1905.
Zur Fleischnot.
Zur Erweiterung der Viehein⸗ fuhr haben, wie die„Allgemeine Fleischerztg.“ von bestunterrichteter Seite erfährt, in der am Sonnabend stattgehabten Sitzung des preußischen Staatsministeriums Erwägungen darüber statt⸗ gefunden, inwieweit dem Antrage auf Eröff⸗ nung der oberschlesischen Grenze für das erhöhte Schweinekontingent aus Rußland heute schon
stattgegeben werden kann. Preußen wird in.
folgedessen, i rene Fachblatt weiter erfährt, beim Reichskanzler beantragen, die Er⸗ höhung des Kontingents von jetzt ab nach und nach eintreten zu lassen.
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Die Anlage einer Schweine⸗ mästerei auf einem Berliner städtischen Rieselgute ist im Prinzip von der Deputation für die städtische Kaualisation und Rieselfelder beschlossen worden. Maßgebend für den Beschluß waren praktische Erwägungen. Eine Schweinemastanstalt, in der hauptsächlich Küchenabfälle der großen, städtischen Anstalten, wie z. B. in Buch, mit annähernd 6000 Köpfen, verwendet werden können, wird sich nach Ansicht 55 Sachverständigen, als rentabel bezeichnen assen.
In Lahr i. Baden wurde durch eine vom Stadtrat angeordnete Erhebung eine erhebliche Abnahme des Fleischverbrauchs und ein stärkerer Verbrauch geringerer Fleisch⸗ sorten festgestellt. Der Fleischverbrauch stellt sich auf den Kopf der Bevölkerung im Jahre 1895 auf 57,8 Kilogramm, dagegen in den ersten acht Monaten des Jahres 1905 nur noch auf 32,9 Kilogramm. Bei stillerem Geschäftsgang in den Wintermonaten dürfte noch ein weiterer Rückgang des Fleischkonsums zu erwarten sein.
Immer größere Pa zerkähne
sollen geschaffen werden, wie halbamtlich ange⸗ kündigt wurde ünd die Flottenpatrioten jubeln darüber. Die neuen Linienschiffe sollen 18000 Tonnen, die neuen Panzerkreuzer 15000 Tonnen Deplacement(Wasserverdrängung) erhalten. Die Vergrößerung der Deplacements werde durch die Verstärkung der schweren Artillerie bestim mt, nachdem die Notwendigkeit einer er⸗ heblichen Vermehrung der schweren Artillerie für unsere Schiffe dadurch dringlich notwendig geworden sei, daß alle anderen Kriegsmarinen in dieser Richtung nach den Erfahrungen der Seeschlacht von Tschuschima aufs energischste vorgehen. Das Organ der Panzerplatten⸗ Patrioten, die„Rhein. ⸗westfäl. Zeitung“ ist natürlich darüber beglückt und begrüßt die Nachricht mit Freuden.
Die geeichten Prozentpatrioten sind. „freudig“ bewegt und schöpfen neuen Mut, wenn ihnen große Profite winken. Die⸗ große Masse des Volkes ist weniger freudig be⸗ wegt, sie ist im Gegenteil empört über die völlig falsche Schlüsse, die aus den Kämpfen der letzten Monate und Jahre gezogen werden. Die agrarische„Deutsche Tageszig.“ scheint etwas von dieser Empörung zu wittern, die ihr um so unangenehmer ist, als sie mit Recht be⸗ fürchten muß, daß vom nächsten Jahre an durch die dann in Kraft tretenden erhöhten Zölle und ihre merkwürdigen Wirkungen der Zorn des Volkes erst recht aufschäumen wird. Sie deutet deshalb an, daß die Parteien mit einer Auf⸗ lösung des Reichstags im 1 Frühjahr zu rechnen haben und ermahnt sch on jetzt ihre Gefolgschaft im Lande das Pulver sür diese Möglichkeit trocken zu halten. Das Blatt meint, wenn die Finanzreform scheitere, die jedenfalls vorher zur Verhandlung komme, dann werde auch die Flottenvorlage, nach menschlicher Voraussicht unter den Tisch fallen. Dabei werde sich die Reichsregierung nicht be⸗
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