Ausgabe 
12.11.1905
 
Einzelbild herunterladen

0 81

.

Ihr.

9++

Gießen, den 12. November 1905.

Nr. 46. 12. Jahrgang. Rieceplag I gere Mitteld eutsche 3 Aud 4 Uhr.

Sonntags⸗Zeitung.

Abonnementspreis:

Bestellungen

1 FJuserate

Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbr⸗irung. Die 5 gespalt

Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Eppedition in Gießen, Rittergasse 17,

die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.

Bei mindestens

Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(B.⸗Z.⸗K. 5107) 33% und bel mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabat.

Am Eure Sache handelt es sich!

Dieses Wort muß die Wählerschaft des Landkreises Gießen bei der bevorstehenden Landtagswahl beherzigen. Jeder Wähler muß sich zunächst fragen, zu welcher Klasse er sich zu rechnen hat, ob zu den Besttzenden, oder zur zahlreichen Klasse der Minderbemittel- ten und darnach muß er in erster Linie seine Stimmabgabe einrichten.

Für sechs lange Jahre ist die Entscheidung 125 freffen, ob der Vertreter des Kreises Gießen⸗

and im Landtage ein Angehöriger des als volks⸗

feindlich und reaktionär genugsam bekannten Bundes der Landwirte sein soll, oder der zur Arbeiterklasse gehörige Fr. Vetters, der die Lage des arbeitenden Volkes an eigenem Leibe gründlich kennen gelernt hat und der seit Jahrzehnten auf Seite der Partei des werk⸗ tätigen Volkes, der Sozialdemokratie, im poli⸗ lischen Kampfe steht.

Kein Wahlberechtigter kann in diesem Falle unschlüssig sein. Wer für Lebens mittel⸗ Verteuerung, gegen Exweiterung der Volks⸗ rechte, gegen die kulturelle Weiterentwicklung unseres Staatswesens, kurz für das politische Programm des Bundes der Landwirte ist, der muß die Wahlmänner des Herrn Leun wählen. Wer für die Verbesserung der Lebens- haltung des Volkes ist, für dessen menschen⸗ würdige Existenz, für gleiches Recht und soziale Ebenbürtigkeit, für steuerliche Entlastung der minderbemittelten Bevölkerung, mit einem Worte: für Befreiung des werktätigen Volkes vom Drucke des Kapitals eintritt, der muß die soztaldemokratischen Wahl- männer wählen.

In diesem Wahlkreise befinden sich noch kein zehn Wähler, die ihrer wirtschaftlichen Lage nach in dem Junkerbunde ihre Vertretung erblicken können. Im Gegenteil, soweit die Be⸗ völkerung aller in Betracht kommenden Orte nicht direkt zur Lohnarbeiterschaft gehört, setzt sie sich aus Kleinbauern und Handwerkern zu⸗ sammen, die wirtschaftlich der Arbeiterschaft zugerechnet werden müssen. Das kommt auch bei den Reichstagswahlen zum Ausdruck, wo in den Orten des Landtagswahlbezirkes sech⸗ zig Prozent aller abgegebenen Stimmen der Sozialdemokratie zufielen. Wenn der Gegner also siegt, so kann er es nur infolge des indirekten Wahlrechts. Die Ar⸗ beiterschaft muß aber alles daran setzen, die Schwierigkeiten eines ungerechten, veralteten Wahlsystems zu überwinden. Sorgt dafür, daß Eure Wünsche, Beschwerden und Forde⸗ rungen im Landesparlament zum Ausdruck ge⸗ langen; verhindert, daß in der Gesetz⸗ gebung nur Geldsacks⸗Interessen den Ausschlag geben, die Euren aber vernachlässigt werden! Um Eure Sache handelt es sich! Geht alle zur Wahl! Tretet ein für die gerechten Forde⸗ rungen der Sozialdemokratie, deren Verwirk⸗ lichung das Wohl des gesamten Volkes und seiue Freiheit bedeuten.

Darum wählt die sozialdemokratischen Wahlmänner! Sorgt dafür, daß nicht der Kandidat des Junkerbundes, sondern der des arbeitenden Volkes:

Redakteur Friedrich Vetters in den Landtag einziehe!

Lob aus gegnerischem Munde.

Was unsere Gegner über uns sagen, wie ste über uns und unsere Tätigkeit urteilen, läßt uns im allgemeinen sehr kalt. In unserer Partei gilt sogar die Regel, daß, wenn uns die Gegner loben, wir uns immer fragen sollen, ob wir nicht eine Dummheit gemacht haben; wenn ste dagegen schimpfen, können wir stcher sein, daß wir uns auf richtigem Wege befinden. Es giebt aber keine Regel ohne Ausnahme und es kommt auch vor wenn auch nur selten daß die Gegner das Streben der Sozialdemo⸗ kratie, ihren kulturellen Einfluß und die Tätig⸗ keit ihrer Vertreter in parlamentarischen Körper⸗ schaften anerkennen müssen. Allerdings geschieht das begreiflicherweise selten, man will und kann doch dem verhaßten Gegner nicht Wasser auf die Mühle liefern, zumal das unfreiwillig oft ge⸗ nug geschieht. Aber auf die Dauer läßt sich doch die Wahrheit nicht verbergen, lassen sich Tatsachen nicht wegleugnen.

So war es kürzlich ein nationallibe⸗ rales Blatt, dieStraßburger Post, welche die Tätigkeit unserer Genossen im Straß⸗ burger Gemeinderat anerkennend hervorhob. Es handelte sich da um die Frage der Rhein ⸗Re⸗ gulierung und die Stellung, die unsere Partei⸗ freunde dazu eingenommen hatten. Dazu sagte das Blatt:

Bei dieser Gelegenheit ziemt es sich auch für den unparteiischen und unbefangenen Be⸗ urteiler der Sachlage, der sozialdemo⸗ kratischen Mehrheit des Gemeinderats und insbesondere dem Führer Böhle ein Wort der Anerkennung zu sagen. Wenn diese Herren Popularttätshascherei hätten treiben wollen, so hätten sie nur die geforderte Million abzulehnen brauchen! Sie hätten sich allein durch diesen Beschluß eine billige Volkstümlichkekt erworben. Denn in diesem Frühjahr und Sommer war in Straßburg nichts populärer, als für den Kanal und gegen die Regulierung einzutreten. War doch die Agitation für den Kanal so skrupellos, daß alle diejenigen, welche der Re⸗ gulierung die Stange hielten, persönlich ver⸗ dächtigt wurden. Die Sozialdemokraten brauch⸗ ten dieser Stimmung nur nachzugeben, um einen reichen Fischzug an Popularität zu tun. Daß ste es nicht getan haben, gereicht ihnen zu großer Ehre.

Was das nationalliberale Blatt hier lobt, ist ja bei sozialdemokratischen Vertretern eine Selbstverständlichkeit. Sie werden sich stets von sachlichen Gründen bei ihrer Stellungnahme in öffentlichen Angelegenheiten leiten lassen; für ste wird immer das Interesse der Gesamtheit maßgebend sein. Dagegen ist bei manchen bürgerlichen Vertretern nicht nur Popularitätshascherei, sondern viel schlimmere Dinge für ihre Handlungen bestimmend.

Jetzt vor den Wahlen zum Landtage darf auch daran erinnert werden, wie von Seiten des führenden nationalliberalen Organs die Tätigkeit unserer Genossen im hessischen Landtage anerkannt und gelobt wurde. In derKölnischen Zeitung erschien vor sechs Jahren, als eben auch die Landtags Wahlen vor der Tür standen, ein Artikel, der sich mit den hessischen Verhältnissen und den Landtags⸗

Parteien befaßte und die letzteren sehr objektiv beurteilte. Jener Artikelschreiber, der offenbar mit den hessischen Verhältnissen sehr gut ver⸗ traut war, fällte erst über seine eigenen Partei⸗ gänger, die Nationalliberalen, die damals noch die Herrschaft im Landtage hatten, ein sehr ab⸗ sprechendes Urteil. Ueber unsere Genossen da⸗ gegen sagte er weiter:Die hessischen

Sozialdemokraten

im Landtag sind allerdings eine ganz be⸗ sondere Erscheinung. Sie arbeiten nicht nur fleißig, ja am fleißig sten an der Erfüllung der parlamentarischen Aufgaben mit, sie spielen sogar oft die führende Rolle. An der Sachlichkeit mit der der sozial⸗ demokratische Schlossermeister Ulrich aus Offenbach als Berichterstatter des Finanzaus⸗ schusses z. B. die Forderungen für Universt⸗ täten und Schulen prüft und sich dabei meist als den eifrigsten und regierungsfreundlichsten Förderer aller Kulturfortschritte erweist, könnte sich manches Mitglied der staatserhalten⸗ den Parteien ein Beispiel nehmen. Unterstützt wird er durch seinen Genossen Dr. David, der, zwar mehr Doktrinär und Utopist, doch an allgemeiner Bildung viele Abgeord⸗ nete weit übertrifft. Kein Wunder, daß mit diesen gemäßigten und deshalb gefähr⸗ licheren Sozialisten gerechnet werden muß.

Dann heißt es weiter:Ein Gegenstück zu den Sozialdemokraten bilden die

Antisemiten und Bauernbündler,

die eigentlich stets die erbittersten Gegner der Regierung sind, unbelehrbar durch Gründe der Vernunft und Bildung, rauh pol⸗ ternd, unpraktisch und politisch ganz unfruchtbar, stets gekränkt, auch töricht partikularistisch, vielfach verlacht... Dieses Urteil derKöln. Ztg. druckte da⸗ mals derGießener Anzeiger ab und stimmte ihm mit der Bemerkung bei, daß er sehr viel richtiges enthalte. Also auch das Gießener Amtsblatt konstatierte die vollständige Unbe⸗ lehrbarkeit und Unfähigkeit der Bauernbündler. Dagegen stellte es den Sozial⸗ demokraten das Zeugnis aus, daß ste die fleißigsten Abgeordneten im Landtage wären, die infolge ihrer Kenntnisse und ihrer Sachlich⸗ keit oft die Führung hatten. Heute trifft dieses Urteil noch genau so zu, wie vor sechs Jahren. Doch das Amtsblatt besitzt nicht mehr den Mut, feststehende, wenn ihm auch unbequeme Tatsachen anzuerkennen. Es befürwortet vielmehr die Wahl eines Mannes, der zu jener Parter zählt, deren Unfähigkeit das Blatt selbst ausdrücklich feststellte, der gegen das von ihm dem Amtsblatt verfochtene direkte Wahlrecht stimmte und der trotz seiner diesbezüglichen Erklärungen als ein außerordentlich unsicherer Kantonist in dieser Frage angesehen werden muß. Und noch mehr. Der Mann ist offizieller Kan⸗ didat des Bundes der Landwirte, des Junkerbundes, der auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete die ck ständig⸗ sten, volksfeindlichsten Anschauungen vertritt und eine dementsprechende Politik verfolgt. Sollten bei dieser Sachlage die liberalen und einigermaßen freiheitlich und fortschrittlich ge⸗ sinnten Elemente unter der Wählerschaft des