mutteldenische Sonntags · Zeitung ·
Nr. 11. 1
von Nah und Lern.
Großfeuer beim Karneval.
Im Restaurant Konrads in Köln brach Feuer aus, als das Lokal mit Karnevalsgästen angefüllt war und die Musikkapellen zum Tanz aufspielten. Während die Menge aus den hinteren Restaurationsräumen flüchtete, stürzte der Kronleuchter von der Decke herab. Eine Gasexploston entstand und setzte die ganzen Partereräume in Brand. Das zahlreiche Polizei⸗ aufgebot konnte nur mit Mühe eine Panik verhindern und die unaufhaltsam nach der Brandstätte drängende Menge zurückdrängen. Das Feuer hat große Verwüstungen angerichtet, Menschenleben sind nicht zu beklagen.
Auch ein„Dichter werk“.
Kürzlich wurde in Stuttgart ein„soziales Schauspiel“ unter dem Titel„Der Messias“ aufgeführt, das einen Schauspieler des dortigen Restdenztheaters zum Verfasser hatte. Da das Stück eine ziemlich klägliche Verhöhnung der sozialdemokratischen Arbeiterschaft darstellte, widmete ihm der Referent unseres Stuttgarter Parteiblattes, der„Schwäbischen Tagwacht“, Genosse Hugo Heller, bloß einige mehr heitere als entrüstete Worte. Aber gerade die fröhliche Ueberlegenheit scheint den Schauspieler, der das schlechte Stück verbrochen, noch viel mehr als eine empörte Abwehr, die er wohl erwartet hatte, geärgert zu haben, und Herr Skuhra — so heißt der„Dichter“— lauerte Heller am Montag mit zwei anderen Schauspielern in der Nähe der Redaktion der„Tagwacht“ auf. Der Dichter und zwei Schauspieler gingen auf Hells los, beschimpften ihn unflätig und drohten ihm mit Tätlichkeiten. Da die Rauf⸗ bolde auch mit einem Spazierstock loshauen wollten, war Heller genötigt, auch von seinen Fäusten Gebrauch zu machen. In der„Tag⸗ wacht“ beweist Heller, daß er durch den Ueber⸗ fall im frischen Gebrauch seiner Feder nicht weiter behindert ist, und er sagte es dem Rauf⸗ bold, Dichter und Schauspieler auf den Kopf zu, daß er durch diese Straßenszene bloß seinem langweiligen Theaterstück zu einem bißchen Reklame verhelfen wollte. Den Stuttgarter Theaterkritikern wird in der„Tagwacht“ nahe⸗ gelegt, die Leistungen der drei Veranstalter des Ueberfalles nicht mehr zu besprechen. Höchstens vielleicht in der Gerichtssaalrubrik.
Ueber das falsche Schamgefühl.
Eine zeitgemäße Betrachtung, zugleich ein Mahnwort an die Arbeiter und deren Familien.
Nichts gibt dem politisch Fernstehenden ein anschaulicheres Bild von dem gewaltigen Um⸗ fang und der Bedeutung der modernen Arbeiter⸗ organisation als grade die Gewerkschafts⸗ bewegung; sie ist die markanteste Erscheinung im wirtschaftlichen Leben der Arbeiterklasse. Dem entspricht auch die Tatsache, daß die Kenntnis der wichtigsten Parteiangelegenheiten, sowie überhaupt der politischen Vorkommnisse in den Kreisen des arbeitenden Volkes sehr verbreitet ist. Dafür wird täglich in Wort und Schrift ausreichend gesorgt. Aber bei Weitem nicht gleichen Schritt damit hält die Aufklärung der Arbeiter über die geistigen, künstlerischen und sittlichen Bestrebungen unserer Zeit, denn sonst träfe man nicht eine so er⸗ staunliche Unkenntnis der gewöhnlichsten Vor⸗ stellungen und Auffassungen auf diesem Gebiele an, die zwar mit dem Streben nach besserem wirtschaftlichen Fortkommen, nach höherer s ozialer Stellung an sich nichts zu tun haben. Aber die Welt beruht durchaus nicht allein auf matertellen, die äußere Lebenshaltung betreffen⸗ den Grundssgen; mindestens in gleichem Maße sind in ihr Kräfte wirksam, die im Gemüts⸗ und Geistesleben der Völker und also auch der Welt eine hervorragende Rolle spielen. Volks⸗ tümlich würde dies heißen:„Der Mensch lebt nicht vom Brod allein“; er bedarf, soll er nicht zum Tiere herabsinken, der mannigfaltigsten Anregung und Aufklärung über jene höheren Gebiete geistigen, stttlichen und künstlerischen
Schaffens. Denn auch er besitzt, gleich dem Begüterten, Geist und Seele, die, ebenso wie der Leib, sortdauernd gut gepflegt werden müssen, sollen sie nicht verkümmern.
Die vorstehenden Sätze sind allerdings selbst⸗ verständlich— aber eben nur für die geistige Elite der Arbeiter. Die anderen, noch im Dunkeln tappend, bedürfen der Führung; darum sei es auch mir gestattet, durch einen kleinen Beitrag eine Angelegenheit aufzurollen, die dringend des Interesses aller Volkskreise be⸗ darf; ich meine das in der Ueberschrift genannte „falsche Schamgefühl“. Zur Erklärung betone ich, daß hier das Wort„falsch“ soviel bedeutet, wie:„naturwidrig“, also„entstellend“(nämlich die Wahrheit entstellend), sehr häufig, ja zumeist auf dem üppig gedeihenden Feld der Heuchelei als beliebte Pflanze anzutreffen. Die Sache selbst liegt so: Wenn ich bei der ärztlichen Untersuchung von Kindern jeden Alters, besonders kleiner Kinder, mich von der Be⸗ schaffenheit der inneren Organe(Gehirn, Lunge, Herz, Bauchinhalt usw.) überzeugt hatte und nun auch die Geschlechtsgegend auf irgend welche Krankheiten) prüfen wollte, dann wurden die anderen Kinder, auch größere, vom Vater und von der Mutter sofort energisch aus der Stube gewiesen mit dem Bemerken:„Kinder brauchten das noch nicht zu sehen“. Trotz meiner Entgegnung, dabei wäre doch nichts Schlimmes, beharrten beide Eltern starr auf ihrem Befehle; sie waren eben felsenfest von der Richtigkeit ihrer Ansicht überzeugt.
Warum? Wie ist es möglich, daß in unserer vorgeschrittenen Zeit, die sich auf freie Meinungs⸗ äutzerung, auf die energische Wahrung der Un⸗ gebundenheit des Individuums so Vieles zu Gute tut, wie ist es möglich, frage ich, daß in dieser Zeit Meinungen und Gedanken auf⸗ kommen, die denen der orthodoresten Pfaffen und anderer Dunkelmänner in nichts nachstehen? Und dabei ist die Arbeiterschaft sonst durchaus nicht prüde zu nennen; am Biertisch und bei irgend welchen anderen Zusammenkünften wird ebenso, wie in den Kreisen der sogenannten „gebildeten“,„höheren“ Gesellschaft, oft Un⸗ glaubliches an schamlosen Redensarten geleistet und von allen Seiten beifällig belächelt.
Dieser klaffende Widerspruch bei ein. und demselben Menschen ist so auffallend, daß er dringend einer Erklärung bedarf. Offenbar fürchten jene Eltern, die Kinder könnten„un⸗ sittliche“ Gedanken in sich aufnehmen, wenn sie die Geschlechtsteile des Brüderchens oder des Schwesterchens sehen! Solche Befürchtung be⸗ weist schlagend, daß die Erzeuger dieser Kinder von dem einfachsten Geistes⸗ und Gemütsleben der Kleinen keine Ahnung haben, denn sonst müßten sie wissen, daß unsittliche sinnliche Vorstellungen und Begriffe erstens im frühen Kindesalter überhaupt nicht möglich sind, so⸗ dann aber auch im späteren Leben des mit Wahrheit erzogenen Kindes sich nicht vor⸗ finden; wenn sie aber dennoch vorkommen, dann sind sie sicherlich von einem sittenlosen Sch mutzfink in das ursprünglich reine Kinder- gemüt gebracht worden. Denn rein ist von Anfang an die Kindesseele; aufmerksame Eltern kennen die tausend unschuldigen, tief die Wahr⸗ heit begehrenden Fragen nach der Entstehung der Kinder usw.; aber als Antwort wird den aufhorchenden Kleinen— die Geschichte vom Storch aufgetischt(offenbar zum höheren Ruhme der„Sittlichkeit“). Aber in Wahrheit gibt es nichts Schimpflicheres auf diesem Gebiete, als solche Entstellung wunderbarster Geschehnisse. Denn Kinder durchschauen mit Adlerblicken früher oder später dennoch die Wirklichkeit, aber anders, als sich ihre sittenstrengen „Erzieher“ träumen ließen. Sehr einfach ver⸗ läuft der Prozeß: Da den Kindern, wie das angeführte Beispiel zeigt, die Geschlechtsteile ihrer Geschwister sorgsam verborgen werden, sie aber natürlich ihre eigenen Geschlechtsteile sehr wohl kennen, so bemühen sich diese jungen
) Belaunelich kommen dort recht schlimme Zustände schon im frühesten Tindesalter vor, so z. B. die oft hochgradige, zu lebensbedrohlichen Erscheinungen führende Verengerung der Vorhaut, werner Wasser⸗ brüche usw.
Wesen, betroffen und unzufrieden ob des selt⸗ samen Verbotes, hinter das Wesen dieser e Sache zu kommen; denn n
nder gehen jedem Dinge unnachsichtlich auf die letzten und allerletzten Spuren“).
Die geheimnisvolle Angelegenheit, in unserem Thema das Verborgenhalten der Geschlechts⸗ gegend, wird nach und nach, wenn die Kinder
älter werden, als etwas 755„Sonderbares“
gedacht; notgedrungen mischen sich, weil der natürliche Wissenstrieb nicht gestillt wurde, alle möglichen Vorstellungen bei, in denen die kind⸗ liche Phantaste sich unheimlich früh schon vor der geschlechtlichen Reife ergeht. Daher rührt zu einem nicht geringen Teil die in Arbeiter⸗ kreisen ganz unbekannte geschlechtliche Ver⸗ trrung zahlloser Kinder“), eine Tat- sache, die in ihrer ungeheuren Bedeutung für die Volksgesundheit nicht nur Aerzte, sondern Männer und Frauen aller Stände und jeden Alters“) seit langem ernstlich beschäftigt. Man kennt nur zu gut diesen Mißwuchs auf sittlichem Gebiete, ein Produkt, gerade in den Jahren groß gezogen, wo die vollste, dem kindlichen Verstande angepaßte Auf⸗ klärung Wunder getan hätte; denn die Seele der Kleinen blüht nur, wenn ste vom frischen Quell reinen Sc auens erquickt wird. Wo aber nach altem Sittlichkeits⸗Rezept verfahren wird, da erscheint die Wahrheit in Ekel er⸗ regender Gestalt, nicht mehr als strahlende Göttin.
Indes, diese unwahre Art, an die aller⸗ natürlichsten Dinge und Zustände heranzutreten, ist ja nicht neu; sie ist vielmehr, wie bei den meisten übrigen, uns im Alltagsleben begegnen⸗ den Vorstellungen, sehr deutlich als eine Fort⸗ setzung jahrtausene alter Ueberlieferungen an⸗ zusehen. Oder mit Goethe's Worten aus dem Faust(1. Teil) ausgedrückt:
„Es erben sich Gesetz und Sitte Wie eine ew'ge Krankheit fort...“
(Fortsetzung des Artikels in nächster Nr.)
Frühlingsfreude.
So freu dich doch, daß es Frühling wird Und laß die Wintergedanken,
Caß keimen, was der Sonnenschein
Dir in die Seele will ranken.
Allüberall alles voll Jubelgetön,
Voll Mailust⸗entgegen⸗Genesen,
Und die Luft so lau und der Himmel so blau
Und die Welt so schön, o! so wunderschön,
Wie sie noch nie gewesen.
Es wird schon werden, es wird schon werden!
Ein kleines Weilchen nur noch, und:
Mit blühenden Kosen steht es am Weg
Und küßt auf die Stirn dich mit seligem Mund. Cäsar Flaischlen.
Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel.
„Kuchen Fein und Grob Bäckerei von Gustav Ader sen.“ So stand mit kühner Verachtung von Komma, Verbindungsstrichen und Punkt in aroßen Buchstaben auf dem Schilde über dem Laden, durch dessen Schaufenster die Kinder, wenn sie Mittags aus der Schule vorüberkamen, begehrliche Blicke auf die aus⸗ gestellten Kuchen warfen. Meister Adersen pflegte sich um diese Tageszeit wohl selbst zu! Schau zu stellen, um die schmale Straße links und rechts und die gegenüberliegenden Häuser
) Daher werden Spielsachen schnell vernichtet! *) Bedeutsam hierfür sind teilweise aber auch noch andere Einflüsse, so z. B. der weit verbreitete Alko⸗ holismus der Väter jener Kinder, ferner Geistes⸗ krankheiten usw. * z. B. Vereine für Jugendfürsorge.
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