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Ir. 11.

Mitterdeutsche Sonntags⸗gAitung.

Seite 5.

Arbeiter müsse es als seine Aufgabe erachten, sein

Möglichstes zu tun für die Förderung der Arbeiterbe⸗ wegung und nicht in Kriegervereinen sich gegen seine eigenen Interessen gebrauchen zu lassen. Es wurde noch beschlossen, zur nächsten Versammlung einen Referenten kommen zu lassen.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Eine Parteiversammlung findet Sonntag, den 19. März, in Gleiberg, im Lokale Feuser statt. Genosse Dittmann⸗ Frankfurt wird einen Vortrag halten. Außer⸗ bem soll die Gründung eines Kreiswahlvereins vorgenommen werden. Es ist nocwendig, daß sich auch die Wetzlarer Parteifreunde zahlreich einfinden.

h. Haben Arbeiter nichts Besseres zu tun? ImWetzl. Anz. erschien kürzlich ein Juserat aus Hermannstein, in dem zur Gründung einer Kriegerkameradschaft auf⸗ gefordert wurde. In dem kleinen Orte, wo fast nur Arbeiter wohnen, die in Wetzlar arbeiten, besteht zwar schon ein Kriegerverein, doch das scheint den Leuten noch nicht zu gensigen, um ihren Kriecher⸗ und Helden⸗ sinn zu betätigen. Sollten lieber mit ihren Klassengenossen an der Herbeiführung besserer Zustände arbeiten! Oder geht's den Hermannsteiner Arbeitern so gut, daß sie keine Vesserung nötig haben? Das Kriegervereius⸗ wesen steht im vollsten Widerspruch mit dem Streben nach höherer Kultur, kein denkender Arbeiter wird jene Vereinigungen für Soldaten⸗ spielerei unterstützen.

h.Landeswohlfahrt. ImWetzl. Anz. war neulich zu lesen:Der Verein Landeswohlfahrt läßt zur Zeit in den einzelnen Schulen des Standesgebietes... einen farbigen Lichtbilder⸗Zyklus zeigen, der das Leben Jesu nach bekannten Mustern darstellt Durch die Einlage passender Liederstrophen gestaltet sich die Vorführung zu einer tiefreli⸗ giösen Andacht. Wie man sieht, bedient man sich auch neuzeitlicher Errungenschaften, um dem Volke die Religion zu erhalten.

Westerwald und Anterlahn.

Von der Dill. Die Nationalliberalen des Wahlkreises Dillenburg sind amüsante Leute. Bei der letzten Wahl erlitten sie eine Niederlage und erlebten eine Wählerflucht, die sie doch zum Nachdenken anregen müßte. Ihre Stimmen gingen bei der Hauptwahl von 7343 im Jahre 1898 auf 4733 zurück. Handwerker und alles, was sich sonst noch im Schlepptau der Großkapitalistenpartei befand, wurde fahnen⸗ flüchtig. Es fehlt dieser Partei eben nicht nur an werbender Kraft, sondern auch an tatkräf tigen Führern. Um sich nun wieder aufzuhelfen, hat die Drehscheibenpartei einen Parteisekretarius für diesen Wahlkreis angestellt. Dieser neue Siegfried⸗Ellegard Leis ner versucht nun mit Mitteln aller Art, auch höchst verdächtigen, unserm Liberalismus wieder einen neuen Austrich zu geben. Mit nichtssagenden und unverbindlichen agrarischen Phrasen versucht man die Kleinbauern wieder für die Partei des Großhandels und Großkapitals einzufangen. Und nach Papageien⸗Art schreit man bis zum Ueberdruß: Gegen den Ultramontanismus! Gegen die Sozialdemokratie! Aber das zieht selbst in unserer Gegend nicht mehr, so leicht lassen sich die Wähler heute nicht mehr täuschen, sie kennen, zum großen Teil wenigstens, den Natlonalliberalismus sehr wohl und weil sie ihn kennen, hat er auch allen Kredit bei ihnen verloren. Und demneuen jungen Mann, dem Sekretarius, wird's auch nicht möglich sein, ihn wieder zu erobern.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

r. Zur Stadtverordneten wahl, die Mitte November vorgenommen werden muß, wird von bürger⸗ licher Seite bereits jetzt die Kandidatenfrage angeschnitten. Es werden deren diesmal jedenfalls wieder eine ganze Anzahl auftreten, denn es scheiden diesmal 12 Stadt⸗ verordnete aus. Jedenfalls gibts wieder eine Rathaus⸗ liste, Bürgervereins⸗, Beamtenvereins⸗ ꝛc. Listen, hoffent⸗ lich aber auch eine Arbeiterliste! Die Rathausliste präsentiert in der Regel jene Gutgesiunten, die für Alles etwas übrig haben, nur recht herzlich wenig für die arbeitende Klasse. Der Bürgerverein will es Allen recht

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machen und wie es heißt, will man sogar Arbeiter mit auf die Lifte nehmen, wogegen sich die Arbeiter wähler rerpflichten sollen, für die ganze Liste des Bürgervereins zu stimmen. Ob die Arbeiter damit einverstanden sind, dos wird eine der nächsten Wahlvereinsversammlungen entscheiden. Wir zweifeln nicht daran, daß der Beschluß auf Aufstellung einer eigenen Liste lauten wird, denn wir haben von den Leuten, die sonst nach dem Stadt⸗ vateramt streben und sich nicht selten als Vertreter der Minderbemittelten bezeichnen, nichts zu erwarten. Die Arbeiter werden also gut tun, sich schon jetzt mit den Stadtverordnetenwahlen und was damit zusammen hängt eingehender zu befassen. Also an's Werk!

Das Schwurgericht verurteilte am Montag die Witwe eines Maurers aus Botten⸗ dorf bei Frankenberg wegen Meineids zu sechs Monaten Gefängnis. Die Frau ist 67 Jahre alt, macht einen geistig minderwertigen Eindruck und hat einen geisteskranken Sohn. Der Meineid war wegen einer Lappalie geleistet worden. Die Frau hatte ihren Feldnachbar wegen Umwendens des Wagens zur Anzeige gebracht und dieses auch vor dem Schöffengericht beschworen, worauf der Feldnachbar zu 2 Mk. Strafe verurteilt worden war Die Ge⸗ schworenen bejahten sowohl die Schuldfrage wie die Frage der Zurechnungsfähigkeit. Am Mittwoch stand Herr Bezirks⸗Schornsteinfeger Kremlein aus Rauschenberg vor den Ge⸗ schworenen unter der Anklage eines Sittlich⸗ keitsverbrechens, begangen an einem 15 jährigen geistesschwachen Mädchen. war eine Hauptstütze der konservativen Partei, eifriger Kriegervereinler und noch in der letzten Wahlbewegung als Agitator für den konserva⸗ tiven Kandidaten des Bundes der Brotverteuerer tätig. Der tapfere Kämpfer für Religion, Ordnung und Sitte wird unter Zubilligung mildernder Umstände durch eine anderthalbjährige Gefängnisstrafe seiner staatsretterischen Tätigkeit entzogen worden. f

g. Die Märzfeier begehen die Marburger Parteigenossen durch eine am Samstag den 18. März abends ½9 im Lokale Jesberg statt⸗ findende Versammlung, in welcher Stadtver⸗ ordneter Krumm ⸗Gießen sprechen wird.

r. Die Marburger Holzarbeiter haben eine, wenn auch nur geringfügige Besserung ihrer Löhne er⸗ reicht. Am Freitag fanden mit den Arbeitgebern Ver⸗ handlungen über die Forderungen statt, welche von Seiten der Gesellen gestellt worden waren. Nach 3 ½ stündtger Verhandlung wurden die Forderungen zum größten Teile bewilligt und treten mit dem 1. Mai in Kraft. Leider wurde eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht erzielt. Der Holzarbeiterverband hat in den letzten Wochen be⸗ deutend an Mitgliedern gewonnen.

O Die neue Kreisbahn Marburg⸗Süd⸗ Dreihausen, für welche die Steuerzahler des Kreises in diesem Jahre einen Steuerzuschlag von 7 Prozent zu zahlen haben, soll für die Strecke bis Ebsdorf am 1. April und für die Strecke bis Dreihausen am 1. Juli eröffnet werden. Nach dem veröffentlichten provisorischen Fahrplan scheint die Bahnverwaltung in der Hauptsache auf die Beförderung von Landräten und Kreisausschuß⸗ mitgliedern ꝛc. zu rechnen, denn der erste Zug von Ebs⸗ dorf trifft erst morgens kurz vor 9 Uhr in Marburg ein, also zur Zeit, wo die Herren ins Bureau gehen. Die in Preußen wegen der Billigkeit beliebte vierte Wagenklasse ist nicht vorhanden, sodaß die Bahn den Arbeitern vorläufig nur geringe Vorteile bietet, aber bezahlen müssen sie ihre Kreissteuern doch.

Zwei schwere Grubenkatastrophen

ereigneten sich vorige Woche in Oberschlesien. Auf derPreußengrube wurde eine Arbeits⸗ bühne, auf der 15 Mann arbeiteten, durch abstürzende Gesteinsmassen in die Tiefe gerissen. Sämtliche fünfzehn Mann kamen um. Die Wassermassen, unter denen die Schachtanlage leidet, drangen durch die Gesteinsmassen durch und bereiteten den Bergleuten einen schreck⸗ lichen Tod, da alle, die nicht erschlagen worden waren, ertrinken mußten. Auf dem Oskar⸗Schacht der Hulschiner Steinkohlen grube bei Petrzkowitz, Kreis Ratibor, wurden durch einen Grubenbrand fünfzehn Mann abgeschnitten. Die Bergleute sind zweifel⸗ los durch giftige Gase getötet worden.

Kleine Mitteilungen. * In Friedberg fand man vorige Woche in der Zudwigstraße die Leiche eines neugeborenen Kindes

Herr K.

männlichen Geschlechts, das nach ärztlichen Feststellungen nach der Geburt gelebt hat. An einem Wäschestück be⸗ fanden sich die Buchstaben J. K. Jedenfalls ist das Kind von auswärts an die Fundstelle verbracht worden.

* Revolverschießerei. Aus Eifersucht schoß in Limburg ein Handlungsgehülfe auf einen seiner Kol⸗ legen und verletzte ihn schwer.

* Wieder einer. Der Kaplan Schlamber in Cilli Steiermark) wurde wegen Notzucht und Schändung an Schulkindern, welchen erReligionsunterticht erteilte, zu anderthalb Jahren schweren Kerker verurteilt.

Partei-Nachrichten.

Neun Monate Gefängnis wurden dem Ge⸗ nossen Lange, verantwortlichen Redakteur derLeip⸗ ziger Volksztg. zudiktiert. Und warum diese unge⸗ heuerliche Strafe? Zur Zeit des Königsberger Prozesses hatte das Blatt Bemerkungen gemacht, in denen, gestützt auf den Charlottenburger Fall Weber, wo Packete mit russischen Schriften in demselben Augenblick beschlag⸗ nahmt worden sind als sie von der Post gebracht worden waren, der Verdacht ausgesprochen wurde, daß die Postverwaltung nicht genügend die Pflicht der Geheimhaltung wahre.

Die Sammlungen für den Bergarbeiter⸗ streik sind nun im Einverständnis mit der Leitung des Bergarbeiterverbandes von unserm Parteikassierer Gerisch geschlossen worden. Im Ganzen sind bei Gerisch Mk. 277 908,16 eingegangen. Allen Gebern wird namens der Bergleute für die bewiesene Opfer⸗ willigkeit herzlich gedankt. Weitere Eingänge wird der Parteikassierer, sofern die Geber nicht andere Verfügungen treffen, dem Unterstützungsfonds der sozialdemokratischen Partei Deutschlands über weisen.

Versammlungskalender.

Samstag, den 11. März.

Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag: Republik oder Monarchie?

Sonntag. den 12. März.

Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8 Uhr gesellige Zusammenkunft bei b(Wiener Hof). Montag Abend 9 Uhr Monatsversammlung bei Nellen(Zum Scorch), Steinstraße.

Rödgen. Nachmittags 4 Uhr: Oeffentliche Ver⸗ samwlung bei Gastwirt Balser.

Dienstag, den 14. März.

Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr

Sitzung bei Orbig.

Für die streikenden Bergarbeiter

gingen noch folgende Beträge ein:

Bei der Expedition der Mitteld. Sonntags Zeitung: Brauer Mk. 20,. In letzter Nr. muß es bei Liste Nr. 87 Lollar richtig heißen Mk. 22,35 nicht 21,35.

Die noch ausstehenden Listen bitten wir baldigst an uns einzuschicken, damit die Schlußabrechnung fertig gestellt werden kann. Diese wird dann in nächstr Nr. bekannt gegeben.

Bei A. Fauth in Wetzlar; Liste 0775, Mk. 4, Gi; N 0779,(M.⸗Kinzenbach). Bet den Quittungen in Nr. 10 muß es heißen Liste 0768 nicht 0786.

'! Geschäftliches

Wie wird sich Mutter freuen, das war der begeisterte Ausruf einer jungen Dame, als sie dem Vater einen Tischläufer mit prachtvoller Kunststickerei zeigte, den sie auf ihrer Singer Maschine angefertigt hatte. Und der Vater war auch nicht wenig erstaunt ob der Leistung seines Töchterleins und bei sich dachte erhätte kaum geglaubt, als ich damals in Gießen, Lindenplatz 1 bei der Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges., die Maschine kaufte, daß es meinem Mädel in den paar Wochen gelingen würde, so etwas Schönes zu Stande zu bringen. Bei Feststellung dieser Tat⸗ sache hellten sich seine Züge auf, und nicht genug konnte er sich in seinem Innern selbst beloben, daß er die Singer Maschine gekauft habe. Was aber soll jeder Gatte, jeder Water sich daraus merken? Gehe hin und tue desgleichen

Letzte Nachrichten.

Russisch⸗japanischer Krieg. Aus Tokio wird berichtet: Die Russen sind in jeder Richtung gesclagen. Sie begannen den Rückzug auf Tieling. Die japanische Armee verfolgt sie jetzt energisch. Eine weitere Depesche sagt: Die Japaner schnitten die Eisen⸗ bahn verbindung nördlich von Mukden ab. Die Gesamtverluste bei den letzten Kämpfen betragen weit über 1 0 0 000 Mann!