Seite 4. f

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

1

Oktrois einen Vorteil von mindestens jährlich 3.60 Ml. einbringen, die Erhöhung der Gemeinde⸗ umlagen um 89 Prozent nur wenige Pfennige ausmachen werde. Die Einwände von gegne⸗ rischer Seite waren nicht von Bedeutung. an versuchte mehr den Fehlbetrag in anderer Weise wie vorgeschlagen zu decken. Bei der Abstimmung waren es nur die Stimmen der bürgerlichen Vertreter, die mit dem Oberbürgermeister und den Beigeordneten gegen die Aufhebung des Oktrois stimmten.

Ueber Förderung der Boden⸗ kultur im Vogelsberg ist dem Land⸗ tage ein Gesetzentwurf zugegangen. Der Ent⸗ wurf soll die Vorschläge verwirklichen helfen, die von der Kommisston für Ausarbeitung eines Generalkulturplanes für den oberen Vogelsberg in ihrer Denkschrift zu Beginn 1904 gemacht wurden. Durch Bodenkultur und Anlage um⸗ fassender Wal danlagen auf den kahlen Höhen zum Schutze der Talhänge gegen rauhe Winde sowie Nutzbarmachung ausgedehnter Oedlände⸗ reien soll die Wirtschafts möglichkeit des Vogels⸗ berges gehoben werden. g

Gießener Angelegenheiten.

Zu demFall Schädel hatte der Abg. v. Brentand folgende von seinen Zent⸗ rumsmannen und den Antisemiten unterstützte Anfrage an die egierung gerichtet: Großherzogliche Regierung geneigt, der Kammer Auskunft zu geben über das Resultat der Untersuchung, welche auf Antrag des Groß⸗ herzoglichen Gymnastaldtrektors Dr. Schädel in Gießen gegen solchen eingeleitet worden ist? Unseres Erachtens rennt diese Interpellation offene Türen ein. Denn das ist doch wohl ganz selbstverständlich, daß die Regierung über das Ergebnis Bericht erstatten wird und muß. Aber die Herren haben es ja gewaltig eilig! Es hat schon viele, sehr viele Dinge gegeben, die das Volksinteresse weit mehr berührten, mit deren Erledigung es diesen Herren aber durchaus nicht pressterte.

Angesichts des verdächtigen Eifers der Gegner hatte sich unser Genosse Dr. David veranlaßt gesehen, zu der gleichen Sache folgende Inter⸗ pellation einzubringen:

Ist die Großherzogliche Regierung geneigt, den Mitgliedern der zweiten Kammer Einblick zu gewähren in die Akten, die aus der Untersuchung der Verhältnisse am Gießener Gymnasium erwachsen sind?

Schon am Mittwoch kam die Sache in der Zweiten Kammer zur Verhandlung. Staats⸗ minister Rothe erklärte dazu, daß die von der Regierung angestellten Ermittelungen in der Angelegenheit des Direktors des Gießener Gymnastums, Geh. Schulrats Dr. Schädel, zu dem Resultat geführt haben, daß nicht der geringste Grund vorliegt, ein Dis⸗ ziplinar⸗Verfahren gegen denselben einzuleiten.

Genosse Dr. David erblickt in den Aus⸗ führungen der Regierungsvertreter nur das Bestreben, die Sache möglichst mild darzustellen und kann nicht billigen, daß dieser aus dem Material eine Reihe von Einzelheiten einseitig und nur zu Gunsten des Direktors heraus⸗ gegriffen habe. David bringt setnerseits einige ihm mitgeteilte Vorfälle zur Sprache, die zeigen, daß der Direktor gegen einzelne Mitglieder des Lehrerkollegiums wiederholt mit beleidigender Schroffheit aufgetreten ist.

David konstatiert weiter, daß die in einer ganzen Reihe von Zeitungen gegen ihn er⸗ folgten Angriffe, wonach seine Quellen unlauterer, politischer oder verleumderischer Art seien, jeder Grundlage vollständig entbehrten, denn schon damals habe er ausdrücklich konstatiert, daß seine Ouellen nur den intimsten Beziehungen der von diesen Verhältnissen Betroffenen ent⸗ springen. Der mit ihm seit langen Jahren befreundete Prof. Karl Noack in Dresden habe ihm(dem Redner) die Mitteilungen ohne Wissen seines Bruders in Gießen gemacht, nachdem er sich als geborener Gießener an Ort und Stelle über die Verhältnisse orientiert habe. Auch diesen könne daher kein Vorwurf treffen, denn derselbe stehe der Politik fern und sei nur von dem Motiv geleitet worden, als Arzt seinem Bruder zu helfen, nachdem er zu der

Ist die

Ueberzeugung gekommen war, daß ein andrer Ausweg nicht mehr vorhanden sei. Er führt weiter eine Reihe von Fällen an, aus denen hervorgeht, daß das Vorgehen des Direktors Schädels doch nicht so harmlos war, wie es von Seiten der Regierung geschildert werde, so habe er einem Lehrer, der ihm eine

Angelegenheit ruhig und sachlich vortragen

wollte, erklärt:Dort ist die Tür! usw. Es komme sehr darauf an, in welchem Ton diese Ausdrücke gefallen sind, die Darstellungen des

Regierungsvertreters könne er als objektiv

nicht erkennen. Er habe getan, was er nach Lage der Sache seinerzeit für seine Pflicht hielt.

Redner kann, ehe er Einsicht in die Akten er⸗ langt hat, seine früheren Ausführungen nicht

rektifizieren. f Märzfeier. Zum Gedächtnis des 18. März hat der sozialdemokratische Wahl verein eine Feier veranstaltet, die Sonntag, den 19. März, im SaaleLony's Bierkeller stattfindet. Genosse Dr. Quarck⸗Franlfurt wird dabei über die März⸗Ereignisse von 1848 einen Vortrag halten und im Weiteren sollen entsprechende Deklamattonen und Gesangsvor⸗ träge die Feier zu einer würdigen gestalten.

Konsumverein. Am Sonntag nahm der Revisor des süddeutschen Genossenschafts⸗ verbandes, Herr Arnds⸗ Stuttgart, die vor⸗ geschriebene Reviston des Konsumvereins Gießen und Umgegend vor. Es fanden sich dabei keinerlei Anstände, die Bücher befanden sich in bester Ordnung und der Revisor sprach seine Anerkennung über die Geschäfts⸗ und Kassen⸗ führung, sowie über die stetige Entwickelung, die der Verein nimmt, aus.

Weißbinder⸗Versammlung. Samstag, den 11. März, findet nachmittags 5 Uhr im LokaleWiener Hof eine öffentliche Versammlung der Weißbinder, Maler und Lackierer stant. Genosse Zimmerman n⸗ Frankfurt wird über:Die Lohn⸗ und Arbeits⸗ verhältnisse im Gewerbe referieren.

Die hiesigen Schneider stehen wit ihren Arbeitgebern in Verhandlung wegen Revision des Tarifs. Für verschiedene Stücke verlangen die Gehilfen etwas höhere Preise und hoffentlich bewilligen die Arbeitgeber die bescheidenen Forderungen, damit die Sache auf gütlichem Wege erledigt wird.

Das Schwurgericht hatte in der Session des ersten Quartals, wie bereits vor acht Tagen mitgeteilt, nur drei Fälle abzu⸗ urteilen. Am Montag wurde die 64 jährige Witwe Faitz aus Ilbeshausen wegen Mein⸗ eid zu Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt. Sie hatte in einem Prozesse gegen ihren in Rödelheim woh⸗ nenden Schwiegersohn einen Offenbarungseid geleistet und dabei auf Anstiften ihres in Gießen wohnenden Sohnes, der nun ebenfalls wegen Verleitung zum Meineid in Untersuchungshaft sitzt, verschwiegen, daß sie noch zirka 1200 Mk. besaß. Der Streitgegenstand in jenem Zivil⸗ prozesse betrug 100 Mk. und wegen dieses Betrages kommt die bisher unbestrafte Frau am Abende ihres Lebens in's Zuchthaus! Am Schlusse der Beweisaufnahme gestand die An⸗ geklagte noch, sie sehe ein, unrecht gehandelt zu haben. DasSchuldig der Geschworenen war somi sicher zu erwarten, zumal sogar der Verteidiger sich dafür erklärte.

Dienstag hatte sich der 23 Jahre alte Dienst⸗ knecht Paul Berk aus Schlitz wegen Sittlich⸗ keitsverbrechen aus§ 176, 2 zu verantworten. Ihm wird zur Last gelegt, die geistig minder⸗ wertige Anna Schäfer in Lauterbach, Tochter seines Dienstherrn, mißbraucht zu haben. Auch in diesem Falle lautet das Verdikt der Ge⸗ schworenen auf schuldig, doch wird auch die Frage auf mildernde Umstände bejaht, worauf der Angeklagte zu zwei Jahren Gefängnis und dret Jahren Ehrverlust verurteilt wird. Mittwoch wird gegen den Christian Faust aus Uellershausen wegen Meineid verhandelt . zwar den ganzen Tag bei geschlossenen

üren.

Sehr interessant und nuhaltreich ist die neueste Nummer desWahren Jakob.

In derselben finden wir neben vielen Illu⸗

unterschoben wurden, die sie nie vertreten hatten. Die

worten. Er hatte vor Kurzem den 27 jährigen Schuh⸗

strationen und Gedichten die Wfebergabe einen

vortrefflichen Photographie Friedrich Wilhelm Fritzsches, sowie einer von Fritzsche vor bald 25 Jahren geschriebenen autobiographischen Skizze, deren Inhalt für die jungen Partei⸗ genossen von ganz besonderem Interesse sein wird. Außerdem ist noch Fritzsches schwung⸗: volles, bisher wenig bekanntes GedichtAn die Frauen abgedruckt. 1 5 N

Aus dem Mreise gießen. 1

0

r. Watzenborn⸗ Steinberg. Der sozial⸗ demokratische Wahlverein hielt am Samstag eine Mit⸗ gliederversammlung ab, die recht gut besucht war, Zuerst wurde die Bildung einer Sängerabteilung beschlossen, damit bei Festlichkeiten in gesanglicher Beziehung etwas 1 geboten werden kaun. Die Märzfeier soll durch eine Versammlung begangen werden. Für die Ma i⸗ und Schillerfeier soll der Vorstand die nötigen 9 Vorbereitungen treffen. Im Weiteren wurden unsere Gemeindevertreter aufgefordert, alljährlich über ihre

Tätigkeit in einer öffentlichen Bürgerversammlung Be⸗ 1

richt zu erstatten und sich zu diesem Zwecke über die Verhandlungsgegenstände Aufzeichnungen zu machen. Das ist umsomehr notwendig, als die Mehrheit des Gemeinderates es noch immer abgelehnt hat, die Gemeinderatssitzungen öffentlich abzuhalten. Es kam daher oft vor, daß Ausführungen unserer Genossen in

der Sitzung falsch wiedergegeben und ihnen Dinge

Sängerabteilung hält ihre erste Singuunde Samstag, den 11. März abends 8 Uhr in der Wirt⸗ schaftZur Wetterau ab. Wer Lust zum Gesang hat, möge sich pünktlich einfinden. Die Genossen von Watzen⸗ born, welche mitwirken wollen, werden hiermit ersucht, recht zahlreich zur Stelle zu sein.

e. Trohe. Das Stiftungsfest unseres Gesangvereins am Sonntag war recht gut besucht, auch die Genossen von Rödgen und Altenbuseck waren zahl⸗ reich erschienen. Die Gesangsvorträge und sonstigen Darbietungen wurden beifällig aufgenommen und das Fest nahm überhaupt den besten Verlauf. Unsere Altenbusecker Freunde trugen auch durch mehrere Vor⸗ träge zum Gelingen des Festes bei, wofür ihnen Dank gebührt, den wir hiermit an dieser Stelle abstatten.

Wenig rücksichts voll verfuhr der Arzt Herr Dr. Nikolay in Leidhecken mit einem seiner Kunden. Dieser hatte die Hilfe des Arzkes in den Jahren 1901, 1902 und 1903 mehrfach in Anspruch genommen. Dafür bekam er am 18. Dezember vorigen Jahres eine

r

Rechnung von 57,10 Mk. zugestellt. Schon 13 Tage später, am 31. Dezember erhielt er eine Vorladung auf das Amtsgericht Hungen; der Herr Doktor, der sonst im Verkehr sehr freundlich und liebenswürdig ist, hatte 6 den Betrag eingeklagt, jedenfalls um die Verjährung zu vermeiden. Nun hatte der Betroffene etwa nicht die Absicht, den Arzt um sein Geld zu bringen, sondern er würde es auch bezahlt haben, wenn schon Verjährung eingetreten gewefen ware. Jetzt mußte er noch 20,70 Mk. Gerichtskosten extra bezahlen, für den nicht wohlhabende Mann ein erheblicher Betrag.Wer war wohl Schuld, daß es zur Klage kam? Ware es nicht Pflicht des Arztes gewesen, die Rechnung rechtzeitig zu schreiben, damit die Sache gütlich geregelt werden konnte? Wären die Arzte vom Staate angestellt, es wäre eine ungehen re Er- leichterung für Arbeiter sowie Handwerker und Bauer. So schreibt uns der Arbeiter entrüstet. Wir finden 9 seine Mißstimmung begreiflich. Empfehlenswert ist. andererseits, daß bei Zeiten Rechnung gefordert wird. 9 Folgen der Spielerei mit Gewehren. Vor der Gießener Strafkammer hatte sich am Dienstag der Landwirtssohn Konr. Krausgrill 1

Niederweisel wegen fahrlässiger Tötung zu verant-

macher Häuser von dort in dessen Wertstelle mit einen Flobertgewehr aus Unvorsichtigkeit in's Auge geschossen und dadurch dessen Tod herbeigeführt. Er wurde nach dem Antrage des Staatsanwalts zu 6 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt.

Aus dem Nreise Alsseld-Cauterbach.

zumal die Zahl der in Alsfeld im Holzarbeiterberufe Beschäftigten nicht gering ist. Die Löhne sind äußerst niedrig, der Zusammenschluß der Berufskollegen wäre mindestens so nötig wie anderwärts. Von den An⸗ wesenden erklärten eine Anzahl ihren Beitritt zum Verband

n. Schotten. Die Mitgliederversamwlung Wahlvereins am Samstag war sehr gut besucht, auch einige neue Freunde waren erschtenen, um sich als Mitglieder aufnehmen zu lassen. Der Vorfitzende er⸗ mahnte die Anwesenden, in der Agitation für unser Sache nicht zu erlahmen, denn hier in unsrer Gegen sei noch sehr viel Arbeit zu leisten. Jeder den

......