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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeuung.
Seite 7.
in Augenschein zu nehmen. Und man muß gestehen, daß er ein nicht minder anziehendes Schaustück war als sein Gebäck. Füllte er doch mit seiner Breite den Türrahmen ganz aus, wenn er in seinen gestickten Schlafschuhen und der gleichfalls gestickten Kappe auf dem dicken Kürbishaupte mit dem Doppelkinn und der dicken goldenen Uhrkette über dem Bauche auf der Schwelle stand. Gewöhnlich hatte er dabei die Hände unter den Rockschößen auf dem Rücken zusammengelegt, damit die goldene Kette nicht verhüllt würde. Hätte er zur Zeit des Julius Cäsar gelebt, der ihm, beiläufig, nie vorgestellt worden, so würde er von diesem mit seinem allerhöchsten Vertrauen beehrt worden sein, denn sein Fett ließ keinen Gedanken an Ränke, Verrat und Meuchelmord aufkommen. Auch der„Bürgerstolz vor Königsthronen“ stack bei dem Meister im Bauche, und das Fett machte seine Augen ganz klein. Man würde sich bei seinem Anblick kaum haben vorstellen können, daß Meister Adersen einst so dürr wie ein Windhund gewesen war. In der Tat hätte er damals, als er in die Stadt gehumpelt kam und Arbeit suchend an das Haus geklopft hatte, das nunmehr sein Eigentum, oder richtiger, das seiner Frau war, kaum einen Schatten in der Sonne werfen können. Die Walze mästet keinen Handwerksburschen, und Adersen hatte lange, sehr lange liegen müssen, denn die Lehrlingszüchterei erzeugte eine Armee von überzähligen Gesellen, so daß für eine freie Stelle ein beinahe hundertfacher Ersatz vor⸗ handen ist. Es war wie im Mittelalter, wo nach einem beendeten Kriege das gemietete Heer aufgelöst und die entlassenen Landsknechte als Bettler in alle Winde zerstreut wurden. Gustav Adersen war auch das Früchtlein einer solchen Zucht, zu welcher die Meister den Samen vom platten Lande beziehen. Kaum daß er eingesegnet gewesen, so hatte ein Agent ihn von der heimat⸗ lichen Dorfflur in die nächste Stadt zu einem Bäckermeister gebracht, der ihn sechs Jahre lang als Lehrling geschunden, nicht indem er ihn in die Geheimniff seiner Kunst hineingeprügelt hätte, sondern mit Backwaren hausteren sckickte und ihn auf das Straßenpflaster warf, nachdem er ihn ein weiteres Jahr als Geselle ausge⸗ beutet hatte.
Die noch junge Frau Meisterin war es ge⸗ wesen, die den von der langen Wanderschaft Erschöpften eingestellt hatte. Vielleicht aus Mitleid, und dieses Gefühl mochte sie bestimmen, ihn nicht gleich wieder wegzuschicken, als es nur zu bald offenbar wurde, wie blutwenig er von der Bäckerei verstand. Mochte er sich erst ein wenig ausfüttern. Der Meister lag schwer krank zu Bett und die Frau führte das Regi⸗ ment, wie im Hause, so im Geschäft. Adersen machte gar große Augen, als er die Backstube betrat; eine solche Reinlichkeit war ihm noch in keiner Backstube vorgekommen. Und dann die saubere Bettwäsche in der abgesondert ge⸗ legenen Schlafkammer, wo Jeder seine eigene Bettstelle hatte, und das gute und völlige Essen! Das alles waren Dinge, die er nie für möglich gehalten hätte! Er ließ es sich daher wohl sein und ertrug geduldig, daß seine Mitgesellen ihn wegen seiner stümperhaften Arbeit hänselten. „Seinen Freunden gibt er es schlafend“, dachte er, als er sich zum ersten Male in dem rein⸗ lichen Bette ausstreckte. Es war einer von den unzähligen Bibelsprüchen und Gesangbuch⸗ liedern, mit denen ihn der Dorfschulmeister und der Landpfarrer in seiner östlichen Heimat vollgepfropft hatten. Und„er“ gab es ihm
schlafend, denn bevor er sich noch herausgefüttert hatte, starb der Meister, und als das Trauerjahr zu Ende war, führte Gustav Adersen die Witwe auf das Standesamt. Der Verstorbene hatte seine Frau aus Dankbarkeit für ihre sorgsame und liebevolle Pflege während seiner Krankheit zu seiner Universalerbin eingesetzt. Kinder waren der Ehe keine entsprossen. Adersen aber genoß den Triumph, nach Verlauf eines zweiten Jahres ein Töchterlein taufen zu lassen, das den pomphaften Namen Rosalie erhielt. Er war sehr für das Pomphafte; eine Neigung, die sich aus seinem ursprünglichen ruppigen Raupenzustande durch die Puppe hindurch schnell zum Falter entwickelte.
Seine Frau war froh, wieder eine männliche Stütze zu haben, und ließ die Leitung des Ge⸗ schäfts allmählig, hauptsächlich während ihres Wochenbettes, in seine Hände gleiten. Meister Adersen sonnte sich in seiner Macht. Es war gar zu süß, für die lange Unterdrückung und Schuhriegelung, die er selbst erlitten, jetzt da⸗ durch Vergeltung zu üben, daß er gegen seine eigenen Arbeiter den strengen Herrn heraus⸗ kehrte. Zunächst geschah es freilich nur in lautem Lärmen um ein Nichts, denn er fühlte seinen früheren Mitgesellen gegenüber die Un⸗ sicherheit des Bodens, auf dem sein Können stand; um so mehr Ursache für ihn, sie nach und nach an die Luft zu setzen und ihre Stellen mit Lehrlingen auszufüllen. Nur den Alt⸗ gesellen behielt er zu deren Anlernen bei. Warum auch den schweren Lohn für Gesellen hinauswerfen, da er aus eigner Erfahrung wußte, daß das Geschäft ebenso gut mit Lehr⸗ lingen, die nichts kostetlen, betrieben werden konnte? Und er hatte noch einen andern Grund, in dieser Beziehung zu sparen. Er hatte als hausterender Bäckerjunge beobachtet, daß die Leute lieber Kuchen als Brot aßen; tat er es doch auch selbst, wen en er konnte. Also stellte er einen geschickten und zuverlässigen Konditor⸗ gehülfen ein, den er natürlich nicht umsonst be⸗ kam. Die Spekulation schlug gut ein, und seine Frau bekam eine große Achtung vor ihm. Hatte das mit ihr erheiratete Geschäft schon eines bedeutenden Umsatzes sich zu erfreuen ge⸗ habt, so wuchs derselbe jetzt mächtig, und Meister Adersen stellte in der Wohnstube, von der man durch ein Fenster den Laden über⸗ blicken konnte, einen eisernen Geldschrank auf, in dem er seine Seele verschloß. Im Laden, wo seine Frau mit ihrem allmählig heran⸗ wachsenden Töchterlein in dessen schulfreien Stunden den Verkauf besorgte, mußte Alles blinken und blitzen, hinter diese Dekoration aber durfte man nicht schauen. Von der Sauber⸗ keit, die dort unter der Oberleitung der Frau einst geherrscht hatte, war bald jede Spur ver⸗ wischt; die Reinlichkeit kostete ja auch Geld. Nur in Bezug auf die Verpflegung blieb es beim Alten, denn hierin behielt die Frau die Hauptstimme, und ihr Herr und M'eister aß selbst gern gut und viel. Und so wie er in die Breite ging, so wuchs sein Selbstbewußtsein und das Gefühl seiner Ueberlegenheit über Andere. Gleich den meisten Menschen schrieb er sein Glück auf das Konto seines Verdienstes.
Wenn nur die Anderen seine Ueberlegenheit ebenso bereitwillig anerkannt hätten, wie er selbst! Aber das war der Flecken in der Sonne seiner Zufriedenheit mit seinem Ich. Von den Verwandten seiner Frau, deren Gestalt sich ebenfalls im Laufe der Zeit artig rundete, ohne jedoch ihre Beweglichkeit zu beeinträchtigen, erfreute noch ein älterer Bruder sich des Daseins.
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Meister Hugo Lebrecht war seines Zeichen ein Stubenmaler; ein kleiner Herr von pathetische n Manieren, als ob er ein berühmter Kunstmaler gewesen wäre. Darunter saß aber eine fidele Haut, obgleich sich eine zahlreiche Familie an die Schwingen seines Genius klammerte und Schmalhans sein Küchenmeister war. Das Protzentum des Schwagers war ihm ein Greuel, und wenn dieser sich ihm gegenüber aufspielen wollte, zog er ihn durch die Hechel seines Spottes oder stach ihn mit satirischen Nadeln unbarmherzig in den aufgeblähten Wanst, datz die Luft pfeifend herausfuhr.
Der reiche Bäckermeister hätte den Pfahl gern aus seinem Fleische herausgezogen un d die„pauvre“ Verwandtschaft abgeschüttelt; aber das litt seine Frau nicht, welche die Kinder ihres Bruders liebte, und diese wieder ver⸗ götterten die Tante Karline, von der sie bei jedem Besuche mit Kuchen vollgestopft wurden. Otto Lebrecht, der älteste Bube des Malers und Erbe von dessen Charaktereigenschaften, wurde der Spielkamerad seiner um ein paar Jahr jüngeren Cousine Rosalie und blieb deren Freund selbst im Anstreicherkittel, in den er schlüpfen mußte. Der Junge wäre gern ein Kunstmaler geworden, aber woher die Mittel nehmen und nicht stehlen?
(Fortsetzung folgt).
Humoristisches.
Aus einer Gerichtsverhandlung. Richter: „Und wie gelangen Sie zu den Mitteln, welche Ihnen eine so üppige Toilette ermöglichen?“ Angeklagte: „Aber Rudolf! Das fragst Du mich?“
Ein Schreckenskind.„Das ist aber nett von Euch, ihr lieben Kinder, daß ihr mich'mal besucht!“ Ja, weißt Du, Tante, der Papa schickt uns her, weil wir ihm zu viel Lärm machen!
75 Orden! Der Hofmarschall von Eulenburg Hat fünfundsiebzig Orden, Aus allen Ländern sind sie ihm So reich zu Teil geworden. Das Volk weiß nicht zu würdigen Der Orden hehre Pracht, Es weiß nicht, wieviel Diener man Für einen Orden macht.
(Aus der„Frkftr. Volksst.“)
Litterarisches.
Das Märzheft der Sozialistischen Monats⸗ hefte(Berlin, Beuthstr. 2) enthält unter anderem: Max Schippel: Handelspolitische Kometenjahre.— Otto Hue: Ueber den Generalstreik im Ruhrgebiet.— Paul Kampfmeyer: Zur Kritik der philosophischen Grundlagen des Marxismus.— Dr. Ladislaus Gumplowicz: Das russische Kaisertum und die Revolution.— Bernhard Schildbach: Der korpo⸗ rative Arbeitsvertrag.— Dr. Hugo Lindemann: Die städtische Grundrente und ihre Bekämpfung.— Edmund Fischer: Die Frauenfrage.— Außerdem noch viele andere Artikel über sozialistische, politische und gewerkschaftliche Bewegung.
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