Ausgabe 
12.3.1905
 
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Seite 2.

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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 11.

sich in vielen Dingen mit dem sozialdemokra⸗ tischen Redner einverstanden. Desto giftiger riff am andern Tage der freisinnige Arzt Dr. Mug dan, der mit sehr knapper Mehrheit im Wahlkreise Görlitz gewählt ist, die Sozial⸗ demokratie an und suchte das kassenfeindliche Verhalten der Aerzte zu rechtfertigen. Er proklamierte kurzer Hand die Vernichtung der Selbstverwaltung der Krankenkassen. Wie der selige Stumm spricht er der Sozialdemokratie jede Existenzberechtigung ab und verdächtigte auch alle Behörden, die seinen scharfmacherischen Gelüsten nicht Genüge tun, als Sozialdemokraten. Das tat er z. B. mit dem Bundes bevollmächtigten Fischer! Daß ihm so etwas von einem Liberalen passierte, hätte sich dieser biedere Herr aus Sachsen gewiß nicht träumen lassen! Genosse Lipinsky wies den Freisinnskämpen am Schluß der Sitzung in gebührender Weise zu⸗ 1 und stellte seine unwahren Behauptungen richtig.

Ueber die Steuerpläne

des Schatzsekretärs Stengel wird berichtet:

Als Grundzüge der Reichsfinanzreform, die der Reichsschatzsekretär Freiherr v. Stengel für den Herbst dieses Jahres in Aussicht gestellt hat, werden bezeichnet: Grundsätzlicher Ausgleich zwischen den Matrikularbeiträgen und Ueber⸗ weisungen, Scheidung der Finanzen des Reiches und der Einzelstaaten, Vermehrung der Reichs⸗ einnahmen durch die neuen Zölle und eine Tabakfabrikatsteuer sowie eine Reichs⸗ erbschaftssteuer und schließlich Einführung einer regelmäßigen Schuldentilgung.

Danach wäre also an die Stelle des Bieres der Tabak getreten. Durch eine Tabakfabrikat⸗ steuer würde die Arbeiterschaft der Tabakindustrie aufs schwerste geschädigt. Es muß deshalb, wenn sich diese Mitteilung bestätigen sollte, gegen diese Steuer schon jetzt mit aller Ent⸗ schiedenheit Front gemacht werden.

Steuerhinterziehung der Besitzenden.

Die Gesellschaft von Besitz und Bildung drückt sich nach wie vor darum, Steuern zu zahlen. Wie in der Budgetkommisston des preußischen Abgeordnetenhauses festgestellt wurde, schreibt unser Zentralorgan, sind durch Bean⸗ standungen der Steuerdeklarationen nicht weniger als 213 Millionen= 27 Prozent des gesamten veranlagten Einkommens mehr eingebracht worden und die Steuer dadurch um 7 Millionen erhöht worden. Das ist die nationale Betäti⸗ gung der Besitzenden! Es ist eine alte Er⸗ fahrung: gerade diejenigen, welche die Worte: Vaterlandsliebe, Patriotismus, monarchische Gesinnung usw. stets im Munde führen, wollen vom Vaterlande immer nur haben, aber ihm nichts geben.

Neue Millionen fũr die afrikanischen Sandwüsten

werden vom Reichstage gefordert werden und zwar sollen ihm nach Mitteilung derKöln. Ztg. gleich zwei Vorlagen unterbreitet werden, ein dritter Nachtragsetat für 1904, der 26 ¼ Millionen fordert, und eine Ergänzung zum Etat für 1905, der sich auf 34 Millionen stellt. Die letzten Milltonenforderungen für die afri⸗ kanische Sandwüste werden das noch nicht sein. Die Staatsweisen und die Gesetzgeber⸗ mehrheit können ja leicht bewilligen, denn die Kosten tragen nicht ste, sondern trägt die Masse des arbeitenden Volkes.

Was ist Wehrpflicht?

Ueber zwei Antworten auf diese Frage hatte am 22. Februar das Kriegsgericht zu Allen⸗ stein(Ostpr.) gegen zwei Soldaten zu ver⸗ handeln. In der Instruktionsstunde am 13. Januar d. J. fragte Leutnant Kiekebusch den Gefreiten Friedrich Pawelezyk vom Inf.⸗Reg. Nr. 150: Was ist Wehrpflicht? Schlagfertig antwortete der Gefragte:Soldatenspiel. Darauf richtete der Offizier dieselbe Frage an den Musketier Hermann Rapsch und erhielt zur Antwort:Wehrpflicht ist Soldaten⸗ schinderei. Der Offizier erstattete Anzeige, und das Kriegsgericht verurteilte den Gefreiten

P. zu einer Woche Mittelarrest, den Musketier R. zu dret Monaten und einer Woche Gefängnis und ließ ihn sofort abführen.

Wer da hat, dem wird gegeben.

Die Stadthäupter der preußischen Städte unter 25 000 Einwohnern hielten in Berlin eine Versammlung ab, um über ein gemeinsames Geschenk für den Kronprinzen zu beraten. Es wurde beschlossen, bei der königlichen Porzellan⸗ manufaktur 80 Dessertteller, eine große und zwei kleine Blumenschalen, vier große und vier kleine Aufsätze zu bestellen, die einen Gesamt⸗ wert von Mk. 18 000 erreichen sollen. Außer⸗ dem wird eine Adresse überreicht werden. Sie haben's ja, die preußischen Städte unter 25000 Einwohnern. Aus dem allgemeinen Steuersäckel läßt sich's gut schenken.

Rücktritt des italienischen Ministeriums.

Ende voriger Woche erklärte das Ministerium Giolitti seinen Rücktritt, Krankheit des Ministerprästdenten wurde als Ursache ange⸗ geben. Hauptgrund des Rücktritts war jedoch die Eisenbahn vorlage und die gegen die⸗ selbe gerichtete Obstruktion der Eisenbahner. Allgemein wird dieses Ereignis als ein Sieg der letzteren angesehen und sofort stellten auch die Eisenbahner die Obstruktion ein. Der Irkftr. Ztg. wurde aus Rom geschrieben, daß es keinem neuen Ministerium einfallen werde, den Artikel der Eisenbahnvorlage betreffend Ausstands verbot aufrecht zu erhalten, welchen die jetzige Regierung schon aufzugeben beabsichtigte, indem ste öffentlich erklärte, daß ste geneigt sei, in dieser Hinsicht die Vorschläge des Parlaments zu akzeptieren.

Die russische Revolution.

Die Gewalthaber in Rußland haben sich doch veranlaßt gesehen, etwas zur Beschwichtigung der immer mehr anwachsenden revolutionären b zu tun. Kürzlich sind zwei kaiser⸗ liche Erlasse herausgekommen, die wohl schöne Versprechungen enthalten, zugleich aber vom reaktionärsten Geiste diktiert sind. In einem derselben hieß es unter anderem: Non Hochmut verblendete übelgesinnte Führer einer aufrühre⸗ rischen Bewegung machen freche Anschläge auf die Grundpfeiler des Staates, und weiter werdenalle Gutgesinnten aufgefordert, mitzuwirken au der Ausrottung des Auf⸗ ruhrs. Das die schwärzeste Reaktion atmende Schriftstück machte überall in Rußland, wo es bekannt wurde, einen niederschmetternden Ein⸗ druck. Da erschien wenige Stunden später ein anderer Erlaß, in dem der Zar sagt: er habe beschlossen, von nun an mit Gottes Hilfe die würdigsten, das Vertrauen des Volkes genteßenden und von diesem freigewählte Männer zu der Ausarbeitung und Beratung legislativer Entwürfe heranzuziehen. Der scheinbare Widerspruch zwischen beiden Erlassen erregte überall Erstaunen. Er ist aber in Wirklichkeit nur ein scheinbarer. Was wird denn versprochen? Diewürdigsten und frei⸗ gewählten Männer sollen ja nur bei der Be⸗ ratung von Gesetzen mit hinzugezogen werden, auf die Beschlußfassung haben sie durchaus keinen Einfluß. Und auch diese kleine Scheinreform wird in weite Ferne gerückt durch die weitere Bestimmung, daß unter Bulygins Vorsttz großeKonferenzen zur Beratung der Wege für die Verwirklichung des Reformchens stattfinden sollen. Vor einigen Tagen hieß es, die Kommission zur Beratung neuer Preßge⸗ setze habe erklärt, daß sie ihre Vorschläge viel⸗ leicht in Jahresfrist werde machen konnen! Wie viele Jahre die Konferenzen zur Beratung der Scheinreformen brauchen würden, kann man sich dauach ungefähr vorstellen. Kurz, es bleibt vorläufig alles beim alten! Nur die ene Presse gebärdet sich teilweise wie toll und feiert den Zaren⸗Ukas als ersten Schritt zur Erreichung einer Verfassung. In Petersburg wurde der Erlaß überaus kühl aufgenommen. Er hat auch absolut nichts zu bedeuten, die wirkliche Politik der Zarenregierung ist viel⸗ mehr in der ersten Kundgebung enthalten. Aber lasch das russische Volk läßt sich nicht mehr äuschen.

Grauenhafte Zustände müssen jetzt im

Innern Rußlands herrschen. Allerdings ge⸗ langen nur unvollständige Nachrichten zu uns, aber auch diese lassen erkennen, daß im Knuten⸗ reiche vollkommene Anarchie im schlimmen

Sinne herrscht. So wird aus Warschau

berichtet: Der Terrorismus des Mili⸗ tärs, insbesondere der Kosaken, ist unbe⸗ schreiblich. Bei den geringsten Ansamm⸗

lungen macht das Militär von der Waffe Ge⸗

brauch. Infolgedessen werden täglich eine große Anzahl Zivilisten getötet und ver⸗ wundet. Trotz aller Dementis dauert der Poltzeistreik in vollem Umfange fort. Und über die Ereignisse in Baku schreibt ein dortiger Kaufmann der WienerN. Fr. Presse

ste seien so schrecklich, so haarsträubend grausam,

daß es jeder Beschreibung spotte. Mehr als tausend Menschen sind hingemetzelt worden: Erschossen, erstochen, lebendig verbrannt, auf die grausamste Weise verstümmelt, die

Augen ausgestochen darunter Greisen,

Frauen und Kinder! Ganze Familien find im Feuer umgekommen und das alles ge⸗ schah unter den Augen des Gouverneurs. Die Tataren, die alle gut bewaffnet waren, griffen in allen Teilen der Stadt die Armenier an und mißhandelten sie.

Der Priester Gapon soll sich gegenwärtig in Paris befinden, von wo er sich nach Eng⸗ land begeben will. Nach dem Blutbad vom 22. Januar hätten sie ihn, wie berichtet wird,

lücklich über die Grenze gebracht, darauf

hätte er sich einige Tage in Berlin aufgehalten und sich dann nach Genf begeben. Er hat seitdem einige Aufrufe erlassen. Wir ge⸗ stehen, daß wir zu dem Manne, nach dem zu urteilen, was bisher über ihn mitgeteilt wurde, nicht das größte Vertrauen haben. Dem Revolutionär, der den Großfürsten Sergius hinrichtete, soll es gelungen sein, aus dem Gefängnis zu entkommen. Nach anderen Mit⸗ teilungen wurde er scheußlich und auf alle Art gefoltert, habe aber trotzdem seinen Namen noch nicht genannt.

Wie der Zar bewacht wird.

Wenn es möglich wäre, das Leben eines Mannes durch menschliche Berechnung vor Ge⸗ fahren zu behüten, so gäbe es niemand, der mit ruhigerem Lächeln der Gefahr ins Auge blicken könnte, als Nikolaus, der Zar von Rußland, dessen Person von einem wahren Riesenschutznetze umgeben ist, das sich von London bis nach Buenos Aires erstreckt. Seine Paläste sind von Soldaten⸗Regimentern bewacht, die stark genug sind, einer kleinen Armee Widerstand zu leisten, und die Gemächer, welche er bewohnt, die Korridore und die Zimmertüren sind Tag und Nacht von wachsamen Schildwachen um⸗ stellt, die jeden Augenblick bereit sind, Halt zu gebieten, um zu schießen, oder auch zu schteßen, ohne erst zu rufen. Aber dies sind nur die äußeren und sichtbaren Teile der riesenhaften und komplizierten Maschine, die erfunden ist, um das Leben eines einzigen Mannes zu behüten.

Das wirkliche Schutzwerk wird durch eine Armee von Geheimpolizisten besorgt, den best⸗ organisierten in der Welt, deren einzige Pflicht darin besteht, jedes Komplott gegen das Leben ihres erhabenen Herrschers dehnen e und u vereiteln. Diese Verbindung streckt ihre

ühlfäden über die ganze Welt aus; sie hat ihre Agenten in Berlin so gut wie in London, Paris, New Pork, Chicago und Buenos Aires. In Rußland natürlich hat sie Hunderte von geheimen Spionen beiderlei Geschlechts und in jeder Lebensstellung vom Grafen bis zum Straßenfeger. Wenn der Zar auf der Eisen⸗ bahn fährt, muß aller übriger Verkehr auf der Strecke stocken, und jeder Meter des Schienen⸗

stranges wird mit Luchsaugen revidiert. Als Verbindung zwischen seiner Hauptstadt und seinem Lieblingspalaste Zarskajo⸗Sselo dient eine Eisenbahnstrecke, die nur er allein be⸗ nutzen darf.

Wenn er ins Ausland fährt, begleitet ihn eine Kosaken⸗Eskorte, die jederzeit bereit ist,

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