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Gießen, den 12. März 1905.
12. Jahrgang.
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Kurchenprag 11. Schloßgasse.
Mitteldeutsche
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Vom Arbeitsrecht.
Als das französische Volk— allen Völkern, die um ihre Befreiung ringen, ein leuchtendes Vorbild— in der großen Revolution seine Bedrücker niedergeschlagen, vernichtet hatte, da proklamierte es die Menschenrechte, da verkündete es allen die frohe Botschaft, daß die Zeit des freien Menschentums herangekommen. Es verkündete, daß Herrschaft und Knechtschaft zerbrochen, die alte Uugleichheit, welche sich uründete auf die Geburt, auf Rang, Titel, Stellung, Besitz und Aberglauben, überwunden sei. Aber die Tage der Schwachheit des Volkes kamen, eine gewissenlose, nur auf den eigenen Vorteil bedachte schlaue Minderheit, die Bour⸗ geoisie erhob sich aus seiner Mitte, betrog das Volk und schuf an Stelle der alten Vorrechte neue. Seitdem sehen wir überall die Menschen⸗ rechte, die Menschengleichheit durch eine über⸗ mütige Handvoll Leute mit Füßen getreten— unb die Langmut des Volkes duldet es schwei⸗ gend! Nein! Alle schweigen doch nicht, die Arbeiter sammelu, verbinden sich, um millionen⸗ stimmig nach neuem Recht zu rufen; nach dem Recht der schaffenden Arbeit. Diese Forderung der Proletariermassen hat einen zweifachen Sinn, sie bedeutet erstens das Recht auf Arbeit, das Recht jedes einzelnen, nützliche Verwendung zu finden für seine Kraft und zweitens das Recht der Arbeit auf ihren vollen Ertrag.
Die kulturhistorische Bewegung, welche mit der Erfindung der Buchdruckerkunst, der Ent⸗ deckung Ametikas ihren Anfang nahm und ihren Abschluß fand in der Revolution von 1848— was war sie? Sie war ein Kampf des aufstrebenden Bürgertums gegen die Waffenmacht des Adels, gegen die Verdumm⸗ ungsmacht einer finsteren Theologie, sie war das erfolggekrönte Bestreben des Bürgertums nach schrankenlosem Erwerb. In diesem ihrem Aufwärtsstreben wurden die reichen Bürger von der Menge der Besitzlosen unterstützt, ge⸗ fördert, gedankenlos hielten sich diese zu Jenen, als ob es sich von selbst verstünde. Noch ahnten die Besitzlosen nicht, daß sie mit dieser Unter⸗ stützung ihren zukünftigen mächtigsten Feind gufpäppelten. Nach ihrem Siege über das feudale Junkertum und dem absolutistischen Staat zeigte sich die Bourgeoisie in ihrem wahren Charakter; sie, die ehemals geknechtete, bedrückte nun die, die ihr zur Freiheit verholfen. Sie sog Adel und Geistlichkeit in sich auf, sie verband, vermischte sich mit beiden; Adel und Geistlichkeit wurden industriell und handel⸗ treibend, Geistlichkeit und Bürgertum kriegerisch, Bürgertum und Adel kirchengläubig posttiv. Junker, Pfaffen und Bourgeois vereinigten ihre Machtmittel zu einem dreisträhnigen Strick um das Volk zu knebeln. Sie alle hielten und halten den„großen Lümmel“ nieder durch die Waffenmacht der stehenden Heere und der Pollzei, die Verdummungsmacht der katholischen und evangelischen Jesuiten, durch den Bibel⸗ glauben in der Schule und nicht zuletzt durch die Ausbeutungsmacht des Kapitals. Gegen diese Dreieinigkeit hat das Volk, hat die Ar⸗ beiterschaft zu klämpfen, bis zum Sonnenaufgang der ungeschmälerten Menschenrechte.
Es gibt noch heute unten in der Mitte und oben naive Leute, die da behaupten, es gäbe
keinen Klassengegensatz, es gäbe nur ein Volk und dieses in seiner Einheit aufzufassen, sei politische Pflicht, es in Klassen zu spalten, sei verderblich und verwerflich. Wer so spricht, hat entweder die Sachlage nicht begriffen oder will täuschen. Ja der frühere Klassengegen⸗ satz zwischen Adel und Geistlichkeit und Bürger⸗ tum, ist bis auf wenige rudimentäre Ueber⸗ bleibsel in der Tat geschwunden, aber ein neuer tiefer gegründeterer Gegensatz tritt in viel schärferer Form als der erste hervor, zwischen den Arbeitern einer-, den Nichtarbettern anderseits. Da schreien nun die besitzenden Klassen den besitzlosen, mit schrillender, kreisch⸗ ender Stimme ins Ohr:„Wir alle sind Ar⸗ beiter!“ Dieser Ruf, er hat seinen triftigen Grund. Weil die Arbeiterbewegung gleich einer Lawine, zu riesenhaften, überwältigenden Formen anschwillt und wächst und wächst, weil diese Arbeiterbewegung das Arbeiterbewußtsein in allen Ländern mächtig erweckt, darum möchten sich jetzt auch alle Faulenzer gar zu gern als Arbeiter gerieren. Kurzweg um vom„Volke“ zu reden, achtlos über die Kluft hinwegzusehen, könnten die Arbeiter noch am ersten ihre unge⸗ heure Ueberzahl vermeiden.
Das Volk der Arbeiter schafft Güter und Werte, zum Genuß für die Besitzenden und ermöglicht erst jenen überhaupt das Dasein, das Leben. Gegenüber den oberen Zehntausend dürfen sich die Arbeiter wohl die Volksgesamtheit nennen. Das aber würde den schreiendsten aller Gegensätze nicht aufheben, sondern verschleiern, also seine Aufhebung ver⸗ zögern, er ist nun einmal vorhanden, drum soll er auch ausgesprochen werden. Im Aus⸗ sprechen dessen, was ist, liegt die Kraft, die der Menschen Gehirne mit guten Gedanken befruchtet, liegt ein Sporn, der sie zur Her⸗ stellung dessen, was anstatt des Bestehenden sein sollte und könnte antreibt.
Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen, so lautet ein gerechter Spruch, der freilich noch nie in die Tat umgesetzt worden ist, dennoch legt er Zeugnis von dem tiefen Rechtssinn der Völker ab. Aber so zweifellos wohr, so selbst⸗ verständlich er eigentlich ist, er wird stets Lügen gestraft durch die Gesellschaftsentwicklung. Sehen wir nicht, daß der Faulenzer, wenn er nur über Zinsen und Mehrwert bringendes Kapital verfügt, immer und überall die leckersten Speisen ißt, die feinsten Weine schlürft und wie ein Gigerl gekleidet herumschlendert, sich die teuersten Weiber hält, in allen denkbaren Genüssen schwelgt, während der fleißige Arbeiter hungert, darbt, friert, und seine Blößen nur mit billigsten vumpen bedecken kaun. Und dieser kolossalste, dieser widersinnigste und der klaren Vernunft unmöglich scheinende Widerspruch, dieser wahnsinnigste aller Widersprüche, spreizt sich schamlos tagtäglich auf offener Straße und man duldet ihn?— Wie? Ob man ihn duldet? Nein, man ehrt und zieht den Hut tiefer vor ihm, als vor Geßlers Stangendeckel!
Was wollen wir? Etwa die Gleich⸗ berechtigung des Arbeiters mit dem Nichtarbeiter, seinem jetzigen Herrn und die gegenseitige Ach⸗ tung beider? Nicht die Gleichberechtigung des Arbeiters allein gilt es zu erkämpfen, sondern auch die Nichtberechtigung des Faulenzers. Es gilt in weitesten Kreisen das Bewußtsein zu
erwecken, daß die Arbeit der einzige Rechtstitel ist, das nicht zu arbeiten nichts an nützlichen Güter zu schaffen, sich ohne Gegenleistung nähren, kleiden, beschuhen zu lassen, durch andere das größte, ja ein wahrhaft todeswürdiges Ver⸗ brechen ist!
Verbreiten wir diese Bekenntnis immer weiter in unseren Reihen, in den Massen des Volkes, die aus Unkenntnis und Verblendung entweder noch im Lager unserer Feinde, oder indifferent zwischen uns und jenen stehen; wir rufen damit keineswegs die schwieligen Fauste auf, sondern wir wecken die Intelligenz, die Sittlichkeit, die Ehrbegriffe des Volkes, daß es die krasse Unvernunft, die lächerliche Verschroben⸗ heit und das tief Unsinnige der gegenwärtigen Ordnung erkennen uno sich zur Aenderung der⸗ selben getrieben fühle. Die Macht dazu, sie ist beim Volke, bei den arbeitenden und schaffenden Massen, aber ste schlummert, so lange das Bewußtsein, der gemeinsame Wille die Ver⸗ ständigung fehlt.
Für die Arbeit das Recht, das Leben, den Genuß!
Politische Rundschau. Gießen, den 9. März 1905.
Im Reichstage
wurden in der letzten Woche große sozialpolitische Debatten geführt, wie ste sich bei Beratung des Etats des Reichsamts des Innern stets ent⸗ wickeln. Sehr bemerkenswert war eine Rede, die unser Genosse Fräßdorf am Donuetstag hielt. Fräßdorf ist Vorsitzender des sächsischen Ortskrankenkassenverbandes und mit der Ver⸗ sicherungs⸗Gesetzgebung außerordentlich vertraut. Er war daher in der Lage, sachverständige und eingehende Kritik daran zu öben. Den Klagen der Arbeiter und ihren Forderungen auf allen diesen Gebieten gab er Ausdruck und sprach über den ungerechten Wahlmodus bei der Wahl der Arbeiter vertreter für die unteren Verwal⸗ tungsbehörden der Invalidenversicherung, über die Ungerechtigkeiten einiger Versicherungsan⸗ stalten gegen die Invalidenrentner. Ferner forderte er einen genügenden Unfallschutz für die ländlichen Arbeiter und ihre Einbe⸗ ziehung in die Krankenversicherung und vor allem eine Zentralisatton des gesamten, heute unheildoll zersplitterten Verstcherungs⸗ wesens. Den Hauptteil seiner Ausführungen aber widmete er dem Kampf der Aerzte und Apotheker gegen die Krankenkassen. Niemand will die Berechtigung eines Teil der wirtsspaft⸗ lichen Aerzteforderungen bestreiten, niemand verschließt sich der Ueberzeugung, daß das System der freien Arztwahl große Vorzüge hat, und daß der Partei nichts ferner liegen muß, als sich von Partei wegen dagegen fest. zulegen. Aber auf der anderen Seite müssen die Krankenkassen ihre materielle Fortexistenz erhalten und ihre Selbstverwaltung verteidigen. Eingehend befaßte sich der Redner dann m dem Leipziger Aerztestreik und schilderte die arbeiterfeindliche Haltung der Aerzte und de. Regierung. Seine Darstellungen mußte selbst der sachs. Bundes bevollmächtigte Fischer und der Zentrumsmann Erzberger als richtig aner⸗ kennen. Auch Graf Posadowsky erklärte


