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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeuung.
lichen Ministers Möller nur als ein unbe⸗ holfenes Gestammel bezeichnen. Als sodann Herr Stötzel, der Renommierarbeiter des Zent⸗ rums, redete, leerte sich das Haus mit unheim⸗ licher Schnelle. Nur auf einigen Sitzen hielten ein paar Parlamentsfanatiker und Fraktions⸗ enossen des Redners aus. Und auch Herr Möller blieb, um auch noch dies über sich er⸗ gehen zu lassen. f Der Präsident Graf Ballestrem verfiel in einen leisen Schlummer, aus dem ihn Graf Posadowsky mit einer Frage aufschreckte, und als Stötzel endlich mit seiner Rede zu Ende kam, war es ¼6. Der Präfident verlas die Tagesordnung für den nächsten Tag, und wer noch bis dahin ausgehalten, verließ mit einem Seufzer der Erleichterung das Hohe Haus.
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vom Friedenszaren.
Wie hat der Friedenszar dereinst
Den Frieden warm empfohlen,
Und jeder Narr hat ihm geglaubt, In Preußen— Rußland— Polen. In Petersburg, der guten Stadt,
Da zogen Arbeitssklaven
Gar friedlich aus mit Weib und Kind Sum Friedenszar, dem braven.
Demütig wollten sie ihm nahn, Ihr traurig Los ihm schildern, Ein Stückchen Freiheit sich erflehn, Ihr Sklavenjoch zu mildern.
Doch seine Henker standen schon Bereit zum blut'gen Würgen,
Um für das Friedenszarentum
In seinem Geist zu bürgen. Kartätschen streckten haufenweis' Die Proletarier nieder,
Das war der Gruß vom Friedenszar Für seine armen Brüder.
Wie Spatzen schossen sie herab Die Kinder von den Bäumen, Nun kann das Friedenszarentum Von Heldentaten träumen.
Vom Petersburger Friedensfest, Wird man noch lange sprechen, Es war der schönste Knalleffekt Der zarischen Verbrechen! Schelm von Bremen.
Der Gottlose. Eine Dingskircher Geschichte von K. H. Diefenbach.
(Fortsetzung.)
Darauf nickten sich die Richter einander zu. Der Aussage eines solchen Mannes sei, wenn derselbe überdies noch zu den Freunden des Klägers zähle, keinen Glauben beizumessen. Der Zeuge könne sich setzen.
Der Jagdfrevel des Baldusphilipp bestand darin, daß er einmal im Winter, als seine Frau schwerkrank im Wochenbett lag und kräftig essen sollte, ein Häslein erlegte, weil er anders keinen kräftigen Bissen für die Kindbetterin beschaffen konnte.—
Dieser Vorfall gab Anlaß, daß Luise wieder ihr Haus bezog und nach schweren Entbehrungen das Angebot des nun großmütig herantretenden Gutsbesitzers annahm und ferner in seine Dienste trat gegen bessere Bezahlung und—„liebevolle“ Behandlung.
Als ich diese Geschichte erzählt hatte, war es mir im Traum, als höre ich von einer
Bank, auf welcher die Weiber saßen, lautes Schluchzen.
Ich wandte meine Augeu hin. Richtig, ein altes Weibchen hielt die Schürze vor das Gesicht und weinte gottserbärmlich. Gutsbesitzer und Bürgermeister hingegen saßen unbeweglich, als ginge sie die ganze Ge⸗ schichte nichts an.— Und ich wandte meinen Blick nach einer anderen Bank. Dieselbe stand in einer Ecke, in
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einer düsteren unfreundlichen Ecke. Man nannte sie die Sünderinnenbank, weil sich dorthin die armen gefallenen Mädchen setzen mußten.
Jetzt saßen darauf zwei Mädchen, blasse, abgehärmte Geschöpfe.
Meine Predigt ist noch nicht zu Ende, fuhr ich fort.„Luise hatte ja ein Töchterlein. Das wurde groß und verfiel in den Fehler so vieler armer Mädchen: es wurde hübsch. Als Magd kam es in den Hof, in welchem Luise arbeitete. Ein junges hübsches Ding— dem Gutsbesitzer fing die Junge besser zu gefallen an als die Alte. Doch auch sein Sohn hatte ein Augen⸗ merk für Weiberschönheit, und so lange Weib und Schönheit allein dabei in Frage kamen, hielt er es wie sein Erzeuger: so lange kannte er keine Konvenienz. Eh' noch der Herr Vater dazu kam, hatte der Sohn den Rahm von der Milch geschöpft. Bald war ein mannloses Weib mehr im Dorf; der Bursch blieb Bursch. Das Mädchen kam auf die Sünderinnenbank, der Bursch auf die Herrenbank.
Das ist die Gerechtigkeit der Gottlosen und die Ungerechtigkeit der Frommen!
Diesmal hörte ich lautes Schluchzen auf der Bank in der dunklen Ecke. Fein lächelnd aber saß der glattgescheitelte Einjährige neben seinem Vaser, dem Gutsbesitzer. Er blickte durch vie runden Scheiben der Fenster in die blaue Luft, als sei ihm nichts erzählt worden.
Ich erwachte aus meinem Traum, und ich nahm mir vor, diese Predigt wirklich einmal zu halten.“—
Solcher Art war das Wesen Kaspars. Er brauchte seine Traumgeschichte gerade nicht aus der Luft zu greifen, denn in Dingskirchen gab es und gibt es heute noch für den, der Augen hat zu sehen, Ohren, zu hören, und ein Herz, zu fühlen, Stoff genug, um ein Dutzend solcher Geschichten daraus zu formen.—
Wes das Herz voll ist, dem fließet der Mund über. Natürlich, daß Kaspar nicht immer nur im Geheimen träumte und sann; bald kam die Zeit, wo er bei jeder Gelegenheit seine Ge⸗ danken in Worte umwechselte. Er strebte darnach, das Wort Christt:„Liebet euch untereinander“, zur Geltung zu bringen, ohne aber das andere Wort zu unterschreiben:„Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, so halte ihm die linke auch dar.“ Vielmehr meinte er, daß un⸗ gerechte Schläge energisch abgewehrt werden müßten, und wer Billigkeits⸗ und Vernunfts⸗ gründen nicht Gehör schenken und stets und immer eigene Interessen über das Interesse der Allgemeinheit setzen wolle, der müsse so oder so eines Bessern belehrt werden. Man dürfe sich nicht auf das Eingreifen Gottes vertrösten und immer sagen:„Gott hat's so gewollt“. Gott wolle nicht die Ungerechtigkeit, Gott wolle die Gerechtigkeit. Es falle ihm gar nicht ein, per⸗ sönlich einzugreifen. Die Menschheit sei Herr ihres Schicksals, sie könne sich Böses oder Gutes schaffen. Das Wort:„Wenn du beten willst, so gehe in dein Kämmerlein“, nahm er buchstäblich und haßte demnach jede öffentliche zeremonielle Gottes dienerei.
„An dem, was der Mensch mit dem Munde
spricht,
Erkennt man ihn noch lange nicht;
Worte und Taten reden eigene Sprachen,
Sie mußt du um ihre Meinung fragen.“
Also schrieb er mit Kreide an seine Stubentür.
Bei einem Teil der Dingskircher galt Kaspar als Sonderling, bei anderen als Glaubensloser und bei den Frommen als ein ganz gemeiner Bösewicht.
Die ersten sagten:„Der Kerl ist ein Narr“ und ließen ihn seine Wege wandeln.
Die zweiten sagten:„Na, was ist dabei. Jeder mag auf seine Art selig werden,“ und diese kümmerten sich nicht weiter um ihn.
Die dritten hingegen verdammten ihn und sagten:„Man muß ihn niederdrücken mit seinen gottlosen, aufrührerischen Reden. So was ist in Dingskirchen bis jetzt noch nicht aufgekommen, und leicht reißt er andere mit in's Verderben.“
Es lebte in Dingskirchen eine alte Frau. Man nannte sie die Plaudertasche. Die hatte außer einem weit über die Unterlippe hervor⸗ ragenden Eckzahn keinen Zahn mehr im Munde, auch hatte sie fast kein Haar mehr auf dem
Seite 7. Kopfe. Desto mehr hatte sie deren auf der Zunge. Es zischte und sprudelte nur so
zwischen den zusammengekniffenen Lippen heraus. Man fürchtete das lose Mundwerk der Alten; aber sie war eine fromme Frau, die Plauder⸗ tasche. War Sonntags zweimal Gottesdienst, so ging sie zweimal in die Kirche, wäre drei⸗ mal gewesen, so hätte sie gewiß auch bei der dritten Andacht nicht gefehlt. Als Erste schlängelte sie sich in die Kirche, als Letzte trat ste hinaus.„War das heut' wieder ne' Predigt! Noch ein paar Stunden hätte sie dauern müssen.“ Das war ihr Lamento beim Verlassen des Gotteshauses. (Schluß folgt.)
Allerlei.
Die Staatsschulden der zivilisterten Welt
betragen die Kleinigkeit von 120 Milliarden Mark. Dabei sind Städte und Gemeinden nicht eingerechnet, deren Schulden sicherlich auch einige Tausend Millionen Mark ausmachen. Am stärksten beteiligt an den Schulden ist das Königreich Großbritannien, welche eine Schulden⸗ last von 23 000 Millionen Mark 550 Mk. pro Kopf der Bevölkerung hat. Daneben sind noch 10000 Millionen, welche Britannien über der See schuldet. Unter den englischen Kolonten hat die größte Staatsschuld Indien mit 2000 Millionen Mk. oder 6 Mk. pro Kopf. Kanada hat eine Schuldenlast von 1000 Millionen Mk. oder 200 Mk. auf den Kopf der Bevölkerung. Den Rekord im Schuldenmachen erreichte Frank⸗ reich, welches ca. 7000 Mk. pro Kopf der Be⸗ völkerung hat. Deutschland zählt 2457 Millionen Reichsschulden= 40 Mk. pro Kopf der Bevölkerung. Dazu kommen noch die Schulden der verschiedenen Bundesstaaten, Sachsen 390 Mk. auf den Kopf, Preußen 320 Mk. pro Kopf der Bevölkerung, so daß der Durchschnitt auf etwa 260 Mk. steigt.
Erwähnenswert ist noch, daß nicht soviel gemünztes Geld existiert, um eventuell die Gläubiger befriedigen zu können, und daß die gesamten Einnahmen der sechs Großmächte in Europa nebst den Vereinigten nordamerikanuischen Staaten uicht hinreichen würden, um in 10 Jahren die Staatsschulden zu tilgen. Die Zinsen verschlingen jährlich Tausende von Millionen und machen etwa 2.50 Mk. pro Kopf der lebenden Menschen aus. Trotz dieser unge⸗ heueren Schuldenlast werden die Völker immer mehr mit Marineausgaben und andern un⸗ nötigen Dingen beglückt.
Was einem König vor Allem imponiert.
Der dicke König von Portugal ist ein un⸗ gemein starker Esser und großer Gourmand und schwärmt ganz besonders für die englische Küche. Als er vor einigen Jahren sich in England aufhielt, besuchte er Lord Salisbury in seinem Schlosse zu Hatfield. Während des Diners fiel die Unterhaltung natürlich auf den königlichen Besuch und der damalige Herzog von Pork, jetzige Prinz von Wales, sagte zu dem König:„Was hat denn auf Ew. Majestät während ihres kurzen Aufenchaltes in England den größten Eindruck gemacht?“ Der König von Portugal erwiderte nach längerem Nach⸗ denken:„Hm, ich finde das englische Roastbeef schön!“—„Gewiß“, versetzte der Herzog von Vork lachend,„aber es wird doch sicherlich etwas anderes auf Ew. Majestät Eindruck ge⸗ macht haben?“—„Ja natürlich“, rief der König begeistert,„auch den englischen Kalbs⸗ braten finde ich sehr schön!“
Humoristisches
Der Innungsvorstand Bretzelmüller. „Herrgott von Mannheim! Ick könnte alle Sozial⸗ demokraten umbringen— wenn ick dann nur nich selber arbeiten müßte.(W. Jak.)
Aus Frankfurt am Main.„Na, Gustav, biste nich mehr bei die städtischen Arbeiter?“—„Nee,
gestern haben se mich entlassen, der Magistrat muß sparen fürn Kronprinzen sein Hochzeitsgeschenk.“


