Soite 6.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
1„Ar. 7. 9 60
von Nah und Fern.
Wohlfeiler Patriotismus.
Am Tage vor Kaisers Geburtstag war in Mannheimer Blättern zu lesen: Mannheimer Lagerhausgesellschaft. Anläßlich der Geburtstagsfeier Sr. Majestät Kaiser Wilhelm II. bleiben unsere Bureaux, Lagerhäuser und Verladehallen scoff reitag Nachmittage ge ossen. f 5 5 Die Direktion. So etwas macht natürlich nicht bloß Reklame für ein Geschäft, es beweist auch, daß die Firma denjenigen Grad der Königstreue und Ordnungs⸗ liebe besitzt, der den Menschen von Besitz zu⸗ kommt. Wer jedoch glauben würde, der Patriotismus der Mannheimer Lagerhausgesell⸗ schaft gehe soweit, daß die Arbeiter den ihnen aufoktroyierten Feiertag bezahlt erhalten würden, der hat keine Ahnung von den Gefühlen, welche die Direktion eines kapitalistischen Be⸗ triebes erfüllen. Selbst am Geburtstag des Reichsoberhauptes, wo unsere Patrioten vor Ehrfurcht ersterben, ist der Respekt einer solchen Direktion vor dem dreimal geheiligten Profit dasjenige Ideal, dem unter allem Umständen Rechnung getragen werden muß. Den zirka 200 Arbeitern der Mannheimer Lagerhaus⸗ gesellschaft wurde der Freitag Nachmittag ein⸗ fach abgezogen. Nicht nur daß die Firma durch ihren so reklamenhaft zur Schau getrage⸗ nen„Patriotismus“ auch nicht einen Pfeunig einbüßt, macht sie vielmehr noch ein ganz gutes Geschäft dabei; der halbe Tag, den die Arbeiter feiern mußten, wird später durch um so stärkere Antreiberei wieder eingebracht.
Das kommt von der Prügeltaktik!
Kürzlich hatten drei Herren in Festen⸗ berg(Reg. ⸗Bez. Breslau) ein recht unan⸗ genehmes, für die außenstehenden Zuschauer aber heiteres Abenteuer zu bestehen. Ju diesem Orte hatte, wie die Breslauer„Volkswacht“ berichtet, der Holzarbeiterverband eine stattliche Zahl Mitglieder gewonnen, zum Aerger der Tischlermeister, die eine Aussperrung der Ver⸗ bands⸗Mitglieder planten. Um dem rechtzeitig entgegenzutreten, wurde von Verbandswegen ein Flugblatt verteilt, das gegen das Auftreten der Innungsmeister Front machte. Die Ver⸗ teiler der Flugblätter waren von außerhalb und nack geleisteter Arbeit alsbald aus Festeu⸗ berg fort. Um so größer war der Aerger der Tischlermeister, daß sie solchen Bösewicht nicht erwischt hatten. Beim Glase Bier und einer Pfeife Tabak waren einige von ihnen abends im Sommerkornschen Lotale versammelt und wetterten mörderlich auf die vermaledeiten Sozialdemokraten, die die Leute aufhetzten ꝛc. ꝛc. Da traten drei unbekannte jüngere Personen herein, die sich ein Glas Bier hestellten, ohne sich um die scheltenden Staatsstützen sonderlich zu kümmern. Diese aber fingen nun erst recht an, auf die Sozts zu schimpfen und den Fremd⸗ lingen böse Blicke zuzuwerfen. Aber ihr Be⸗ mühen war umsonst, die Fremden reagierten nicht darauf. Zwischen 11 und 12 Uhr Abends traten sie au den Wirt heran mit der Bitte, ihnen ein Nachtlager zuzuweisen. Da kamen sie aber saön an:„Anständige Menschen suchen so spät kein Nachtquartier“ erklärte der Wirt, „und Bier schente ich auch nicht ein.“ Wieder wurde ihnen das liebliche„verfluchte Sozial⸗ demokraten“ zugerufen. Da drehte sich einer von ihnen um und sagte:„Ste sind wohl ein größerer Sozialdemokrat als wir!“ Im Nu war der Sprecher und die beiden anderen gepackt, hatten ein paar Schläge ins Gesicht weg und waren aus der Tür befördert. Drauzen gab es auch noch Schläge. Ein Tischlergeselle nahm sich schließlich auf der Straße der so Verprügelten an und schaffte ihnen Obdach im Bahnhofshotel. Am anderen Morgen hatten die drei biederen Tischlermeister einen„Moralischen“. Sie erfuhren nämlich, daß die Opfer ihrer Mißhandlungen gar keine Sozialdemokraten waren, sondern—— ein Arzt, ein Pfarrvikar und ein Lehrer, sämtlich aus der Idiotenanstalt in Kraschnitz!
Diesmal waren die Prügelmeister an die falsche Adresse gekommen, denn die reisenden„Sozis“ hatten sich nicht erwischen lassen. Das Ganze ist aber ein hübscher Beleg dafür, mit welchen geistigen Waffen die Arbeiterbewegung auf dem platten Lande„bekämpft“ wird.
Ein versorglicher Selbstmörder.
Der nach einem Familienstreit seit einiger Zeit von seiner Familie getrennt lebende Berg⸗ mann Stutzer hat am 30. v. M. in Ems Selbstmord verübt. Er kaufte sich einen Sarg und ließ ihn in seine Wohnung bringen. In diesen legte er sich hinein und schoß sich dann aus einem Revolver eine Kugel in den Kopf, die ihn sofort tötete. Ein Sohn Stutzer's hat in der Sonntag⸗Nacht den Weinhändler Jakobs überfallen und tötlich verletzt. Es ist möglich, daß diese Tat mit der des Vaters Stutzer's in ursächlichem Zusammenhang steht.
Im Reichstagshause.
Der„Schwäbischen Tagwacht“, schreibt ein Stuttgarter Genosse folgende Schilderung seines Besuches im Reichstage, die unsere Leser gewiß ebenfalls interessieren wird:
Wem von all den Lesern unserer Tages⸗ presse, die mit Interesse den Verhandlungen im Reichstage folgen, ist nicht schon der Wunsch aufgesttegen, einer solchen Sitzung beizuwohnen, und sei es auch nur ein einziges Mal?
Er steht im Geiste den weiten Saal, in dem die Erlesenen der Nation auf Grund des Wahlrechts— mit und ohne Mogelei— ihre Plätze drücken, sieht auf hohem Sessel den greisen Prästdenten— der nebenbei noch die angenehmen Eigenschaften eines Grafen und „Millionesers“, wie der Berliner sagt, besttzt — thronen, und vergegenwärtigt sich, wie Bebel oder Vollmar der Regierung mit großem Pathos ihre Anklagen entgegenschleudern. Aber was ist die regste Einbildungskraft gegenüber der Wirklichkeit! Es plagen einen immer noch Skrupel und Zweifel, ob uns nicht die beste Imagination einen Possen spielt, und das Ding ganz anders aussieht.
Für die Mehrzahl der Sterblichen wird es freilich beim Wunsche bleiben, sie werden die heiligen Räume, in deren Mauern die Vertreter des Kapitalismus ihre unheiligen Geschäfte ab⸗ schließen, kaum von außen, viel weniger von innen sehen.
Denn es ist keine so einfache Sache, Ein⸗ trittskarten zu einer Sitzung zu erlangen. Für den allgemeinen Gebrauch stehen nur 40 Plätze zur Verfügung, die übrigen sind an die Frak⸗ tionen verteilt, wobei auf unsere Vertretung zirka 20 Karten kommen.
Nach mehreren vergeblichen Versuchen ver⸗ danken wir der Freundlichkeit eines württem⸗ bergischen Reichsboten den Eintritt.
Das Meisterwerk Wallots kann nur von berufener Feder geschildert werden. Der Laie muß sich mit einem„großartig“ begnügen, wobei sich ein dritter natürlich nichts denken kann.
Was selbst dem Nichtarchitekten auffällt, das ist die niedrige Lage der herrlichen Kuppel im Verhältnis zu den vier Eckpfeilern des gigantischen Baues. i
In der Nähe gesehen verschwindet sie fast
anz, und macht so den Eindruck eines kleinen hlinderhütchens, den sich der dumme August im Zirkus auf seinen großen Kopf setzt. Der Bau ist dadurch„verschandelt“.
Von dem Despoten Nikolaus erzählt man, daß er beim Bau der Bahn von Petersburg nach Moskau den Plan der Ingenieure, der sich dem schwierigen Gelände anpaßte, dadurch über den Haufen warf, daß er seinen Degen auf die Karte legte, einen schnurgeraden Strich zog und bestimmte:„So wird die Bahn gebaut!“ Die Bahn mußte durch Sümpfe und unbevölkerte Landstriche gebaut werden, wodurch sie furchtbar teuer und unrentabel wurde.
Ist die Geschichte vielleicht auch nicht wahr, so illustriert sie doch aufs trefflichste die Macht der Despotenlaunen in— Rußland. Von der Reichstagskuppel spricht man ähnliches. Dem
Kaiser Wilhelm II. habe der Plan mit der überragenden Kuppel vorgelegen, er habe aber bestimmt: der Bau wird nicht höher als das kaiserliche Schloß, und der Erbauer habe sich gefügt, um nicht das Ganze zu gefährden.
Vielleicht bringt die Zukunft hier eine Aende⸗ rung. Unser Mentor führt uns die breiten teppichbelegten Stufen, an„dienernden“ Dienern vorüber in die Wandelhalle, in deren Mitte ein weißer Marmorblock, der Schlußstein des Gebäudes, als kleines Verkehrshindernis ein⸗ e ist. Links geht die Treppe zu den
ribünen ab, ein Diener weist uns unsere Plätze an.
Sie befinden sich an der einen Längsseite des Saales. An der linken schmalen Seite befindet sich die Hofloge, gegenüber die Jour⸗ nalistenloge. Uns gegenüber an der andern Längsseite des Saales sind die Sessel des Prästdiums, des Bundesrates, die Ministerplätze.
Das Parkett birgt die Bänke der Abgeord⸗ neten. Vom Präsidium aus links, auf der „äußersten Linken“ sitzen unsere Leute. Wir bemerken Auer, Vollmar, Dietz, Bebel, Singer, Molkenbuhr, außerdem Hué, Bömelburg, Lede⸗ bour, Lindemann, Sperka usw.
Die Rechte ist schwach besetzt. Die auf⸗ fallendste Erscheinung ist hier Kardorff, der Gründer der Laurahütte, der Einpeitscher der Majorität bet den Zollverhandlungen von 1903. Wir erkennen ihn aus den Zeichnungen des „Wahren Jakob“. Dieser 77 jährige Meergreis wandert ruhelos hin und her, als treibe ihn das böse Gewissen. Das Zentrum, das uns seine Schattenseite oder eigentlich Vollmondseite zuwendet, ist auch leidlich vertreten, ebenso die bürgerliche Linke. f
Am Mirnistertische sitzen der Reichskanzler, der Minister Möller und Graf Posadowsky. Auch hier leistet die Erinnerung an die Bilder 15„Wahren Jakob“ den sicheren Erkennungs⸗ ienst.
Der Saal erhält durch die Decke, die voll⸗ ständig aus Glas ist, hinreichende Tagesbeleuch⸗ tung. Die hohe Holzbekleidung ist in gelb ge⸗ halten. Die menschlichen Figuren unter dem Plafond sind in weiß und gold. Alles macht einen soliden, geschmackvollen Eindruck, ohne Ueberladung.
Auf den Tribünen spielen die Operngucker, unten lesen, schreiben und erzählen die Abge⸗ ordneten, bis die Glocke des Präsidenten ertönt. Mit leiser Stimme, uns völlig unverständlich, liest der Präsident die Tagesordnung vor und erteilt dem Abg. Hué zur Begründung der Interpellation über den Streik im Ruhr⸗ gebiet das Wort.
Es herrscht allgemeine Aufmerksamkeit. Der Reichskanzler kreuzt die Arme über die Brust und besieht sich„inwendig“. Möller hält den Bleistift kampfbereit, während Graf Posadowskz die Haltung des unbeteiligten Zuhörers annimmt.
Ruhig und schlicht beginnt Hus seinen Vor⸗ trag. Die Aufregung und Arbeit der letzten Wochen haben scharfe Linien in das Gesicht des leidenden Mannes eingezeichnet. Er scheint um Jahre gealtert.„Ich frage also: Was will die Regierung tun für die Sache der Gerechtigkeit?“ schloß Hus seine An⸗ klagerede.
Ja, was wird die Regierung tun, was wird sie durch den Mund ihrer Vertreter sagen lassen? Und der Reichskanzler sprach! Und wie sprach er! Die Daumen und Zeigefinger in der Westentasche vergraben, wie ein trinkgeld⸗ hungeriger Kellner, der einen„Fünfer“ sucht, begann er seinen Speech. Eine harte, deutliche Stimme, ein eigentümliches und nicht zu be⸗ schreibendes Mienenspiel, das auf mich geradezu grotesk wirkte, sind die äußeren Mittel, mit denen der Kanzler„arbeitet“. Langsam, scharf akzentuiert, wird jedes Wort herborgestoßen, als koste es ein Goldstück. Die rechte Hand leitet jeden Satz mit einer Geste ein, die viel- leicht elegant ist, und verschwindet dann wieder mit zwei Fingern in die Tasche der Weste oder ganz in die Hoseutasche.
War nun die Rede des Kanzlers nichts mehr als ein gut stilisiertes Geschwätz, das leidlich anzuhören war, so kann man die zu⸗ sammenhanglosen Aeußerungen des verantwort⸗
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