Ausgabe 
12.2.1905
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 7.

Pon Nah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

In der Stadtverordneten sitzung am Donnerstag wurde mitgeteilt, daß 40 000 Mk. städtischer Zuschuß für die Ein⸗ quartterung geleistet werden mußte. Ein ganz ansehnliches Opfer, das dem Militaris⸗ mus gebracht werden mußte. Der landwirtsch. Provinztalverein will hier eine neue Ziegen⸗ zuchtstation errichten und verlaugt von der Stadt Gelände und Geldmittel dazu. Es wäre das eine Ausgabe von 2000 Mk. pr. Jahr. Wird abgelehnt und es bleibt bei den früheren Beschlüssen, wonach der Ziegenzucht⸗ verein die Bockhaltung übernimmt. Wegen Einrichtung eines Zuchtviehmarktes hat eben⸗ falls der landw. Provinzialverein eine Eingabe gemacht. Man will dem Ansuchen entgegen- kommen und weiter verhandeln. Der 8 Uhr⸗ Ladenschluß ist in den Gold⸗ und Silber-, Eisen⸗ und Schreibwaren ꝛc. Geschäften einge⸗ führt worden, da sich die Mehrheit der betr. Geschäftsinhaber dafür erklärten. Stadtverord⸗ neter Krumm brachte die Zustände auf der Bahnhofstraße bei der Anatomie zur Sprache, gegen die etwas getan werden müsse. Der Schmutz dort macht die Straße fast unpassierbar. Der Oberbürgermeister erklärt, es sei eine schwere Sache, chaussierte Straßen sauber zu halten, was möglich sei, solle getan werden. Schließlich wird noch über Mittel zur Beseiti⸗ gung der Schnakenplage debattiert.

Im Konsumverein Gießen und Umgegend hat die anfangs Januar vorge⸗ nommene Inventur ein recht günstiges Resultat ergeben. Während im vorigen ganzen Ge⸗ schäftsjahre an Einnahmen 24500 Mk. zu ver⸗ zeichnen waren, betragen sie in den ersten 6 Monaten des laufenden Geschäftsjahres bereits über 20000 Mk. Auch die Mitgliederzahl nimmt stetig zu. In den vergangenen 7 Monaten traten 77 Personen bei, gegen 42 im ganzen vorhergehenden Jahre. Im Allgemeinen zeigt also die Genossenschaft eine zufriedenstellende Entwicklung, wenn auch die Zahl der Mitglieder im Verhältnis zu der zahlreichen Gießener Arbeiterschaft immer noch als mäßig bezeichnet werden muß. In dieser Beziehung steht Marburg bedeutend besser da.

Der Wahlverein hält diesen Samstag seine Generalversammlung ab. Be⸗ züglich der Tagesordnung sei auf das Inserat verwiesen. Die Mitglieder wollen sich recht zahl⸗ reich einfinden.

Gewerkschaftskartell. Die nächste Sitzung findet Freitag, 17. Februar bei Orbig statt. An alle Gewerkschaften ergeht das Ersuchen, die Wahl ihrer Vertreter, deren Mandatsdauer abgelaufen ist, sofort vorzunehmen.

Abenteuer einesbesseren Gießener Bürgers in Frankfurt. Anfangs November v. J. machte Herr Fabri⸗ kant Carl Fießer von hier einen Ausflug in den Rheingau, um sich mit seiner Frau dort an einem Winzerfeste zu beteiligen. In seiner Weinlaune machte er auf dem Frankfurter Hauptbahnhofe einen Mordskrach. Schon am Postschalter benahm er sich so unanständig, daß ein Kaufmann sich dies verbitten mußte. Bei dieser Gelegenheit schlug er dem Wagenbauer Maibaum links und rechts an die Ohren. Hier ist meine Karte, wenn Sie was wollen; ich bin Reserve⸗Vizewachtmeister! sagte er recht prahlerisch zu Maibaum. Als jetzt derjuristisch gebildete Fabrikant, wie er sich selbst nannte, auf die Woche gebracht werden sollte, gebärdete er sich wie rasend.Sie Drecksack, ich haue Ihnen ein paar runter! meinte er zu dem Schutzmann Pfannmüller. Auch leistete er diesem Widerstand. Nur mit großer Mühe konnte er auf die Wache gebracht werden; hier ging dann der Krach wieder los.Telegraphiere mal an Wilhelm(gemeint war der Kaiser) und an Schulenburg, damit die wissen, wie es einem in Frankfurt geht, sagte derjnristisch gebildete Fabrikant zu seiner Frau. Auch beleidigte er hier einen anderen Schutzmann durch Ausdrücke, wieRindvieh unddreckiger Kerl.Die Frankfurter Polizei habe ich schon

mehr blamiert, sie fällt auch diesmal mit mir hinein, meinte er weiter und schlug dabei heftig auf den Tisch. Wegen dieser Frech⸗ heiten hatte sich der Herr vergangene Woche vor dem Frankfurter Gericht zu verantworten. Er kam außerordentlich billig davon. Es wurden im ganzen vier Vergehen angenommen zwei tätliche Beleidigungen darunter wofür Fießer mit ganzen 130 Mk. Geldstrafe belegt wurde! Er kann froh sein, so milde Richter gefunden zu haben. Ein Arbeiter, der sich solche Roheiten erlaubt hätte, wäre schwerlich so gut davon gekommen. In der Familie Fießer scheint man überhaupt etwas rabiat ver⸗ anlagt zu sein. Vor längerer Zeit kam ge⸗ legentlich einer Wahl einer unserer Flugoblatt⸗ verteiler auch in das Fießer'sche Haus an der Ecke der Moltke⸗ und Grünbergerstraße. Höflich grüßend übergab er dem Dienstmädchen ein Flugblatt, das es ihrer Herrschaft brachte. Kaum war unser Genosse wieder aus der Haus⸗ türe getreten, als eine ältere Dame wütend das Fenster aufriß und ihm das Blatt zu⸗ sammengeknäult nachwarf mit dem Rufe:Das ist ja sozialdemokratisch!Aber natürlich, gute Frau! sagte der Verteiler und zog lachend weiter.

Aus dem Rreise gießen.

Lollar. Genosse Dr. Michels hält Freitag, 10. Februar, Vortrag über:Das Eingreifen des Arbeiterstandes in die Geschichte. (Von der Revolution 1848 bis auf den heutigen Tag.) Damit schließt die Vortragsreihe. Leider war in der vorigen Nummer die Bekanntgabe der Versammlung, die wiederum imSchwanen stattfindet, versäumt worden, hoffentlich erhalten unsere Lollarer Leser das Blatt am Freitag Abend noch rechtzeitig.

b. Staufenberg. Das Winterfest des Volks⸗ vereins am Samstag war recht zahlreich besucht und nahm den besten Verlauf. Diefreie Burschenschaft Staufenberg war vollzählig vertreten und verschiedene Genossen waren trotz der schlechten Witterung aus Mainzlar hierher geeilt, um sich an dem soz. Arbeiter⸗ feste zu beteiligen. Allen, die es unterstützten, sei Dank gesagt!

n. Heuchelheim. In einer Tabakarbeiter⸗ versammlung sprach am Montag Abend Genosse W. Herrmann aus Wiesbaden über:Die Lage der Tabakarbeiter und was bietet der Deutsche Tabakarbeiter⸗ verband. Redner schildert die Unterstützungseinrich⸗ tungen des Verbandes, geht im Weiteren auf die er⸗ bärmliche Lage der Tabakarbeiter ein und spricht die Hoffnung aus, daß endlich auch die Tabakarbeiter und ⸗Arbeiterinnen Gießens und Umgebung zum Erwachen kommen müßten. Hier in der ganzen Gegend ist der Wochenlohn auf das Riedrigste bemessen. Für männ⸗ liche Arbeiter beläuft sich der Wochenlohn durchschnittlich auf 1012 Mk., für weibliche etwa 6-10 Mk. Hausarbeit wird noch geringer entlohnt. Der Referent schließt mit der Aufforderung an die Anwesenden, unter denen sich auch etwa 12 Arbeiterinnen befanden, den Wert der Organisation zu erkennen und fich dem Tabak⸗ arbeiterverbande anzuschließen. In der darauffolgenden Diskussion wurde hervorgehoben, daß eine einheitliche Agitation für den ganzen Bezirk arrangiert werden möchte. Herrmann stimmt diesem zu und es wird be⸗ schlossen, am 19. Februar(Sonntag) wiederum eine Tabakarbeiter⸗Versammlung im Lokale Rinn in Heuchel⸗ heim und dann in anderen Orten weitere stattfinden zu lassen. Nach einem kurzen Schluß wort den Referenten ließen sich einige der Anwesenden in den Verband auf⸗ nehmen,

T. Alten⸗Buseck. Seit kurzer Zeit be⸗ schäftigt man sich hier wieder recht lebhaft mit dem Bahnprojekt Gie ben⸗Beuern. Be⸗ reits vor vierzehn Tagen fand dieserhalb hier eine kombinierte Gemeinderatssitzung der Orte Beuern, Alten⸗Buseck und Wieseck statt, um ge⸗ meinsame Schritte zur Förderung besagter An⸗ gelegenheit zu tun. Leider glänzte Wieseck bei dieser Sitzung durch Abwesenheit. Zur Ehre Wiesecks wollen wir annehmen, daß der Mehr⸗ zahl die Sache unbekannt war, sonst müßten wir lebhaft bedauern, daß man in Wieseck einem Kulturwerk so wenig Juteresse entgegenbringt. Von den ca. 200 Arbeitern, die täglich von Alten⸗Buseck ihrem Erwerb in Gießen nachgehen, fährt schon jetzt eine große Zahl von Rödgen ab nach der Arbeitsstelle, bei Wegeverhältnissen,

die lebhaft an Rußland erinnern, und wird von ihnen das Projekt mit Freuden begrüßt.

Ebenso sehr wünscht man in Beuern die Durch⸗

führung des Planes, des außerordentlich starken

Frachtverkehrs wegen. Hoffen wir, daß diesmal

die Bemühungen den nötigen Erfolg haben 4

mögen.

r. Watzenborn⸗Steinberg. Der sozialdemokr. Wahlverein hielt am Sonntag seine gut besuchte Generalversammlung ab. Aus dem Vorstands⸗ und Kassenbericht ging hervor, daß der Verein auch im ver⸗ gangenen Jahre gute Fortschritte gemacht hat. Es fanden 10 Mitglieder⸗ und 1 Volksversammlung statt. Die Parteipresse weist folgenden Abonnentenstand auf: Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung 64 und Frankfurter Volksstimme 5 Abonnenten. Der Bibliothek⸗Bericht zeigt, daß die Genossen noch mehr die Bücher und Schriften zur Hand nehmen und ihr Wissen bereichern müssen, um für unsere Sache wirken zu können. Die Vorstands⸗ wahl ergab die Wiederwahl des seitherigen Vorstandes. Ferner wurde noch beschlossen alsbald zwei öffentliche Volksversammlungen abzuhalten, eine in Watzenborn und eine in Steinberg und als Referenten hierzu den Genossen Dr. Michels zu gewinnen. Für die streiken⸗ den Bergleute wurden 7 Mk. aus der Vereinskasse bewilligt. Zum Schluß gab der Vorsitzende einen Rückblick auf die politischen Ereignisse des Jahres 1904. Seine Ausführungen wurden mit Beifall aufgenommen.

r. DerSieger. Bekanntlich eilen unsere Pa⸗ trioten von Sieg zu Sieg. Auch wir können von einem Siege eines unserer Patrioten berichten. Saßen da neulich die Ordnungssäulen, der Kriegervereinsprästdent Leicht und der Weißbinder Johs. Sommer V. in Watzen⸗ born in einer Wirtschaft beisammen. Im Laufe des Gesprächs gerieten die Beiden in Wortwechsel, welcher in eine solenne Keilerei ausartete. Leicht, der sich so tapfer hielt wie unsere Truppen in Afrika gegen die Hereros, bliebSieger, Während dieserHeld nun endlich einenSieg davon getragen hat, trotzdem er schon manchmal bei Gemeinderatswahlen daneben siegte, liegt der bestegte Sommer im Bett und wird überzeugt sein, daß man gegen einen solchenHelden nicht kämpfen kann. Tief bedauerlich ist es aber, daß es auch immer noch Arbeiter gibt, die solchen Leuten nach⸗ laufen und sich zu Zwecken gebrauchen lassen, die für einen denkenden Arbeiter lächerlich sind. Auch hier tut noch Aufklärung not.

r. Hauskollekte für Kriegervereins zwecke.

In Watzenborn⸗Steinberg ließ neulich der Krieger⸗ vereinspräfident durch die Ortsschelle bekannt machen, daß eine Hauskollekte vorgenommen werde, deren Erlös zu Unterstützung hilfsbedürftiger Kameraden und an solche, die vom Militär abgingen und sich einen eigenen Herd gründen wollten, sowie an Kriegervereins mitglieder, die Kinder aus der Schule bekommen, verwendet werden solle. Wenn die Kriegervereine derartige Unterstützungen geben wollen, so wird gewiß kein Mensch etwas dagegen haben. Die Oeffentlichkeit sollen sie aber damit

ungeschoren lassen, oder sich wenigstens nur an die

Leute wenden, die stets mit ihrem Patriotismus hausteren gehen. Wie wir hören, ist die Kollekte auch sehr mager ausgefallen.

r. Großen⸗Linden. Hier wurde am Donnerstag voriger Woche der Apothekenbesitzer Paul Zander ver⸗ haftet und nach Gießen in Untersuchung eingeliefert, weil er sich in zahlreschen Fällen an schulpflichtigen Mädchen in unsittlicher Weise vergangen hat. Dieser Schweinepelz hat, trotzdem er schon vielmals verwarnt wurde und trotzdem er schon mehrmals Buße bei den betreffenden Eltern getan hat, seine Schweinereien nicht lassen können. Endlich ist er an den Unrechten ge⸗ kommen und wird nun seine verdiente Strafe bekommen.

* Das Spielen mit Schießgewehren hat am Samstag in Niederweisel ein Opfer gefordert. Ein junger Bursche erschoß dort den Schuhmacher Häuser in dessen Wohnung mit einem Flobertgewehr, das er in der Meinung, es sei nicht geladen, scherzweise auf H äuser anlegte.

Aus dem Rreise Als sesd⸗Cauterbach.

* Die Gründung der Freien Turner⸗ schaft in Alsfeld hat dieDeutschen Turner und andere Leute in Erregung gebracht. Herr Maler Martin schickte uns eine Zuschrift, in der er unserem Berichterstatterfrivole Lüge vorwirft, weil in dem Bericht in letzter Nummer ein Herr Martin als Redner in der Versammlung genannt ist. Herr Martin erklärt, daß er weder in der Versammlung war, noch dem Alsfelder Turnverein angehöre. Nun, ein Redner namens

Martin trat in der Versammlung auf, es gibt

doch schließlich mehrere dieses Namens dort. Es liegt eine einfache Verwechselung vor, für die wir Herrn Martin um Entschuldigung bitten. Er hat aber nicht das Recht, von frivoler Lüge zu reden, denn Lüge ist, wenn jemand bewußt die Unwahrheit sagt. Das liegt hier nicht vor, kommt bei uns überhaupt