Sodte 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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Von Nah und Lern.
Abgeblitzte! Sittlichkeitsretter.
Den Karlsruher Sittlichkeitsfexen hat der dortige Stadtrat eine derbe, aber verdiente Lektion erteilt. Eine Eingabe, die angeblich von 3468 Frauen und Jungfrauen unterzeichnet war, hatte beim Stadtrat Verwahrung eingelegt gegen den kürzlich von Professor Billing er⸗ stellten Stefansbrunnen, der eine übermächtige nackte weibliche Figur darstellt. Die unter⸗ zeichneten Frauen und Jungfrauen verstcherten, daß diese nackte Figur das weibliche Austands⸗ gefühl verletze und ein Verderben sei für das Schamgefühl der heranwachsenden Jugend. Die Antwort des Stadtrats auf diese Eingabe war der im amtlichen Protokoll mitgeteilte Beschluß, dem Einspruch der betr. Frauen und Jung⸗ frauen keine Folge zu geben,„da der Brunnen nicht vereigenschaftet ist, das Anstandsgefühl zu verletzen, wenn man ihn mit anständiger Gesinnung betrachtet“.
Der heilige Nock von Trier.
Vor dem Schwurgericht in München hatte sich der verantwortliche Redakteur der„Süd⸗ deutschen Montagsztg.“, August Richter, wegen Verbrechens gegen die Religion zu verantworten. Er hatte in seinem Blatte einen abfälligen Ar⸗ tikel über den„heiligen Rock“ in Trier und in einer andern Nummer kritische Bemerkungen gegen eine Münchener Fronleichnamsprozesston veröffentlicht. Nach Vernehmung der Sach⸗ verständigen, welche sich für den Angeklagten unerwartet günstig gestaltete,— ein katholi⸗ scher Sachverständiger erklärte es für zweifel⸗ los feststehend, daß der Trierer„heilige Rock“ unecht set— wurde er unter Begeisterung des Publikums freigesprochen.
Aus„besseren“ Kreisen. Die Strafkammer in Breslau verurteilte
am 1. Dezember den Oberstabs arzt a.
D. und gl. Kreiswundarzt Dr. Oskar Gellner wegen Beeleldigung der Frau Oberleutnant Becker in TViesbaden zu zwei Monaten Gefäng n? Der Verurteilte hatte an Frau Becker und au den Staatswalt in Wiesbaden anonyme Schrei ben gerichtet, in welchen er Frau Becker der Erbschleicheret, des Meineides und der Verleitung zeim Meineide bezichtigte.
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Schillers geistige Entwicklung. Dr. R. Strecker. (Fortsetzung.)
Jetzt begann ein unstetes Wanderleben, zwar durch manche Sonnenblicke erhellt, wie durch die Gastlichkeit der Mutter eines Schulfreundes, der Frau v. Wolzogen, und durch die Stellung als Theaterdichter in Mannheim(Juli 1783 bis August 1784), die seinem Stück„Kabale und Liebe“ einen durchschlagenden Erfolg brachte, aber auch reich an Enttäuschungen: sein, Fiesko“ fand geringen Anklang, die Last seiner Schulden wurden immer drückender, seine Gesundheit litt unter dem ungesunden Klima.
J. Da bot ihm der sächstsche Oberkonsistorialrat Körner, der Vater des bekannten Dichters, die rettende Hand. Durch ihn wurden die Schulden getilgt, und als sein Gast, April 1785 bis Juli 1787 zuletzt auf Körners Weinberg in Loschwitz bei Dresden, lebte Schiller körperlich und vor allem auch geistig neu auf. Dank⸗ bar, wie eine Pflanze für Sonnenlicht, öffnet er unter dem wohltuenden Eindruck dieser Freundschaft die Augen für alles Schöne der Welt. Der prachtvolle jubelnde Hymnus„An die Freude“ ist die bleibende Frucht dieser Stimmung und noch deutlicher spiegelt sich die innere Wandlung im„Don Carlos“, wodurch das Stück als Kunstwerk freilich widerspruchs⸗ voll wird und manches verliert, als Zeugnis für die Entwicklung einer Menschenseele dagegen uur um so mehr gewinnt. Die Wurzeln dieses Trauerspiels stecken noch in jener erstgeschil⸗ derten Lebensperiode und aus ihnen schien zu⸗ nächst nichts anderes hervorgehen zu wollen als ein düsteres Familiendrama, gleich den übrigen der Sturm und Drangzeit, mit dem
Gegensatz des liebenden königlichen Jünglings zum Vater, der ihm die Braut fortheiratet, als Hauptgegenstand. Jetzt aber tritt mehr und mehr der Freund des Titelhelden, der Marquis Posa, in den Vorder grund, mit seinen kühnen politischen Freiheitstdealen, die als Programm⸗ worte der Zukunft heute noch Tausenden aus dem Herzen gesprochen sind,“) und die den⸗ jenigen, die an deren ewige Unausführbarkeit glauben, immerhin sovlel von der geistigen Ent⸗ wicklung des Dichters bezeugen, daß er aus persönlich beschränkten Interessen heraus, sich emporgerafft hat zum ernsten Nachdenken über „der Menschheit große Gegenstände,,„Herr⸗ schaft und Freiheit“, wie Schiller sie mit so vielsagender Kürze im Prolog zum„Wallen⸗ stein“ bezeichnet. Und wenn er auch der Marquis schließlich infolge einer Reihe verhängnisvoller Miß verftänduise untergehen läßt, so ist doch das Erhebende und Versöhnende an dieser, wie an jeder andern großen Tragödie, der Glaube au die Unsterblichkeit wenigstens der idealen Ziele, für die der Held sein Leben opfern muß. Mit den Worten„Herrschaft und Freiheit“ ist dasjenige Problem bezeichnet, welches fortab wie ein Grundton aus allen Werken Schillers, aus seinen lyrischen wie dramatischen, aus seinen philosophischen wie geschichtlichen hervorklingt. Wie weit die Mensch⸗ heit, das Volk, der Einzelne frei sein müsse, von wem und wie jede Art der Herrschaft aus⸗ geübt werden dürfe, die Begriffe der Denkfrei⸗ heit, der sittlichen Freiheit und der politischen Freiheit, sie beschäftigen sein Nachdenken un⸗ ausgesetzt. Und mag man sich zu seiuen Lösungs⸗ versuchen stellen, wie man will, das ist gewiß, daß seine Schriften ohne Anerkennung seines ehrlichen Strebens, ohne Dank für seine reichen Anregungen kein denkender Leser aus der Hand legen wird. Wo man ihm aber zustimmen kann, da wird die Freude darüber noch erst zu einem vollkommenen Genuß durch die einzig⸗ artige künstlerische Form, in der auch die schwierigsten Gedanken geboten werden. (Fortsetzung folgt.)
N
S— 2. 5 Unterhaltungs-
A
Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.
4(Fortsetzung.)
blick gekommen war, hatte er allerlei Ausstüchte bei sich selbst gefunden und die Folge war ge⸗ wesen, daß der Minister seine Wünsche gar nicht kannte. Es war zu bezweifeln, ob viel damit verloren wurde, aber Frau Werner und ihre Tochter waren völlig davon überzeugt, und der Beamte hatte bereits manchen gelegentlichen Verweis deshalb hören müssen. Auch jetzt zog er sich wieder einen solchen zu und seine Be⸗ hauptung, daß ein Krämer besser sei als ein Minister, war nicht geeignet die Damen auf auf andere Gedanken zu bringen.
„Und auf fünf Jahre!“ seufzte Frau Werner, „als ob unsere Malvine sich niemals verbessern könnte!“
„Vielleicht ja, aber vielleicht auch nicht; man weiß was man hat, aber man weiß nicht, was man erhalten kann,“ erwiderte der vorsichtige Werner, dessen vieljähriges Beschreiten des⸗ selben ausgelaufenen Weges jeden Gedanken an ein Wagnis oder ein Veränderung ausge⸗ löscht hatte.
* Es ist für die Lebenskraft des Dichtwerks kein schlechtes Zeichen, daß man in Rußland noch eben 1 zu haben glaubt, seine Aufführung verbieten zu müssen.
„Eine Beamtentochter mit so viel Talent und mit so vielen Kenntnissen wie unsere Malvine!“ 1
„„Mutter“, fiel Malvine ihr in die Rede, währende sie ihre Augen von dem blauen Himmelsstreifen abwendete. In ihren Augen glänzte eine Thräne, die genugsam verriet, daß auch ste nicht allzu sehr für ihre neue Stellung eingenommen sei.
„Ja, Kind, ich muß es sagen: ein Mädchen mit so viel Talent und die so hübsch ist wie du, sollte nicht Gouvernante bei einem Krämer werden und hätte dein Vater sich eine Audienz erbeten, oder mit Frau von Brau gesprochen, so würbe die Sache ganz anders gekommen sein. Aber, daß du nun fünf Jahre lang bei Taubermanns im Hause sein sollst, die in der 11 Stadt bekuͤnnt sind als— als— 0—
„Als was denn nun?“ frug Werner.
„Es hat nichts weiter zu sagen, die ganze Stadt kennt ste, und es ist keine Stellung für eine Beamtentochter. Ich begreife nicht, daß du es angenommen hast.“
„Ich freue mich sehr darüber, daß Malvine es getan hat,“ entgegnete das Haupt der Fa⸗ milie,„und der Erfolg wird zeigen, daß sie ausgezeichnet versorgt ist.“
„Wir hatten doch verabredet, liebe Mut ter daß ich jedes Anerbieten annehmen solle,“ er⸗ widerte Malvine,„und als ich zu Taubermanns ging, warst du selbst damit einverstanden.“
Dies war auch so, aber es ist ein großer Unterschied, ob man einverstanden ist mit etwas, was noch geschehen soll, oder mit etwas, was geschehen ist; sonst hätten wir das Wörtchen Reue nicht nötig. Dies Wort kam auch jetzt wie immer zu spät. Mal vine hatte stch Tauber⸗ manns gegenüber gebunden und alle Ideale, die sie sich in Bezug auf ihre Zukunft gemacht hatte, waren damit vernichtet. War sie auch noch so ausgezeichnet versorgt, die Stellung als Gouvernante im Hause eines Krämers entsprach
keineswegs den Vorstellungen, die sie sich für
ihr folgendes Leben gemacht hatte. Sie wünschte allerdings sich nützlich zu machen, aber sie ver⸗
stand darunter nicht das veben in einem stillen
häuslichen Kreise, wo sie ihre Talente und Kenntnisse auf die Erztehung von vier Kindern verwenden sollte, denen es die Welt, in der sie lebten, vielleicht übel aus legte, wenn sie sich in irgend etwas auszeichneten. Nützlich, tätig zu sein, bedeutete für Malbine das Verkehren in
einem Kreise, wo ihre Gaben die Aufmerksam⸗
keit auf sich zogen, so daß— aber dies gestand sie sich selbst nicht einmal ein— man von ihr sprach; kurzum, sie wollte sich einen Namen machen, und wer erreichte dies bei einem Ko⸗
lonialwarenhändler? Im Gegenteil, über einen
„So hast du früher nicht gedacht,“ anwortele Krämer, der sich eine Gouvernante hielt, wurde
15 7 Mu Er 1 e An 50 er sich eim Minister eine Audienz erbitten wollte, um i ihm Malvine zu empfehlen, sobald sie ihr Examen Werner war nicht die einzige, die auf einen bestanden hatte; aber als der geeignete Augen⸗
ganz gewiß viel gelästert und Malvine bekam dann ohne Zweifel ihren Teil davon. Frau
Krämer, welcher der Aristokratie nachahmte, von oben herabsah, und der Ansicht war, daß soch eine Stellung für eine Beamtentochter zu gering seti. Aber wie Malvine sagte, man war ühereingekommen, daß sie annehmen sollte was vorkam. Werners Haushaltung kostete täglich mehr Geld und es mußte eine Veränderung geiroffen werden. Malvine mußte für sich selbst sorgen; sie konnte ihren Eltern nicht zu Last bleiben und mußte daher die erste Gelegenheit ergreisen, um selbst für ihren Unterhalt zu
sorgen.
Diesen Entschluß hatte sie nicht auf Ver⸗ anlassung ihres Vaters gefaßt. Es gibt Menschen, die in der Zeiten der Not eine Energie ent⸗ wickeln, wie man sie ihnen nie zugetraut hätte; Werner legte in solchem Falle eine lethargische Ruhe an den Tag, die über jede Vorstellung ging. Seit Jahren hatte er die Zeit näher kommen sehen, wo sein häusliches Leben eine vollständige Umänderung erleiden mußte, aber er war stets auf demselben Wege geblieben, hatte täglich seine Arbeit auf dem Bureau ver⸗ richtet und zu Hause war nur das gesprochen was notwendigerweise gesagt werden mußte. Er hatte seine Kinder aufwachsen lassen und bezahlte für sie das Schulgeld; er hatte sie
ausgezankt, wenn sie ungehorsam, und gelobt,
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