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Nr. 50.
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Mitteldeutsche SonntagsZeitung.
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Seite 5.
Verbrecherin aus Not. Daß materielle Not viele Menschen zu Verbrechern macht, ist eine allgemein bekannte Tatsache. Auch die am Mittwoch vor dem Schwurgericht wegen Kindes mord abgeurteilte ver⸗ heiratete Margarete Horn aus Birklar hätte dieses Verbrechen sicher nicht begangen, wenn sie sich in besseren Verhältuissen befunden hätte. Diese arme, erst 32 jährige Frau, ist schon seit Jahren von ihrem Manne verlassen. Sie war daher mit ihren zwei Kindern auf sich selbst angewiesen. Aber sie arbeitete redlich und ernährte nicht nur sich und ihre Kinder, sondern unterstützte auch ihre Schwiegermutter. Es wäre also alles noch leidlich gegangen, wenn sich nicht ein gewissenloser Mensch ge⸗ funden hätte, der die Strohwitwenschaft der Horni für seine Zwecke ausnützte, aber die Folgen zu tragen feig der armen Frau selbst überließ. Diese sah ihrer Nieder⸗ kunft entgegen und dachte mit Schrecken an die Steigerung ihrer Notlage, die ihr der zu erwartende Familien⸗ Zuwachs bringen würde. Dazu kam noch, daß sie die liebevolle Schwiegermutter aus dem(der Schwiegermutter gehörigen) Hause zu jagen drohte, falls sie ein lebendiges Kind zur Welt bringe. Alles dies mußte natürlich die Frau zur Verzweiflung trelben und als sie am 15. Oktober ein Kind gebar, tötete sie dasselbe dadurch, daß sie ihm einen Lappen in den Mund steckte, woran es erstickte. Die kleine Leiche vergrub sie im Garten hinter ihrem Hause. Sle ging darauf weiterhin ihrer Arbeit nach. Doch die Sache kam ans Licht und bei der Untersuchung gestand sie sehr bald ihre Tat ein. Die Geschworenen sprachen die Angeklagte schuldig des Kindermordes, bejahten aber die Frage nach mildernden Umständen. Das Urteil lautete auf zwei Jahre 1 Monat Gefängnis.
Aus dem RNreise gießen.
Sang önser Krieger⸗ verein ließ im„Gieß. Anzeiger“ das„Proto⸗ koll“ der Sitzung veröffentlichen, in welcher der Maurer Schaͤfer erklärt haben soll, daß er ohne sein Wissen als sozialdemokratischer Wahlmann aufgestellt worden sei. Wir können nur wieder⸗ holt erklären, daß dies un wahr lt. Uebrigens? ist Sch. aus dem Kriegerverein ausgetreten, was er schon gleich hätte kun sollen.— Nun sollte aber der Anzeiger mal das„Protokoll“ des Kleinlindener Krlegervereins von der denkwürdigen Sitzung vom 25. November ver⸗ öffentlichen!
s. Aus Staufenberg wird zur Landtags⸗ wahl noch mitgeteilt, daß die Wahlkommission den von den Arbeitern gestellten Autrag, die Wahlzeit von 4—7 Uhr zu legen, verwarf. Das Kommisstonsmitglied Schlapp I. meinte, man sei den Arbeitern genug ent⸗ gegen gekommen. Wir wüßten nicht, worin das Ent⸗ gegenkommen bestehen sollte, von dem Schlapp spricht. Er hat es dagegen den Arbeitern zu verdanken, daß er im Gemeinderat sitzt. für sorgen, daß Leute in den Gemeinderat kommen, die auch den Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ferner meinte der Keiegervereinler Henkelmann, sein Neffe, der Genosse M. habe sich jedenfalls geschämt, auch ihm das Offenbacher Abendblatt zu bringen. Nun, unser Freund wußte sehr genau, wo eine gewisse Eigen⸗ schaft vorhanden ist, mit der selbst Götter vergebens kämpfen und wo infolgedessen auch das Blatt nutzlos gewesen wäre, An die Arbeiter ergeht aber die Mah⸗ nung, sich zahlreich dem Volksverein anzuschließen, damit sie nachhaltiger für ihre Interessen eintreten können.
— Das Wahlbier. Gegen die Gemeinde. ratswahl in Nieder-Ohmen vom Sommer vorigen Jahres, war auf erhobene Reklamation hin die Ungültigkettserklärung wegen Wahl⸗ beinflussung ausgesprochen worden. Die Wahl am 11. Januar ds. Is, wurde wegen Spendens von Freibier ebenfalls beanstandet, aber vom Kreisausschuß des Kreises Alsfeld für gültig erklärt. Der Provinzial⸗Ausschuß zu Gießen gab dagegen dem gegen diese Ent⸗ scheidung erhobenen Rekurs statt, da der Unsttte des Spendens von Freibier vor der Wahl nur durch Ungültigkettserklärung zu begegnen wäre.
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. In der Versammlung des Wahl⸗ vereins Wetzlar befaßte man sich mit der Vorwärts⸗ affaire. Es wurde eine Resolution beschlossen. in welcher dem Parteivorstande volles Vertrauen ausge⸗ sprochen, die Haltung der Frankfurter„Volksstimme“ in dieser Affaire dagegen getadelt wird. Im Weiteren wurden noch der Fall Schippel und dle Flottenvorlage besprochen. In Bezug auf letztere war man sich einig darüber, daß dieselbe dem arbeitenden Volke ungeheure Lasten aufer⸗ lege, Unbegreiflich set, daß es noch Arbeiter gebe, die sich als Mitglieder zu den Krieger⸗ und Flottenvereinen
Diese werden aber nächstens da⸗
pressen ließen und so gegen ihre eigenen Interessen arbeiteten.
* Vom katholischen Gesellenverein erhalten wir eine Zuschrift des Inhalts, daß der in letzter Nr. in der Notiz„Frommer Lüstling“ erwähnte Tapezierer F. kein Mitglied des Gesellenvereins sei. Wir kommen der Bitte, dieses bekannt zu geben, gerne nach, fügen aber zu unserer Entschuldigung hinzu, daß F. Mitglied war.
y. Von einer Duellgeschichte erzählt man fich in Wetzlar. Glücklicherweise gab es weder Tote noch auch nur Verwundete bei diesem Zweikampfe; zum Schießen kam es nämlich gar nicht. Einer der beiden Beteiligten(deren Namen wir vorläufig noch nicht nennen können und wollen) war so vernünftig, die For⸗ derung seines Gegners abzulehnen. Wäre er darauf eingegangen, so hätte es leicht passteren können, daß Wetzlar den Verlust eines Bürgers erster Klasse zu be⸗ trauern gehabt hätte, der nicht nur eine bedeutende Rolle im Städtchen spielt, sondern sich auch um die leidende Menschheit durch Pillen et cetera Verdienste erworben hat. Böse Zungen behaupten zwar, er habe um sein Leben Angst gehabt, doch wir meinen, er hatte ganz recht, wenn er sich in seinen wertvollen Körper nicht überflüssige Löcher schießen lassen wollte. Vielleicht hat er dabei erkannt, wie recht die Sozialdemokratie hat, wenn sie die in„besseren Kreisen“ übliche Duell⸗ fexerei bekämpft und verwerflich findet; vielleicht sieht er bei näherem Nachdenken auch ein, daß sie in vielen anderen Dingen recht hat.
—Deutsch⸗Russisches. Ein russischer Student der im Frühjahr, als die Petersburger Hochschule ge⸗ schlossen wurde, seinem Vaterlande den Rücken kehrte, sendet uns aus Braunfels, wo er sich zum Zwecke geologischer Untersuchungen und Studien aufhält, folgen⸗ den Herzenserguß:
Braunfels, den 24. November 1905. Meinen Landsleuten zur Warnung!
Na, den Schreck! Jüngst passterte ich die Kreisstadt meines jetzigen Aufenthaltsortes. Es dunkelte schon; neben mir schritt ein korpulenter Herr mit stark gewölbter Brust, hatte ein Aussehen, wie ein richtiger Pascha. Derartige Personen, dachte ich, hast du schon in deinem Heimatsland(Rußland) gesehen. Ich habe eine gewisse Abneigung gegen solche Personen, auch wenn ihre breite Brust noch keine Orden schmückt, wie das hier der Fall war, Unwillkürlich will ich ein paar Schritte weg von ihm und ich wollte mich gerade entfernen, da sah ich, wie ein Polizist— er mochte wohl ca. 200 Schritte von uns entfernt gewesen sein— mit größter Eile in mächtigen Sätzen in der Richtung auf uns herbeieilte— mir wirbelte der Kopf, schon sah ich mich im Geist auf dem Transport nach Sibirien— da blieb er plötzlich vor jenem großen Mann stehen, schlug die Hacken zu⸗ sammen, daß es dröhnte und Funken stiebte und stieß mit Stentorstimme, die Hand am Helm, kerzengerad aufgerichtet, atemlos die Worte hervor: Herr— Herr Oberbürgermeister, nichts neues im Revier! Ich war einer Ohnmacht nahe gewesen, faßte mich aber, um keinen Verdacht zu erregen. Es bedurfte einer Weile, ehe ich mich von dem Schrecken erholte. Beiseite stand ein Mann, der über den Vorfall aus vollem Herzen lachte, ob über mich? darüber war ich mir nicht ganz klar. Sein Gesicht glänzte förmlich vor Vergnügen, ich hörte ihn ein über das andere mal ausrufen: Fast⸗ nacht, die reine Fastnacht! Eine solche Disziplin hier in Deutschland? das hätte ich doch nicht gedacht. Neu⸗ gierig, wie sich die Sache wohl verhielt, frug ich den Mann, der lachend erwiderte: Mir scheint, du bist ein Fremder, wisse, wir haben hier zwei Bürgermelster! Da ging mir ein Licht auf; all erdings, das ist ein bischen viel für ein so kleines Nest. Froh, diesmal so gut davon gekommen zu sein, machte ich, daß ich schleunigst aus der gefährlichen Stadt hinaus kam und ich gehe mit dem Gedanken um, Deutschland überhaupt ganz den Rücken zu kehren, denn hier ist es mir zu— sehr— russisch. Stanislaus.
Westerwald und Anterlahn.
t. Die Stöckerleute in Dillenburg beab⸗ sichtigen diesen Sonntag einen großen Fischfang zu tun. Sie haben dort eine Versammlung einberufen, in der für Gründung eines Gewerbegerichts Propaganda ge⸗ macht werden soll. Nicht weniger als vier Referenten sollen auftreten und zwar der Wetzlarer Zentrumskandidat Breidebach, der Generalsekretär Franz Behrens(Lause⸗ franz), der christliche Maurer Becker von Frankfurt und der sattsam bekannte Großtuer Schmidt. Gewiß wird jeder Arbeiter die Errichtung eines Gewerbegerichts wünschen, aber es kommt dieser Sorte Arbeiterfreunde weniger darauf an, als vielmehr für ihre bankrotten Gründungen noch Dumme zu fangen. Daß diese „christlichen“ Gewerkschaften bankrott, lebensunfähig sind, mehr schaden, als sie nützen, hat kürzlich das eigene Organ des nordelbischen Verband s christlicher Vereine, „Der Arbeiterfreund“ selbst zu gegeben.
Aus dem Rreise Marburg⸗RNirchhain.
* Brauerstreik. In der in Hessen weit und breit bekannten Brauerei von Karl Bopp in Marburg kam es am Samstag zu einer Arbeitsniederlegung der dort beschäftigten Brauer und Küfer. Daß die Arbeits verhält⸗ nisse bei dem Millionär Bopp keine sehr günstigen sind, bezeugt der stete Wechsel namentlich bei den Brauern. Schuld an diesen Zuständen ist der Braumeister, der keinen organisterten Brauer und keine„Roten“ leiden mag und weil nun die Brauer und Küfer sämtlich dem Verbande beigetreten waren, hatte das Chikanieren kein Ende. Als am Montag der Braumeister einen Brauer plötzlich entließ, erklärten sich die übrigen 4 Brauer und 2 Küfer mit ihm solidarisch und legten ebenfalls die Arbeit nieder. Sofort wurde die Polizei alarmiert, und nicht weniger wie 5 Schutzleute mußten die Uebeltäter beim Packen ihrer Sachen bewachen. Aber nicht ge⸗ nug damit, mußten auch noch die Brauer von ihrer Wohnung über den Hof bis zur Straße vor den Schutzleuten hermarschieren wie die ge⸗ meiusten Verbrecher.— Daß solche Zustände existieren, ist gewiß schlimm genug und Herr Bopp sollte seinem Braumeister doch ein wentg auf die Finger sehen. Er sollte ferner bedenken, daß die Arbeiter einen großen Teil seiner Kundschaft bilden und unter Umständen ein gewichtiges Wort mitreden könnten. Er wird einsehen, daß es besser ist, sich tüchtige Leute zu halten, als wegen eines Braumeisters die Kundschaft zu verlieren.
X Stadtverordnetenstichwahl. Bei der am Dienstag stattgefundenen Stadtverordnetenstichwahl siegte wiederum die vereinigte Bürgerliste. Die Beamten haben auch diesmal nicht vermocht, anch nur einen ihrer Kan⸗ didaten durchzubringen. Es erhielten Stimmen: Dr. Maurmann 293, Keppler 268, Kronemann 210, Laub⸗ scheer 227, Die beiden Ersten sind somit gewählt.
Die Fleischnot wird den Beratungsgegenstand einer Volks versammlung bilden, die auf Sonn⸗ tag, den 10. Dezember, abends 7 Uhr, in Hildemanns Saal am Barfüßertor einberufen ist. Das Referat hat Genosse Dr. Michels übernommen. Es wird er⸗ wartet, daß unsere Parteifreunde für recht zahlreichen Besuch sorgen.
„ Der Konsumverein hält am Donnerstag, den 14. Dezember, abends 8 Uhr seine General⸗ versammlung im Hildemannschen Lokale ab. Die Mit⸗ gli der wollen dazu vollzählig erscheinen.
O Ihr laßt die Armen schuldig werden... Drei Monate und 1 Tag Gefängnis erhielt ein Ehepaar aus Betten⸗ dorf, Kreis Frankenberg am Freitag von der hiesigen Strafkammer wegen Diebstahl von Holz, das nach der eigenen Angabe des Bestohlenen nur einen Wert von 28 Pfg. hatte. Der Mann erhielt 3 Monate unk dle Frau 1 Tag Gefängnis. Einem Arbeiter dürfte es unmöglich sein, sich in den Gedankengang eines Richters hineinzuversetzen, der wegen solcher Beringfügig⸗ keiten eine so hohe Strafe ausspricht— aus⸗ sprechen muß— von Rechts wegen. Unsere Gesetzgeber aber sollten sich einmal die Frage vorlegen, wie es auf das Rechtsempfinden des Volkes wirken muß, wenn es solche hohe Strafen wegen geringer Eigentums vergehen in Verglei⸗ stellt mit den Strafen, zu welchen die Brüsewitz, Hüssener ꝛc. wegen ihrer Mordtaten verurteilt worden sind. T——————————
Versammlungskalender. Samstag, 9. Dezember. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗
sammlung bei L ö b. Metallarbeiter. Abends
9 Uhr bel Orbig. Wetzlar. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Ver⸗
sammlung im Gasthaus„Zur Glocke“.
Sonntag, den 10. Dezember. Gießen. Freie Turnerschaft. Nachm. 3 Uhr Monatsbersammlung bei Löb, Wiener Hof. Harbach. Of fentliche Versammlung nach⸗ mittag 4 Uhr bei Wirt Schäfer. Mittwoch, den 13. Dezember.
Rödgen. Wahlvereln. Versammlung Abends 9 Uhr bei Wirt Balser. Zahlreich erscheinen. Wetzlar. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr
Sitzung in der„Glocke“.
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