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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 50.
— Teutonische Wahrheitsliebe. Von allen unsern Gegnern wenden die Antisemiten im politischen Kampfe die unlautersten Mittel an. Weil ihnen Grundsätze fehlen und politische Klarheit, verlegen sie sich darauf, ihre Gegner und ganz besonders die Sozialdemokratie zu verdächtigen, Lügen über sie zu verbreiten und den einzelnen unserer Parteifreunden die Ehre abzuschneiden. Das edle Bestreben übt auch ein Gießener Lügenbeutel in den letzten Nummern des Friedberger Hirschelblattes unserm Genossen Krumm gegenuͤber. Ihm werden da eine Reihe Begangenschaften vorgehalten, die die Pücklerleute als Sünden ansehen. Unter anderem wird ihm Folgendes nachgesagt: 1
Krumm trage die Schuld an der Einrichtung des Gießener Fischmarktes, durch welchen den Steuerzahlern das Messer au die Kehle gesetzt würde; Krumm sage, auf ein paar Exi⸗ stenzen komme es nicht an, wo das Wohl der Gesamtheit in Frage stehe.— Wie liegt nun die Sache? Herr Etchenauer(Freisinnig) stellte den Antrag auf Errichtung eines Fisch⸗ marktes, die gesamte Versammlung(einschließ⸗ lich Herr Hehligenstgedt) stimmte zu, mit dem Vorbehalt, mit den Fischhändlern zu verhandeln und namentlich Krumm befürwortete auf's Wärmste in Gemeinschaft mit diesen die Sache zu regeln. Die Fischhändler lehnten die Be⸗ dingungen der Stadt, die ihnen einen ganz annehmbaren Nutzen ließen, ab, und bei den erneuten Verhandlungen erklärte Krumm, daß die Interessen des Einzelnen zurückstehen müßten vor dem Wohle der gesamten Ein wohnerschaft, nebenbei eine Binsenwahrheit, die jeder ver⸗ nünftige Mensch unterschreiben muß.—
Hatte nun die Hirschelgarde Anlaß, Thränen um das Wohl der Detaillisten zu vergießen? Die Hirschel, Schlenke, Haas usw. gründen fortwährend Konsumvereine, Kornhäuser c., führen in denselben beinahe alle Gebrauchsartikel(Eisenwaren, Futter⸗ artikel, Salz, Mehl, Kleie ꝛc.). Doch wohl alles zu dem Zwecke, den Zwischen handel aus⸗ zuschließen und dessen Nutzen in die Tasche der Genossenschafter zu leiten. Damit nicht eine neue Lüge produziert wird, erklären wir ausdrücklich, daß wir diese Tätigkeit nicht bekämpfen, nur müssen wir es als Heuchelei und Schwindel bezeichnen, wenn die Bauern⸗ bündler und Antisemsteriche sich als Schützer des„Zwischenhandels“ und des Mittelstandes“ aufspielen wollen, während sie doch zu seinen Totengräbern gehören.
Und auch der agrarische Reichskanzler empfiehlt den Städten die Fleischversorgung zu organisieren und den Zwischenhandel(Metzger 2c.) kaltzustellen; der deutsche Land wirtschaftsrat bittet die Städte um Einrichtungen zur direkten Fleischlieserung— zu dem Allen geben die treuteutschen Schützer des Mittelstandes ihren Segen; nur ausgerechnet drei oder vier Fisch⸗ händler sind ihnen der Erhaltung wert! Metzger und sonstige Zwischenhändler können zu Hun⸗ derten kaput gehen! Außerdem klagt der Gießener Konfustonsrat noch, daß zu wenig Fische da gewesen seien, wahrscheinlich hat er keine mehr kriegen können, daher sein Groll!
Ferner ist es dem wackeren Manne ein Greuel, daß Krumm die Aufhebung des Oktrots beantragte! Tiefsinnig bemerkt er dazu, dann müßten die dtrelten Steuern erhöht werden und die Spießer würden noch unzufriedener. Podbtelskt und all' die kleinen agrarischen Demagogen schieben die Schuld der Fleisck⸗ teuerung auf die hohen städtischen Unkosten und Gebühren, machen sich lustig darüber, daß die Stadtverwaltungen nicht zuerst hier den Hebel ansetzen zur Fleischverbilligung. Aus⸗ nahmsweise stimmte ihnen in diesem Falle Krumm zu, stellt Anträge in ihrem Sinne und flugs greint das Gießener Antisemitchen: O weih, die direkten Steuern gehen höher! Uns wundert es ja nicht, daß diese Gesellschaft nicht begreifen kann, daß die Steuern nach der Leistungsfähigkeit bemessen werden können. Sind doch die Antisemiten gerade dlejenigen, die in allen Fällen der großen Masse immer neue Lasten auferlegen und die Großen schonen trotz all ihrer Judeufresserei.
Nach dem Antisemiterich soll unser Freund
Krumm ferner— aus Judenfreundschaft natür⸗ lich— das Schächten befürwortet haben. Hier verübt das Antisemitenblatt eine arge Fälschung. Wie liegt die Sache in Wahrheit? Krumm tadelte in der Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung, daß das Schächtverbot von Faseln vom Schlachthausdirektor eigenmächtig ohne Befragen der Stadtverordneten erfolgt ist und er bemerkte weiter, er halte für solche in's wirtschaftliche Leben und die religiösen Gebräuche eingreifende Verordnungen nur die Landes⸗ gesetzgebung für zuständig. Vor allem sei es nicht nötig, daß Gießen außer den für alle Städte gebräuchlichen Vorschriften noch einige Extrawürste zur Erschwerung des Ge⸗ schäftes gebraten haben müsse. Daraus macht nun der Antisemiterich aus Krumm einen „Schächtfreund, einen Mann, dem es gleichgültig sei, ob ein deutscher Metzgergeselle(wenn's ein jüdischer wäre, würde es jedenfalls nichts schaden), von einem rasenden Fasel in die Luft geschleudert“ würde und wie sonst die demagogsschen hetzerischen Ergüsse des deutschen Wahrheitsfreundes lauten. Viertens fragt der Herr, ob Krumm auch für die Ueberschwemmten des Odergebietes etwas ge⸗ geben habe, weil er jetzt für die russischen Opfer beisteuerte. Darauf empfehlen wir dem neu⸗ gierigen Herrn sich doch vertrauensvoll an unseren Genossen zu wenden, er wird ihm be⸗ reitwilligst Auskunft geben, nur bezweifeln wir, daß Krumm bei milden Gaben erst nach Kon⸗ fession und Rasse fragte. Dem Volkswacht⸗ „Christen“ trauen wir allerdings zu, daß er bon einem Ertrinkenden erst den Tauf⸗ schein abverlangte, ehe er ihm hilft, wenn er es überhaupt tut.— Schließlich gibt das Männchen noch den Kohl zum Besten, daß Krumm sein Stadtverordneten⸗-Mandat den Schmall und Genossen verdanke. Bei jedem mit den Gießener Verhältuissen Vertrauten, kann dies nur Lächeln erregen. K. wurde 1898 gegen alle bürgerliche Parteien gewählt und das wäre er auch diesmal. Die Liberalen taten eben nur mit, was ste nicht verhindern konnten. Uebrigens— ohne liberale Hilfe sitzt allein Liebermann von Sonnenberg als Antisemit nicht im Reichstage!— Ein Kompliment müssen wir dem Gießener Schreiber für die Volkswacht machen: Den alten antisemitischen Gebrauch, aus Mücken Elephanten zu machen, zu verdrehen, aufzubauschen, hinzuzuschwinde ln, hat er schon leidlich kaptert, wenn er noch einige Zeit sich im Schimpfen übt, kann er Redakteur der Volk s⸗ wacht werden. Dazu im voraus ein drei⸗ faches Heil!
f. Der Mangel eines städtischen Krankenhauses wird seit Jahren in den beteiligten Kreisen schwer empfunden. Die Kliniken sind meistens derart überfüllt, sodaß nicht nur allein die der Pflege bedürftigen Kranken dort keine Unterkunft fiuden können, auch die Aufgenommenen werden in vielen Fällen lange vor beendigtem Heilverfahren ent⸗ lassen. Es dürfte doch endlich Zeit sein, daß die Stadtverwaltung diesem, einer Universitäts⸗ stadt nicht würdigen Zustande abhelfen würde. Es ist doch geradezu beschämend, daß Kranken in Herbergen, Gasthäusern ꝛc. unterge⸗ bracht werden müssen, wo sie jeder sachge⸗ mäßen Pflege entbehren.
— Bauarbeiterschutz. Am Sams⸗ tag vor acht Tagen fanden zwei Versamm⸗ lungen statt, in denen Zimmerer Kremse aus Frankfurt die Frage des Bauarbeiterschutzes behandelte. Er zeigte an vielen Beispielen wie fahrlässig, ja sogar gewissenlos oft mit der Gesundheit und dem Leben der Arbeiter vom Unternehmertum umgangen werde. Deshalb müsse es Aufgabe aller Arbeiter sein, selbst auf ihren Schutz bei der Arbeit Bedacht zu nehmen und zu verlangen, daß ste wenigstens ohne Lebensgefahr arbeiten können. Es wurde eine Kommission gewählt, die aus Angehörigen der in Betracht kommenden Berufe besteht, mit der Aufgabe, nach dieser Richtung eine überwachende und kontrollierende Tätigkeit auszuüben.
— Zur Wahl der General-Versamm⸗ lungs vertreter bei der Ortskrankenkassie
erschienen auf Seue der Arbeuer 513 Wähler, die sämtlich für die von den Gewerkschaften aufgestellte Liste stimmten. Von den Arbeit⸗ gebern erschienen ganze zwei Mann zur Wahl, die einstimmig 52 Vertreter wählten.
— Eine Freidenker⸗ Vereinigung soll in Gießen gegründet werden. Herr Pre⸗ diger Klauke aus Frankfurt hielt im Saale des Hotel Einhorn bereits Mittwoch voriger Woche einen Vortrag, dem am letzten Donners⸗ tag ein zweiter folgte. In diesem besprach der Redner die Frage:„Kann die moderne Staats⸗ schule noch konfesstonell sein?“ Er verneinte diese Frage und wies nach, daß der konfes⸗ sionelle Unterricht im schretenden Gegensatz zur unserer heutigen Kultur stehe und schädlich auf die Kinder einwirken müsse.— Die Vorträge waren gut besucht und es meldeten sich zahl⸗ reiche Personen zum Beitritt in die Vereinigung. Nächsten Donnerstag soll wieder ein Vortrag sein.
— Arbeiter⸗Turner. Am Samstag wurden mehrere Versammlungen und zwar in Beuern, Staufenberg und Launsbach abgehalten, in welchen der Bezirksvertreter des Arbeiter⸗ Turnerbundes H. Kraft⸗Frankfurt über„Deutsche Turnerschaft und Arbeiterturnerbnnd“ sprach. Der Redner fand überall Beifall; in Beuern wurde ein Arbeiter⸗Turnverein gegründet. Bis jetzt gehören zum Arbeiter⸗Turnerbund in unserer Gegend die Vereine in Heuchelheim, Ockers⸗ hausen, Altenbuseck, Alsfeld, Staufenberg, Launsbach, Beuern und Gießen.
— Der Brauer⸗Verband hält diesen Samstag Abend sein diesjähriges Stiftungs⸗ fest im Café Leib ab, wozu die Gewerkschafts⸗ mitglieder und Parteigenossen freundlich einge⸗ laden sind.
— Die Volkszählung vom 1. Dez. ergab für Gießen nach den vorläufigen Fest⸗ stellungen 29 146 Köpfe, gegen 25 564 im Jahre 1900. Wieseck zählt 2890, Lollar 2030, Klein⸗ Linden 1642 Einwohner. Mainz hat deren 90 200, Darmstadt 83650, Offenbach 95880, Frankfurt 336 000.
— Schwurgerichtsver handlungen. Das Schwurgericht für Oberhessen hatte in seiner letzten Session für dieses Jahr drei Fälle abzuurteilen. Am Montag wurde gegen den Hausburschen Hch. Berg aus Bad Nauheim wegen Raubes verhandelt. Der An⸗ geklagte hat in der Nacht vom 2. auf 3. Oktober ds. Js. in Butzbach den jetzt beim Militär befindlichen Schmidt aus dem Wirtshaus heimbegleitet, dabei ver⸗ prügelt und ihm 15 Mark abgenommen. Das Geld soll dem Schmidt nach Angabe des Angeklagten aus der Westentasche gefallen sein, worauf es Berg an sich ge⸗ nommen habe. Der Oberstaatsanwalt tritt für Be⸗ jahung der auf Raub lautenden Hauptfrage ein, während der Verteidiger nur Körperverletzung und Dlebstahl als vorliegend erachtet. Das Verdikt der Geschworenen lautet auf schuldig des Raubes, doch wurden ihm mildernde Umstände zugebilligt. Der Angeklagte wird zu einem Jahr 2 Monaten Gefängnis verurteilt, wovon 2 Monate als verbüßt erachtet werden.
Am Dienstag kam eine Meineidssache zur Verhandlung. Als Angeklagte erscheint die 40 Jahr alte ledige Katharine Riemenschneider aus Rüddings⸗ hausen, die sich wegen Meineids zu verantworten hat, den sie vor dem Schöffengerichte in Homberg geleistet haben soll. Die Sache, um die es sich da als han⸗ delte, war eine jener Dorfklatschereien und Hetzereien, mit denen sich vielfach Dorfbewohner gegenseitig das Leben zu verleiden suchen. Auch die Riemenschneider trat als Zeugin auf und soll zu Gunsten des Taglöhners Hahn eine falsche Aussage gemacht und diese beschworen haben. Di⸗ Angeklagte weint fortwährend, redet oft dazwischen und man gewinnt sofort den Eindruck, daß man es mit einer geistig minderwertigen Person zu
tun hat. In Rüddingshausen bewohnte sie das Armen⸗
haus. Vielleicht infolge ihrer Beschränktheit wurde sie mißbraucht und so kam es, daß sie viermal unehe⸗ lich geboren hat. Zwei der Kinder find noch am Leben Nachdem eine Reihe Zeugen vernommen, erklärt der medizinische Sachverständige Kreisarzt Dr. Haberkorn, daß die Angeklagte hochgradig schwachsinnig sei und des⸗ halb nicht zur Verantwortung gezogen werden könne. Staatsanwalt und Verteidiger verzichteten hierauf auf die weiteren Zeugen, der Staatsanwalt beantragt selbst das Nichtschuldig, das die Geschworenen auch aus⸗ sprachen, worauf Freisprechung erfolgt.— Warum nun aber diese kostspielige Prozedur? Warum die arme Person überhaupt vereidigt und dann monatelang mit einem Prozesse gequält? Wir meinen, ihre Schwach⸗ sinnigkeit hätte man schon früher erkennen, und von der Gemeinde aus besser für sie sorgen müssen.


