Ausgabe 
10.12.1905
 
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Nr. 50. Mitteldeutsche Sonnags⸗Zeitung Seite 3. Landtag gerichtete Resolutionen beschlossen. Diese haben überhaupt eine empfindliche f Nach Schluß der Versammlungen zogen die[Niederlage erlitten, ihre Haupthähne sind Von Nah und Fern.

Massen, ohne daß eine Parole ausgegeben war, nach dem Innern der Stadt, vor das köuig⸗ liche Palais, das Hotel des Ministers Metzsch. Die Polizei hatte sämtliche Brücken, die von

der Neustadt in die Altstadt führen, durch starke

Schutzmannsketten abgesperrt, die keinen Mann hinüberlassen wollten, und hieb und stach ohne Rückftcht auf die Andrängenden los. Ebenso war es vor dem Schloßplatz. Vor 2 Uhr wurden auf dem Schloßplatz die Schutzmanns⸗ ketten eingezogen, da man glaubte die Demo⸗ stration sei zu Ende. Als nun doch noch mehrere tausend Mann unter Hochrufen auf das Wahlrecht sich dem Schloßplatz näherten, stürmte plötzlich Polizeimannschaft mit blitzen⸗ den Säbeln heran und hieb auf die Zunächst⸗ stehenden ein, obwohl diese gar nicht zurück konnten. Die Polizei fühlte das Bedürfuis, dieOrdnung zu ketten, und ste rettete die Ordnung, indem ste auftragsmäßig in die ent⸗ rechteten Arbeitermassen hineinstach und hieb. Die blutige Saat wird auch in Sachsen aufgehen. Die Forderung des allge⸗ meinen gleichen Wahlrechts läßt sich nicht durch den Poltzeisäbel aus der Welt schaffen.

Der Polizeipräsident hatte vorher drei be⸗ kannte Parteigenossen zu sich gebeten, denen er eröffnete, daß er keine Ansammlungen auf der Straße dulden würde. Natürlich lehnten die betreffenden Genossen jede Verantwortung ab. Gerade diese polizeiliche Drohung war Reklame für die Demonstration.

Unser Dresdener Partetblatt schreibt zu den Ereignissen dieses Tages:Blut ist ge⸗ flossen in den Straßen der Stadt, furchtbare Erbitterung ist entfacht in Hunderten von Leuten, die die Polizeiklinge auf ihren Gliedern gespürt haben, in den Zehntausenden, die diesem empö⸗ renden Schauspiel zugeschaut haben. Wer ist dafür verantwortlich? Wir wollen gern der Wahrheit gemäß anerkennen, daß ein großer Teil der Gendarmen sich durchaus angemessen verhielt, sich jedes provozierenden Worts ent⸗ hielt und selbst die unüberlegte Haltung der wenigen Radaumacher, die jede größere Menschen⸗ ansammlung naturgemäß aufweisen muß, mit Ruhe aufnahm. Einzelne Fälle besonderer Brutalität, die bei den Attacken der Gendarmen und Wohlfahrts polizisten vorgekommen sind, fallen der Gesamtheit nicht zur Last. Die Verantwortung für die Attacken selber aber auf unbewehrte Männer und Frauen fällt den höheren Beamten zur Last, von deren Takt, Selbstbeherrschung und Kaltblütigkeit es abhing, ob der Tag mit Blut befleckt wurde oder nicht! Die waren es, die die Mißhand⸗ lungen und Verwundungen hätten verhüten können. Sie haben es nicht getan; sie haben das Blut fließen lassen! Die Regierung, die herrschenden Klassen werden es auszubaden haben! Von der Erbitterung, von der Empö⸗ rung der Arbeiterschaft kann sich nur der einen Begriff machen, der sie erlebt, der mitempfindet! Vor den blitzenden Klingen der Polizei ward der Ruf ausgestoßen: Jetzt kommt der Massenstreik! Und wer diese Stimmung des Proletariats kennt, der weiß, daß dieser Schrei nicht eine leere Drohung ist! Noch hat es die Regierung in der Hand, das Aeußerste zu verhüten. Mögen die Herrschenden handeln, ehe es zu spät ist.

Wegen der Vorgänge hat sofort Genosse Goldstein eine Interpellation im Landtage eingebracht. Sobiel ist stcher, daß das säch⸗ sische Volk den Wahlrechtskampf fortsetzen wird, bis es sein gutes Recht erkämpft hat.

Sozialistische Wahlerfolge.

Unsere Dresden er Genossen haben einen für sie sehr ehrenvollen Gemeindewahlkampf hinter sich. Sie haben trotz des von den Anti⸗ semiten verschlechterten Wahlrechts se ch s Stadt⸗ berordnetenmandate erobert und es ziehen nunmehr die ersten Sozialdemokraten in das Dresdener Stadtparlament ein. Die Soztal⸗ demokratie erlangte auch in der Klasse der Kleingewerbetreibenden zwei Mandate, wo die Antisemiten sicher auf den Sieg gerechnet hatten.

aus dem Rathause hinausgeworfen worden. Das ist die Quittung für den Wahlrechtsraub und Konsumtöterei! Bei den Stadtverord⸗ netenwahlen in Coswig(Anhalt) wurden sämtliche sozialdemokratische Kandidaten gewählt. Die Sozialdemokraten verfügen nunmehr in der Stadtverordnetenversammlung über die absolute Mehrheit. Auch die Wahl in München brachte unserer Partei bedeutende Erfolge. Fünf Sozialdemokraten wurden zu Gemeinde⸗ räten gewählt, außerdem eine Anzahl zu Ersatz⸗ männern.

Ein Konflikt zwischen Regierung und Volksvertretung

ist in dem sthüringischen Staatchen Schwarz burg⸗Rudolstadt ausgebrochen und der Landtag ist aufgelöst worden. In diesem Landtage, der aus 16 Mitgliedern besteht, hatten unsere Genossen die Mehrheit, weil die Wahl des bürgerlichen Vertreters von Stadtilm für ungültig erklärt worden war und somit 8 So⸗ zialdemokraten gegen 7 Bürgerliche standen. Die Auflösung des Landtags erfolgte, weil er sich weigerte, der Erhöhung der Zivilliste des Fürsten um 32 000 Mk. zuzustimmen. Mit Recht betonten unsere Genossen, daß es nicht angehe, zuerst bei den höchsten Stellen mit Ge⸗ haltserhöhung zu beginnen. Das Geld werde für andere Zwecke viel notwendiger gebraucht. Nur vier Abgeordneten stimmten für die Forderung, drei bürgerliche enthielten sich der Abstimmung. Die Neuwahlen müssen nun innerhalb dret Monaten vorgenommen werden.

Ungeheuerliches aus der Strafjustiz.

In der Lübecker Bürgerschaftssitzung brachte kürzlich Rechtsanwalt Dr. Wittern ein kaum glaubliches Gerichtsurteil und eine noch un⸗ glaublichere Art des Strafvollzuges an einem Kinde in der Oldenburger Strafanstalt Vechta zur Sprache. Ein noch nicht konfirmierter Knabe aus dem oldenburgischen Fürstentum Lübeck sei von der Lübecker Strafkammer zu einem Jahre Gefängnis() verurteilt worden, weil er für 25 Pfg. Kohlen entwendet hatte.(11!) Er ist zur Ver⸗ büßung seiner Strafe nach Vechta gekommen, wo alle aus dem Fürstentum Lübeck stammenden und von der Lübecker Strafkammer Abgeur⸗ teilten ihre Strafe abbüßen müssen. Dort sei der noch schulpflichtige Knabe zunächst in Einzelhaft gehalten, dann aber mit zwei Männern zusammengesperrt worden, von denen der eine 12 Jahre n e wegen Tot⸗ schlags, der andere 2 Jahre wegen Sittlich⸗ keitsverbrechen zu verbüßen hatte. Ueber diesen Fall sei bereits an das oldenburgische Justizministerium berichtet. Sobessert man die Sünder!

Die armen Pfarrer!

Im Schweriner Landtage wurde vorige Woche über die Aufbesserung der Pfarrein⸗ kommen beraten. Das Grundgehalt soll 3000 Mark, das Höchstgehalt nach 15 jähriger Dienst⸗ zeit 5000 Mark ohne Wohnung betragen. Die hierzu notwendigen Mittel sind auf 147. bis 250 000 Mark jährlich veranschlagt. DieRitter⸗ schaft, so heißt der mecklenburgische Landtag, nahm diese Vorlage an und erbarmte sich so der notleidenden Diener dessen, der nicht wußte, wohin er sein Haupt legen sollte. Notleidende Arbeiter, deren man sich anzunehmen hätte, gibt es in Mecklenburg ebensowenig wie irgendwo anders, sagt dazu mit Recht die Leipz. Volksztg.

Kleine politische Nachrichten.

Das konservative englische Ministeriu m Balfour ist zurückgetreten und wird von einem liberalen Kabinet Campell⸗Bannermann ab⸗ gelöst.

Eugen Richter, der Führer der Freisinnigen hat sein Landtagsmandat wegen seines Augenleidens niedergelegt. Sein Reichstagsmandat er ver⸗ tritt den Wahlkreis Hagen behält er noch bei.

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Hessisches.

Der Landtag soll am 19. Dezember eröffnet werden. Ueber die Präsidentenwahl in der Zweiten Kammer machen stch ver⸗ schiedene Ordnungsblätter jetzt schon Gedanken. Es wird angekündigt, daß Ulrich nicht mehr als Schriftführer gewählt werden soll. Das Darmstädter Heyl⸗Organ läßt sich schreiben: Aller Voraussicht nach werden die Prästdenten des verflossenen Landtages wieder gewählt werden, nämlich Geheimrat Haas zum ersten Präsidenten, Dr. Schmitt zum ersten und Reinhardt zum zweiten Vizepräsidenten. Indessen besteht die Absicht, bei den beiden Schriftführern insofern eine Aenderung eintreten zu lassen, als der Abg. Ulrich nicht wieder ge⸗ wählt werden soll. An seine Stelle dürfte der Abg. Brauer treten. Und das Gießener Amtsblatt leistet sich über diese Frage fast einen ganzen Leitartikel. Ulrich sei in einemallge⸗ meinen Loyalitätswahn zum Schriftführer ge⸗ wählt worden, er habe seine Pflicht nicht er⸗ füllt, weil er byzantinische Kriechereten nicht mitmachte. Der Gieß. Anz. verwechselt die Pflichten eines Schriftführers mit denen eines Kammerdieners. Ulrich und der Soztal⸗ demokratie wird verteufelt wenig an dem Schrift⸗ führerposten liegen; aber man wird ja sehen, ob die Kammermehrheit nur auf die Macht pochend, jedes demokratische Prinzip in die Winde schlagen wird.

Gießener Angelegenheiten.

Erfolge der Antisemtten. In einer unserer letzten Nummern haben wir die Antisemitische Partei, oder wie ste Jeb nennt Reformpartei als bankrott in jeder Be⸗ ziehung bezeichnet. Damit haben wir etwas all⸗ gemein Bekanntes ausgesprochen. Das Hirschel⸗ blatt in Friedberg will das nicht zugeben, es ist vielmehr der Meinung, daß die Antisemiten bedeutende Erfolge erzielt hätten, während wir bei den Reichstagsersatzwahlen drei Mandate verloren hätten. Nur in Essen sei unsere Stimmenzahl gestiegen. Eisenach und viele andere Landtags⸗ und Gemeinderatswahlen, wo wir bedeutende Stimmenzunahmen zu verzeichnen hatten, er⸗ wähnt es gar nicht erst. Und dann spricht es von den Erfolgen des Antisemitismus in fol⸗ genden schönen und klaren Sätzen, die wir hier wörtlich abdrucken:

Und die Antisemiten? Ja, in dreier Singer Namen, weiß dieMittel⸗ deutsche denn nicht, wie prachtvoll es bei ihr aufwärts geht? Hat er nicht seit 19033 Mandate erobert? Hat er nicht, wo er auftrat, Tausende von Stimmen gewonnen? Hat sich nicht Wilhelm Schack soeben den Liberalen Eisenach entrissen? Fühlt der Schabbes⸗ redakteur nicht mit Wut im Herzen, daß es tagt? Er gehe hin und suche sich ein ander Zeichen!

Unsere Leser werden nicht recht wissen, was mit diesen in prachtvollem Deutsch gegebenen Sätzen gesagt sein soll. Wir auch nicht. Daß es bei der Mitteldeutschen prachtvoll aufwärts geht, wissen wir allerdings. Daß aber Singer seit 1903 drei Mandate erobert haben soll, davon ist uns nichts bekannt. Dagegen stimmt es wieder, daß er, wo er auftrat, Tau⸗ sende von Stimmen eroberte. Nun kommt es aber polnisch⸗jüdisch, was sich in dem urteuto⸗ nischen Blatte recht schön ausnimmt:Hat sich nicht Schack den Liberalen Eisenach ent⸗ rissen? Hat sich doch Schack furchtbar ge schwindelt und hat sich der Kuddelmuddel inklustve Juden gestimmt für Schack, sonst hätte er niemals bekommen den Kreis! Na, wir haben nichts dagegen, wenn der Antise⸗ mitismus mit Erfolgen prahlt, wir gönnen ihm sogar seine sogenannten Erfolge. Trotz⸗ dem müssen wir bei dem anttsemitischen Bank⸗ rott beharren. Den haben schon längst anti⸗ semitische Führer selbst bestätigt. Und wo wäre der hessische Antisemitismus ohne den Bund der Landwirte, bei dessen Fleischtöpfen sich's jetzt die Führer der Pücklerpartei wohl

sein lassen?