Ausgabe 
10.12.1905
 
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vertreter erheben Protest. Und der Erfolg? Die Anklagen gegen die Begünstiger und Förderer der Flelsch⸗ und Viehnot werden von den Beschuldiglen mit Frechheiten und Stall⸗ witzen beantwortet. Das ist auch eine Folge des Zollwuchersteges von 1902. Das deutsche Volk hat 1903 die Zollwuchermehrheit nicht mit Schimpf und Schande aus dem Reichstag hinausgefegt, bürgerliche Feigheit, freisinniger Verrat und Indolenz ländlicher Arbeitermassen aben die alte Reichstagsmehrheit e gleich Part erhalten, und darauf stützen sie sich. So lange die Voraussetzungen für die Wahl einer so großen Zahl reaktlonärer Volksausbeuter noch gegeben ist, sehen sie keine Ursache, sich Beschränkung aufzuerlegen. Und sie sind noch alle einig in ihrem Ziel der Volksauspowerung: diefrommen Zentrumschristen und der nationalliberale Paasche⸗Afrikanus gehen Arm in Arm mit den ostelbischen Junkern vom Schlage der Ne Paasche und der aufgeblasene Autisemit Reventlow tadelten die Scherze des preußischen Landwirtschafts⸗ ministers nur deshalb, weil sie zurVerhetzung egen die agrarischen Parteien gebraucht worden feen. Bei Paasche war der Zweck dieses milden Tadels Podbielskis sehr durchsichtig, er glaubte die Wucherpolitik um so nachdrück⸗ licher und wirkungsvoller in Schutz nehmen zu können, wenn er die plumpen Verhöhnungen der notleidenden Bevölkerung durch den preußi⸗ schen Landwirtschaftsminister preisgab.

Hierauf rechnete unser Freund Molken⸗ buhr mit den Agrarkern nochmals grüudlich ab. Am Anfange seiner Ausführungen wandte er sich gegen den dicktuerischen Antisemtiten Graf Rebentlow, der gewohnheitsmäßig jedem die Sachkenntnis abspreche, der andere Meinung sei als er. So habe er behauptet, jeder Fall von Maul⸗ und Klauenseuche werde über die Grenze eingeschleppt; aber von den über 1100 verseuchten Gehöften sind über 1000 in Provinzen, die entweder keine Grenzprovinzen sind, oder in die im letzten Jahre kein Stück Vieh aus dem Auslande eingeführt worden sst.(Viel- faches Hört, Hört! links.) Mag nun Graf Reventlow den versprochenen Beweis für jeden einzelnen Fall antreten; es dürfte ihm das schwerer fallen, als leichtfertige Behauptungen. Gegen Podbielski bemerkte unser Genosse: Als Grund für die Höhe der Fleischpreise sind vom Herrn Landwirtschaftsmlusster auch die städtischen Oktrois angeführt worden. Wenn es dem Herrn Landwirtschastsminister ernst wäre mit der Beseitigung der städtischen Oktrois, so sollte er dafür sorgen, daß das allgemeine gleiche Wahlrecht für die Stadtvertretungen eingeführt würde; dann würden sehr bald Stadtvertretungen zusammenkommen, welche mit derartigen Mißsländen aufräumen. Wenn ubrigens einzelne Kommunen wirklich dazu übergehen, solche Oktrotis zu beseitigen, so tritt ihnen die Regierung dabet entgegen. So hat

B. in Offenbach die Landesreglerung einen solchen Beschluß der sozialdemokratischen Stadt⸗ berordnetenmehrheit annulliert. Daß die Schlachthofgebühren vielfach niedriger sein könnten, mag sein, aber der Herr Landwirt A wird zugeben müssen, daß das estehen der Schlachthöfe an sich nicht preis- verteuernd wirkt.(Hierzu gab selbst Herr von Podbielski seine Zustimmung zu erkennen.) Wenn der Minister den Zwischenhandel beseitigen wolle, würde ihm die Sozialdemokratie ncht im Wege stehen. Molkenbuhr schloß: Sie be⸗ haupten, daß wir wegen der Fleischnothetzen. Aber ich kann Ihnen sagen, eine Frau, die jetzt beim Fleischer für ihr Geld nicht mehr 1 Pfund bekommt, sondern nur noch/ Pfund, braucht nicht Sozialdemokratin zu sein, um zu Hause eine gehörigeHetzrede zu halten. (Heiterkeit.) Aber gerade die Agraxierhetzen. In einem Artikel der Neuen preußischen 19 1555 vom 26. Februar 1893 wurde aufgefordert, nicht zu klagen, sondern zu, schrelen undrück⸗ sichtslose und entschtedene Interessenpolitik zu treiben. Das war der Sturmruf, unter dem die ganze agrarische Bewegung begann und unter dem sie dann gesiegt hakt. Können Sie es dann den audern Parteien verdenken, wenn auch sierücksichtslose Interessenpolittt in

Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung.

shrem Sinne treiben! Bet den Arbeitern handelt es sich um ihre Existenz, wenn die notwendigsten Lebensmittel ihnen verteuert werden. Da kann man sich nicht wundern, wenn die Arbelter im Ringen um ihre ane auch mal andere Töne anschlagen. Zumal mit dem Inkrafttreten des neuen Zolltarifs zu der Flesschteuerung noch eine Brotverteuerung hinzutreten muß!

Molkenbuhrs eindringliche und durchschla⸗ gende Kritik zwang den Minister nochmals das Wort zu ergreifen. Das einzige Inter- essante an seiner Rede war das ugestandnis, daß 40 44 Mk. pro Zentner ebendgewicht ein ausreichender Preis für Schweine sel. Bei diesem Geständnis wurden die Gesichter der Agrarier bedenklich lang, und sein Kollege in der Schweinezüchterei, Abg. Gam)p, stellte den unvorsichtigen Ausplauderer von Geschäfts⸗ geheimnissen sofort zur Rede. Schließlich zerpflückte der Freistnnige Gothein nochmals unbarmherzig die agrarischen Behauptungen und stellte die junkerlsche Beutepolitik au den Pranger. Das ist allerdings schon oft geschehen, ohne daß es viel genützt hätte. Das ganze Volk myß wie ein Mann aufstehen, die Junker⸗ herrschaft abschütteln und sich von seinen Blut- saugern befreien!

Revolution in Rustland.

In Sebastopol kam es Ende vortger Woche zu einer mehrstündigen Schlacht zwischen den aufständischen Marinetruppen und denen der Regierung. Leider unterlagen die Revo⸗ lutionäre. Ein großer Teil der Schwarzen⸗ Meer⸗Flotte hatte die rote Flagge gehißt und kämpfte unter dem Kommando des Leutnants Schmidt einen heldenmütigen Kampf gegen das Knutenregiment. Doch sie mußten sich ergeben, weil mehrere Schiffe kampfunfähig wurden. In einem Berichte darüber heißt es: Als der Kampf begann, schienen die Meuterer bei weitem die besten Aussichten auf einen Sieg zu haben. Der revolutionäre Oberbefehlshaber Schmidt vereinigte unter seinem Kommando

ehn Kriegsschiffe, sowle die drei nördlichen Forts am Lande. Die Meuterer eröffneten um 3 Uhr nachmittags ein heftiges Feuer auf die Stadt. Durch zwei Stunden, von halb vier bis halb sechs, währte eine regelrechte Schlacht, welche zu Lande sowie zur See geführt wurde. Während die zehn Kriegsschiffe unter Schmidt's Kommando die Stadt bom⸗ bardierten, kamen die revolutionären Matrosen und Truppen aus den Lazarew⸗Kasernen, wo ste sich verbarrikadiert hatten, um die Stadt von der Landseite anzugreifen. Der Artillerie- kampf richtete auf beiden Seiten Verheerungen an. Die Geschosse von den Krtegsschiffen der Meuterer fielen in die Stadt, zerstörten viele Häuser und töteten zahlreiche Personen auf den Straßen. Unterdes war Schmidt tödlich ver⸗ wundet worden und ergab sich/ 6 Uhr abends.

In Petersburg und vielen andern Städten dauert der Generalstreik noch fort. Besonders fühlbar macht sich der Streik der Post- und Telegraphenbeamten, wodurch der Postverkehr lahmgelegt wird. Neuerdings geht die Streikbewegung zurück, in mehreren Orten sucht die Reaktion Oberhand zu gewinnen. In vielen Garnisonen brachenMeutereien aus.

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Politische Rundschau.

Gießen, den 7. Dezember 1905.

Im Reichstage

wurde in der Sitzung am Samstag über eine kolonkale Forderung verhandelt. Für eine Eisenbahn von der Lüderitzbucht nach Kubub im Hererolande werden reichlich 5 Millionen Mark verlangt. Der neue Mann im Kolonial- amt, Prinz v. Hohenlohe-Langenburg, begründete die Forderung. Der Zentrumsmann Erz⸗ berger eriüisterte das Kolonialamt so scharf, daß man meinte, er würde die runde Ablehnung der Forderung beantragen. Das Zentrum denkt aber nicht daran; es will Kommisstons⸗ verhandlungen und rechnet sicherlich auf das

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ustandekommen eines kleinen netten Kuhhandels.

ie Kolontal⸗Verwaltung hatte zur Verstärkung ihrer Posttion den leibhaftigen Heros aus Süd⸗ westafrika, den Oberst Deimling herangezogen, der eine ebenso schöne Gabe der Pathetik wie rührende Unkenntnis der Grundelemente parla⸗ mentarischen Lebens bekundete. Eine grund⸗ sätzlich scharfe Kritik fand nicht nur die Forde⸗ rung, sondern die ganze Kolonialpolitik durch den Genossen Ledebour, der insbesondere den famosen Trotha und seinen berühmten Erlaß aufs Korn nahm, auch keineswegs den Reich s⸗ kanzler etwas schenkte. Konservative und Natso⸗ nalliberale sind natürlich für die Vorlage. Ledebour wollte Herrn Erzberger, der in einer 11 Rede von Enthüllungen über die Kolonsal verwaltung sprach, die er noch im Busen trage, gern zu weiteren Darlegungen verhelfen, aber Graf Ballestrem wollte von einer Erörterung von Dingen nichts wissen, die mit der Bahnvorlage nicht in unmittelbarem Zusammenhange stünde. Immerhin fand Ge⸗ nosse Ledebour auch in seiner zweiten Rede Gelegenheit, in scharfen Worte die südwest⸗ afrikanische Hottentottenmoral zu brandmarken. Die Vorlage swurde schließlich an die Budget⸗ kommisston überwiesen. Am Montag und Dienstag waren keine Sitzungen. Mittwoch begann die Etats beratung. Der Reichs⸗ kanzler hielt eine große Rede, in der er seine Steuervorlage empfahl und sich (natürlich!) als Freund der indirekten Steuern erklärte. Nur der Zentrumsredner Fritzen kam an diesem Tage noch zum Wort.

Anträge der sozialdemkr. Reichstagsfraktion.

Nicht weniger als 16 Initiativanträge haben

unsere Genossen im Reichstage eingebracht. Ein Teil davon ist aus der vorigen Session über⸗ nommen. Unter anderem wird in den Anträgen verlangt: Einführung des Achtstundentags; Regelung des Vertragsverhältnisses der Berg⸗ arbeiter; ein Gesetz, das Gerichte nach Art der Gewerbegerichte für die ländlichen Arbe iter und das Gesinde schafft und ferner ene liche Krankenversicherung für die letzteren; Rege⸗ lung des Wohnungswesens; Aufhebung der Nahrungsmittel- und Futterzölle; Be⸗ seitigung des Majestätsbeleidigungs⸗ Paragraphen ꝛc. Ferner will sich die Reichstagsfraktion mit einem allgemeinen längeren Arbeiterschutzgesetzentwurf beschäftigen. Dieser soll das Arbeitsverhältuis aller für das Gewerbe eines anderen arbeiten⸗ den Arbetter(zum Beispiel guch der Heim arbeiter, Gärtner, Bureaugehilfen) behandeln. Die Regelung des Kollektivvertrages, der Ak- kordarbeit, der Sicherung des Koalitlonsrechts egen die immer mißlicher auftretende Recht- 8 sowie eines Schutzes gegen schwarze Listen der Arbeitgeber würde ebenfalls in den Rahmen dieses Gesetzes fallen.

Blutopfer für die Kolonialpolitik.

Nach demMilitärwochenblatt beziffert fich der Gesamtverlust, den uns das südwestafrika⸗ nische Abenteuer bisher gekostet hat, auf 1852 Mann. Hiervon sind Tote 1191. Davon find an Krankheit gestorben 527; gefallen 520 und die übrigen vermißt und verwundet. Dieser Kolonialkrieg, den man aufangs als eine harmlose und ungefährliche Expedition betrachtete, hat uns also bereits rößere Blutopfer gekostet, als der dänische Krieg im Jahre 1864. Zu den kolossalen Blutopfern für eine volkswirtschaftlich absolut wertlose Kolonie kommen dann noch die enormen mate⸗ riellen Opfer. Kostet uns der Krieg doch bereits nach den Etats für 1904, 1905 und 1906 etwa 300 Millionen Mark, womit aber die Gesamkausgaben noch lange nicht erschöpft sein werden.

Für das allgemeine Wahlrecht!

Nunmehr ist es auch in Sachsen zu einer wir⸗ kungsvollen Wahlrechtsdemon stra tion gekommen. In Dresden fanden am Sonntag sieben Protestversammlungen statt, die überaus stark besucht waren und scharfe gegen die Wahlrechtsräuber und den

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