Ausgabe 
10.9.1905
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

5 Nr. 37.

Cholera im Osten Deutschlands.

Im Weichselgebiete, an der Ostgrenze Deutsch⸗ lands, ist die astatische Cholera aufgetreten und die unheimliche Seuche hat schon zahlreiche Opfer gefordert. Bis Dienstag, den 5. Sept. zählte man bereits 77 Erkrankungen und 24 Todes fälle. Auch von Hamburg werden schon Fälle gemeldet. Die Krankheit soll durch russische Weichselflößer eingeschleppt worden sein. Es werden natürlich energische Maßregeln gegen ie Weiterverbreitung getroffen.

Einiges von den Kaiserreisen.

Vor kurzem wußte dieElbinger Zeitung zu berichten, daß der Kaiser keineswegs freie Eisenbahnfahrt habe, wie man gewöhnlich an⸗ nimmt, sondern bezahlen müsse wie jeder andere. Die Fahrtkosten des Hofzuges würden berechnet wie die jedes anderen Sonderzuges, nämlich mit 1,20 Mk. für jeden Kilometer der Lokomotive, 40 Pfg. für jeden Kilometer und jede Achse eines Personenwagens und 20 Pfg. für jede Achse eines Schutz und Gepäckwagens. Der kaiserliche Sonderzug zähle 36 Achsen, wovon 30 auf die Personenwagen und 6 auf Schutz⸗ und Gepäckwagen kämen. Die Reise⸗ kosten des Kaisers von Berlin bis Elbing be⸗ trügen demnach 5811,20 Mk., für die Strecke Elbing⸗Cadinen 244,80 Mk. Reise der Kaiser von Berlin bis Rominten, so müsse er für die 770 Kilometer lange Strecke 11088 Mk. Fahr⸗ geld zahlen. Die Rückfahrt koste ebenso viel. In jedem Hofzuge befindet sich ein Ingenieur, der für die betriebssichere Ausrüstung des Hof⸗ zuges verantwortlich sei. Jeder Wagen werde von einem besonderen technischen Hilfsbeamten überwacht. Daß der Kaiser auch für diese be⸗ sondere Betriebseinrichtung etwas zu zahlen habe, wird nicht berichtet. Immerhin muß ihm bei seinen vielen Reisen die Eisenbahnfahrt doch so teuer kommen, daß es schwer fällt, zu be⸗ greifen, warum er eigentlich so viel reist. Es wird aber wohl ein Unterschied gemacht werden, nämlich zwischen sogenannten Staats- und eigentlichen Privatreisen.

Eine sozialistische Volksschule.

Man schreibt der Wiener Arbeiterzeitung aus Budapest: Graf Erwin Batthyany, ein junger Aristokrat, von dem seit Jahren bekannt ist, daß er sich mit Vorliebe mit sozialwissen⸗ schaftlichen Studien befaßt, errichtet auf seinem Gute Bögete im Eisenburger Komitat in Ungarn auf eigene Kosten eine Volksschule für die Bauernkinder. Der Lehrplan der Schule, für deren Leitung Graf Batthyany den jungen, tüchtigen Pädagogen Genossen Tarczai gewonnen hat, soll nach sozialistischen Grundsätzen zusammen⸗ gestellt sein. Die vorerst zweiklassige Schule wird im September eröffnet werden.

2 Kirche und Religion. Schluß des Artitels aus voriger Nummer.)

Was solche großen, religiösen Naturen von den kleinlicheren Verfechtern des Alten, des Dogmas, des Kultus unterscheidet, ist dies: Sie sind Suchende, sie fühlen das Ungenügende, das Enge und Beklemmende, das Ausgetrocknete der abgeleierten überlieferten Formeln, ste dürsten nach mehr, nach neuem frischeren reli⸗ giösen Leben. Und Hunderten und Tausenden ist ihre Sehnsucht aus dem Herzen gesprochen, den Vertretern des Alten aber, die, um es kurz zu bezeichnen, über der Kirche die Religion vergessen haben, werden sie als Ketzer, Um⸗ stürzler und Gottlose gelten. Es ist die Ge⸗ schichte eines Mannes, der einen wertvollen Perlenschmuck feilbietet und dabei nicht merkt, daß er die köstlichste Perle daraus verloren hat und nun, da der andere kommt, der sie im Staube gefunden und aufgehoben, da schilt er ihn einen Betrüger und Lästerer.

Sehen wir einmal ab von diesen ganz Großen in der Geschichte der Religion. Mit ihnen wollen wir uns gewiß nicht gleichstellen. Nur deshalb haben wir an sie erinnert, um an ihrem Beispiel zu zeigen, wie nötig von Zeit zu Zeit ein Kampf gegen die erstarrende Or⸗ thodoxie ist. Wie es wohl eine Sünde sein

mag keine Religion zu haben,) aber keine Sünde, für deren innerlich wirkende Macht gegen äußere leere Formeln zu kämpfen, und endlich, wie falsch es ist, aus den Lehren eines solchen religiös bedeutungsvollen Menschen, statt wie Sehnsucht nach Freiheit herauszufühlen, neue Fesseln

daraus zu schmieden, die schließlich nach Jahr

und Tag den weitergewachsenen Beist wieder gerade so einengen und niederdrücken, als er zu vor bedrückt war.

Schlagt doch die Worte des neuen Testa⸗ ments einmal wieder auf und dann vergleicht einmal in Gedanken das, was dort geschrieben steht mit all den Einrichtungen, Zerremonien und Formeln] der protestantischen Kirche aber nun gar der katholischen! Kann man wirklich diese einfachen, allgemein gehaltenen Lehren gar nicht anders verstehn, als es die Theologen lehren? Und wie verschieden haben die wieder darüber gesprochen und geschrieben und schreiben und sprechen sie heute noch darüber! Wenn Christus beim letzten gemeinsamen Mahl zu seinen Jüngern sagt:Solches tut, so oft ihrs tut zu meinem Gedächtnis, oder ein ander Malgehet hin, in alle Welt, sind denn mit diesen Worten die Abendmahls⸗ und die Tauf⸗ zeremonien wirklich so vorgeschrieben, mit all den Formen und Formeln, deren Nichtbefolgung einen Geistlichen heutzutage unmöglich macht? Und hat Christus hier hinein wirklich den Schwerpunkt seiner Religion ebenso gelegt, wie unsre heutigen Konststorialräte es tun? Wo steht denn im neuen Testament die Lehre, daß der Glaube an das ewige Leben, die Hoffnung auf eigne ewige Seligkeit, das entscheidende Merkmal des wahren Christen sei? Kann man nicht auf ganz andere Gedanken kommen, wenn man die feierlichen und doch so weitherzigen, so liebevollen Worte hört:Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, und das andereliebe deinen Nächsten als dich selbst in diesen beiden Geboten hanget das ganze Gesetz und die Propheten.

Aber wir wollen keine Heuchler sein, auch diese beiden Sätze sind unserem Denken heutzu⸗ tage vielleicht schon zu viel zugemutet. Nicht jeder kann sich mehr die Gottheit so einfach, so menschenähnlich, so persönlich vorstellen, daß er jenes Gefühl für sie haben kann, welches Mensch mit Menschen zu verbinden pflegt. So geben auch unsere Philosophen, ein Kant, ein Schleiermacher u. a. jenen Worten eine andere Deutung. Ihnen bleibt nichts als dasGe⸗ fühl der Abhängigkeit des Menschen von den ewigen, unendlichen Mächten, die in der Welt um ihn her, die in seiner eigenen Seele so wundersam leben und weben. Deren erster Anfang, deren letztes Ende sich jedem mensch⸗ lichen Grübeln und Formulteren auch dem des Gottesgelehrtesten entzieht. Um so stärker nur werden wir bei einer solchen Verflüchtigung aller egoistischen Hoffnungen und Ansprüche auf die Liebe zu den Mitmenschen gewiesen. Sie wird die einzig würdige Art der Gottesver⸗ ehrung, die einzig würdige Art der Ewigkeits⸗ hoffnung. In diesem sozialen Zuge, der uns in allen Andern mitleben läßt, der in unserem kleinen Selbst das Geschick der ganzen Menschheit spiegelt, der uns für deren Fort⸗ schreiten manch eignes Interesse zurückstellen lehrt, der jeden Einzelnen zu einem wichtigen Gliede eines ewigen Ganzen macht, dleser soztale Zug ist jedenfalls eher eine Hauptader der Religion, als irgend ein Wunderglaube oder eine Zeremonienformel.

Und wenn ein zweiter Christus nun unter uns wäre, und wenn wir vor ihm ständen, in voller Spannung warteten, für welche der beiden Weiterbildungen der Religion er sich entscheiden werde, ob für jene kirchliche, oder für diese soziale? Ob er sich wohl eher für einen jener gestrengen Konsistorialräte erklärte, oder sich mehr zu einem energischen Vorkämpfer der sozialen Bewegung hingezogen fühlte? Müßten wir wirklich in sein durch die Ferne der Zeiten verschwommenes Charakterbild, den Zug der Intoleranz hineinzeichnen, der jeder Kirche mehr oder weniger eigen ist? So sehr eigen, daß

0 Wir könne es nicht für eineSünde galten, keineReligion zu haben. D. R.

deren Vertreter selbst oft gar nicht mehr fühlen, daß sie überhaupt Anderen Gewissenszwang auferlegen, gegen den ste doch selbst so empfind⸗ lich zu sein pflegen.(Konfessionsschulen!)

Aber eine andere, jene soziale Religion, mit dem Hauptgrundsatz der Nächstenliebe, kennt ste nicht auch Intoleranz, hat sie nicht auch ihre Gegner, die sie mit leidenschaftlichem Haß be⸗ kämpft?

Allerdings auch sie kann hassen, kann gründ⸗ lich hassen, und ihr ewiger geschworener Feind ist- der Egoismus!

K. Wbr.

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Der durstige General. 5 Ein Manöverbild.

Die heißen Strahlen der Nachmittagssonne brannten auf das weite Manöverfeld hernieder. In Staubwolken gehüllt rückten die Bataillone an, eine graue Masse, aus welcher Helmspitzen und Bajonette in rötlichem Lichte funkelten. Trompetensignale schmetterten, Gewehrfener knatterte und der Dunst des rauchschwarzen Pulvers mischte sich mit dem Staube des Feldes zu einem dichten Nebelschleier.

Auf einem Hügel, umgeben von Offizieren und Soldaten, hielt der alte General Freiherr von Säbelmann, der Kommandeur der Truppe, batte. gegen einen markirten Feind zu dirigiren

atte.

Schon seit Stunden währte die heiße Schlacht; Mensch und Tier waren ermattet, die Feldflaschen bis auf den letzten Tropfen geleert. Endlich ergab sich in der Uebung eine Pause; die umliegenden Hügel waren besetzt, es mußte eine Schiffsbrücke über den Fluß geschlagen werden, um denSieg des Tages zu vollenden. ö

Inzwischen verzogen sich Staub und Rauch ein wenig. Vom unfernen Waldrand her grüßte ein gastliches Häuschen, die SchenkeZum Fel dmarschall Blücher.

Wer jetzt dort einen kühlen Schoppen trinken könnte! dies war wohl der Herzens⸗ wunsch manches Sol daten. Auch dem General war dieser Wunsch nicht fern, seine Kehle war wie ausgetrocknet. Und warum sollte man nicht in der Gefechtspause einige Liter Bier requiriren können.

Dem Gedanken folgte die Tat, wie sich das bei tapfern Generalen schickt. Mehrere Soldaten eilten im Laufschritt nach demFeldmarschall 1 um für den Generalstab Bier zu

olen.

Der Wirt, ein dicker, behäbiger Mann mit freundlichen Mienen, trat den Soldaten vor der Haustür entgegen und hörte ihr Ver⸗ langen, ohne sich um die Gewährung desselben zu bemühen.

Vor wem soll denn det Bier sind? fragte er nur.

Für den Herrn General und die Herren N sagte der Gefreite, welcher das Wort ührte.

Der Wirt kratzte sich hinter den Ohren. Denn tut et mir leid, aber ick kann keen Bier nich her jeben.

Warum nicht? fragte der Soldat er⸗ staunt. f

Weil ick nich will, anwortete der Wirt.

Warum wollen Sie nicht?

Weil ick nich darf.

Warum dürfen sie nicht?

Det weeß ick nich.

Bei diesem Bescheid blieb es, die Soldaten mochten schelten und drohen, wie ste wollten. Sie zogen daher ab und referirten den sonder⸗ baren Vorfall ihrem General.

Himmelhaubitzenelemeut! fluchte der alte General Säbelmann.Was seid ihr für Kerle!

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