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Nr. 37.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
schwer geschädigt. Die Christlichen versprechen auf der einen Seite den Arbeitern Besserung ihrer Lage, während ihre Abgeordneten im Reichstag für Verteuerung der Lebensmittel stimmten. Herr Becker wußte sich nicht anders aus der Klemme zu ziehen, als daß er sich schleunigst nach der Bahn begab und abreiste. Unsere Genossen aber gingen nach dem Stadt⸗ park, wo Göller einen Vortrag über die christ⸗ liche Gewerkschaftsbewegung hielt, die in der Tat nur einen Hemmschuh für die Arbeiterbe⸗ wegung bilde. Jetzt werben ste sogar in ihrem Verbandsorgan Streikbrecher nach Köln! Göller wies noch auf die schweren Kämpfe hin, die wir unter dem Sozialistengesetz zu bestehen hatten und ermahnte zur Einigkeit und festem Zusammenhalt.
— In Schotten hielt der Wahlverein am Samstag eine Versammlung ab, in welcher Gen. Dr. Michel s⸗Marburg einen Vortrag über Lassalles Wirken hielt. Der Besuch war verhältnismäßig gut, doch wäre er gewiß stärker gewesen, wenn sich nicht die Meinung verbreitet hätte, daß der Vortrag erst Sonn⸗ tag Abend stattfinden sollte, wie es auch vorher beab⸗ sichtigt war. Die Erschienenen folgten den Ausführungen des Redners mit großer Aufmerksamkeit und nahmen sie beifällig auf. Hoffentlich ist es Genossen Michels bald wieder möglich, Schotten zu besuchen und unserer Sache hier fördern zu helfen!
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. In der Protestversammlung gegen den Fleischwucher, die am Sonntag in Göths Garten abgehalten wurde, referierte Genosse Redakteur Quin t.Frankfurt. Die Versammlung war äußerst zahlreich besucht und die Ausführungen des Redners fanden lebhafte Zustimmung. In klarer Weise führte er die Ursachen der Fleischnot auf die junkerlich⸗agra⸗ rische Zollpolitik zurück, die diese und noch an⸗ dere verderbliche Erscheinungen zeitige, die sich noch viel schärfer mit dem Inkrafttreten der Handelsverträge zeigen würden. Gegen diese Zustände und diese Politik müsse im Interesse des Volkes protestiert werden, die Konsumenten, Metzger und Stadtverwaltungen müßten gemein⸗ sam auf Abhilfe dringen. Eine in diesem Sinne gehaltene Resolution gelangte zur einstimmigen Annahme. Unter anderem verlangt die Reso⸗ lution von der Stadtverwaltung Wetzlar ge⸗ meinsam mit anderen deutschen Städten bei
der Reichs⸗ bezw. Staatsregierung vorstellig
zu werden, wegen Oeffuung der Grenzen für gesundes Vieh, Aufhebung des Einfuhrverbote für überseeisches Fleisch und Fleischwaren ꝛc. Die beiden Wetzlarer Abgeordneken waren auch zu der Versammlung eingeladen. Während Herr Reichstagsabgeordneter Krämer sein Fern⸗ bleiben höflich und mit guten Gründen entschul⸗ digte, beantwortete der Landtagsabgeordnete Stockmann die Einladung gar nicht. Er fühlt sich jedenfalls als Vertreter der 1. und 2. Wählerklasse nicht veranlaßt, sich um die Schmer⸗ zen des gewöhnlichen Volkes zu kümmern.
h. Risiko der Arbeit. Fast täglich be⸗ richten die Zeitungen von Unfällen, die sich bei der Arbeit zugetragen haben. Ungeheuer groß ist die Zahl der Arbeiter, welche alljährlich als Opfer der Arbeit fallen, noch mehr aber werden zum Krüppel. Vor einiger Zeit wurde in unserem Blatte nachgewiesen, daß seit 1890 über 100 000 Tote auf dem Schlachtfelde der Arbeit gefallen sind. Und die Zahl der tödlich Verun⸗ glückten steigt mit jedem Jahre und betrug im Jahre 1904 über 9700. Auch in unserer Gegend kommen viel Ungücksfälle bei der Arbeit vor und nicht wenige mit tödlichem Ausgange. Im Amtsblatt bezeichnete vor kurzem einer, der jedenfalls bei irgend einem Berg⸗ werkskapitalisten beschäftigt ist, die Bergarbeit in hiesiger Gegend als ungefährlich. Wie wenig das zutrifft, be⸗ weist der schwere Unglücksfall, der vor wenig Wochen in der Grube Amanda bei Nauborn sich ereignete und dem zwei Bergleute zum Opfer fielen, wovon der eine sofort starb. Und in der vorigen Woche kamen wieder zwei Unglücksfälle vor. Auf einem Neubau in der Frank⸗ furterstraße stürzte der Maurerlehrling Becker herab und verletzte sich schwer und in der Brauerei zum Riesen fiel der Maschinist Berndt und zog sich ebenfalls der⸗ artige Verletzungen zu, daß er ins Krankenhaus ge⸗ bracht werden mußte. Diese Opfer an Leben und Ge⸗ sundheit, welche die Arbeiterschaft alljährlich bringen muß, zählt die Ordnungspresse nicht, dagegen erscheint ihr das„Risiko“ der Unternehmer, die doch nur Geld einsetzen, um damit noch mehr zu gewinnen, als ganz besondere und großartige Opferwilligkeit.
h. Der Unfall des Maurerlehrliugs Becker zeigte wieder, wie in Wetzlar Bauten aufgeführt werden und wie wenig auf die aller⸗ notwendigsten Schutzvorrichtungen geachtet wird. Im Innern der Bauten wird nicht eine Balken⸗ lage abgedeckt, so daß man von dem Dachfirst bis in den Keller sehen kann. In den Treppen⸗ häusern fehlt jegliche etagenweise Abdeckung. Bei den Stangengerüsten, die um einen Neu⸗ bau sind, fehlen die unteren Fanggerüste. Wo solche grobe Gesetzes verletzungen seitens der Bauunternehmer ungerügt bleiben, ist es gar nicht verwunderlich, wenn Unglücksfälle, wie dieser, vorkommen. Es gehört eine strenge Fachaufsicht her. Aber auch die Arbeiter sind nicht von aller Schuld freizusprechen. Sie sollten sich einfach weigern, an solchen gefähr⸗ lichen Bauten zu arbeiten und darauf dringen, daß von den Unternehmern die baupolizeilichen Bestimmungen eingehalten werden, eventuell
egen solche Unternehmer, die dem nicht nach⸗ ommen, Anzeige erstatten. Freilich ist Vor⸗ bedingung für solches Vorgehen, daß die Ar⸗ beiter gut organistert sind, um gegen Chikanen der Unternehmer geschützt zu sein.
Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.
* Mehrere Mitglieder des Bau⸗ hilfsarbeiter⸗Verbandes senden uns zu der Mitteilung in voriger Nummer von der Entlassung ihres Vorsitzenden Wörzberger durch den hiesigen Vertreter der Frankfurter Beton⸗ gesellschaft eine Zuschrift des Inhalts, daß es sich bei dieser Entlassung keineswegs um eine Maßregelung handele. W. sei nur sehr unge⸗ schickt vorgegangen. Die 10 stündige Arbeits- zeit sei von dem Vertreter ohne Weiteres be⸗ willigt worden. Weiter wurde jedoch in der Eingabe 30 Pfg. Stundenlohn gefordert, wäh⸗ rend doch in diesem Geschäft schon 35 und 36 Pfennig bezahlt werden. Der Vorarbeiter hatte also ganz recht, wenn er die Forderung nicht an das Geschäft weiter beförderte, denn bei Bewilligung derselben hätten sich die Arbeiter schlechter als vorher gestanden. Der Vorarbeiter hätte zur Erreichung eines höheren Stunden⸗ lohnes sein bestes beigetragen.— Aus dem Weiteren ist zu entnehmen, daß W. infolge persönlicher Differenzen mit dem Vorarbeiter, nicht wegen Vertretung der Verbandsforde⸗ rungen entlassen wurde, deshalb konnten ihm seine Kollegen nicht aus der Arbeit folgen, was andernfalls unbedingt geschehen wäre.
Wahl zur Generalversammlung der Ortskrankenkasse. Ueber die Aufgabe der Ver⸗ treter zur Gen eralversammlung der Ortskrankenkasse herrscht in den Reihen der Kassenmitglieder noch viel⸗ fach Unklarheit. Es ist deshalb nötig, darüber einiges mitzuteilen, da ja in diesem Jahre die Wahl stattfindet, — Alle drei Jahren wählen die Ortskrankenkassen⸗ Mitglieder aus ihrer Mitte Vertreter zur Generalver⸗ sammlung und zwar so, daß auf 10 Mitglieder 1 Ver⸗ treter kommt. Die einzelnen Berufe sind für die Zahl der Vertreter maßgebend. Die so gewählten Vertreter bilden alsdann die General versammlung, in der nur sie Stimmrecht haben. Man sieht also. die Generalversammlung ist ein wichtiger Faktor für die Ortskrankenkasse, wie für die Arbeiterversicherung über⸗ haupt. Sie wählt zunächst aus ihren Vertretern den Vorstand, der die Pflicht hat, für das Wohl der Kasse zu sorgen. Es ist daher geboten, nur tüchtige und zu⸗ verlässige Leute als Vertreter in den Vorstand zu wählen. Auch in der Invalidenversicherung haben die Arbeitnehmer des Vorstandes ein gewichtiges Wort mit⸗ zusprechen. Sie wählen bekanntlich die unteren Ver⸗ waltungs behörden, in denen sie über Gewährung von Invalidenrenten ꝛc. mit zu entscheiden haben. Sie vollziehen schließlich die Wahlen zum Ausschuß der Landesversicherungsanstalt, diese Ausschüsse wählen den Vorstand der Landes versicherungsanstalt und die Bei⸗ sitzer der Schiedsgerichte und den letzteren wieder liegt die Wahl der Beisitzer zum Reichsversicherungsamt ob. Daraus ist ersichtlich, welche wichtige Aufgabe die Ver⸗ treter der Krankenkasse haben, und es ist daher notwendig, daß Vertreter gewählt werden, die mit der Arbeiterbewegung in inniger Berührung stehen. Aufgabe der, einzelnen Gewerkschaften in Marburg wird es sein, geeignete Personen als Vertreter vorzuschlagen, damit, wenn die Wahlen vorgenommen werden sollen, alles sich in Ord⸗ nung befindet.
Der Arbeiter⸗Gesangverein „Eintracht“ feiert am Sonntag, den 24.
September in Café Quentin sein 5. Stiftungsfest.
Eintrittskarten sind im Vorverkauf bei den Mitgliedern zu haben.
Ein Standesbeamter wurde von der Mar⸗ burger Strafkammer zu 30 Mk. Strafe verurteilt, weil er zu„liberal“ in der Auffassung der Gesetze gewesen war und eine Eheschließung zwischen minderjährigen Personen vollzogen hatte.(Das ist noch lange nichts. In einem hessischen Dorfe ließ der Bürgermeister und Standesbeamte mehrfach die Trauungen durch seinen Sohn oder den Schreiber vornehmen, die so zu Stande gekommenen Ehen sind also eigentlich gesetzlich un⸗ gültig! D. R.)
Beleidigte Stadtväter.
Gegen unseren Genossen Stadtverordneten Hoch in Hanau haben elf Hanauer Stadt⸗ verordnete wegen Beleidigung geklagt. Die Beleidigung soll Hoch durch einen in der Frank⸗ furter„Volksstimme“ erschienenen Artikel be⸗ gangen haben. In der am Mittwoch stattge⸗ fundenen Verhandlung lehnte Hoch die Ver⸗ fasserschaft des angeblich beleidigenden Artikels ab, weshalb die Verhandlung vertagt wurde, da erst der verantwortliche Redakteur und das Druckereipersonal() vernommen werden soll.
Entgleister Pastor.
Das Landgericht in Celle verurteilte am Mittwoch den Pastor a. D. Kreußler wegen Betruges zu fünf Jahren Gefängnts. Seine Mitschuldige, Frl. Hoppe erhielt 4 Mo⸗ nate Gefängnis. Der Pastor hatte die Kirchen⸗ kasse als seine eigene betrachtet.
Letzte Nachrichten.
Sozilaldemokratischer Wahl sieg. Bei den Landtagswahlen in Schwarzburg-Rudolstadt am Donnerstag wurden acht Sozialdemokraten endgültig gewählt, zwei stehen noch in Stichwahl. Außerdem wurden gewählt: 2 Freisinnige, 3 Agrarier und 1 Li⸗ beraler. Gewählt sind u. a. die Genossen Hartmann (Doppelwahl), Bloß, Venter, Frötscher, Winter. Mehrere Bezirke stehen noch aus. Eine sozialdemokratische Land⸗ tagsmehrheit ist wahrscheinlich.
Aufruhr in Ig pan, n Tokio rebelliert das Volk, weil es mit den Friedens⸗ bedingungen unzufrieden ist. Zehn christliche Kirchen, sowie das Amtsgebände des Mini⸗ sters des Innern wurden niede rgebrannt. ———.
Arbeiterbewegung.
Lohnkämpfe. Die Schr einer in Worms beschlossen in einer 200 Mann starken Versammlung mit allen gegen vier Stimmen, die sofortige Kündigung einzureichen, weil die Arbeitgeber sich weigerten, in Verhandlungen wegen des Tarifs einzutreten.— In Hanau sind die Gold⸗ und Silberarbeiter mit ihren Arbeitgebern in Differenzen geraten. — In Köln dauert der Holzarbeiter⸗ Ausstand fort. Die christlichen Gewerk⸗ schaften stellen die Streikbrecher!— Zwischen der Firma Seidel und Naumann in Dres⸗ den, Fahrradfabrik und den streikenden M e⸗ tallarbeitern wurde eine Verständigung erzielt und der Streik beigelegt.— Die Glaser in Hamburg wollen den General⸗ streik proklamieren.— Der Handschub⸗ macher ⸗Streik in Halberstadt dauert noch fort.
Versammlungskalender. Samstag, den 9. September. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends
9 Uhr Versammlung bei Wirt Hch. Volkmann.
Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T. ⸗O.: Berichte über die Landes⸗ und die Kreiskonferenz.
Steinberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im„Grünen Baum“. T.⸗O!: 1. Bericht von der Kreiskonferenz. 2. Landtagswahl. Zahl⸗ reich erscheinen.
Wieseck. Wahlverein. Abends /9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker.
Wetzlar. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Gasthaus„Zur Glocke“.
Sonntag, den 10. September.
Gießen. Transportarbeiter. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Lö b(Wiener Hof.)
Trohe. Partei⸗Versammlung. Nachmittags 3 Uhr bei Wirt Seipp für Altenbuseck, Trohe, Rödgen und Wieseck. Bericht über die Landeskonferenz und Vortrag.
Mittwoch, den 13. September.
Wetzlar. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung in der„Glocke“.


