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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonuutaas⸗Zeitung.
Nr. 37.
wo es jedenfalls unschädlich sei. Gegen den agrarischen Raubzug müsse sich das Volk weh⸗
ren. Resolutionen würden kaum viel nützen,
es gelte vielmehr bei den Wahlen dafür zu sorgen, daß der Volksaussaugung entgegen ge⸗ treten werde. Nachdem Krumm seine Aus⸗ führungen unter lebhaftem Beifall geendet, er⸗ griff Genosse Vetters das Wort, der an Hand zahlenmäßiger Feststellungen darlegte, daß an den einzelnen Schlachthöfen bedeutend weni⸗ ger Vieh und besonders Schweine geschlach⸗ tet würden als früher.“ Und gerade für die minderbemittelte Bevölkerung mache sich der Mangel an Schweinefleisch am empfindlichsten fühlbar, weil diese vorwiegend auf den Genuß von Schweinefleisch angewiesen ist. Aber nicht allein die Fleischpreise zeigen eine horrende Stei⸗ gerung, sondern auch die Preise der übrigen Lebensmittel. Milch, Butter, Gemüse, Eier ꝛc. verzeichnen Preise, wie nie vorher und diese Mehrausgaben zu leisten, sei der Arbeiter nicht imstande, müsse sich also noch mehr einschränken und noch mehr entbehren als vorher. Es sei falsch, wenn von bedeutend gestiegenen Löhnen geredet werde. Der Arbeiter müsse um jeden Pfennig Lohnaufschlag erbittert kämpfen und seine Mehrausgabe fur die Lebenshaltung sei größer als der Mehrverdienst. Redner wies noch darauf hin, wie das konsumierende Pub⸗ likum durch die Zucker-, Spiritus, Kohlen⸗ und andere kapitalistische Ringe geschröpft werde, die willkürlich die Preise diktieren. Unsere Reichsregierung, welche diese agrarische Politik treibe, schädige unser Volk noch dadurch, daß sie hunderte Millionen Mark für die unsinnige Kolonialpolitik hinauswerfe. Welcher Nutzen könnte gestiftet werden, wenn die ungeheuren Summen, die für Südwestafrika geopfert wer⸗ den, in Deutschland selbst Verwendung finden würden! Trotz der geringen Meinung Krumms von dem Werte einer Resolution, halte er es doch für zweckmäßig, eine solche zu beschließen und der Stadtbehörde sowie der Regierung zu übermitteln. Er schlägt die folgende vor, die, da weiter von niemanden das Wort gewünscht wird, einstimmig zur Annahme gelaugt:
Die heutige in Lonys Bierkeller tagende, stark be⸗ suchte Versammlung verlangt angesichts der herrschenden Fleischnot, die es den mind erbemittelten Kreisen der Bevölkerung fast unmöglich macht, sich Fleischnahrung zuzuführen, von der Stadtverwaltung, daß zunächst das Oktroi auf Vieh, Fleisch und Fleischwaren beseitigt werde. Ferner ersucht die Versammlung die hessische Regierung, daß sie im Bundesrate auf Oeffnung der Grenzen für gesundes Vieh hinwirken möge. Schließlich fordert sie die Stadtverwaltung Gießen auf, gemeinsam mit anderen Städten bei der Staats⸗ bezw. Reichs⸗ Regierung vorstellig zu werden und die Oeffnung der Grenzen zu verlangen für gesundes Vieh, Aufhebung des Einfuhr verbotes für überseeisches Fleisch und Fleischwaren, ferner Aufhebung der Zölle auf Fleisch, Fleischwaren sowie Futterstoffe.
— Der Streik bei Schaffstaedt dauert noch fort. Von Seiten der daran beteiligten Arbeiter wurde zwar der Versuch gemacht, eine Verständigung herbeizuführen und es wurde an Herrn Schaffstaedt selbst ein Schreiben in die⸗ sem Sinne gerichtet, doch es erfolgte keine Antwort. Eine solche dürften die Arbeiter doch mindestens erwarten. Herr Schaffstaedt läßt aber seinen langjährigen Arbeitern gegen⸗ über außer Acht, was sonst im gewöhnlichen Leben als Anstandspflicht angesehen wird. Ueber die gestellten Forderungen sei folgendes mitgeteilt. Bei der Firma werden, und zwar
* Durch eine Unfrage, die die Allgemeine Fleischer⸗ Zeitung über die Schweineschlachtungen im Au gust dieses und des vorigen Jahres bei den Direktionen der 40 größten Schlachthöfe im Deutschen Reich gehalten hat, ist der zahlenmäßige Beweis für einen sehr be⸗ deutenden Mangel an Schweinen erbracht. Danach sind auf sämtlichen Schlachthöfen im Jahre 1905 bedeutend weniger Schweine geschlachtet worden. In Berlin beispielsweise sank die Zahl von 79642 auf 75 380, in Hamburg von 26 210 auf 23 043, in Frank⸗ furt von 11019 auf 10 271, Mainz von 4361 auf 3557, Kassel von 3278 auf 2810, in München von 17 860 auf 14194, in Nürnberg von 13 656 auf 8670. Neben der bedeutenden Abnahme der Schweine⸗ schlachtungen ist bei sehr vielen der genannten Schlacht⸗ höfe auch eine starke Abnahme der Rinder⸗ und Käl berschlachtungen zu konstatieren.
hauptsächlich in der Dreherei, die Arbeiten teils im Akkord, teils in festem Lohn hergestellt. Nun liegt die Sache so, daß, wie leicht erklär⸗ lich, der Zeitlohnarbeiter sich bei derselben Ar⸗ beitsleistung stets schlechter steht als der Alkord⸗ arbeiter, auch ist der Willkür der Meister Tür und Tor geöffnet. Um nur eine einigermaßen gerechte und gleichmäßige Verteilung der Arbeit und dadurch auch den im Zeitlohn Arbeitenden verhältnismäßig gleichen Verdienst zu sichern, wurde der Firma zur Regelung dieser für die Arbeiter wichtigen Frage folgendes vorgeschlagen: 1. Als Lohnsatz wird der Durchschnittsverdienst des Akkords vom letzten Vierteljahr berechnet und festgesetzt. 2. Bei Lohnarbeiten wird dieser Satz bezahlt; die Berechnung neuer Akkord⸗ preise geschieht auf der Grundlage dieses Lohn⸗ satzes. 3. Arbeiter, welche bisher nicht im Ak⸗ kord gearbeitet haben, erhalten denjenigen Lohn⸗ satz, welcher sich bei einem in gleichem Lohnsatz stehenden Akkordarbeiter ergibt. 4. Zu niedrig gestellte Akkordpreise sind so zu regulseren, daß
wenigstens der bei obiger Berechnung sich er⸗
gebende Lohnsatz verdient werden kann. Jeder Leser kann nun selbst beurteilen, ob diese For⸗ derungen wirklich so„ungerecht und unerfüllbar“ sind, wie die Firma Schaffstaedt in ihrem in vor. Nr. von uns veröffentlichten Rundschreiben behauptet und auf wessen Seite das Recht sich befindet. Ueber die Abstellung der von den Arbeitern gerügten Mißstände braucht nichts erwähnt zu werden, da in dieser Beziehung die gemachten Zusagen die Arbeiter befriedigten. Es blieb also nur noch die Regelung der Lohn⸗ und Akkordverhältnisse übrig und hierin wäre bet einigem guten Willen und Entgegenkommen seitens der Firma eine Einigung auf Grund⸗ lage dieser Vorschläge leicht zu erreichen ge⸗ wesen und der Ausstand hätte vermieden werden können. Selbstverständlich werden die Strei⸗ kenden ausharren. Trotz aller Bemühungen
ist es der Firma bis jetzt nicht gelungen, Ersatz
für die Ausständigen zu bekommen, nur ganze zwei„Arbeitswillige“ haben stch gefunden. Einer von diesen beiden gehört dem Jünglings⸗ verein an.
— Unparteiische Sozialpolitik. Die in Gießen erscheinenden„Neuesten Nachrichten“, die sich „unpartelisch und unabhängig“ nennen, brachten vor Kurzem einen Artikel unter der Ueberschrift:„Was kostet die Sozialpolitik?“ Was darin zu Tage gefördert wird, dürfte mit zu den Unfinnigsten gehören, was je über Sozialpolitik zusammen gesch—rieben wurde. Es wird da den Ausgaben für den Militarismus das Wort ge⸗ redet, als ob das deutsche Volk dafür noch nicht genug bluten müßte. Dann werden die Millionen vorgeführt, die bis jetzt für die Arbeiterversicherung aufgebracht set en, man könne von einem„Sozialmoloch“ reden. Daß der Besitzer und Redakteur des Blattes, Herr Klein, sich zu so rückständigen und arbeiterfeindlichen Ansichten bekennen sollte, möchten wir denn doch bezweifeln. Er bekommt aber seine Zeitung zum Teil fertig aus einer Berliner Fabrik geliefert und ist infolgedessen auf diesen Teil völlig einflußlos. Man sieht also, wie Arbeiter, welche ein derartiges Blatt durch„unablässiges“ Abonnement weiterverbreiten helfen, ihre eigenen Interessen schädigen.
— Konsumverein. In der General⸗ versammlung am Sonntag waren etwa 100 Mitglieder anwesend, leider nur ein Bruch⸗ teil der Gesamtheit. Die Jahresrechnung und die Bilanz wurde genehmigt, ebenso der vom Aufsichtsrat vorgelegte Verkeilungsplan der er⸗ zielten Ersparnisse. Der Umsatz im Laden be⸗ trägt, wie schon früher mitgeteilt, 43 000 Mk., einschließlich der Rabattgeschäfte, 66 800 Mk., oder auf das Mitglied durchschnittlich 208,50 Mark. Die Rückvergütung wird auf 5%(für den Schein 1 Mk.) festgesetzt und es wird mit der Auszahlung bereits am Montag begonnen. Die ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder Krug und Mäunche wurden wiedergewählt. Eine lange und lebhafte Debatte entspann sich über die Erwerbung eines Grundstückes. Sie endete mit der Annahme eines Antrages, wonach die Verwaltung ermächtigt wird, bei günstiger Ge⸗ legenheit den Kauf eines Grundstückes zu bewirken.
o- Die Freie Turnerschaft Gießen
hielt am vergangenen Mittwoch eine Mitglieder⸗ versammlung ab, die sich leider nicht des Be⸗ suches zu erfreuen hatte, wie er in Anbetracht der wichtigen Tagesordnung wünschenswert ge⸗
wesen wäre. Für die ausgeschiedenen Vorstands⸗ mitglieder wurden Turngenosse Lenz zum Kassenwart und Turngenosse Hch. Noll zum Schriftwart gewählt. Das Sommerfest auf der Pulvermühle brachte einen Ueberschuß von 110,75 Mk. Der Bericht des Turnvereins Fichte⸗Berlin wurde auf eine spätere Versamm⸗ lung zurückgestellt. Eine Resolution, die sich für die Ausgabe von Diplomen bei den Kreis⸗ turnfesten ausspricht, gelangte zur Annahme. Das Stiftungsfest wird wie alljährlich im November gefeiert.
— Ein Arbeitsnachweis für den Kreis Gießen ist errichtet worden und es werden, wie das Kreisamt bekannt gibt, am 16. Sept. in den Gemeinden Großen⸗Linden, Grünberg, Lich, Lollar, Londorf, Hungen und Wieseck Arbeitsnachweisstellen in Tätigkeit treten. Die Vermittlung von Arbeit erstreckt sich auf ge⸗ werbliche und landwirtschaftliche Arbeiter, Hand⸗ lungsgehilfen, Dienstboten, Taglöhner und Lehr⸗ linge und erfolgt unentgeltlich.— Hoffentlich kommt es nun auch bald zur Errichtung eines Gewerbegerichts, dessen Mangel sich sehr fühl⸗ bar macht.
aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach.
b. Die Kreiskonferenz für den Wahl⸗ kreis Alsfeld⸗Lauterbach, die am Sonntag im Stadtpark in Alsfeld abgehalten wurde, war gut besucht; einige Parteifreunde aus Lauter⸗ bach und Schotten nahmen daran teil. Zu dem Vorstands⸗ und Kassenbericht bemerkt der Kreisvertrauensmann Eder, daß die Fortschritte unserer Partei im Kreise befriedigende seien. Beispielsweise hätten wir bei den Gemeinde⸗ wahlen in Alsfeld unsere Stimmen verdoppelt. Im ganzen sind im letzten Jahre 5 Volksver⸗ sammlungen abgehalten worden. Die Kasse weist 95.81 Mk. Einnahmen und 62.52 Mk. Ausgaben auf, so daß ein Kassenbestand von 33.29 Mk. verbleibt.
In der Dieakussion beschwerten sich die Lauterbacher und Schottener Parteigenossen daß der Vertrauensmann sich im letzten Jahre sehr lässig gezeigt habe, er hätte öfters Zuschriften unbeantwortet gelassen und auf Ersuchen kein Material geschickt. Im Uebrigen habe er aber, erklärt Jakob, seine Pflicht als Vertrauensmann erfüllt und man solle ihn wiederwählen. Das geschah denn auch. Eder versprach das seinige tun zu wollen, damit die nächste Konferenz mit seiner Tätigkeit zufrieden sei. Als Kassierer wurde Karl Martin und als Schriftführer Wilh. Jakob gewählt. Von Gen. Neumann⸗Schotten wurde angeregt, den Kreis in Bezirke einzuteilen, damit man eine bessere Agitation entfalten könnte. Jakob stimmt dem zu und bemerkt, jetzt sei die Zeit zu intenstver Agitation, jetzt müsse den Leuten klargelegt werden, wer die Urheber der Fleischnot seien und in Alsfeld sei es sehr am Platze, eine Protestversammlung abzuhalten, wie es in anderen Städten auch geschähe; oder es müßten Flugblätter verbreitet werden. Dechert empfahl schließlich für diejenigen Genossen, denen die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung nicht ache Lesestoff biete, das Abonnement des Offenbacher Abendblattes oder der Frankfurter Volksstimme. Das Referat des Gen. Michels mußte aus⸗ fallen, weil er in Schotten den Zug nicht er⸗ reicht hatte.
b. Von der christlichen Gewerk⸗ schaft. Am Sonntag Nachmittag 2 Uhr sollte im„Grünen Baum“ in Alsfeld eine Versammlung des christlichen Maurerverbandes stattfinden, aber gegen 4 Uhr waren erst der Führer Herr Becker aus Frankfurt nebst zwei ganzen Mann seiner Mitglieder anwesend. Um diese Zeit erschienen eine Anzahl Mitglieder des Wahlvereins mit dem Genossen öller⸗ Frankfurt, die Herrn Becker hören wollten. Es kam dann zu einer scharfen Auseinandersetzung. Herrn Becker wurden seine Fehler vorgehalten, die er bei der Alsfelder Maurerbewegung be⸗ gangen hatte, indem er, als die Leute erst 14 Tage organistert waren, ste in den Streik gehen ließ. Unter solchen Umständen mußte der Streik verloren gehen und die Arbeitersache wurde


