Ausgabe 
10.9.1905
 
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Nr. 37.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

Nicht einmal zum Bierholen taugt ihr! Leut⸗ nant Schmetterwitz vor!

Der Gerufene, einer derschnetdigsten Leutnants im Regiment, erschien und empfing den Auftrag, die Herbeischaffung von Er⸗ frischungen aus demFeldmarschall Blücher zu leiten.

Zu Befehl, Herr General! Damit führte er den kleinen Trupp ab, und es verging eine geraume Zeit, in welcher der alte Schlachten⸗ lenker alle Höllenqualen des Durstes litt. Schon drohte die Manöverpause zu Ende zu gehen, da kam Schmetterwitz zurück, mit zornes⸗ rotem Gesicht, aber ohne Bier.

Herr General, rapportirte er,wir haben es mit einem der böswilligsten Untertanen der preußischen Monarchie zu tun! Weder durch Drohungen, noch durch hohe Bezahlung läßt sich dieser Wirt bewegen, Bier herzugeben. Er behauptet, nur nach persönlicher Rücksprache mit dem Herrn General selbst könne er uns seine Keller öffnen. Da ich keinen Befehl zum ge⸗ waltsamen Einschreiten hatte, mußte ich leider unverrichteter Sache zurückkehren.

Man hörte, daß das Wortleider dem jungen Offizier vom Herzen kam. Er wünschte sich den Befehl, die Kellertüren mit dem Kolben einschlagen zu lassen. Aber der General wollte Gewalt vermeiden, da man sich mitten im Frieden befand, trotz des Schlachtenlärms rings⸗ Um. Indessen erreichten die Qualen seines Durstes den Höhepunkt.Ein Inspektionsritt bei dem jetzigen Stand des Manövers ist nicht überflüssig, sagte er sich;die Berührung des Wirtschaftsgebäudes ist dabei kein strategischer Fehler sehen wir also, welcher Satan in Schankwirt steckt!

Die armen Soldaten, die Bier holen sollten, bewegten sich zum dritten Male nach der Schenke. Unterdes ritt der Geueral mit zweit Adjutanten durch die Reihen der kampfbereiten Bataillone und hielt, nachdem hier und da eine Meldung empfangen und Anweisung gegeben hatte, endlich vor demFeldmarschall Blücher. Er rief den Wirt zu sich heran.

Schämen Sie sich nicht? fragte er barsch. Sie führen den Namen des großenFeld- marschalls Blücher im Schilde und sind so boshaft, uns dürstenden Soldaten eine Er⸗ frischung verweigern zu wollen?

Aber, Herr Jeneral, sagte der Wirt freundlich schmunzelnd,wie kommen Sie mir vor. Ick bin ja froh, wenn ick mein Bier ver⸗ koofen kann, und als Jast is mich Jeder angenehm, er mag nu Jeneral oder Sozial- demokrat sind.

Also warum geben Sie kein Bier? fragte der General etwas verblüfft.

Na, Herr Jeneral von Säbelmann, er⸗ widerte' der Wirt mit verständnisinnigem Adet wissen sie doch besser als wie ick!

Drücken Sie sich deutlich aus, General ärgerlich.

Sehr gern, sagte der Wirt,ick hab's so⸗ gar schriftlich. Da kieken Sie jefälligst' mal' rin.

Dabei zog er ein Papier heraus, hielt es dem General vor die Augen und sagte:Det ts nämlich det Militärverbot, det ick an keenen Soldaten niemals Bier nich verschenken darf und keen Militär hier inkehren soll, weil in mein Lokal Sozialdemokraten verkehren.

Der General drehte ärgerlich seinen mar- tialischen Schnurbart.

Aber, fuhr der Wirt bedächtig fort,der Herr Jeneral haben das Verbot selbst jejeben und können et wieder vermakuliren; der Herr hat's gegeben, der Herr hat's jenommen! Ick habe eenen Stoff, sag' ick Ihnen...!

Die letzten Worte klangen wie Sirengesang ins Ohr des dürstenden Generals; er faßte einen raschen Entschluß.Bringen Sie Bier! rief er, zerriß die Verbotsverfügung und stieg vom Pferd.

Im Nu war der kühle Trank herbeige⸗ bracht, der General ergriff das erste Gas, Offiziere und Soldaten folgten seinem Beispiel da tönten Alarmsignale aus den Reihen der Regimenter, derKampf hatte wieder be⸗ gonnen.

rief der

In einem solchen Augenblick das schäumende Naß wieder von den dürstenden Lippen ab⸗ setzen, das wäre eine Heldentat, deren selbst ein preußischer General nicht fähig ist, wenigstens der General v. Säbelmann verzichtete auf diesen Heldenruhm. Er leerte in langen Zügen seinen Krug, dann erst bestieg er sein Schlachtroß und wandte sich mit seinen Adjutanten dem Hügel zu, woselbst inzwischen sein Stellver treter kommandierte.

Das Gefecht hatte bereits eine neue Wendung genommen; der Feind, vom Flusse ede hatte sich in den Wald geworfen. General v. Säbelmann, der ohne genügende strategische Vorsicht auf dem kürzesten Wege seinem Ziele zustürmte, erlebte daher eine unangenehme Ueberraschung. Hinter einer nahen Waldspitze kam plötzlich eine starke Husarenpatrouille mit den feindlichen Abzeichen dahergebraust und von Säbelmann sah sich mit seinen Begleitern umringt.

Herr General, Sie sind mein Gefangener, sagte der Oeftzier der Husaren.

Oho, wetterte Säbelmann,sehen Sie nicht die Artillerie? Sie werden ja in Grund und Boden geschossen.

Allerdings wandten sich die Batterien der neuen Stellung des Feindes zu. Aber der feindliche Offizier antwortete:Unbesorgt, wir haben Deckung im Walde.

General v. Säbelmann knirschte mit den Zähnen. Er mußte sich fügen, das kühne Husarenstückchen, obgleich es im Manöverplan nicht vorgesehen war, konnte als gelungen gelten. Also gefangen, die Schlacht verloren und eine gewaltige Rüge vom Höchstkomman⸗ dierenden in Aussicht.Und warum? fragte sich Säbelmann.Nur wegen dieses dummen Militärverbots!

Einen freundlichen Gegensatz zu dem Zorn des Generals bildete die vergnügte Stimmung, welche an diesem Manöverabend in der Schenke Zum Feldmarschall Blücher herrschte. Der Wirt hatte sofort durch Anschlagzettel die Auf⸗ hebung des Militärverbots bekannt gemacht und die Soldaten umlagerten sein gastliches Haus in Scharen, sich am frischen Trunke erquickend.

Menschenkinder, rief der dicke Wirtlassen wir den seligen ollen Blücher hoch leben! Ihm is et niemals nich injefallen, zu verlangen, det de Soldaten dürsten sollen, blos weil de Sozia⸗ listen Versammlungen abhalten.

Allerlei. Ein Bischof für den Sozialismus.

Großes Entsetzen bei seinen frommen Schäf⸗ lein hat der protestantische Bischof Mercer von Tasmanien(Insel im Süden von Australien) erregt, indem er ihnen frei und öffentlich er⸗ klärte:Der Sozialismus klärt uns endlich auf über die Falschheit und Einseitigkeit des herrschenden Individualismus. Die erstrebte Neuordnung versucht nicht den Magen der lei⸗ denden Menschheit mit Medizin vollzupumpen, sondern die Wurzel und Ursache der Uebel zu begreifen und zu beseitigen, ihre Fähigkeiten zu erhöhen, und durch das ehrliche Zusammen⸗ wirken der Starken mit den Schwachen auch diese zu kräftigen, auf daß sie freudig und nützlich werden.

Diesem Manne hat das Studium der Gottes- gelahrtheit anscheinend nicht geschadet.

Arm... aber ehrlich!

Sonderbar! Oft höre ich sage:Diese und Jeue waren Kinder armer aber ehrlicher Eltern.

Weshalb ist denn nötig dergleichen zu sagen? Das versteht sich doch von selbst! In weitaus den meisten Fällen waren und blieben die Eltern arm, weil sie ehrlich ge⸗ wesen. Ich habe in der Tat nie gelesen noch sagen hören:Der und der war der Sohn reicher aber ehrlicher Eltern.

Splitter.

Ich bleibe dabei, die Sonne scheint dem Menschen nur einmal, in der Kindheit und der

früheren Jugend; erwärmt er da, so wird er nie wieder völlig kalt, und was in ihm ruht, wird frisch herausgetrieben, wird blühen und Früchte tragen.

Friedrich Hebel.

An die Kämpfer in Südwestafrika.

Sie sagen, daß wir euch verhöhnen

Und euer Schlcksal rühr' uns nicht,

Wenn ihre hohlen Phrasen tönen

Von Ruhm und treu erfüllter Pflicht.

An Mitleid, das sie reichlich spenden,

Sind ihre kalten Herzen leer,

Sie werden morgen wieder senden

Die neuen Opfer übers Meer.

Verlangt nicht ihr, daß unsere Stimme

Mit ihren Lügen sich vermengt.

Das Wort erstickt im heißen Grimme;

Er hat das Lob zurückgedrängt.

Der Ruhm, den ihr euch dort erungen,

Wie ist um diesen Ruhm uns leid!

Es greift ans Herz ihr braven Jungen,

Daß ihr für nichts geopfert seld. (Peter Schlemihl im Simpliziss.) **

lieblich, Mehr an fel Gute gedenk, als an das Schlimme zu sein.

* Schön 1 ihr Freunde, gerecht und

Kenophon.

Humoristisches.

Rücksichtsvoll.Sagen Sie Herr Förster, war⸗ um sehe ich Sie denn nie in meiner Predigt? Weil ich Ihre Zuhörerschaft nicht verkleinern mag, Hochwürden!Wieso denn? Wenn ich in Predigt wär', gingen gleich zehn, zwölf Bauern davon zum Wildern!(Fl. Bl.)

Eine noble Herrschaft. Dienstmädchen (zu ihrem Schatz):August, ich hör' den gnädigen Herrn kommen; rasch in den Küchenschrank, sonst pumpt er dich an!

Kinder und Narren. Unser Fritz kann ja ein nettes Früchtchen werden! Wie ich ihn vorhin frage, was eine Monarch ie ist, antwortet mir der Lausbub: das ist ein Staat mit erblicher Be⸗ lastung.(Simpliz.)

Ein frommer Wunsch.Weißt, Mutter, 8 Franzl hat heut so andächtig in der Kirch gebetet, daß es mich recht gefreut hat, das wird einmal ein Frommer. Zum Franzl:Du, Franzl! mein Herz, sag' einmal, was du heut in der Kirch' so recht aus Herzens⸗ grund gebetet hast?Daß die Kirche bald aus werd'!

Das

Uhren- und Goldwarengeschäft von ID. Kaminka

befindet sich jetzt

Marktplatz 11

am Kriegerdenkmal.

e Aterarisches.

Die Lebensmittelzölle und indirekten Steuern. Die unter diesem Titel von der Buch⸗ handlung Vorwärts im Frühjahr 1905 herausgegebene Broschüre ist jetzt neu aufgelegt worden. Sie ist unter Berücksichtigung der inzwischen von der Brotwuchermehr⸗ heit des Reichstags akzeptierten neuen Handelsverträge umgearbeitet und wird in der Agitation gegen den Lebensmittelwucher gute Dienste leisten. Für die Be⸗ urtellung des Fleischwuchers und der Haltung der preußischen Regierung dazu ist die Annagelung der Erklärung Podbielskis in der Sitzung des preuß ischen Landesökonomie⸗Kollegiums am 2. Februar 1905. Dort erklärte der preußische Schweinezüchterminister:Und meine Herren, Sie können überzeugt, sein, daß ich und jeder meiner Nachfolger die Pflichten, die uns der Schutz der heimischen Viehzucht auferlegt, voll erfüllen werden. Das arbeitende Volk braucht also keine Sorge zu haben; der preußische Landwirtschaftsminister macht von seinen Befugnissen, an der Aushungerung der Ar⸗ beiter mitzuwirken, den weitgehendsten Gebrauch. Die Broschüre kostet 10 Pfg. und kann von der Expedition der Mitteldeutschen Sonntagzeitung bezogen werden.

Parteifreunde! cn eh

nach besten Kräften für die immer weitere

Verbreitung Eueres Blattes, der

Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!