Ausgabe 
10.9.1905
 
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 37.

Herr von Stengel; gleicher Meinung sind die verbün⸗ deten Regierungen und die herrschenden Klassen. Auf⸗ gabe unserer Partei ist es, diesen unzweideutigen Wider⸗ sinn immer weiteren Kreisen des arbeitenden Volkes, das letztlich alle Lasten zu tragen hat, zum Bewußtsein zu bringen.

Unser Fraktionsredner zum Etat sprach dann noch offener wie der Schatzsekretär. Er wies nach, daß Regierung und Mehrheitsparteien sich nicht damit ent⸗ schuldigen könnten, daß sie nicht gewußt hätten, daß ihre verderbliche Politik mit Notwendigkeit dahin führen mußte, wo wir jetzt angelangt sind. Gerade von den Sozialdemokraten im Reichstage ist fast unablässig bei Beratung des Etats mit aller Schärfe und Deutlichkeit diese ganze Wirtschaft charakterisiert worden. Festnagelte auch unser Fraktionsgenosse die Aeußerung des Abg. Spahn vom Zentrum, der in seiner wehmutsvollen Stimmung erklärte: es scheine ihm doch sehr bedenklich, jetzt, wo die Handelsverträge kommen, die eine Ver⸗ teuerung der Lebensmittelpreise bringen, nun auch noch mit neuen Steuerprojekten hervorzutreten.

Also jetzt wird vom Zentrum offen zugestanden, was bei Beratung des Zolltarefs geleugnet wurde.

Es muß unsere Aufgabe sein, den Wählern dieser Partei zu sagen, wie zweideutig und unwahr das Zentrum ist. Fortsetzung folgt.)

Politische Rundschau.

Gießen, den 7. September 1905.

Politisches von der Woche.

Gegen den agrarischen Fletsch⸗ wucher beginnen die Städte sich zu wehren. Von der Frankfurter Stadtvertretung aus ging eine Rundfrage an die größten preußischen Städte, ob sie bereit seien für gemein⸗ same Maßregeln zur Linderung der Fleischnot einzutreten. Diesem Vorgehen haben sich bereits eine Reihe Städte angeschlossen. Es ist nur nicht recht verständlich, warum stch der Frankfurter Magistrat nicht an alle Städte wendet, zumal viele sich bereits für

Oeffnung der Grenzen ausgesprochen haben. Nach Ansicht des preußtschen Landwirtschafts⸗ ministers soll die Fleischverteuerung einevor⸗ übergehende sein. Daß ste das nicht ist, vielmehr als eine ganz natürliche Folge der agrarischen Politik erachtet und behandelt werden muß, ist selbst aus amtlichen Nachweisungen zu ersehen. So geht aus den Zahlen des Berliner statistischen Amts hervor, daß seit 1897 der Preis des Rindfleisches dauernd gestiegen ist, der Preisunterschied beträgt 14 Pfg. Also keine vorübergehende Erscheinung!

Die Mittelständler hielten diese Woche in Frankfurt einen Kongreß ab. Man wollte damit offenbar eine gewaltige Mittelstandskundgebung, vielleicht etwas ähn⸗ liches wie die alljährliche Berliner Bündler⸗ parade im Zirkus Busch in Szene setzen und tagte deshalb in dem Riesensaale des Hypo⸗ droms, allein die Geschichte fiel ins Wasser, die Massenbeteiligung blieb aus. Es waren am ersten Tage höchstens 150 Mittelstands⸗ leute anwesend, welche Zahl schließlich auf 50-60 zusammenschrumpfte. Die Debatten waren ebenso uninteressant. Man bekam die alten rückständigen Redensarten und Klage⸗ lieder über Ruin des Mittelstandes(was man darunter eigentlich zu verstehen hat, sagte keiner) und dessen Rettung durch den Befähigungsnachweis zu hören. Diesozial⸗ demokratischen Konsumvereine liegen den Leutchen besonders im Magen und gegen sie fielen hetzerische und verdächtigende Worte. Ein Redner sprach vonKoalitions frechheit, also gewiß ein arbeiterfreundlicher Herr. Andere Redner sprachen durchaus nicht mit besonderer Hoffnungsfreudigkeit von der Mittelstandsbe⸗ wegung, auch in Handwerkskreisen habe das sozialistische Gift schon weit um sich gefressen. Wir hoffen, daß die Erkenntnis der wirtschaft⸗ lichen Tatsachen auch unter den Handwerkern wächst und stie dem Sozialismus zuführt.

Unter dem NamenAnarcho⸗Sozia⸗ lismus hat Dr. Friedeberg in Berlin eine neue Partei zu gründen versucht. Vor einer Versammlung der lokalorganisterten Ge⸗ werkschaften entwickelte der Eigenbrödler seine Ansichten, die ja in ähnlicher Weise schon früher

K

zum Besten gegeben wurden. Er führte aus, in den Gewerkschaften setRuhe die Signatur des Klassenkam pfes geworden; der Maffeierge⸗ danke, dieses hehre Symbol des Klassenkampfes, sei im Erlöschen begriffen. Hieran trage die sozialdemokratische Partei ihr gerütteltes Maß von Schuld, weil sie den Boden des Klassen⸗ kampfes verlassen und sich immer mehr in den parlamentartschen Firlefanz verloren habe. Gleichwie die Gewerkschaften dem Neu⸗ tralitätsdusel verfallen seten, so habe sich auch die politische Partei der Weltanschauung des Proletariats gegenüber alsneutral erklärt. Die Sozialdemokratie habe den Sozialismus preisgegeben und verlassen, er ihr Erbe sei der Anarcho⸗Sozialismus. Daß diese Bewegung eine Spaltung der Sozialdemo⸗ kratie bedeutet, von der bürgerliche Blätter sprechen, ist nicht richtig. In Berlin finden sich stets einige Tausend Köpfe für eineIdee, auch für die verworrenste. Unserer Partei wird ste aber nicht schaden. Friedeberg besorgt unbewußt mit seiner merkwürdigen Agitation nur die Geschäfte der Scharfmacher und Reak⸗ tionäre und das werden die Berliner Arbeiter

bald einsehen. Zur Fleischnot.

Der preußische Landwirtschaftsminister Pod⸗ bieslki hatte vor Kurzem erklärt, daß eine Fleischnot nicht existiere, namentlich seien Schweine genügend vorhanden. Darauf rich⸗ tete der Wurstwarenfabrikant Dieckmann in Braunschweig die Anfrage an Herrn Podbielski, ob er denn von den angekündigten billigen Schweinen im Laufe des Monats September einige haben könnte. Darauf hat die v. Pod⸗ bielskische Gutsverwaltung in Dallmin am 26. August folgendes geantwortet:

Bezugnehmend auf das an Se. Exzellenz gerichtete Schreiben teile Ihnen mit, daß wir nicht in der Lage sind, Ihnen pro Sep⸗ tember Schweine abzugeben. Hochachtungs⸗ voll v. Podbielskische Gutsverwaltung, H. Lütringhaus, Administrator.

So müssen die preutzischen Minister durch

sich selbst widerlegt werden.

Wie Minister reden.

Die Schutzkommisston der Berliner Gast⸗ wirtevereinigung hat Herrn Möller und Herrn v. Podbielski in Sache der Fleisch⸗ not Besuche abgestattet. Beide Minister, der für Lederhandel und jener für Schweinezucht zeigten sich sehr gesprächig. Herr Möller er⸗ klärte, wie Berliner Blätter berichteten, er spüre die Fleischverteuerung selbst und fühle daher mit den Petenten. Die Fleischnot komme aber daher, daß sich der allgemeine Wohlstand gehoben habe. Die Arbeiter verdienten jetzt das Doppelte des frü⸗ heren Verdienstes(Hört's Arbeiter!) und wollten jetzt täglich Fleisch essen.(Auch das noch!) Dieser Steigerung des Konsums sei die landwirtschaftliche Produktion nicht nachge⸗ kommen. Schließlich riet der Handelsmann den Gastwirten menschenfreundlich, ste sollten doch ihre sämtlichen Preise um 10 Pfennig erhöhe. An eine Oeffnung der Grenzen sei nicht zu denken, denn der plötzliche Preissturz, der mit einer großen Vieheinfuhr eintrete, sei auch nicht wünschenswert.

Nun weiß man's aber! Die von den Hetzern aufgestachelten Arbeiter essen jetzt soviel Fleisch, daß für Minister und Lederfabrikanten nicht genug übrig bleibt und diese Armen buchstäblich hungern müssen. Trotzdem will Herr Möller sich weiter kasteien, um denplötzlichen Preis⸗ sturz zu verhüten.

Anders aber sprach Pod, der regierende Schweinezüchter. Er erklärte, eine Fleischnot bestehe nicht. Die Differenz des Viehauf⸗ triebs betrage gegen die früheren Jahre nur 1 Prozent. Wurde sie 10 Prozent betragen, so würde er alles tun, was nötig sei. Endlich wies der Fleischnotminister, der bis auf Weiteres nicht tut, was nötig ist, auf den 1 April 1906 hin. Mit der Einführung des neuen Zoll⸗ tartfs würde alles noch um etwas teuerer werden. Also seidas jetzige

Geschrei ganz unnötig.

Man kann den preußischen Ministern wenig⸗ stens den einen Vorwurf nicht machen, daß ste Meister in der Kunst der Verstellung wären. In ihren Antworten an die Gastwirte offenbart sich die ganze Höhe ihrer Auffassung, die ganze Größe ihres Geistes, die ganze Tüchtigkeit ihrer Gesinnung. So kann das preußische Volk wenigstens nicht sagen, es wisse nicht, wie und von was für Leuten es regiert werde.

Einen Erlaß gegen die Soldatenschindereien

soll der Kriegsminister v. Einem an sämtliche Regimentskommandeure gerichtet haben. Darin wird eine Verfügung vom 1. Ja auar 1905 in Erinnerung gebracht, wonach die Vorgesetzten den Mannschaften überhaupt nicht zu nahe kommen, vielmehr ihre Befehle und Weisungen aus einer Mindestentfernung von drei Schritt zu geben haben. Ueberdies sei den Mannschaften strenge Weisung zu erteilen, daß ste jede Mißhandlung auch die geringste tätliche Zurechtweisung sofort auf dem vorgeschriebenen Wege zur Anzeige bringen sollten, denn nur mit Hilfe der Mann⸗ schaften könne diesem Uebel gesteuert werden.

Solche Erlasse verdienen gewiß alle Aner⸗ kennung, sind aber schon öfter dagewesen und haben nichts genützt. Das Uebel muß an der Wurzel gepackt werden und wenn es Herrn v. Einem ernst darum zu tun ist, die Soldaten⸗ quälereien auszurotten, so würde ihm die Sozial⸗ demokratie tüchtig dabei helfen. Schon lange ist zum Beispiel eine Erleichterung des Beschwerderechts der Soldaten gefordert worden. Aber auch damit würde bei weitem noch nicht genug geschehen. Das ganze Subor⸗ dinationsverhältnis bedarf einer gründlichen Aenderung. Die soldatischePflicht des Ka⸗ davergehorsams muß aufhören. Der Sol⸗ dat muß sein Notwehrrecht genau so wie jeder andere Staatsbürger ausüben können. Die militärische Rechtspflege muß im Geiste der Gerechtigkeit ausgestaltet resp. reformiert werden. Aeußerste Strenge muß walten gegen Soldaten⸗ schinder; jeder Vorgesetzte, der Soldaten miß⸗ handelt, muß aus dem Heere mit Schmach und Schande ausgestoßen werden.

Die Revolution in Rußland.

Ein Deutscher den zarischen Hen⸗ kern verfallen! Aus Warschau kam die Nachricht, daß dort am Samstag der deutsche Reichsangehörige Genosse Kasprzak von dem Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden ist. Sein Mitangeklagter Gurzmann wurde trotz erwiesener Unschuld zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Dieser Justiz⸗ mord hat eine ungeheuere Erregung unter der Warschauer Arbeiterschaft hervorgerufen. Diese Erregung fürchtet man und deshalb wurde das Gericht in der Zitadelle abgehalten, um den Trausport zu vermeiden. Kasprzak soll auch im Gefängnisgebäude hingemordet werden. Der Verurteilte hat keine Handlung begangen, die nach deutschem Rechte mit dem Tode be⸗ straft wird. Er hat eine Handlung begangen, die nach deutschem Rechte im schlimmsten Falle als Totschlag aufgefaßt und mit Zuchthaus bestraft werden könnte. In einer Geheimdruckerei tätig, wurde er von russischen Poltzisten überrascht. Er versuchte seinen Ge⸗ nossen zur Flucht zu verhelfen und tötete dabei die Gendarmen. In der Geschichte der rus⸗ sischen Revolution wird unter ihren Märtyrern nun auch ein deutscher Reichsangehöriger ge⸗ nannt werden. Neueren Nachrichten zufolge ist das Urteil bereits vollstreckt. Kasprzak war früher Arbeitersekretär und Redakteur des Volksblatt in Posen. Ehre dem Andenken des Freiheitskämpfers und Märtyrers!

Man sollte meinen, daß die deutsche Re gierung und die deutsche bürgerliche Presse so⸗ viel nationalen Stolz hätten, ein Wort für den ermordeten deutschen Reichsangehörigen einzu⸗ legen. Aber weit gefehlt; dieses Deutschland schützt wohl die gemeinsten aalen Spitzel, nicht aber ein edles Opfer der zarischen Willkür.

Eine scheußliche Metzelet hat die vertierte Zarenpolizei wieder unter der Bevölke⸗

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