Ausgabe 
10.9.1905
 
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Gießen, den 10. September 1905.

12. Jahrgang.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

Sonntags⸗Zeitung.

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Vaterlandsliebe.

Mit den. WortenVaterland,Vaterlands⸗ liebe,vaterländische Gestnnung wird ein ent⸗ setzlicher Unfug getrieben. In der Wahlagi⸗ tation ist es ein beliebtes Mittel der bürger⸗ lichen Parteien, den Wählern vor derVater⸗ landslosigkeit der Sozialdemokratie gruselig zu machen. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit reiten die herrschenden Klassen das Steckenpferd ihrer Vaterlandsliebe vor dem staunenden Volke. Mit solchem Humbug kann man leider noch viele, auch sonst sehr tüchtige Menschen kopflos machen. Man gaukelt ihnen dor, daß eine Sache, für die sie sonst nicht zu haben wären, im Interesse des Vaterlandes liegt, und sie sind gewonnen.

Will der Großkapitalist,schreibt unser Nürnberger Parteiblatt, den Preis seiner Pro⸗ dukte steigern, so verlangt er, natürlich nur im Interesse dernationalen Arbeit Schutz- zölle, wie im Interesse desvaterländischen Schweines die Junker ein Fleischbeschaugesetz derlangten. Der Industrie⸗Unternehmer ver⸗ langt Zuchthausgesetze, der Großgrundbesttzer Einschränkung der Freizügigkeit und beide be⸗ gründen ihr Verlangen mit der Sorge um das Wohl des Vaterlandes. Alsvaterlandslos aber wird jeder bezeichnet, der gegen die Zoll⸗ gaunerei kämpft, den Militarismus und Ma⸗ rinismus für volksverderblich erklärt, die Ko⸗ lonialpolitik als unsinnig, was ste auch ist, be⸗ zeichnet, die Monarchie nicht als gottgewollte Einrichtung ansieht.Vaterlandslos bedeutet heute eigentlich soviel als ver nünftig.

5 Der Kolonialkrieg in Südwestafrika gibt den Leuten, die die Vaterlandsliebe in Pacht nehmen möchten, wieder Gelegenheit, ihr patriotisches Phrasengeklimper an den Mann zu bringen. Bei den Debatten im Reichstag über das südwestafrikanische Abenteuer hatte der Fraktionsredner der Sozialdemokratte darauf hingewiesen, daß die Abstchten der Deutschen, den Hereros unter keinen Umständen das Land, das sie früher im Besitz hatten, wiederzugeben, eine beschämende sei. Eine solche Taktik wider⸗ spreche den Prinzipien der Kriegsführung eines zivilisterten Staates. Durch einen solchen Raub des Grund und Bodens werde den Eingeborenen ihre Existenzmöglichkeit geraubt. Dagegen er⸗ hoben sich die Redner anderer Parteien. Diesem Aufstand gegenüber könne das Völkerrecht nicht in Anwendung gebracht werden; die nationale Ehrenschuld müsse erfüllt werden; der national⸗ liberale Paasche sprach sich dahin aus, daß man diese wilde Horden am ersten besten Baum aufknüpfen solle. Später hatte er seine Aeußerung widerufen, vielleicht hat er sich doch geschämt, soweit dies bei einem Nationalliberalen über⸗ haupt noch möglich ist.

Man kann den Hereros weiter nichts zum Vorwurf machen, als daß ste ihr Land, ihren Grund und Boden mit außerordentlicher Zähig keit verteidigen. Dafür werden sie als eine Bande Mörder und Aufständischer bezeichnet. re der Cherusker, der die Deutschen im

ahre 9 nach Christi sammelte, um die römischen Eindringlinge aus dem Lande zu jagen, gilt heute noch als der glänzendste Vertreter der wahren Vaterlandsliebe. Im Vergleich zu den fortgeschritteneren Römern konnte man damals

ebenso leicht von deutschen Horden reden, wie

man im Reichstag von afrikanischen Horden spricht. Dieser Vergleich neigt sich noch zu⸗ gunsten der Hereros, wenn wir in Betracht ziehen, daß die Römer den Deutschen damals wirklich Kultur brachten, während den Hereros und Hottentotten Pulver und Blei, Schnaps und ansteckende Krankhetten von der deutschen Zivilisation gebracht wird. Nickt nur die Liebe zum heimatlichen Boden, die schließlich jedem Menschen anhaftet, hat die Hereros zum Widerstande gereizt, sondern auch die Tatsache, daß sie mit den Lebensverhält⸗ nissen in ihrem Lande zufrieden waren. Was Armin dem Cherusker und seinen Stammes⸗ genossen recht war, das müßte den Hereros billig sein.

Dieser Raubzug nach einem fremden Land hat dem deutschen Volke bis jetzt ungeheure Summen gekostet. Unterdes nimmt das Blutvergießen drüben ruhig seinen Fortgang. Jeder Tag bring eine neue Verlustliste. Der Typhus und andere Seuchen wüten unter den deutschen Soldaten schlimmer als die Kugeln der Hereros.

Und warum das alles? Warum fließen die Tränen deutscher Mütter? Hinter dem Schlagwort von dernationalen Ehre steckt die abgefeimteste Art kaptitalistischer Profitgier, die Menschenleben opfert, um sich fremdes Eigentum anzueignen. Wenn die sozialdemo⸗ kratische Fraktion im Reichstag jeden Pfennig deutschen Geldes für einen kulturfeindlichen Zweck verweigert und einen unerbittlichen, wenn auch aussichtslosen Kampf gegen ein solches System der Völkerberaubung führt, so zeigt sie, wie in so vielen anderen Fällen, daß sie mehr wahre Vaterlandsliebe besitzt als jene, die ihr ihre angebliche Vater⸗ langslosigkeit zum Vorwurfe machen und dabei ihre eigenen schmählichen Taten durch schwindel⸗ hafte Schlagwörter verdecken.

Tätigkeit der Sozialdemo⸗ kratie im Reichstage.

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Nachdem der Reichstag am 16. Juni 1904 vertagt worden war, nahm er seine Arbeiten am 29. November auf. Es konnte für niemand weifelhaft sein, daß der Termin für die Fort⸗ 2 der vertagten Session ein viel zu später war. Ein umfangreiches Material war schon bei der Vertagung unerledigt ge- blieben, und nun kamen noch umfangreiche neue Beratungsgegenstände hinzu. Das Verzeichnis über die nicht erledigten Materialien, das den Mitgliedern des Reichstages beim Wiederzu⸗ sammentritt, wie üblich, zuging, ließ keinen Zweifel darüber, daß, wenn nicht recht viele Arbeiten nutzlos unter den Tisch fallen sollten, eine abermalige Vertagung der Session not⸗ wendig sein würde. Bei der Vertagung des Reichstages, am 16. Juni 1904, erklärte der Prästdent, daß, wenn der Abschluß von Handels⸗ verträgen früher zustande käme, es dann ja immer noch möglich sei, den Reichstag früher als am 29. November einzuberufen. Daraus folgt, daß man sich in Regierungskreisen der Hoffnung hingegeben hatte, sofort mit der Be⸗

Während der Vertagung konnte man es auch so in der Tagespresse lesen. Allein der Ver⸗ lauf der Dinge war ein ganz anderer, und es unterliegt auch keinem Zweifel, daß es den Unterhändlern der Reichsregierung sehr schwer geworden ist, auf der Grundlage des Wuger⸗ tarifs selbst diese schlechten Handels⸗ verträge zum Abschluß zu bringen.

Reichshaushalts⸗Etats für das Rechnungs⸗

jahr 1905/06.

Der diesjährige Reichshaushalt⸗Etat ist in Ein⸗ nahme und Ausgabe auf 2, 180,167,169 Mark festgestellt, und zwar: im ordentlichen Etat auf 1,762,209,932 Mark an fortdauernden und auf 223,730,491 Mk. an einmaligen Ausgaben, sowie auf 1, 985,940,423 Mk. an Einnahmen, im auß e r⸗ ordentlichen Etat auf 194,226,746 Mark an Einnahmen.

Der von der Regierung dem Reichstage vorgelegten Etat stellte sich ursprünglich wie folgt: in Ausgabe und Einnahme auf 2,241,560,900 Mark, und zwar: im ordentlichen Etat auf 1,762,568, 556 Mark an fort⸗ dauernden und auf 182,589,239 Mark an einmaligen Ausgaben, sowie auß 1,945, 247,795 Mark an Ein⸗ nahmen, im außerordentlichen Etat auf 296,313,105 Mark an Einnahmen.

Die Differenz zwischen dem Voranschlag der Re⸗ gierung und den Beschlüssen, nach denen der Reichstag den Etat gestaltet hat, beträgt 61,363,731 M.

Im Etat des Jahres 1904/05 betrug diese Differenz 400 Millionen Mark. Wie ersichtlich, ist, der Reichstag im laufenden Etatsjahr sehr viel freigiebiger gewesen wie im verflossenen Etatsjahr; doch wäre es ein Irrtum, daraus schließen zu wollen, daß die Finanzlage in

diesem Jahr eine bessere gewesen sei. Im Gegenteil!

Die Etatsdebatten.

Der Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel leitete die Gene raldebatte mit einer sehr eingehenden und, wie man anerkennen muß, auch sehr instruktiven Rede ein. Herr v. Stengel erklärte ganz offen, daß seine kleine Finanz⸗ reform, die sogenannte Lax Stengel, den gewünschten Erfolg nicht gehabt hat. Wir unsererseits waren, wie im vorjährigen Bericht eingehend nachgewiesen ist, von vornherein überzeugt, daß diese Maßregel aus der Finanzklemme nicht führen kann. Mit schematischen Gesetzesmaßregeln schafft man kein Geld. Der Schatz⸗ sekretär mußte daher die Tatsache bekunden, daß auch im laufenden Etatsjahr die regelmäßigen Einnahmen um fast 75 Millionen Mark hinter den Ausgaben zurückblieben. Also auch in diesem Jahre und somit zum dritten Male, eine Zuschußanleihe. Aber damit ist das Defizit noch keineswegs im laufenden Etatsjahr erschöpft.

Der Reichsschatzsekretär stellte sich die Frage: wie ist da herauszukommen? Und die Antwort, die er sich gab, lautete:Eins der vornehmsten Mittel, seine Finanzen zu bessern, ist ganz zweifellos das ist eine alte Erfahrung die Sparsamkeit in den Ausgaben.

Wir hören hier aus dem Munde des Herrn von Stengel das sattsam bekannte Sprüchlein. Hören wir den Kriegsminister, so versichert auch er, weise Spa r⸗ samkeft zu üben. Ja, die gesamten Ressortchefs der Reichsverwaltung sind in der Abgabe dieser Versicherung durchaus solidarisch, nur der Reichskanzler hat darüber nichts verlauten lassen. Auch die Redner der bürger⸗ lichen Parteien sagen das Sprüchlein von der Sparsam⸗ keit her. Wer soll es ihnen glauben! Es ist doch eine sehr sonderbare Sparsamkeit, bei der die indirekten Steuern und Zölle fortgesetzt sich sehr vermehren und auch noch die Schulden ins ungemessene wachsen.

Es gibt drei Etats, wo wirklich gespart werden könne; das ist beim Militäretat, beim Marineetat un) dem Kolonialetat. Der Militäretat zu Wasser und zu Lande, er ist der Nimmer⸗ satt, das gefräßige Ungeheuer, dem alles geopfert werden

ratung der Handelsverträge beginnen zu können.! muß. Daran kann aber nicht gespart werden, sagt