Ausgabe 
9.7.1905
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 28.

und weigerte sich, das Fleisch zu essen, ohne aber zu meutern. Der Kommandant forderte jene auf, die nicht essen wollten, zur Seite zu treten. Darauf befahl er der Wache, auf diese Gruppe zu schießen. Dte Wache weigerte sich. Dies war das Zeichen zum Aufruhr. Mehrere Offiziere wurden getötet, 13 vereinigten sich mit der Mannschaft.

Der Potemkin dampfte dann angeblich in der Richtung nach Batum ab. Ein Torpedo⸗ boot, das ihn in den Grund bohren soll, ver⸗ folgt ihn.

Der Matrose Omeltschuk, dessen Er⸗ schießung die Empörung veranlaßte, gehörte der Sozialdemokratie an. Ueber ihn schreibt das Krakauer Parteiblatt, daß er durch sein reiches Wissen einer der besten Agita⸗ toren der Schwarzen Meer⸗Flotte geworden war. Er zählte 27 Lebensjahre. Wiederholt stand er an der Spitze von Deputationen, die die Beschwerden der Matrosen den vorgesetzten Behörden mitteilten. Als er am 27. v. Mts. an der Spitze einer Deputation zum Schiffs⸗ kapitän ging, der die Matrosen bestahl und im Namen der Matrosen Aufbesserung der Kost forderte, schoß ihn dieser nieder.

Etwa Sechstausend Menschen sind bei den Unruhen in Odessa getötet worden. Die Zarischen Bluthunde haben in der schreck⸗ lichsten Weise gehaust. Massenhaft wurde das Volk niedergemetzelt. Fast 150 Personen sind in den letzten Nächten heimlich gehängt worden.

Wie sich die Ereignisse überstürzen! Wer hätte je geglaubt, daß möglich wäre, was jetzt im Schwarzen Meere tatsächlich geschehen ist! Empörung, Meuteret, Barrikadenkampf kam schon anderwärts vor. Aber eine rote Flotte war noch nicht da. So übertreffen die jahrelang durch die Knutenherrschaft niederge⸗ drückten Russen die Völker mit revolutionärer Vergangenheit. Möge es ihnen gelingen, das scheußliche Zarenregiment vollends niederzu⸗ werfen. Denn der Feind des russischen Volkes sind nicht die Japaner im fernen Osten, sondern die Herrscher im eigenen Lande, die es knuten, verelenden und vertieren lassen und bis aufs Blut ausbeuten.

Und nicht bloß im Schwarzen Meere, sondern auch in den Ostsee⸗Häfen Libau und Kron⸗ stadt rebellierte die Marine. Die dort stationierten Matrosenkompagnien ver⸗ weigerten den Gehorsam und zu ihrer Unter⸗ drückung wurde Infanterte herangezogen, die jedoch, anstatt auf die Meuterer, auf die Kosaken schoß. Auch sonst kam es in vielen Städten zu Straßenkämpfen, die dem Volke zahlreiche Opfer kosteten. Unaufhaltsam wächst aber die revolutionäre Bewegung und selbst Ofif ziere rebellieren. In Kowno ließ der Festungs⸗ kommandant 15 Offiziere, darunter einen Ge⸗ neral verhaften, weil sie einem revolutionären Verein angehören und unter ihren Soldaten revolutionäre Propaganda betrieben haben sollen. Ein in leidenschaftlicher Sprache gehaltener Aufruf, den ein Bund von Offtzieren an die übrigen Kameraden richtet, fordert diese auf, gegen die Regierung der Willkür, des Raubes und Mordes sich zu erheben. In der Tat, das Knutenregiment kracht in allen Fugen; sein endlicher Zusammenbruch wird den Jubel der Kulturmenschheit auslösen!

̃ͤ ͤůů Politische Nundschau. Gießen, den 6. Juli 1905.

Sozialdemokratie für den Frieden.

Diesen Sonntag wird Genosse Jaures, einer Einladung der Berliner Genossen folgend und mit einem Mandate der sozialistischen Kammerfraktion ausgestattet, in Berlin, im Riesensaale derNeuen Welt, zu den Arbeitern Berlins, als den Vertretern des ganzen deut⸗ schen Proletariats, sprechen. Etwa zur gleichen Zeit oder etwas später dürfte Genosse Bebel die Grüße des deutschen Proletariats den Brüdern in Frankreich überbringen. Er ist von den französischen Genossen dazu eingeladen, und wird sich dieser Einladung es wäre

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denn, daß ihn ganz außerordentliche Umstände daran hinderten gewiß nicht entziehen.

Jetzt ist zu einer solchen Kundgebung der richtige Zeitpunkt. Nicht bloß im Hinblick auf die Metzelei in Ostasten. Vor Kurzem hatten Diplomatenkünste die Gefahr eines Zusammen⸗ stoßes zwischen Frankreich und Deutschland heraufbeschworen. Wegen der Marokko⸗Ange⸗ legenheit, die jetzt in einer Konferenz zur Er⸗ ledigung kommen soll, flogen drohende Noten herüber und hinüber und ernste Politiker be⸗ haupteten, daß man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein müsse. Da trat in der Sozial⸗ demokratie das dringende Verlangen zutage, den herrschenden Klassen beider Staaten in irgendeiner nicht mißzuverstehenden Weise klar zu machen, daß nach dem Willen der Völker die Zeit der Kriege und der Kriegs⸗ hetze für das ziviltsierte Europa vor⸗ über ist. Die Arbeiter aller Länder wissen, daß es sich da um keine Schaustellung handelt zur Befriedigung müßiger Sensationslust, son⸗ dern vielmehr darum, einem großen Gedanken, der Millionen ergriffen hat, vor aller Welt klaren und faßlichen Ausdruck zu verleihen. Bebel und Jaures sind nichts anderes als die beauftragten Gesandten der großen proletarischen Massen ihrer Vaterländer. Durch ihren Mund soll das proletarische Deutschland zum prole⸗ tarischen Frankreich, die Arbeiterschaft von Paris zu den Arbeitern von Berlin sprechen: Friede zwischen Frankreich und Deutschland für jetzt und immerdar! Die deutschen Ordnungs und Scharfmacherblätter hetzen an der Regierung, damit sie Jaures das Reden in Berlin verbiete. Und möglich ist schon, daß sie sich mit einem solchen Verbote vor der ganzen Welt blamiert.

Zuchthausgesetze her!

Diesen Ruf erhoben verschiedene Edelste des preußzischen Herrenhauses. Bei den Beratungen über das Berggesetz, dem sie nur auf ein⸗ dringliches Zureden des Fürsten Bülow zu⸗ stimmten, krächzten diese Nachkommen der Strauchritter und Wegelagerer, die den Staat als die Einrichtung ansehen, durch die ihnen gewaltige Summen müheloser Gewinne auf Kosten der Gesamtheit zugeführt werden, von besserem Streikbrecherschutz. Und auch der Prästdent des Reichstags, Graf Ballestrem, stimmte einer Scharfmacher⸗Resolution des Junkers v. Burgsdorf zu, der verlangt, daß die Regierung so bald als möglich und mit allem Nachdruck Maßregeln ergreife, welche geeignet sind, den Arbettswilligen den⸗ jenigen Schutz zuteil werden zu lassen, 15 welchen ste einen berechtigten Anspruch

aben.

Jetzt besitzt nach der Meinung des Zentrums⸗ grafen und seiner herrenhäuslerischen Kumpane die verfolgte Streikbrecherunschuld nichtden⸗ jenigen Schutz, auf welchen sie berechtigten An⸗ spruch hat. Daß heute schon unter äußerster Anspannung geltender Strafbestimmungen jedes Wort leiser Mißbilligung, das jenenguten Arbeitern gegenüber ausgesprochen wird, mit Gefängnis bestraft wird, daß heute schon jeder Streikende, der zu einem Arbeitswilligen sagt:Sieh dich mal vor! oderDu wirst noch was erleben! ins Gefängnis gesteckt wird, daß ins Gefängnis kommt, wer mit dem Deckel seiner Schnupftabaksdose klappert, als ob es eine Pistole wäre das alles genügt dem christlichen Gerechtigkeitsgefühl dieses hoch⸗ geborenen Zentrumsführers noch immer nicht.

Das Konto der Soldatenschinderei.

Im verflossenen Vierteljahr von Ende März bis Ende Juni wurde die gerichtliche Abur⸗ teilung von 52 Soldatenmißhandlungen bekannt. An Strafen wurden ausgesprochen 1 Jahr 4 Monate Zuchthaus, 15 Jahre 2 Monate 29 Tage Gefaͤngnis,7 Monate 15 Tage mittlerer Arrest, 1 Monat 14 Tage gelinder Arrest, 1 Monat 3 Tage Stubenarrest, 10 Degradationen, 1 Versetzung in die 2. Klasse des Soldaten⸗ standes, 1 Entfernung aus der Marine. Im ganzen 17 Jahre 5 Monate 1 Tag Frei⸗ heitsentzug. Offiziere wurden folgende bestraft: Leutnant v. Mandelsloh von den

Salzwedelern Husaren 10 Tage Stubenarrest, Leutnant zur See Lisch 1 Jahr 4 Monate Zuchthaus und Entfernung aus der Marine. Lisch beleidigte Untergebene nicht nur tätlich,

sondern suchte sie auch noch zum Meineid zu verleiten. Leutnant Graf v. Preysing vom 2. bayerischen schweren Reiterregiment 18 Tage

müller mit 5 Tagen Stubenarrest.

In Preußen wird gegen Offiziere meist unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt, überhaupt schließt man die Oeffentlichkeit so oft aue, daß von öffentlichem Gerichtsverfahren kaum gesprochen werden kann. Die Armee, das Zttärkste Bollwerk gegen den Umsturz, hat soviel Furcht vor der umstürzlerischen Kritik, daß ste ihre Gerichtssäle schließt.

Aus der Militärjustiz seien aus der letzten Zeit folgende Fälle angeführt. Ein Zuchthausurteil wurde gegen den Tambour Albert Pohl vom 62. Infanterie⸗Regtment in Breslau gefällt. Er wurde wegen militärischen Aufruhrs und tätlichen Angriffs gegen einen Unterofftzier zu 5 ¼ Jahren Zucht⸗ haus verurteilt. Dieser entsetzlichen Strafe für ein gewiß nicht schweres Vergehen halte man lächerlich geringfügigen Strafen für scheuß⸗ liche Soldatenquälereien gegenüber! So erhielt in Po sen der Unteroffizier Schubinsky vom Oberkriegsgericht wegen schwerer Rekrutenmiß⸗ handlung in 173 Fällen nur 6 Wochen Mittelarrest! In der Vorinstanz war er zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Mtt nur 9 Tagen Mittelarrrest kam ein anderer Rekrutenschinder weg und zwar der Unteroffizier Fliege vom 1. Grenadier⸗ Regiment in Berlin. Er hatte den Rekruten Menke auf seine Stube bestellt und ihn dort mit der Faust in's Gesicht und mit dem Besen⸗ stiel geschlagen. In der Verhandlung äußerte der Ankläger nach dem Berichte der Flfr. Ztg. recht vernünftige Ansichten. Es set empörend, meinte er, wenn erwachsene Menschen geschlagen würden; diese seien keine Schul⸗ jungen mehr. Die Kehrseite der Mißhand⸗ lungen von Untergebenen sei der tätliche Angriff durch die Untergebenen, und während der Unter⸗ offtzier mit 8 Tagen Mittelarrest davonkäme, werde der Untergebene bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Es sei sehr schwer für einen 23 jährigen Menschen, mit den Händen an der Hosennaht sich von einem blutjungen Unterofftzier hinter die Ohren schlagen zu lassen. I. Sehr unvernünftig dagegen waren die Ausführungen des militärischen Verteidigers Hauptmann v. Sydow. Er zweifelte die beeideten Aussagen des Rekruten an und bemerkte, der Rekrut sei aus einem Industriebezirk, und es sei ja bekannt, daß es ein Sozialdemokrat mit einem Eide nicht so genau nähme. Er, der Hauptmann, habe auch das Vergnügen, in seiner Kompagnie den Sohn eines sozial⸗ demokratischen Reichstagsabgeordneten zu haben. In Deutschland sind schon mehr Offiziere als Sozialdemokraten wegen Meigeid ver⸗ urteilt worden. Was würde dieser Herr sagen, wenn wir nach seinem Schema erklären wollten, die Offiziere nähmen es mit dem Eide nicht. so genau! Solche haltlosen Verdächtigungen richten sich von selbst!

Noch ein anderes Scheusal von Unter⸗ offizier, den man mit dem vor etwa zwei Jahren verurteilten Breidenbach vergleichen kann, stand vor dem Dresdener Kriegsgericht. Unteroffizter Erler vom dortigen Schützen⸗ regiment 108 quälte seine Rekruten fürchterlich. In einer kalten Winternacht jagte er die ganze Korporalschaft aus den Betten und. ließ die Leute nur mit dem Hemd bekleidet, eine halbe Stunde in der Kälte stehen. Ein Soldat mußte 200 Mal den Schemel. strecken und die Knie beugen, weil er eine Frage nicht beantworten konnte. Oft mußten Rekruten mittags den Abort scheuern, so daß stie the Essen nicht einnehmen konnten. Einen kränklichen Rekruten quälte er fast zu Tode. Der bestialische Menschenschinder erhielt 1 Jahr

Monate Gefängnis, außerdem wurde er degradiert. Verwunderlich ist nur, daß die Gequälten nichtAufruhr machten und zur

Selbsthilfe schritten.

Stubenarrest und bayerischer Leutnant Bös.