Ausgabe 
9.7.1905
 
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Gießen, den 9. Juli 1905.

Mitteldeutsche

Jonntags⸗Zeitu

12. Jahrgang.

Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

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Parteigenossen!

Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der diesjährige in Jena statt. Auf Grund der Bestimm⸗ ungen der 88 7, 8 und 9 der Parteiorganisatlon beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf

Sonntag, den 17. September,

abends 7 Uhr, nach Jena, in das LokalVolkshaus, Karl Zeiß⸗Platz, ein.

Als provlsorische Tagesordnung ist festgesetzt: Sonntag, den 17. September, abends 7 Uhr:

Vorversammlung. Konstituierung des Parteitages. Fest⸗ setzung der Geschäfts⸗ und Tagesordnung. Wahl der Mandatsprüfungs⸗Kommission.. Montag, den 18. September, und die solgenden Tage:

1. Geschäftsbericht des Vorstandes.

Berichterstatter: H. Molkenbuhr und A. Gerisch.

2. Bericht der Kontrollkommission.

Berichterstatter: H. Meister.

3. Bericht über die parlamentarische Tätigkeit. Berichterstatter: H. Förster.

4. Die Parteiorganisation.

Berichterstatter: G. v. Vollmar.

5. Die Maifeier.

Berichterstatter: R. Fischer. b

6. Der politische Massenstreik und die Sozialdemokratie. Berichterstatter: A. Bebel.

7. Sonstige Anträge.

8. Wahl des Vorstandes, der Kontrollkommission und des Ortes des nächsten Parteitages. Parteigenossen! Der Parteivorstand richtet

an Euch die Aufforderung, die Vorarbeiten für den

Parteitag also die Wahl von Delegierten wie die

Stellung von Anträgen rechtzeitig zu bewirken.

Die Anträge müssen spätestens am 27. August in dem Besitze des Vorstandes, Adresse: J. Auer, Berlin S W. 68, Lindenstraße 69 sein, wenn sie, entsprechend den Bestimmungen des§ 8 Absatz II der Parteiorganisation, imVorwärts veröffentlicht und in die gedruckte Vorlage Aufnah'mne finden sollen.

Berlin, den 3. Juli 1905.

Mit sozialdemokratischem Gruß Der Parteivorstand.

Die russische Revolution.

Staunend vernimmt die Welt die Nachrichten von den revolutionären Ereignissen in Rußland. Sie ziehen mehr noch das allgemeine Interesse auf sich, als die Vorgänge in Ostastien. Und nicht mit Unrecht. beispiellos in der Geschichte da und wäre noch vor wenig Monaten einfach für unmöglich gehalten worden. Die Schwarze⸗Meer⸗ flotte des Zaren befindet sich in of fener Rebellion! Mehrere Kriegsschiffe hißten die rote Flagge! Ueber das Ereignis kamen zunächst nur unvollkommene und wider⸗ spruchsvolle Nachrichten. Erst später liefen genauere Berichte ein. Einer davon besagt:

Spät am Dienstag Abend lief in der Bucht, von Sebastopol kommend, das SchlachtschiffKnjäs(Fürst) Potemkin, begleitet von einem Torpedoboot, ein. Zur großen Bestürzung der Hafenbehörden hatte das Schiff die rote Flagge der Empörung auf⸗ gezogen und ließ alle Signale unbeachtet. Eine Dampf⸗ barkasse, die sich demFürst Potemkin näherte, wurde durch das Torpedoboot, das die ganze Nacht das Schiff umkreiste, zurückgetrieben. Am Mittwoch früh wurde bekannt, daß die Mannschaft desFürst Potemkin sich im Zustande offener Meuterei befinde. Das mit ihm eingetroffene Torpedoboot lief in den Hafen ein, fuhr

Was sich da abspielt, steht

vollständig zum Gefecht bereit und mit auf den Staden gerichteten Geschützen an den ankernden Schiffen vorbei, bemächtigte sich eines Kohlendampfers mit 2000 Tonnen Kohlen an Bord und schleppte ihn auf die Reede hinaus zu dem dort ankernden Schlachtschifl. Ungefähr um dieselbe Zeit verließ eine bewaffnete Pinasse denFürst Potemkin, landete am Staden und stellte dort einen offenen Sarg auf, in dem ein toter Matrose lag. Man hatte ihm ein Papier auf dle Brust geheftet und aus den darauf geschriebenen Mitteilungen erfuhr die aufgeregte Menge, daß der Tote Omeltschuck hieß und vom Ersten Offizier des Kriegsschiffes erschossen worden war, weil er im Namen der Mannschaft über die Suppe Beschwerde geführt hatte. Der Mann, hieß es weiter, sei ermordet worden, weil er die Wahrheit gesprochen, und die Mannschaft habe dann seinen Tod gerächt, indem sie sämtliche Offiere umgebracht habe. Wie es scheint, wurde ein Schiffsfähnrich ver⸗ schont, den man zwang, die Leitung des Schiffes zu übernehmen Große Menschenmassen strömten auf dem Staden zusammen, zogen vor dem Toten Hut und Mütze und brachen in wildes Geschrei und Verwünschungen gegen den Zaren und die Regierung aus. Von den Behörden wurden mittlerweile Kosaken aus gesandt, um die Leiche fortzuschaffen und zu begraben. Die Mannschaft der Pinasse trieb jedoch, unterstützt von den Ausständigen, die Kosaken zurück, und es kam zu einem wilden Handgemenge. In diesem Augenblick hißte das Kriegsschiff wieder die rote Flagge und signali⸗ sierte, man solle die Leiche zur Bestattung auf dem Meere wieder an Bord bringen. Im Falle der geringsten Belästigung des Schiffes durch die Behörden werde der Fürst Potemkin mit seinen bereits auf die Stadt gerichteten Geschützen die Beschleßung eröffnen. Die Kosaken machten sich darauf aus dem Staube und ließ en die Leiche, deren Anblick die Menge in zunehmende Auf⸗ regung und Wut versetzte, auf dem Staden zurück.

Der tote Omeltschuck wurde darauf durch eine Matrosen⸗Abordnung des Potemkin unter riesiger Beteiligung des Volkes begraben. Als die Menge vom Friedhof zurückkehrte, wurde ste von Gendarmen angegriffen. Hierbei er⸗ eignete es sich, daß sogar Kosaken dem 9100 auf die Menge zu schießen sich wider⸗ etzten.

Unterdes griff der Ausstand der Hafen⸗ und sonstigen Arbeiter mehr um sich. Der Fürst Potemkin war vollständig klar zum Gefecht, und seine 30 Zentimeter-Geschütze be⸗ drohten die Stadt. Die rote Flagge flatterte am Mast und die Meuterer signa⸗ listerten von Zeit zu Zeit herausfordernde Meldungen an die Behörden. Eine darunter verlangte gebieterisch, daß vor Sonnenunter⸗ gang reichliche Sendungen Lebensmittel an Bord geliefert würden, andernfalls werde un⸗ verzüglich das Feuer eröffnet. Die Behörden waren mut⸗ und ratlos. Sie wagten nicht, die Truppen eingreifen zu lassen, aus Furcht, sie könnten sich den Meuterern anschließen. Die Lage war in der Tat in höchstem Grade bedenklich. DerFürst Potemkin ist das neueste und beste Kriegsschiff der Flotte des Schwarzen Meeres, und seine mächtigen Geschütze würden ohne Zweifel große Zerstörungen an⸗ gerichtet haben. Der Gouverneur hatte nach Sebastopol telegraphiert und die dortige Kriegs⸗ flotte zur Hülfe herbeigerufen. In der Nacht beleuchlete das Schiff mit seinem Scheinwerfer den Hafen und ließ kein Schiff auslaufen. In der Nacht gab es einen Granatschutz auf die Truppen ab, der mehrere Kosaken tötete

und das Signal zu einem allgemeinen Aufruhr gab. Viele Gebäude am Hafen wurden in!

Brand gesteckt. Am Mittwoch Abend durch⸗ brachen 12000 Aufrührer die Linien des Militärs und steckten die Gebäude am Hafen in Brand. Die Flammen ergriffen die Lager häuser und Fabriken und dehnten sich dret Kilometer weit aus. Während die Feuers⸗ brunst wütete, vernahm man unaufhörliches Knattern von Salven. Die Kosaken waren mit 30 Maschinengewehren ausgerüstet, die in ihrem Feuer kaum eine Pause eintreten ließen. Die Kosaken schossen auf alles, was ihnen zu Gesicht kam. Bei Tagesanbruch wurden Haufen von Toten aufgelesen und auf gewöhnlichen Frachtfuhren nach dem Friedhofe gefahren.

Matrosen desPotemkin machten Einkäufe in der Stadt; sie drohten im Falle man ihnen Hindernisse in den Weg legte, würde das Schiff sofort das Bombardement auf die Stadt eröffnen. So hielt dieses die Truppen am Land im Schach und beherrschte die Stadt und den Hafen. Am Freitag traf der Admiral Krieger mit seiner Sebastopol⸗Flotte ein, die denPotemkin unterwerfen oder in den Grund bohren sollte. Die ersten Nachrichten besagten, daß sich dieMeuterer sofort dem Admiral Krieger ergeben hätten. Das war jedoch vollkommen falsch. Im Gegenteil, der Admiral wagte nichts gegen denPotemkin zu unter⸗ nehmen, weil auch seine Leute unzuver⸗ lässig waren. Ein Panzerschiff Kriegers, derGeorg Pobjedoneszew schloß sich sogar dem Potemkin an und hatte seine Offiziere ent⸗ waffnet. Vergeblich forderte der Admiral die revolutionären Matrosen auf, mit nach Sebasto⸗ pol zu fahren; sie signalisterten zurück:Wir bleiben hier!

Später fuhr der Potemkin an dem Ge⸗ schwader des Admirals mit Volldampf und gefechtsklar vorüber, ohne daß dieses ihn an⸗ zuhalten versuchte und nahm seinen Weg nach der rumänischen Küste, während Krieger mit seinem Geschwader wieder nach Sebastopol abzog. Dort hielt er eine Beratung mit den Schiffs⸗ kommandeuren ab, worauf die Maschinen s1till⸗ gestellt wurden. Offizieren und Mannschaften wurde erlaubt an Land zu gehen, sowie Befehl gegeben, die Matrosen⸗Reservisten zwei Monate in die Heimat zu beurlauben. Diese Maßregeln beweisen, daß die ganze Marine im Schwarzen Meere unzuverlässig ist. DerPotemkin traf Montag auf der Reede von Constanza(Rumänien) ein und wollte Lebensmittel an Bord nehmen. Die Behörden lehnten das Verlangen ab und forderten die Matrosen auf, das Schiff ohne Waffen zu ver⸗ lassen, mit der Mitteilung, daß ste auf rumä⸗ nischem Boden als ausländische Deser⸗ teure behandelt würden. Falls sie Feindselig⸗ keiten gegen die Stadt unternehmen würden, seien die rumänischen Kriegsschiffe mit dem Befehl versehen, Gewalt anzuwenden. Die Rebellen erklärten jedoch, daß sie keine fremder Schiffe angreifen würden, sie führten nur Krieg gegen Rußland. Zugleich über⸗ reichten ste den Behörden einen Bericht über die Ursachen der Meuterei. Danach wurde die Mannschaft mißhandelt, schlecht genährt und ertrug alles geduldig. Am 13. Juni wurde verfaultes Fleisch zur Suppe verwendet. Die Mannschaft begnügte sich mit Wasser und Brot

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