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Mitteldeutsche Sonntags- Zeitung.
von Nah und Fern. Es lebe die Gerechtigkeit!
Wegen Diebstahls wurde der 72 jährige Altsitzer Franz Buchholz aus Stegers von der Strafkammer in Konitz zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte aus dem Forst Kiefernreiser im Werte von 10 Pf. entwendet. Allerdings handelte es sich um einen Rückfalls diebstahl, für den die erkannte Strafe das gesetzlich zulässige Mindestmaß bildet.
Streikbrecher⸗Schutz.
Der Maurer Hermann Heizmann aus Tangermünde sagte im Frühjahre 1904 bei einem Maurerstreik zu dem Streikbrecher R.: „Wenn Du morgen zur Arbeit kommst, schlage ich Dich tot.“ Obwohl es keinem Menschen einfallen kann, diese grobe, aber viel verbreitete Redensart für ernstgemeint zu halten, wurde Heizmann am 29. August v. J. vom Land⸗ gericht in Stendal zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Das Reichsgericht hat die Revision als unbegründet verworfen. Man vergleiche mit diesem Schreckensurteil gegen einen Arbeiter, das Urteil gegen den Major von Sydow, der wegen unglaublicher Mißhandlung seines leiblichen Töchterchens nur 300 Mk. Geldstrafe erhielt.
Ein großer Unterschlagungsprozeß
wurde nach sechstägiger Verhandlung vor der Strafkammer in Görlitz zu Ende geführt. Der Hauptangeklagte, Kaufmann Friedeberg aus Breslau, hatte wider Erwarten ein Geständnis abgelegt. Die sieben übrigen Angeklagten sind Eisenbahnangestellte und Eisenbahnarbeiter. Sie waren beschuldigt, seit mehreren Jahren ganze Waggonladungen Eisenbahnmaterial unter der Bezeichnung„unbrauchbares Material“ unter⸗ schlagen zu haben. Der Kaufmann Friedeberg hatte das Material in Empfang genommen und versilbert. Das Urteil lautete gegen den Kaufmann Friedeberg auf 4 Jahre Gefäng⸗ nis und 5 Jahre Ehrverlust unter Anrechnung von 6 Monaten Untersuchungshaft, gegen den Eisenbahnzeichner Passarge und den Elsenbahn⸗ materialtenverwalter Schiemenz auf je 1¼ Jahre Gefängnis, gegen den Eisenbahnmatertaltenver⸗ walter Büttner auf 1 Jahr Gefängnis und gegen die Arbeiter Sieg aund, Rücker, Wolff
und Schwarz auf je 6 Wochen Gefängnis.
Ein Amtsblatt⸗Redakteur.
Vom Landgerichte in Leipzig wurde der frühere Redakteur des Amtsblattes in O schatz, Roeßler, dessen Verhaftung wir vor einiger Zeit mitteilten, wegen Betruges zu drei Monaten und zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Er ist wegen Diebstahles mit 14 Tagen und wegen Betrugs bereits mit 1 Jahrer Ge⸗ fängnis vorbestraft gewesen, ehe er seine Stelle bei dem Amtsblatt in Oschatz„Gemeinnützige Blätter“ antrat.
Der Hundertmarkschein des Einjährigen.
Folgender Vorfall wurde der„Frankfurter Volksstimme“ aus Kassel berichtet: Schau⸗ platz: Ein besseres Restaurant. Handelnde Personen: Offiziere und ein Einjährig⸗Frei⸗ williger, dessen Geldbeutel groß genug ist, daß er der Ehre gewürdigt werden kann, in aller Oeffentlichkeit bet den Herren Offizieren zu sitzen, ohne daß deren Ruf Schaden erleidet. Die Herren rüsten zum Aufbruch.„Zahlen“ schnarrt es durch den Saal. Der Herr Leut⸗ nant zieht ein Markstück heraus und läßt es auf den Boden fallen. Wer sollte nun im Königsrock eine so erniedrigende Handlung be⸗ gehen, wie sich nach einem Markstück bücken? Aber den Leutnant schmerzt's. Fragend sieht er den Einjährigen an: der rührt sich nicht. „Wollen Ste nun, oder wollen Sie nicht?“ sagt der Blick. Und der Einjährige erinnerte sich daran, daß er trotz seines Geldbeutels Untergebener ist, zieht seine Brusttasche heraus, nimmt einen Hundertmarkschein, zündet ihn an und leuchtet damit unter den Tisch. Starr sitzen die anderen da im Schein des
kostbaren Flackerlichtes— der Geldbeutel hat sich gebückt und doch„seine Ehre“ zu wahren gewußt: der Einjährig⸗Freiwillige aber sieht jetzt einem Verfahren entgegen wegen„Achtungs⸗ verletzung gegenüber dem Vorgesetzten-ʒ Wu
Schillers Einfluß auf die Agitation der Sozialdemokraten).
Das Jahr 1859 hatte mit Schillers hundert⸗ jährigem Geburtstag eine in Deutschland seltene Feier gebracht. Wenn es auch in erster Linie galt, den gewaltigen Dichter zu feiern, so hatte die Feier doch einen politischen Beigeschmack. Die Feier war ein Protest gegen die Klein⸗ staaterei. In der Verehrung Schillers waren alle Deutschen einig. Die Schillerfeier hatte den Dichter auch dem Volke näher gebracht. In Großstädten, wie z. B. in Hamburg, hatte man große Umzüge veranstaltet; alle Hand⸗ werke waren mit Fahnen und Emblemen aus⸗ gezogen; keine Krankenkasse und kein Gesang⸗ verein war zurückgeblieben. Schiller war der Dichter des Volkes.
Seine Werke aber waren in Arbeiterkreisen weniger bekannt. Zwar hatten die meisten Arbeiterkinder in der Schule einige Balladen —„Der Taucher“,„Die Bürgschaft“,„Der Kampf mit dem Drachen“ usw.— gelesen, manche auch später im Theater einige Stücke von Schiller gesehen, aber die sämtlichen Werke waren den Arbeitern unbekannt. Hierin trat anfang der sechziger Jahre eine Aenderung ein. Einige billige Ausgaben von Schillers sämtlichen Werken waren erschienen und auch teilweise von Arbeitern gekauft worden. Jetzt kam die Lassallesche Agitation, die einige bei der Schiller⸗ feier gepflanzte Keime zum Wachsen brachte, und der bei dieser Feier gepredigte Idealismus bekam neue Nahrung.
Lassalle hatte in seiner Schrift„Die Feste, die Presse“ die liberalen Zeitungen verurteilt, in seinem„Julian Schmidt“ hatte er die libe⸗ ralen Plattheiten bekämpft. Die eifrigen An⸗ hänger Lassalles folgten seinen Weisungen und verschmähten es, solche Schriften zu lesen, die Lassalle als minderwertig oder gar als Gift bezeichnet hatte. 4
Das Lesebedürfnis aber sollte befriedigt werden, und nun griff man zu Schiller, den ja auch Lassalle als einen der Besten bezeichnet hatte.
Durch Lassalle war Schiller auch den Ar⸗ beitern näher gebracht. Mit heißem Bemühen hatten viele Arbeiter das„Arbeiterprogramm“ wiederholt durchstudiert. Hierdurch hatte man sich daran gewöhnt, Geschichtsphilosophie zu treiben. Nun fanden die Arbeiter in Schillers kleinen Aufsätzen eine ganze Anzahl Schriften, die zum Nachdenken anregten. Von den kleinen Aufsätzen ging man dazu über, die größeren Geschichtswerke zu studieren. In verschiedenen Zigarrenfabriken wurden die Werke des großen Dichters vorgelesen und über die Sätze, die man nicht verstanden hatte, oft Stunden lang diskutiert.
Dieses Studium brachte es mit sich, daß nun auch die Dramen mit ganz anderen Augen angesehen wurden. Hatte früher das spannende Sujet das größte Interesse wachgerufen, so fand man jetzt eine große Anzahl für die Agitation brauchbare Stellen. Schiller wurde nun der Apostel der Unterdrückten, der Dichter des nach Freiheit strebenden Volkes. Man begriff nun, weshalb Lassalle im„Basttat⸗ Schulze“ gesagt hatte, daß die Herrschenden Schillers Werke verbrennen würden, wenn ste dieselben gelesen hätten.
Den Umschwung in der Denlweise der Ar⸗ beiter konnte man am besten ermessen, wenn man die Darstellung neben einander stellte, die vor Eindringen des Sozialismus und nachher
*) Diesen Aufsatz des Genossen Molkenbuhr entnehmen wir dem von der Buchhandlung„Vorwärts“ herausgegebenen Schiller⸗Gedenkblatt. Die erste Auflage wurde bereits vergriffen, so daß ein Neudruck erforderlich wurde. Wir empfehlen allen Genossen das Blatt zur Anschafsung. Es ist bei unserer Expedition zum Preise von 20 Pfg. zu haben.
ein Arbeiter von einem Schillerschen Drama gab. Hatte früher jemand einen Freund für „Die Räuber“,„Fiesco“,„Kabale und Liebe“ oder sonst ein Stück zu begeistern sasech dann schilderte er wohl recht anschaulich das Auf⸗ regende der Handlung. Ganz anders machten
es die zum Sozialismus bekehrten Arbeiter.
Sie vergaßen keinen Satz, der sich gegen die Unterdrücker wendet. Die Schufte Franz Moor, Spiegelberg, Wurm usw. waren ihnen jetzt weit gleichgiltigere Personen geworden. Jetzt hatte sich jeder eine Anzahl Sätze gemerkt, die er wörtlich wiedergab, um zu beweisen, daß auch Schiller schon dem großen Ideale zustrebte, für welches die Sozialdemokraten kämpften. Durch das Studium von„Kabale und Liebe“ erkannte man jetzt, wie man in den Kreisen der Herrschenden über das Volk denkt. In der prächtigen Schilderung, die Max Piccolo⸗
mini von den Greueln des Krieges und den
Segnungen des Friedens gibt, fand man Waffen zur Bekämpfung des Militarismus. Don Carlos lieferte Waffen zur Bekämpfung der Pfäfferei und für das Streben nach Ge⸗ dankenfreiheit, und im„Tell“ erkannte man, daß der Dichter auch dem Volke das Recht gibt, sich vom Drucke zu befreien.
Der Idealismus wurde durch Schiller an⸗ geregt und gehoben. Diesen bedurften die ersten Sozialisten mehr als jetzt. Vorläufig war es nötig, die Massen zu begeistern für das große Werk. Die scharfe Kritik der bestehenden Zu⸗ stände trat weniger hervor. Marx'„Kapital“ war noch nicht erschienen, der Kapitalismus war noch nicht soweit entwickelt und der Klassen⸗ charakter der Gesetzgebung war noch nicht so ausgeprägt wie jetzt. Zwar fühlte man den politischen und wirtschaftlichen Druck und darum war die ganze Agitation mehr ein Appell an das Empfinden als an den Verstand. Wollte man die Massen begeistern, dann mußte man bei jenem gewaltigen Dichter lernen, der schon 155 einem Jahrhundert die Massen begeistert
atte..
Man kann die Anfänge der sozlialistischen Agitation als Schule des Idealismus bezeichnen. Die Massen, die sonst ein Dasein wie Lasttiere geführt hatten, fingen an, sich für höhere Dinge zu interessieren. Was lag näher als die Tat⸗ sache, daß der größte Idealist nun auch den größten Eindruck auf die Massen machte. Er wirkte als Apostel des Idealtsmus. Darin liegt eben die Größe jener Dichter, daß sie noch modern erscheinen, wenn sie längst verstorben sind und im Laufe der Zeit ganz andere poli⸗ tische und soziale Verhältnisse entstanden sind, als sie in der Zeit waren, in denen der Dichter lebte. Schiller suchte den Idealismus zu pflegen und wohl nie ist der Idealismus heller empor
gelodert, als in den Anfängen der sozialistischen
Bewegung. Hier fand der Idealismus Ver⸗ treter in den breiten Schichten des Volkes. Es war ganz jungfräulicher Boden, auf den er angepflanzt wurde, und darum zeitigte er
so schöne Früchte.
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4 Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel. 4.(Fortsetzung.)
IV.
Röschen saß am nächsten Nachmittage ver⸗ drießlich am Fenster der Wohnstube und schaute in den Regen, der ihren Ausflug mit dem Vetter zu Wasser machte. Sie war allein; es war der freie Sonntag ⸗Nachmittag des Verkaufs⸗ fräuleins und die Mutter vertrat sie im Laden. Der Vater erholte sich durch ein Schläfch en von der Anstrengung des regen Verkehrs, den der Sonntag wie gewöhnlich bis über die Mit⸗ tagsstunde hinaus im Laden erzeugte. Ein Traum gaukelte ihm seine Tochter vor, wie sie
ux. 15.
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