Ausgabe 
9.4.1905
 
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Nr. 15.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeuung.

Seite 7.

im Brautstaat mit dem Baron von Unkenstein vor dem Altar stand, und der herniederrausch⸗ ende Regen spielte die Orgel dazu. Schon wollte die glückliche Braut in ihrer Langen⸗ weile zu Schiller's Gedichten greifen, über welche die heutigen Dichter sich so hoch erhaben fühlen. Da sah sie Jemanden unter dem Regen⸗ schirm eilig die öde Straße daherkom men, und gleich darauf stand Otto Lebrecht im Zimmer dor ihr. Das Mädchen reichte ihm froh auf⸗ atmend beide Hände, gleich darauf aber rief es um Schmollen geneigt:Aber was ist das?

ir können nicht radeln und Dein Gesicht strahlt vor Vergnügen!

Ja, Röslein, Röslein, Röslein rot, ich bin froh wie ein Schneekönig, erwiderte er;denn erstens bin ich bei Dir

Ach, geh' doch, fiel sie mit einem kleinen Lächeln ein.

Und zweitens: Mit dem Wändeanstreichen ist es jetzt hoffentlich für immer zu Ende. Da hat neulich ein ehrlicher Fabrikant, der unseren naturwüchsigen Märker Tabak zu echt türkischem Kraut verarbeitet, einen Preis für ein Plakat ausgeschrieben, des diesen Türken bildlich an⸗ preist. Da hab' ich gedacht: will mal kühn sein und es wagen! Und heute früh hab' ich einen Brief erhalten aber fall' nicht um vor Schreck darin stand, daß mein Plakat den ersten Preis davon getragen hat.

Röschen stieß einen Frendenschrei aus, und die Mutter, welche den Schrei hörte, lief an das Guckfenster und sank ächzend auf einen der Rohrstühle:Ach mein Gott, mein Gott! Denn ihre Tochter und ihr Neffe hielten ein⸗ ander umarmt und küßten sich und küßten sich wieder und lachten und weinten vor Glück⸗ seligkeit. Die Knospe der Liebe, die Beide schon lange ahnungslos in ihren Herzen gehegt hatten, war plötzlich aufgesprungen. Und dieses war der zweite, köstlichere erste Preis, den Otto an demselhen Tage gewann.

Nun saßen sie Hand in Hand auf dem Sopha und Otto beschrieb der Geliebten sein Plakat. Es stellte einen fetten Türken dar, der auf üppigen Polstern aus einer langen Pfeife Wolken des gepriesenen Tabaks sog; neben ihm reizende Odalisken, die demselben Geschäft mit Zigaretten oblagen, und aus den emporsteigenden Wölkchen entwickelte sich ein ganzes Paradis von Houris mit Zigaretten zwischen den Rosenlippen.

Ein Knarren und Aechzen der Stiege im Flur unter schweren Tritten scheuchte Otto vom Sopha auf. Meister Gustav Adersen trat in die Erscheinung und ließ sich auf demselben Platze nieder, den der Neffe soeben geräumt hatte. Der Schlaf hatte seine Geister noch nicht völlig freigegeben und er murmelte erst noch ein paar Minuten:Ein Hundewetter das!

Aber die Bäckergesellen hat es von der Versammlung nicht abgehalten, bemerkte der Neffe;dieTonhalle war sehr voll.

Was sagst? fragte der Meister Adersen, in⸗ dem er sich mit einem Ruck grade setzte.

Hast Du denn ihren Aufruf nicht in den Zeitungen gelesen? Weil die Geschichte doch auch Dich gewissermaßen betraf, so bin ich hin⸗ gegangen und hab' auf der Gallerie zugehört. Es sei Zeit, hieß es in dem Aufruf, daß auch ste sich zur Gewerkschaft organisterten, damit ihre Beschwerden endlich abgestellt würden!

Ich hab' nichts gelesen, begann der Onkel zu schnaufen.Beschwerden abstellen? Sind die Kerls verrückt?

Mir schien's nicht so, Onkel. Und es war ein ganzer Haufen von Beschwerden, den sie

zusammenbrachten. Jeder fast hat was zu klagen, der Eine dies, der Andere jenes. Nach dem Einen waren zu wenig Betten vorhanden und die Lehrlinge müßten unter dem Teigkasten schlafen. Ein anderer nannte die Arbeitsräume wahre Schweineställe, und beinahe Alle klagten, daß die Kost ungenießbar sei. Ich kann Dir nicht Alles aufzählen, Onkel, aber es waren Sachen darunter, daß man einen Ckel kriegen konnte vor jedem Bissen Brot. Pfui Teufel!

Die gewöhnliche Röte in Meister Adersen's Gesicht war zur Flamme geworden, die Augen quollen über die fetten Lider hinaus, aber er sagte kein Wort; er schnaufte nur stärker und stärker. Rosalie sah ihn ängstlich an und setzte sich an's Fenster und schaute hinaus.

Otto Lebrecht fuhr fort:Und dann ver⸗ langten sie, daß die Lehrlingszüchterei aufhören müßte, jeder Geselle in der Woche einen Ruhetag haben sollte und die Sonntagsarbeit gan; ab⸗ geschafft würde.

Der Onkel schlug eine mächtige Lache auf, die in einem Stickhusten endete. Er wurde blau im Gesicht. Die Tochter eilte zu ihm und Frau Karoline kam aus dem Laden gelaufen und begann, ihm den fetten Rücken zu klopfen.

Inzwischen brachte das Dienstmädchen den Nachmittagskaffee und das Klirren der Tassen und Löffel schien ebenfalls besänftigend zu wirken. Meister Adersen wischte sich mit seinem seidenen Sonntagstaschentuch die Augen, schnob sich die Nase, pustete und rief:Hat Einer je solche Dummheiten gehört? Wie können sich die Kerls blos einbilden, daß auch nur ein Meister darauf eingehen wird? Wenn sich Einer einfallen lassen sollte, mir damit zu kommen, aber gleich raus mit ihm auf die Straße.

Trink' erst einen Schluck Kaffee! Alter, bat die Frau. Er wollte jedoch seine Meisterbrust erst vollends entlasten und fuhr fort:Und organistert haben sie sich, um ihre Unverschämt⸗ heit mit Gewalt durchzudrücken?

Otto zuckte mit den Achseln.Ich mußte zum Essen und hab' das End' nicht abgewartet. Es wird ja morgen in den Abendblättern stehen.

Das ist auch wieder so ein Stück von den verfluchten Sozialdemokraten; sie haben die Gesellen aufgehetzt, rief der fette Meister.Na, meinetwegen mögen sie sich zusammenrotten, noch ist Polen nicht verloren. Noch gibt's Polizei und Gerichte und Infanterie und Kavallerie und Artillerie, die wir Bürger mit unserem saueren Schweiße ernähren, und darum hat der Staat die verfluchte Pflicht und Schuldig⸗ keit, den Bürger zu schützen. Wer gäbe denn den Arbeitern ein Stück Brot, wenn wir Meister es nicht täten? Puh! 2

Nun griff er nach seiner Tasse und erklärte darauf, daß er nach Luft schnappen müsse. Rosalien's Bemerkung, daß es regene, hielt ihn nicht zurück. Als er gegangen war, sah ste den Vetter trübselig an:Jetzt hast Du's mit dem Vater verschüttet. f 5

Viel zu verschütten hat er wohl nicht mehr gehabt, seufzte auch die Mutter.

Ihr Neffe aber meinte wohlgemut, der Onkel sei ihm im Gegenteil Dank schuldig, daß er ihm die Suppe kaltgepustet hätte, bevor die Zeitungen sie ihm brühwarm auftischten. 0

Ach, Mama, Du mußt uns helfen, bat Rosa,denn Sie wurde feuerrot, um⸗ 1 1 7 ihre Mutter und flüsterte ihr etwas in's

hr.

Frau Karoline kannte ja das Geheimnis schon; sie strich dem Töchterchen leise über das Haar und dann seufzte sie:Ja, was kann

ich dabei tun? Einen Handwerker will Dein Vater durchaus nicht zum Schwiegersohn und dann der Baron! O, Du bbser, böser Mensch, Du!

Otto ergriff ihre Hand und küßte ste feurig. Wenn Du uns beistehst, gutes, liebes Tantchen, dann kommen wir wohl auch über den Berg, rief er darauf.Mit dem schlichten Handwerker ist's wohl vorbei und vor dem Baron fürcht' ich mich nicht; den nehme ich auf mich und wenn sein Adel noch so alt ist wie die Hühner⸗ pest. Der will blos das Geld von der Rosa. Die Junker schreien es ja selbst in die Welt hinaus, daß sie Hungerleider sind und unter geflickten Strohdächer hausen.

(Fortsetzung folgt.)

Splitter.

Die Anfänge einer Religion mögen den Diebstahl einer Münze, eines Hammels ver⸗ hindert haben. Es kommt aber früher oder später ein Zeitpunkt, da um dieser selben Religion willen sich Hunderttausende von Men⸗ schen die Gurgel abschneiden oder auf dem Scheiterhaufen winden.

An die Mütter.

Mütter, die ihr euch erquickt An der Kinder teuren Zügen Und mit ahnendem Vergnügen Vieles Künft'ge drin erblickt.

Schaut einmal recht tief hinein Und verschafft uns sichre Kunde: Wird der Väter Kampf und Wunde In den Kindern fruchtbar sein?

Humoristisches

Vaterland.Gnädiger Herr, lassen Sie mich nicht ganz ohne Unterstützung. Ich habe meine geraden Glieder im Kampfe für das Vaterland verloren. Scheren Se sich zum Deiwel, ich habe auch dem Vater⸗ lande meine Gesundheit geopfert und mir bei den Sedan⸗ feiern das Podagra geholt.

(Simpl.)

Aus dem Gerichtssaal. DerFrankf. Ztg. wird geschrieben: Vor dem Schöffengericht einer kleinen rheinischen Stadt steht der Jupp(Joseph) Schmitz. Er ist angeklagt, unberechtigterweise gefischt zu haben. Auf die Frage des Vorsitzenden, weshalb er an dem Bache geangelt habe, erklärt Jupp, daß er sich als Einwohner seines Dorfes dazu berechtigt geglaubt habe. Vor⸗ sitzender:Also Sie fischten mit bona fides? Schmitz:, Herr Präsendent, mit ner Wurm. Vorsitzender:Sie verstehen mich nicht. Ich meine, ob Sie in gutem Glauben fischten? Schmitz:Dat versteht fich, echt römisch⸗katholisch!

Litterarisches.

Leuchtkugeln. Unter diesem Titel gibt die Buch⸗ handlung Vorwärts soeben ein kleines Gedichtbuch heraus, das namentlich unseren vortragslustigen Parteigenossen willkommen sein wird. Wie oft richtet sich bei Arbeiter⸗ festen und anderen Gelegenheiten, wo aufgeklärte Prole⸗ tarier beisammen sind, die allgemeine Stimmung plötzlich auf den Wunsch:Trage doch Einer etwas vor! Da sollen denn dieLeuchtkugeln steigen, Retter n der Not sein und verhindern, daß man zu nichtssagendem Schund greift. Die Sammlung kommt gerade noch für die Maifeier zu rechter Zeit. Das Büchlein enthält 60 Gedichte teils ernster, teils humorist. scher und politlsch⸗ satyrischer Natur. Eine Anleitung:Die Kunst des Vortrags gibt Winke, wie Deklamationen wirkungsvoll zu gestalten sind. Das Heftchen ist durch alle Partei⸗ buchhandlungen zu beziehen und kostet 50 Pfg.

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