Ausgabe 
9.4.1905
 
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Nr. 15.

Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.

Seile 5.

die Wege leiten. Nach dem Statut können die einzelnen Orte bis zu drer Delegierten entsenden; es dürfte sich jedoch empfehlen, wenn mehrere Orte sich über gemein same Delegation verständigten.

p. Die Maurer von Wetzlar und Umgegend haben ihren Arbeitgebern einige Forderungen unterbreitet. Eine geringe Erhöhung ihres Stundenlohnes sowie Samstag eine Stunde früher Arbeitsschluß ist, was de verlangen. Es finden Verhandlungen statt und die Arbeitgeber sollen geneigt sein, den Wünschen der Ar beiter entgegen zu kommen.

h. Die Verschmelzung der Bude rus'schen Werke mit der Main⸗Weser Hütte in Lollar ist nun⸗ mehr perfekt. Für die Arbeiter sollte das ein Ansporn sein, sich ebenfalls mehr als bisher zusammenzuschließen.

Mit dem Leichenbestattungswesen siehts in manchen Orten unseres Kreises recht rückständig aus. Beispielsweise gibt es in Odenhausen, Wißmar, Launs⸗ bach, Salzböden ꝛc. keine Totengräber, es müssen viel⸗ mehr, wenn ein Sterbefall eintritt, die Nachbarsleute das Grab herrichten, wie es zu Urväter Zeiten üblich war. Dabei treten natürlich verschiedene Mißstände zu Tage. Es kam öfters vor, daß, weil die Gräber von

nicht sachkundigen Leuten hergestellt waren, Leichenreste

zum Vorschein kamen. Die Sache hat aber auch noch finanzielle Nachteile für diejenigen, welche ihren Nachbar den Liebesdienst erweisen. Das sind meist 4 Arbeiter, von denen jeder einen Tagelohn verliert. Das macht zusammen 12 Mk. Lohnausfall, würde diese Arbeit einem Manne übertragen, so wäre sie sehr wohl für 3 Mk. zu leisten. Hier sollten sich die Gemeinden bemühen, Wandel zu schaffen und diese mittelalterlichen Zustände beseitigen.

Westerwald und Anterlahn.

t. In Haiger findet diesen Sonatag im Lokal Völkel Wtw. eine Versammlung des sozialdemokratischen Kreiswablvereins statt. Die Parteigenossen wollen zahl- reich erscheinen und ihre Bekannten mitbringen. Weiteres fiehe Inserat.

* Der nationalliberale Prophet in Her⸗ born, Ellegard Leisner, im Nebenamte Gesangskünstler, schreibt auch Artikel imHerborner Tageblatt, das seit einiger Zeit offizielles nationalliberales Organ ge⸗ worden ist, womit es sich durchaus nicht zu seinem Vorteile verändert hat. Die dort abgelagerten Stil⸗ übungen des genannten Drehscheiben⸗Mannes und seine logischen Purzelbäume sind geradezu belustigend. Aber er kann auch die bekannten Töne der gewohnheits- und gewerbsmäßigen Sozialisten⸗Verleumder vernehmen lassen. So leistete er sich Folgendes in der Nr. vom 19. März:

Wir haben oben Arbeitgeber gegen Arbeitnehmer

gestellt. Diesen Unterschied hat nicht die Notwendig⸗ keit der volkswirtschaftlichen Entwicklung geschaffen, sondern im letzten Grunde nur die verletzenden Utopien und Phantastereien von Leuten, die nur aus dem Moraste der Verbitterung und der Unzufriedenheit ihren giftigen, aber üppigen Weizen ziehen. Es sollte doch jedem zu denken geben, daß es denen immer sehr wohl und gut ging im Leben, die frivol genug waren, die Saat der Unzufriedenheit in die Herzen zu säen. Die Millionen von Arbeitern opfern Groschen um Groschen, darben ihn sich und ihren Lieben vom Munde ab und bekommen dafür von den wenigen Hunderten von sogenannten Arbeiter⸗ führern nichts mehr, als elendes Versprechen auf ein einstmal kommendes Paradies auf Erden, und als den tieffressenden Groll, daß dies Paradies, (das bei Lichte besehen, heller Wahnsinn ist) nicht schon jetzt die Formen der Wirklichkeit angenommen hat.

Welche tiefgründige Weisheit! Also ein Unterschied zwischen Unternehmer und Arbeiter existiert eigentlich nicht, er ist eine Erfindung der Sozialdemokraten, deren verletzende(soll wohl heißen verhetzende) Utopien ihn geschafsen haben! Daß der Mann, der die Kühnheit hatte, dies niederzuschreiben, noch nicht Professor ge⸗ worden ist! Aber das konfuse Zeug, das er da verzapft, wird cbensowenig den Liberalen aufhelfen, als die ge⸗ meine und schmutzige Verdächtigung von dem üppigen Leben der sozialdemokratischen Agitatoren denn diese können nur gemeint sein den Sozialdemokraten Ab⸗ bruch tun wird. Welche Erbärmlichkeit liegt in diesen Sätzen! Das Organ der Nationalliberalen, welche doch die politische Vertretung der Börsen⸗ und Industrie⸗ kapitalisten, der Kohlenbarone und Sch otjunker darstellen, die Millionen und Milliarden aus dem Schweiße der Arbeiter herauspressen und in Ueppigkeit und Wollust schwelgen, dieser Mensch erdreistet sich, den Arbeiter⸗ Vertretern gutes Leben auf Kosten der Arbeiter vorzu⸗ werfen! Aber es ist ja ein alter Schwindel, der da wiederholt wird, die Arbeiter kennen ihn schon nnd der ihn niedergeschrieben, verstehts nicht besser, er plappert einfach gedankenlos nach.

4 In demselben Artikel leistet er sich folgenden schönen atz:

Volks freunde nennen sie sich und doch find sie

Volks feinde in jeder Hinsicht, denn sie predigen

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Haß und sie säen Unfrieden und stören den Gottes⸗ frieden der Natur auch dort, wo er am tiefsten ein⸗ gebettet liegt, durch die lodernden Glutflammen ihrer leidenschaftlichen Unvernunft.

Wirklich hübsch gesagt! Wo derGottesfrieden der Natur wohl am tiefsten eingebettet liegen mag? Das Herb. Tagebl. wird bald als Organ für unfreiwillige Komik berühmt werden.

n. Niedershausen. In eine Prügelaffaire war kürzlich ein hiesiger, alsPatriot bekannter und der Gemeinde⸗Vertretung ongehöriger Bürger verwickelt. Man findet es auffällig, daß sich die Gendarmen noch nicht für die Sache interessiert haben. Bei der Musterung sind verschiedene Reklamationen von hier zurückgewiesen worden.Daran sind bloß die Sozial⸗ demokraten schuld äußerten einige Betroffene, die sonst sehr für den Militarismus schwärmen, aber dafür natürlich keine Opfer bringen wollen. Die Partei genossen kommen am Sonntag, den 9. im Bender⸗ schen L kale zusammen. Es soll die Gründung einer Wa der Zuschuß⸗Krankenkasse, Sitz Meißen, beschlossen werden.

* Kontrollversammlungen im Dillkreise finden statt in: Herborn, Schießplatz, am 11. April 1 Uhr 45 nachmittags für Ersatz⸗Reserve; 3 Uhr nach⸗ mittags für Reserve; am 12. April 11 Uhr 15 vor⸗ mittags für Landwehr. Dillenburg, Paradeplatz, am 13. April 2 Uhr nachmittags für Reserve der In⸗ fanterie; 3 Uhr nachmittags für Reserve sämtlicher Waffengattungen ausschließlich Provinzial-Infanterte; am 14. April 2 Uhr nachmittags für Ersatz⸗Reserve; 3 Uhr nachmittags für Landwehr. Haiger, Markt⸗ platz, am 17. April 2 Uhr 15 nachmittags für Reser ve und Landwehr; 4 Uhr nachmittags für Ersatz⸗Reserve.

Aus dem Rreise Marßburg⸗Nirchhain.

r. Von den letzten Stadtverordneten⸗ Sitzungen sei noch Folgendes nachträglich erwähnt: Bei der Debatte über die Wertzuwachssteuer führte Stadtverordneter Stroinsky aus: Diese Steuer betreffe nicht die Allgemeinheit, sondern nur jene Leute, die große Summen in kurzer Zeit verdienen, ohne sich da- bei anstrengen zu müssen. Zur weiteren Empfehlung seines Antrages führte er noch an, daß für den Fortfall der unteren Steuerstufen Ersatz geschaffen werden müsse. Nach dem Antrage sollen zu der jetzigen Umsatzsteuer von 1 Prozent folgende Zuschläge kommen:

1. Beim Besitzwechsel unbebauter und nach Inkraft⸗ treten dieser Ordnung bebauter Grundstücke und Grund⸗ stücksteile ist von der seit dem nächst vorausgegangenen Besitzwechsel eingetretenen Wertserhöhung ein Zuschlag von 10 Prozent zu entrichten.

2. Werden unbebaute Grundstücke und Grundstücks⸗ teile, welche an fertig gestellten, kanalisterten und be⸗ leuchteten Straßen liegen, in Erwartung künftiger Gewinne künstlich vom Verkauf zurückge⸗ halten, so ist von der Wertserhöhung, wenn der Besitzwechsel stattfindet: a) in den ersten 5 Jahren nach Fertigstellung der Straße ein Zuschlag von 10 Prozent, b) vom 6. bis 10. Jahre 15 Prozent und c) vom 11. Jahre ab 20 Prozent zu zahlen.

Als Grundlage der Berechnung ist der beim nächst vorausgegangenen Besitzwechsel wirklich erzielte Kauspreis bez w. wirklich vorhanden gewesene gemeine Wert anzu⸗ sehen. Zu demselben sind Neu- und Umbaukosten, Repa⸗ ratur⸗ und Unterhaltungskosten, Ausfälle an Einnahmen, Zinsverluste, Straßen- und Kanalbaukosten bezw. Bei⸗ träge, die Aufwendungen für Verbesserungen der Grund⸗ stücke hinzuzurechnen, sodaß von der Besteuerung nur der Reingewinn getroffen wird.

Weitere Bestimmungen stellen die Fälle fest, in denen die unter 1 festgesetzte Zuschlagssteuer nicht erhoben wird. Nachdem einige Redner zu dem Antrag gesprochen hatten, wurde er einer Kommission überwiesen, die prüfen soll, ob diese Steuer für Marburg zweckmäßig ist. Der Oberbürgermeister sagte zu der ganzen Geschichte kein Wort. Er zeigte aber seineArbeiterfreundlichkeit beim nächsten Punkte. Im Etat waren 9000 Mk. für Straßenneubauten im Südviertel verlangt. Diese Ge⸗ legenheit nahmen einige Stadtverordnete wahr, um sich gewaltig für die Arbeiter ins Zeug zu legen. Und zwar verlangten sis, daß im Nordviertel Arbeiterhäuser gebaut werden sollten. Den notorischen Mangel an Arbeiterwohnungen könne die Stadt am besten abhelfen, wenn sie im Nordviertel auf Bauplätzen, die der Stadt doch gehören, Arbeiterwohnungen errichtete. Der Herr Oberbürgermeister wollte jedoch von der ganzen Sache nichts wissen. Er bekämpfte scharf die Ausführungen einzelner Redner, daß Mangel an Arbeiter wohnungen seien. Vielmehr betonte er, daß mehr Wohnungen für Pen⸗ sionäre und höhere Beamten geschaffen werden müßten. Darauf wurde ein Antrag angenommen, 100000 Mk. für Erschließung eines anderen Baugeländes in den Etat einzustellen. In der dritten Sitzung am Samstag wurde über das zu errichtende Elektrizktäts⸗ werk beraten. Es wurde beschlossen, unter Benutzung der Wasserkraft und 2 Reserve⸗Gasmotoren das Elek⸗

trizitätswerk in der Herrenmühle(Fendtsmühle) neben der Universität zu errichten. Als erste Rate wurden dafür 200000 Mk. in den Etat eingestellt. Das Werk soll bis zum 1. Oktober d. J. betriebsfertig sein.

Von Arbeiterwohnungen war in der vor⸗ letzten Sitzung der Stadtverordneten die Rede. Aber nicht etwa, daß solche von der Stadtverwaltung gebaut werden sollten, soweit geht das soziale Verständnis unserer Stadtväter nicht, sondern es wurde verlangt, daß der Stadt gehöriges Terrain im Afföller hergerichtet werden solle, damit Privatunternehmer dort zu Arbeiter- wohnungen geeignete Hänser bauen könnten, mit der Begründung, daß sonst den Geschäftsleuten der kaufkräf⸗ tige Arbeiter verloren ginge. Die jetzige Bauart, nur Villen und villenähnliche Häuser zu errichten, scheint also für die Geschäftsleute ihre Schattenseite fühlbar zu machen.

O Steuerscheu kann man nur zu häufig bei den besitzenden Klassen beobachten. Kaum ist die Wert⸗ zuwachssteuer auf dem Rathause angeregt, so verkünden die Tabakfabrikanten Gebrüder Niederehe im Inseraten⸗ teile eines hiesigen Blattes, daß sie ihr gesamtes Grund⸗ eigentum in der Nähe ihrer Fabrik zu verkaufen bꝛab⸗ sichtigen. Der Wertzuwachs ist hier ein ganz enormer und dürfte die geplante Steuer die Absicht der Ver⸗ äußerung beschleunigt haben.

* Der Kreistag bewilligte in seiner Sitzung am Freitag 4000 Mk. für Vorarbeiten zur Weiterführung der Bahn Marburg⸗Dreihausen nach Station Mücke der Gießen⸗Fuldaer Bahn. Man faßte auch ein Projekt bis Londorf ins Auge, doch die Mehrheit des Kreistages sprach sich für die Strecke nach Mücke aus, Die Teilstrecke Marburg⸗Ebsdorf wurde am Samstag landes⸗ polizeilich abgenommen und am Dienstag in Betrieb gesetzt. Am Dienstag nachmittag fand ein Festessen statt. Unfälle sind keine gemeldet worden.

O DieOberh. Ztg. brachte in ihrer Sonn⸗ tagsnummer wieder einen Artikel, in welchem sie die Gewerkschaftsbeiträge(diesmal waren es die Beiträge des Verbandes der Gastwirtegehilfen) alssozialdemo⸗ kratische Gewerkschaftssteuern bezeichnete. Wie dumm muß das Blatt seine Leser halten, daß es ihnen noch immer solche Albernheiten vorsetzen kann.

* Opfer der Pflicht. Der erst seit Kurzem bei Neustadt an der Main⸗Weser⸗Bahn stationierte Bahn⸗ wärter Waßhausen wurde am Freitag vom Zuge überfahren und getötet. Der Verunglückte hinterläßt eine Wittwe mit sechs Kindern.

Partei-Nachrichten.

Maizeitungen sollen von den Vertrauensleuten der einzelnen Orte bis 10. April bei dem Kreisver⸗ trauensmann A. Bock, Dammstr. 22 in Gießen bestellt werden.

Zum Parteisekretär für Nassau wurde der Genosse Rudolph ⸗Stuttgart vorbehältlich der Bestäti⸗ gung des Parteivorstandes gewählt. Der Sekretär hat seinen Sitz in Frankfurt.

Auf 92000 Abonnenten hat es jetzt unser Zentralorgan, derVorwärts gebracht. In den letzten Jahren wurden 40000 neue Leser gewonnen. Das ist gewiß ein schöner Fortschritt, der aber im Verhältnis zu den Massen der Arbeiter, die zu unserer Partei halten, immer noch als mäßig bezeichnet werden muß. Bel tätiger Mithülfe der Leser und Partelgenossen muß es endlich dahin kommen, daß die größte Partei auch die verbreitetsre Presse hat.

Versammlungskalender.

Samstag, den 8. April.

Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag.

Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung imGambrinus bei Wacker. T.⸗O.: Die Maifeier.

Staufenberg. Volks verein. Versammlung bei Wirt Vogel. scheinen notwendig!

Sonntag., den 9. April.

Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8 Uhr gesellige Zusammenkunft bei Wirt Nellen, Stein⸗ straße,Zum Storch.

Mittwoch, den 12. April.

Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 9 Uhr

Monatsversammlung bei Löb(Wiener Hof).

Abends 8/ Uhr Zahlreiches Er⸗

Briefkasten.

Z.⸗Norshsn. Zu dem nass. Provinzial⸗Parteitag in Frankfurt hat als Zuhörer jedermann Zutritt, doch an den Verhandlungen können sich natürlich nur Dele⸗ gierte beteiligen. Mehrere Einsendungen mußten zu⸗ rückgestellt werden.

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