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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 15.
nichts an. Sie seien freie Männer, und wenn der deutsche Kaiser ins Ausland käme, wollten auch sie, wie alle andern Deutschen, ihrem Kaiser huldigen. Nach einem telegraphischen Bericht hat die von dem Gesandten vermittelte Audienz dann stattgefunden. Seine Majestät der Kaiser nahm das Geschenk der Arbeiter sehr freundlich entgegen, sprach mit den ein⸗ zelnen über ihre Arbeit und spendete der Ar⸗ beiterkolonie ein größeres Geldgeschenk.“ Dieses erschütternde Ereignis(wenns über⸗ haupt tatsächlich passiert ist!) hat der Bericht⸗ erstatter der„Nordd. Allgem. Zeitung“ für so bedeutend gehalten, daß er es seinem Blatte telegraphisch übermittelte. Natürlich plärrt es die gesamte übrige„gutgesinnte“ Presse weiter und knüpft daran philosophische Betrachtungen über die Königstreue der deutschen Sozialisten in Portugal, die uns verstockten Republikanern als leuchtende Muster vorgeführt werden. Schade nur— die Spender des silbernen Tellers sind als Sozialisten nirgendwo bekannt, weder die deutsche noch sonst eine sozial demokratische Partei- organisation kennt sie als Mitglieder. Es gibt keine deutsche sozialistische Partei in Portugal! Jedenfalls sind aber die Glasarbeiter von Amora nicht so abergläubisch, anzunehmen, „Herr Bebel“ oder der„Parteivorstand in Berlin“ verbiete ihnen, silberne Teller zu ver⸗ handeln, soviel sie wollen und an wen sie wollen. Dagegen ist es immerhin möglich, daß die deutschen Arbeiter in Amora der deutschen Politik entfremdet sind und gewisse Reden nicht gelesen haben, woraus sich dann das weitere zwanglos erklären würde. Abgesehen davon, daß die Geschichte in ihren Einzelheiten, soweit wenigstens die„deutsch⸗sozialistischen“ Arbeiter in Betracht kommen, höchst entenartig aussieht, eignet sie sich sicher nicht dazu, als Vorfall von irgendwelcher politischer Tragweite betrachtet zu werden. Daß sie in der geschil⸗ derten Weise ausgeschrien wurde, zeigt höchstens, daß man im Allgemeinen eine solche Huldigung von Seiten der Arbeiter für unmöglich hält. Unserer Partei kann man damit nichts anhängen.
Ein. sozialdemokratischer Oberstleutnant.
Genosse Gustav Müller, der am Oltener Parteitage der schweizerischen Sozialdemokratie über die Forderungen der Soztaldemokraten an die Ausbildung des Militärwesens referierte, ist vom Bundesrat zum Kommandanten des Feldartillerie⸗Regiments 5 ernannt und zum Oberstleutnant der Artillerie befördert worden, offenbar in Anerkennung seiner Verdienste. Wenn Genosse Müller nun sein Regiment ein⸗ mal auffahren läßt gegen die Bourgeois, was soll dann wer den? Wirklich unvorsichtige Leute, die Schweizer. Sie sollten von den Personen lernen, die einen Sozialdemokraten nicht einmal zum Nachtwächter machen, geschweige denn zum Oberstleutnant.
Sozialisten⸗Verfolgung.
Fünf Monate Gefängnis erhielt der verantwortliche Redakteur der Dortmunder „Arbeiter⸗Zeitung“, Genosse Fricke. Er hatte in seinem Blatte im August v. J. ein Artikel, betitelt„Aus der göttlichen Weltordnung“, ab⸗ gedruckt. Es wurde darin behauptet, daß in Hannover ein Invalide namens Berner in hilfs⸗ losem Zustand auf der Straße aufgefunden und zum Polizeigefängnis gebracht wurde. Dort habe man ihn nicht so behandelt, wie es einem hilflosen Menschen gegenüber gebräuchlich ist. Durch diesen Artikel fühlte sich die Polizei in Hannover beleidigt. Wegen der gleichen Sache
hat der verantwortliche Redakteur des Hannover
schen Parteiblattes„nur“ bekommen.
Die russische Revolution.
Blutige Zusammenstöße ereigneten sich am Sonntag in Lodz. Bei dem Begräbnise eines jüdischen Sozialisten veranstaltete der jüdische Bund eine Manifestation.„Mehrere tau⸗ send Juden mit roten Fahnen— so lautete die Meldung in der bürgerlichen Presse— zogen durch Pawia Dzika und die Genstagassen.
1 Monat Gefängnis
Da erschien eine Patrouille von zwölf Infante⸗ risten und Kavallerie. Nach mehreren auf sie abgefeuerten Revolverschüssen, die fehl gingen, schoß das Militär mehrere Salven. Vier Juden blieben tot, neun Manifestanten, darunter zwei Mädchen, sind schwer, viele leicht ver⸗ wundet worden. Beim Standbild des Koper⸗ nikus wurden Proklamationen ausgestreut, wo⸗ bei ein junger Mann verhaftet wurde.“
Am Tage vorher wurde gegen einen Polizei⸗ kommissar eine Bombe geschleudert und dieser schwer verwundet. Die Bombe bohrte ein Loch von 2 Fuß Tiefe und 12 Fuß Umfang in die Erde. Alle Scheiben in der Konstantinowskastraße wurden zertrümmert. In der Nacht zum Sonntag starb der fälschlich für den Attentäter gehaltene, von den Polizisten bei seiner Verhaftung schwer verletzte Arbeiter. Der wirkliche Täter, ein etwa 19 jähriger junger Mann, entfloh. 37 christliche und 15 jüdische Arbeiter wurden noch in der Nacht arretiert.
In Warschau fanden am Sonntag eben⸗ falls Kundgebungen und Kämpfe statt. Im Ganzen wurden 15 Personen, darunter mehrere Frauen, getötet, 50 weitere Personen ver⸗ letzt. Infolge dieses blutigen Ereignisses herrscht in der Stadt große Aufregung. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden Proklamationen an⸗ geschlagen, worin die Bevölkerung gewarnt wurde, sich in der Nähe öffentlicher Gebäude aufzuhalten, da dieselben jeden Augenblick durch Dyamit in die Luft gesprengt werden könnten.
Kleine politische Nachrichten.
Einen glänzenden Gemeindewahlsieg erfochten unsere Genossen in Kiel. Dort wurde bei einer Ersatzwahl zur Stadtvertretung der Genosse See gen mit erheblicher Mehrheit gewählt. Damit kommt der dritte Sozialdemokrat ins Stadthaus. Seit der letzten Wahl haben unsere Stimmen um 40 Prozent zuge⸗ nommen.— Eine Reichstagsersatzwahl muß dem⸗ nächst im Wahlkreise Hameln ⸗Springe stattfinden. Der bisherige nationalliberale Vertreter Wallbrecht ist am 1. April gestorben. Bei der letzten Wahl wurden 10 198 sozialdemokratische, 7592 nationalliberale, 4528 welfische und 4219 bündlerische Stimmen abgegeben. In der Stichwahl siegte Wallbrecht mit 14989 gegen 11257 Stimmen.
Russisch⸗japanischer Krieg.
Der Katastrophe zu. Ein französischer Kriegskorrespondent, der in Mukden von den Japanern gefangen genommen und wieder in Freiheit gesetzt worden war, sandte aus Kobe ein langes Telegramm, worin er die Stimmung des russischen Heeres schilderte: Die ungeheure Mehrheit der Soldaten und Offiziere halte den Frieden für unvermeidlich. Wie das russische Reich, so sei auch die Armee von politischen Wirren zerrüttet; die Fortsetzung des Krieges müßte zu einer Katastrophe führen.
Auf dem Kriegsschauplatz werden vor 14 Tagen keine wichtigen Operationen er⸗ wartet. Nachrichten von anfangs der Woche meldeten, daß die japanischen Truppen immer weiter nach Norden vorrückten.— Private Nachrichten, die an Petersburger und Moskauer Blätter gelangt sind, melden die völlige Des⸗ organisation und Demoralisation der Eisenbahnbeamten, Polizisten und Armeeliefe⸗ ranten bei der russischen Armee auf dem Kriegs⸗ schauplatz. Diebstahl und Raub seien an der Tagesordnung.
Der Reichstag wird mit Ende dieser Woche seine Bude zu⸗
machen und sich in die Osterferien begeben, die
sich jedenfalls bis in den Mal erstrecken werden. Aus den Verhandlungen der letzten Tage ist das Rededuell erwähnenswert, das unser alter Bebel wieder mit dem Reichskanzler ausfocht. Wir haben es in der letzten Nummer bereits kurz erwähnt.
Bei der Generaldebatte zur dritten Lesung des Etats kritisterte Bebel gehörig das Verhalten der preußischen Regierung, insbesondere Bülows gegenüber den Bergarbeitern. Die Drohungen, die Bülow gegenüber den Bergarbeitern aus⸗
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J
gesprochen, die völlig unzureichenden Zugeständ nisse, die die Regierung gemacht, sie werden nimmermehr das zur Folge haben, was Bülow
durch sein geradezu provpokatorisches 1 5 erg⸗ arbeiter der Sozialdemokratie untreu werden oder sich ihr nicht anschließen. Bebel wies mit Recht darauf hin, daß, wie viel oder wenig die Bergarbeiter schließlich erreichen, sie das doch nur durch die Hilfe der Sozialdemokratie er⸗ halten. In drastischer Weise höhnte Bebel den Reichskanzler, der offenbar von den Bestrebungen der Sozialdemokratie keine blasse Ahnung hat. Die Junker machten freilich lauten Lärm, als Bebel unsere Partei als die einzige prekla⸗ mierte, die eine ern sthafte Kultur⸗ und Frei⸗ Das„soziale Königtum“,
erreichen zu können hofft— daß die
heitspartei ist.
wie es jetzt besteht, sagte Bebel, ist das Gegen⸗ teil dessen, was es zu sein vorgibt; ein wirk⸗ liches soziales Königtum würde auch von der Sozialdemokratie unterstützt werden. Diese Be⸗ merkung erregte bei unsern Gegnern lebhafte
Bewegung. Hoffentlich geben sich die Herren
nicht etwa der Täuschung hin, daß Bebel und
die Partei sich nun zum Königtum bekehrt hätten!
Bebels Worte bedeuten nichts anderes als daß wir alle Gesetze, welche die monarchische Regierung zugunsten der Arbeiter einbringt, unterstützen- etwas, was selbstverständlich ist und schon so lange geschieht, als unsere Partei im Parlament Ebenso selbstverständlich ist aber auch, daß wir uns nicht mit Abschlagszahlungen be⸗ gnügen, die noch mit Verschlechterungen des
tätig.
bestehenden Rechtszustunds verknüpft sind.
Bülows Antwort war wieder nach der alten Bebel kennzeichnete diese später ganz richtig dahin, daß Bülow sich eine Ant⸗ wort auf Bebeis Rede im Voraus zurecht macht und sein Konzept vorträgt, auch wenn Bebel gar nicht das sagte, auf was Bülow
Schablone.
gerechnet. Und so kämpft dann der Reichs⸗ kanzler wie einst der brave Junker von der Mancha, der edle Don Quixote, gegen Wind⸗ mühlenflügel. Diesmal war es Bülow darum
zu tun, nachzuweisen, daß es bei den Sozial⸗
demokraten üblich wäre, streikende Arbeiter mit Soldaten zu Paaren treiben zu lassen. Bülow hatte sich das Sündenregister von Millerand
und einigen Schweizer Kantonsministern zurecht präpariert. Darauf war er aber nicht gefaßt, daß Bebel unter lebhafter Zustimmung der Fraktion erklärte, wir erkennen solche sozial⸗ demokratische Minister nicht als Parteigenossen an und setzen sie vor die Tür. Bülow hatte dann ganz nach den Rezepten von Eugen Richter sich mit dem Zukunftsstaat beschäftigt und eine Karikatur gezeichnet, die das blödeste Ulkblatt
für zu töricht halten würde. Bülow gefiel sich
aber außerordentlich darin von der„banausischen Gleichmacherei“ zu phantasteren, die im Zukunfts⸗ staate, wie er ihn sich vorstellt, als Staats⸗ grundgesetz bestehen würde. Soviel ist jedenfalls sicher: auf einem so niedrigen geistigen Niveau wie die Bülowschen Sozialistenvernichtungs⸗ Reden würden sich die Zukunftsstaats⸗Gleich⸗ macher nicht bewegen. dem Unternehmertum beweisen, daß es von der Regierung nichts zu befürchten habe; die Ar⸗ beiter bekommen nach wie vor den Säbel gezeigt, wenn ste sich rühren, und der Geldsack ist das Fundament des Staatslebens. Wenn Bülow
sich so weiter entwickelt, wird er bald Zucht⸗
hausvorlagen einbringen. f Dann gab's noch eine Anseinandersetzung zwischen dem Nationallitberalen Dr. Becker
von Sprendlingen und unsern Genossen
Scheidemann. Becker suchte sich gegen die Angriffe, die Scheidemann in zweiter Lesung gegen ihn gerichtet hatte, zu verteidigen und bezeichnete die Behauptungen Scheidemanns für unwahr. Dieser konnte jedoch urkundliche Be⸗ weise auf den Tisch des Hauses niederlegen und Beckers Gegenbeweise hielten einer gründ⸗ lichen Untersuchung nicht Stand.— In der
Donnerstags⸗Sitzung versuchte Herr Becker nochmals vergeblich sich weißzuwaschen; Scheide⸗ mann konnte aber den Nachweis führen, edaß seine Mitteilungen auf Wahrheit beruhten. 1 Uebrigen ging die Debatte an diesem Tage sehr ins Einzelne. Zum Schluß kam eine Resolution des Grafen Kanitz zur Verhandlung, die d
Der Reichskanzler will
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