Ausgabe 
9.4.1905
 
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Wirkungen entgegengesetzte Tätigkeit.

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Gießen, den 9. April 1905.

12. Jahrgang.

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Mitteldeutsche

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Anarchisten und Nihilisten.)

'Ich kann mit meinem Eigentum machen, was ich will, sagte Herr Stinnes, als man über die verheerenden Folgen des Stilllegens der Zechen verhandelte. Hier ist der kapita⸗ listische Größenwahn bereits übergeschnappt in schrankenlosen Individualismus, in mammo⸗ nistisches Uebermenschentum, in gesellschaftlichen Anarchismus und sittlichen Nihilismus. Und als Anarchisten und Nihilisten in Frack und Zylinder haben sich die Syndikatsvertreter im Preußischen Landtag und im Deutschen Reichs⸗ lag dieser Tage geoffenbart, als Patrioten, die 0 als die Kosaken im deutschen Lande ausen, ganze Dörfer vom Erdboden vertilgen und deren Bewohner verelenden und verkommen lassen. Und das alles nur, um die Dividende zu steigern, um auf den stillgelegten Gruben 40 bis 70 Prozente Dividende zahlen zu können, ohne daß nur ein Zentner Kohle aus der Erde hervorgeholt worden ist. Diese künstlichen Wert⸗ steigerungen, wie sie sogar der lange Möller benannte, haben nach dem Geständnis desselben errn Möller bis in die weitesten Kreise hinein chrecken erregt. Die Zechenmagnaten aber protzen auf ihren Schein, auf ihren Rechtstitel, und der eben von ihnen in der Hibernia⸗-Affäre geohrfeigte lange Möller beruhigt die hohen erren mit den Worten:Die Sozialdemo⸗ aten lassen wir sagen, was sie wollen. Dieser lange Möller hat lange genug im fuhrrevier gelebt, um auch heute noch ein Stück Anarchist zu sein. Freilich ein verkappter Anarchist; denn jetzt spricht er vomberechtigten ern in den Klagen über das Stillegen der Zechen, allein er möchte den Kohlenmagnaten gar zu gern den Pelz waschen, ohne ihn naß zu machen, und er spricht seine Meinung schließ⸗ lich in den Worten aus:Die Zahl der indi⸗ yiduell Tätigen muß möglichst groß sein, es müssen möglichst viele Individuen zur Selbst⸗ ständigkeit gelangen können. Allgemein ge⸗ sprochen ist das natürlich eine kapttalistische Ketzerei; denn die Tendenz des Kapitalismus geht dahin, möglichst vielen Individuen die gesellschaftliche Selbständigkeit zunehmen. So will Herr Möller auch nicht verstanden sein; gein, seine Individuen sind die armen Privat⸗ unternehmer im Kohlengewerbe, die er wohl gelegentlich auskaufen, nicht aber monopolisteren will. An andrer Stelle meinte er, wenn man Mißstände im Syndikatswesen beseitige, o stärke man die Institutton, die davon betroffen sei; das Eingreifen des Staats in die Still⸗ legungspraxis geschehe also nur im Interesse

desIndividualismus des Kohlensyndikats.

Der Kapitalismus entwickelt in seiner ganzen Geschichte eine doppelte und zwar in ihren Einmal wirkt er organtsierend, indem er die Produktions⸗

mittel vereinfacht und die Produktivkräfte inten⸗

) Anarchie: Herrschafts⸗ und Gesetzlofigkeit. Hier

braucht als Bezeichnung für durcheinander. Nthilis⸗ 1 mus(von lat. nihil, nichts) eine früher besonders in Ruß⸗ bund, propagierte revolutionäre Parteirichtung.

Die Mhllisten verwarfen wie die Anarchisten jede Regierung und staatliche Organisation. Später suchten sie durch Attentate auf hohe Staatsbeamte die Herrschenden in

1 Schrecken zu setzen. Obigen Artikel entnehmen wir ber Leipz. Volksztg.

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stviert(zu größerer Wirkung zusammenfaßt). Fast durchweg wird mit einer Er schwerung

Dadurch bringt er eine gewisse systematische Ordnung in die Produktionsweise hinein; die Fabrik, der Großbetrieb ist den Kleinmeister⸗ betrieben überlegen. Allein diese Entwicklung vollzieht sich unter sozial zerstörenden, den gesellschaftlichen Bann zerstörenden Tendenzen, die sich in der Freisetzung von menschlicher Ar⸗ beitskraft, in der Ansammlung einer industriellen Reservearmee, in der Proletaristerung immer größerer Massen von Existenzen, in wirtschaft⸗ lichen Krisen und Katastrophen und endlich in der frivolen Entvölkerung ganzer Distrikte zu Zwecken der Steigerung des Profits und der Befriedigung des persönlichen Machtkitzels:Ich 10195 mit meinem Eigentum machen, was ich will.

Mit dieser Revolutionierung der gesellschaft⸗ lichen Verhältnisse geht Hand in Hand eine vollständige Auflösung aller hergebrachten sitt⸗ lichen Begriffe, eine Unterwühlung von Treu und Glauben, eine immer größere Mißachtung der Arbeitskraft und damit des Menschenlebens, eine immer wahnsinnigere Ueberschätzung der materiellen Mächte und Genüsse, eine immer stärkere metallische Verseuchung der Gesellschaft, und die Laster und Verbrechen des Lumpen⸗ proletariats, die Prostitution und Korruption feiern ihre fröhliche Urständ in der passiven moralischen Verfaulung der oberen Zehntausend. Auch der Anarchismus und Nihilismus findet sich auf den Höhen der Gesellschaft wieder; man braucht nur die Reden der Kardorff, der Schmieding und des deutschen Reichskanzlers zu lesen, so weiß man sofort, wo die Propheten des sapitalistischen Anarchismus und Nihilismus sitzen. Ein Reichskanzler, der mit Pulver und Blei droht, wenn einige Hunderttausend Arbeiter streiken, und Zechengewaltige, die eig Privat⸗ monopol dazu mißbrauchen, um zu ihrem Privatvergnügen Zehntausende Arbeiter brotlos zu machen, sind in Sachen der Gewissenhaftig⸗ keit und des Verantwortlichkeitgefühls ein⸗ ander wert.

Darum wird auch dem Grafen Bülow das Geheimnis dessozialen Königtums ewig ver⸗ schlossen bleiben. Er möchte wohl den Anarchis⸗ mus seiner kapitalistischen Schützlinge und den Nihilismus seiner eigenen Staatskunst mit etwas Sozialismus durchtränken. Allein Sozialismus bedeutet Organisarion der gesell⸗ schaftlichen Kräfte, Neuordnung des rechtlichen Lebens auf genossenschaftlicher Grundlage der Arbeit, und solche Dinge werden den Parasiten an der Fäulnis der Gesellschaft stets ein Buch mit steben Siegeln bleiben.

politische Nundschau.

Gießen, den 6. April 1905.

Ueber Schädigung durch den Zoltariß

klagt eine Industrie nach der andern. Kürzlich berichtete die Vereinigung der Papier verarbei⸗ tenden Industrie und des Papierhandels in ihrem Geschäftsbericht über das Resultat einer unter ihren Mitgliedern veranstalteten Umfrage über die voraussichtlichen Wirkungen der neuen Handelsverträge. Darnach herrscht in den Kreisen der Papierverarbeiter teilweise große Erregung über den Ausfall der Verträge.

des Exportgeschäftes gerechnet, in manchen Ar⸗ tikeln mit einem völligen Ausfall der seitherigen Exporte.

Der Welthandel.

Nach der Zusammenstellung des englischen Handelsamts waren am Handel der Welt in den letzten zwei Jahren beteiligt mit einem Werte in Millionen Mark N

Einfuhr Ausfuhr 1903 1904 1903 1904 England 946 054 962080 581600 601636 Deutschland 600 268 629080 501464 517250 Vereinigte Staaten 414790 431628 607354 594062 Frankreich... 394096 362 916 340 180 358040 Oesterreich⸗Ungarn 156 426 170 422 177482 172 440 Italien. 148 956 148 650 121394 129 216 Belgien 203 360 209 516 159750 164 422 Schweiz 92732 96812 70552 70668 Spanien 67942 66710 66874 87826 Egypten 34378 42192 40096 42706 Indien.109 292 127304 190784 210014 Japan 64 204 75176 57988 76022

An der Spitze marschiert immer noch Eng⸗ land, seine Kapitalisten heimsen in der ganzen Welt Mehrwert ein, der in goldener Fülle nach dem Mutterlande strömt. Aber immer näher rückt Deutschland dem führenden Lande des Kapitalismus zur Seite, bon Jahr zu Jahr verringert sich die Differenz und schließlich wird Deutschland die Spitze nehmen, wenn nicht in⸗ zwischen der Kapitalismus in anderen Ländern noch gewaltigere wirtschaftliche Kräfte entfesselt. Das nordamerikanische Riesenreich mit seinem natürlichen Reichtum ist dabei und was der ferne Osten noch bringt, ist einstweilen nicht abzuschätzen. Die trockenen Zahlen der Handels⸗ bilanz sind eine Widerlegung der von schutz⸗ zöllnerischer Seite oft vorgetragenen Argumen⸗ tation, als sei eine sog. passive Handelsbilanz, d. h. das Ueberwiegen der Einfuhr über die Ausfuhr, ein Unglück für Land und Volk. In Indien und Spanien überwiegt die Ausfuhr gewaltig die Einfuhr, nach der schutzzöllnerisch⸗ agrarischen Meinung müßte es also den Indiern und Spaniern prächtig gehen. Tatsächlich aber verhungern beide Völker: In Indien bleicht die heiße Sonne die Knochen der am Wege verendenden Parias, in Spanten aber löst eine Hungerrevolte die andere ab.

Kaisertreue Sozlaldemokraten.

Von der Kaiserreise nach dem Mittelmeer erzählt die bürgerliche Presse folgende komische Geschichte:Se. Majestät der Kaiser hat in Lissabon neben Deputationen der deutschen Kolonien von Lissabon und Porto auch eine Deputation der deutschen Glasarbecter aus Amora empfangen. Diese hatten, obwohl der deutsch⸗sozialistischen Partei an⸗ gehörig, bei der Nachricht von dem bevorstehenden Kaiserbesuch spontan beschlossen, eine Deputation zu entsenden und Sr. Majestät dem Kaiser einen silbernen Teller als Huldigungs⸗ geschenk zu überreichen. Als in der diesen Beschluß fassenden Versammlung von einem der Anwesenden Widerspruch erhoben wurde, da Herr Bebel mit einem solchen Geschenk nicht einverstanden sein würde, wurde dem Sprecher von allen Seiten entgegnet, Bebel

und die Parteileitung in Berlin gingen sie