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Miiteldeutsche Sounutags⸗ Zeitung.
Nr. 41.
tragen. Die neuen Gemeindesteuergesetze, waren ja bekanntlich Halbheiten, aber ste waren doch besser, als der bisherige Zustand. Sie nahmen wenigstens einen Anlauf zur sozialen Ausbildung des Gemeindesteuersystens. Wenn die erste Kammer auch diesen kleinen Anfang vernichten will, so ruft sie damit hoffentlich endlich jene Volksbewegung in Hessen wach, deren Losung heißen muß: fort mit der ersten Kammer! Wie es jetzt heißt, soll die Zweite Kammer vor Schluß des Landtags gar nicht mehr zusammentreten, es würde also nicht nur die Wahlrechts vorlage, sondern auch die Gemeindesteuer⸗Vorlage und diele andere Vorlagen unter den Tisch fallen.
Gießener Angelegenheiten.
— Etberale Ueberzeugungstreue. Fast die gesamte liberale Presse einschließlich der„liberal“ schillernden Amtsblätter findet seit längerer Zeit scharfe Worte gegen die Fleisch⸗ und Lebensmittelverteuerungs⸗Politik der Re⸗ terung und des dicken preußischen Landwirt⸗ schaftsminssters. Wer das liest, dem möcht es scheinen, als ob die Liberalen wirkliche Freunde des kleinen Mannes wären, und wer dann noch sieht, wie z. B. in Gießen Herr Heyligen⸗ staedt mit für die Oeffnung der Gren⸗ zen stimmt(d. h. nur in der Stadtverord⸗ netensitzung), der muß die Liberalen für Feinde der agrarsschen Politik halten. Sie sind aber nichts weniger wie das, gerade den Herren, die heute in ihrer Presse schreien, toben und lärmen über die unkluge Politik der Regierung, ist es zu verdanken, daß die ganze unglückselige Schutz⸗ zollvorlage zur Annahme gelangte. Sie haben in, Reichstag, unter Bruch der Geschäftsordnung, unter Verachtung von Recht und Gerechtigkeit erst die Verabschiedung eines Zolltarifs ermöglicht, der dem arbeitenden Volke dauernd den Brot⸗ korb höher hängt, ihm den Fleischgenuß uner⸗ träglich beschränkt. Entweder haben diese Ab⸗ geordneten sich die Wirkung ihrer Abstimmung nicht klar gemacht, oder sie haben bewußt auf Wucherpreise hingearbeitet. Man mag es be⸗ trachten wie man will: auf alle Fälle ist das heutige Gebahren der Etberalen eine große Heuchelei; wie ste mit ihrer Zöllnerei den Bauernfang unter den Bauern betrieben, so versuchen ste jetzt durch ihr Klagen über die Fleischteuerung die städtische Bevölkerung zu täuschen und zu betrügen. Bei der bevor⸗ stehenden Landtagswahl bitten wir unsere Ge⸗ nossen namentlich die Abstimmungen der Libe⸗ ralen in den Stadtparlamenten agitatorisch zu verwerten.
— Das Gießener Amtsblatt macht sich's zur Aufgabe, bei jeder Gelegenheit der
„Sozialdemokratie eine„Niederlage“ anzureden,
trotzdem die Tatsachen jeben Tag das Gegen⸗ teil beweisen. Nach ihm sollen wir bei den Wahlen in Oldenburg wieder eine „Niederlage“ erlitten haben. Wie diese aus⸗ sieht, mögen unsere Leser daraus ersehen, daß unsere Stimmen in den in Betracht kommenden 6 Wahlkreisen von 2167 auf 4748 gestiegen sind, ebenso gewinnen wir ein Mandat. Noch eine solche„Niederlage“, und der ganze vereinigte bürgerliche Kuddelmuddel wird zum Tempel hinausgeworfen. Im Uebrigen finden wir es ganz in der Ordnung, daß die bürgerlichen Parteien sich immer mehr und mehr zusammen⸗ schließen, wir sind sogar überzeugt, daß uns dieses Zusammengehen hier und da ein Mandat kosten kann. Aber viel höher ist der Gewinn zu bemessen, daß auch bei den dümmsten bürger⸗ lichen Mitläufern sich die Ueberzeugung Bahn brechen muß, daß die gesamte bürgerliche Sipp⸗ schaft, vom freisinnigen Hirsch bis zum bauernbündlerischen Hirschel eine einzige reaktionäre Kapitalistenschutz⸗ truppeist. Das erleichtert die Agitation, macht den Kampf fröhlicher und genußreicher für uns. Gerade dieses Zusammengehen um jeden Preis zeigt auch dem blödesten Auge, daß sich die bürgerlichen Parteien, trotz aller großen Worte der„Generalanzeigerpresse“, so schwach fühlen, daß sie nur noch gemeinschaftlich(wie der Blinde und der Lahme) ihren Weg machen können. Verbreiten wir nur die nötige Aufklärung, zeigen wir, daß der ganze Mischmasch arbeiterfeindlich
tst, dann wird der Erfolg früher oder später ganz auf unserer Seite sein.
— In der Stadtverordneten ⸗Sitzung am Donnerstag teilte der Oberbürgermeister mit, daß der Bezug von Fischen durch die Stadt nunmehr in die Wege geleitet sei. Es ist ja recht anerkennenswert, daß die Stadtverwaltung schnell eingreift um den Not⸗ stand zu mildern, aber man würde unseres Erachtens fehlgehen, wenn man von dieser Maßnahme alles Heil erwarten wollte. Die Zubereitung der Flschkost stellt sich nicht gerade billig und bei nicht sorgfältiger Zubereitung bekommen sie die nicht daran gewöhnten Leute bald satt. Doch immerhin bedeutet die Maß⸗ nahme eine Linderung und wird von den Hausfrauen willkommen geheißen werdeu. Wir können nur raten, von dem Angebot reichlich Gebrauch zu machen.— Weiter wurde in der Sitzung mitgeteilt, daß Samstag, den 14. Oktober das Museum im alten Schloß eröffnet werden soll.— Vor der Sitzung besichtigten die Stadtväter den für den Theaterneubau abgesteckten Platz in Schülers Garten.
— Die Parteibersammlung am Dienstag in Lonys Bierkeller war leider nur mäßig besucht. Sie nahm den Bericht des
Gen. Vetters über den Jenaer Parteitag ent⸗
egen, bis auf den Punkt„Politischer Massen⸗ streik“, den man in einer weiteren Versamm⸗ lung zu behandeln beschloß. 8
— Der Konsum verein für Gießen und Umgegend hat das im Asterweg gelegene, früher dem Sattlermeister Kuhne gehörige Haus käuflich erworben und gedenkt dort in Bälde eine zweite Verkaufsstelle zu errichten.
— Eine Bauarbeiterschutzkon⸗ ferenz fand am Sonntag unter zahlreicher Beteiligung in Offenbach statt. Wir werden in nächster Nummer eingehender dar⸗ über berichten.
— Das Lob der Amtsblätter hat sich der Redakteur des Organs der Buchdrucker, Herr Rexhäuser, verdient. Er hat über die Maifeierdebatte auf dem Parteitage recht un⸗ sinniges Zeug geschrieben, daz der Gießener Anzeiger dazu sagt, die Auffassung Rexhäusers stimme mit der des Bürgertums völlig überein. Das ist Strafe genug für Rexhäuser. Ob die Dien Buchdrucker dazu nichts zu sagen
aben?
— Das Gießener Stadttheater hat am Dienstag die Saison mit Sheake⸗ speares„Kaufmann von Venedig“ eröffnet. Der Saal war gut besetzt und die Spieler leisteten vorzügliches.
Aus dem Rreise gießen.
— In Wieseck beabsichtigt man wie aus dem Inserat in dieser Nummer ersichtlich, einen Verein der Kaninchenzüchter zu gründen. Dazu wird uns ge⸗ schrieben:„Für manchen mag die Gründung eines solchen Vereins lächerlich erscheinen, doch es handelt sich um eine Angelegenheit von volkswirtschaftlicher Be⸗ deutung. Die Zeiten sind vorüber, wo die Kaninchen⸗ zucht als Spielerei angesehen wurde und mehr und mehr schwindet auch das Vorurteil gegen den Genuß des Kaninchenfleisches. Viele Vereine haben sich bei uns die Aufgabe gestellt, die Kaninchenzucht einzu bürgern, damit sie hier zu derselben Bedeutung gelangt wie in Frank⸗ reich, Belgien ꝛc. Das kann aber nur geschehen, wenn die Zucht rationell betrieben wird, und deshalb wollen auch die Züchter in Wieseck belehrend wirken und richten an jeden Interessenten die Bitte, in der Versammlung zu erscheinen.“— Bei der jetzigen Fleischnot mag ja die Produktion von Kaninchenfleisch als Notbehelf gelten; wir sind aber der Meinung, daß die Arbeiterschaft auch Anspruch hat auf vollwertige Fleischnahrung und danach streben muß, daß alle Arbeiter in der Lage sind, sich solche zu bieten. 9—5
h. Alten⸗Buseck. Seit dem 1. Oktober verfügt Alten⸗Buseck über einen neuen Orts⸗ und Polizeidiener. Zu dem reich dotierten Posten— er wird mit 400 Mk.(1 Mk. 9 Pfg. pro Tag) honoriert— hatten sich 6 Bewerber gemeldet. Der Steinhauer Karl Becker errang den Sieg und wird nun die Aufgabe haben, die Gemeinde, die ihn so neuzeitlich bezahlt, vor allem möglichen Unheil zu schützen. Hoffentlich gelingt ihm das in einer Weise, daß ihm die Gemeinde aus purer Zufriedenheit baldmög⸗ lichst seinen Gehalt entsprechend aufbessert.
s. Garbenteich. Am Sonntag vor 8 Tagen fand hier eine von hiestgen und Hausener Parteigenossen gut besuchte Versammlung statt, in der Genosse Häuser⸗Steinberg von der
Landeskonferenz in Alzey Bericht erstattete. Er eigte bei Erörterung der Verhandlungsgegen⸗ fande, welche erfreuliche Fortschritte unsere Partei auch in Hessen gemacht habe. Wir dürften aber damit nicht zufrieden sein, müßten vielmehr durch unermüdliche Agitation dafür sorgen, daß auch die Beschlüsse der Landeskon⸗
ferenz für unsere Sache fruchtbringend wirken.
Nur wenn sich das arbeitende Volk fest zu⸗ sammenschließe und über die politischen und wirtschaftlichen Dinge aufkläre, könne es den reaktionären Anschlägen wirksam entgegentreten. An die beifällig aufgenommenen Ausführungen Häusers schloß sich eine kurze Diskusston, in der sich mehrere Genossen für bessere Ausge⸗ staltung unserer Presse aussprachen. Häuser bemerkte darauf im Schlußwort, daß vor Allem für weiteste Verbreitung unseres Parteiblattes gesorgt werden müsse, die Amtsblätter und so⸗ genannten„unpartetischen“ Zeitungen solle der Arbeiter aus seinem Hause lassen.— Mit den Beschlüssen der Landeskonferenz und der Tätig⸗ keit des Delegierten erklärte sich die Versamm⸗ lung einverstanden.
8. Vortrag in Lollar. Am 10. September hielt(wie uns erst jetzt etwas verspätet geschrieben wird) Genosse Dr. Michels ⸗ Marburg seinen Schluß⸗ vortrag in dem von den Lollarer Metallarbeitern ver⸗ anstalteten Zyklus über die Kulturgeschichte des deutschen Volkes. Vor den zahlreich erschienenen Zuhörern behandelte Michels hauptsächlich den Krieg von 1870 und beleuchtete unter Hinweis auf die berühmte Emser Depesche und besonders die Art, wie unsere Regierenden und Besitzen⸗ den ohne jede tiefere Veranlassung und über die Köpfe der vielen Millionen des ihnen„untertänigen“ arbeiten⸗ den Volkes hinweg Krieg machen. Der Vortrag wurde sehr beifällig aufgenommen und erhielt seine besondere Bedeutung noch dadurch, daß, wie Genosse Schupp als Versammlungsleiter mitteilte, ein junger franzöfischer Student, Monsieur Colanèri aus Marburg herüberge⸗ kommen war, der, obgleich nicht oder noch nicht Genosse, doch soviel Verständnis besaß, sich einmal eine deutsche Arbeiterversammlung ansehen zu wollen. Nach der freundlichen Begrüßung des Gen. Schupp erhob sich der Franzose und dankte auf deutsch, indem er erklärte, er werde es nie vergessen, daß deutsche Arbeiter so brüder⸗ liche Gefühle gegenüber Frankreich hegten und könne seinerseits verfichern, daß auch die Franzosen nichts sehnlicher wünschten, als Friede und Freundschaft mit Deutschland. Dann trank er auf Deutschlands Wohl, worauf sich die ganze Versammlung erhob, um auf das arbeitende, kulturelle Frankreich ein Hoch auszubringen. Nach Schluß der Versammlung blieben wir noch zusammen sitzen, es war ein rechtes Verbrüderungsfest!
Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach.
k. Die Alsfelder Stadtväter sind auf die„Freie Turnerschaft“ offenbar nicht gut zu sprechen. Letztere hatte nämlich ein Gesuch um mietweise Ueberlassung eines städ⸗ tischen Lokals zu Turnzwecken eingereicht, weil man ja während der Wintermonate nicht gut im Freien turnen kann. Aber die Arbetter⸗ Turner hatten mit ihrem Anliegen kein Glück bei der Stadtvertretung. Gemeinderal Berk meinte, die mögen sehen, wo sie Platz bekommen und Herr Braun trat für sofortige Ablehnung des Gesuchs ein, und so wurde auch beschlossen. Ein Arbeitervertreter befindet sich bekanntlich nicht in unserem Gemeinderat, wie nötig ein solcher wäre, ersehen die Arbeiter wieder an diesem Beispiele. Dreht es sich darum, 971 für Sportvereine zu bewilligen, so find die Herren immer zu haben.— Aber trotzdem macht unsere Freie Turnerschaft gute Fort⸗ schritte. Kürzlich hielt sie einen geselligen Abend im Stadtpark ab, der so stark besucht war, daß viele Späterkommende umkehren mußten. Der Abend verlief aufs beste und die gebotenen Vor⸗ träge, sowie eine Ansprache des Mitgliedes Wiegand wurden sehr beifällig aufgenommen. Die Kasse erzielte einen hübschen Ueberschuß.
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Abonnentenfang der„unpar⸗ tetischen“ Presse. Ein Frankfurter sog. unpartelisches Blatt, die„Neuesten Nachrichten“ versprechen in ihren Prospekten und Reklamen, daß sie ihren Abonnenten bei einem ihnen etwa zustoßenden Unfalle 500 Mk. zahlen. Auf die näheren Voraussetzungen und Bedingungen wollen wir hier nicht weiter eingehen, fest steht, daß sich der Verlagz jenes Blattes durch alle


