1. eder
Nr. 41.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 3.
6500 haben sich entschlteßen können, den Zen⸗ trumskandidaten als das kleinere Uebel zu nehmen und zu wählen. Trotz Jena, trotz der ernsten Mahnung, die von den maßgebenden Organen der bürgerlichen Presse an die national⸗ gesinnte Wählerschaft des Kreises Essen er⸗ gangen und trotz der unzweideutigen Parole, die von der nationalen Vereinigung in Essen selbst ausgegeben worden war, auf keinen Fall der Sozialdemokratie Vorspanndienste zu leisten. Wir bedauern es aufs Lebhafteste, daß diese Parole nicht streng befolgt wurde....“
I Aehnliches war in vielen andern bürgerlichen Blättern zu lesen. Diese Klagen beweisen nur, daß die Sozialdemokratie stets vorwärts mar⸗ schiert, trotzdem die liberalen und sonstigen bürgerlichen Organe immerfort davon fabeln, daß sie den„Höhepunkt“ überschritten habe und sich im„Rückgange“ befinde.
Hinzugefügt muß noch werden, daß die Agitation von Seiten der Gegner in einer Weise betrieben wurde, wie wohl noch nie vorher. Hunderte von Pfaffen wurden auf die Wähler losgelassen, um sie für das Zentrum zu ge⸗ winnen und mit allen nur denkbaren und schoflen Mitteln wurde gegen unsere Partei ge⸗ arbeitet. Trotzdem ein glänzendes Resultat für die Sozialdemokratie! Kläglich hat dagegen der Stöckerjüngling Behrens abgeschnitten, der trotz riestaster Anstrengung nur reichlich zweitausend Stimmen aufbrachte!
Sozialdemokrat im Dreiklassenlandtag.
Nun ist doch trotz des Dreiklassenwahl⸗Un⸗ rechts ein Sozialdemokrat in den sächstschen Landtag eingedrungen. Unser Gen. Gold⸗ stein, dessen Wahl wir nach dem Ausfall der Wahlmännerwahlen bereits in voriger Nummer als sicher bezeichnen konnten, wurde mit 52 gen 44 Stimmen als Abgeordneter für den
7. Wahlbezirk(Zwickau ⸗Land) gewählt. Gold⸗ stein, der Redakteur des Sächs. Volksblattes in Zwickau und Reichstagsab geordneter für den Wahlkreis Stollberg⸗Schneeberg gehörte bis 1895 dem Landtage bereits an, von wo ab die Wahlrechtsräuberel die Wahl von Sozialdemo⸗ kraten zunächst unmöglich machte. Seine Wahl beweist nicht etwa, daß wir auch unter diesem erbärmlichen Wahlgesetz Aussichten haben, sondern ste ist dem Umstande zu verdanken, daß in diesem Bezirk die Massenarmut so groß ist, daß schon wenige Mark Steuerleistung zu dem Wahlrecht in erster und zweiter Klasse genügen. Unsere sächsischen Genossen werden daher mit ver doppelter Energie gegen das Dreiklassensystem ankämpfen.
Insgesamt haben bei diesen Wahlen die Konservativen vier Sitze eingebüßt, die National⸗ liberalen gewinnen zwei, die Freisinnigen und die Sozialdemokratie je einen. Die Zusammen⸗ setzung des neuen Landtags ist: 53 Konservative, 24 Nationalliberale, zwei freisinnige Volkspartei, je ein Wildliberaler, Reformer und Sozial- demokrat. Die konservative Zweidrittel⸗Mehr⸗ heit ist beseitigt, womit allerdings das Volk noch nichts gewonnen hat.
Wahlen.
In Schwarzburg⸗Rudolstadt hat sich doch keine sozialdemokratische Mehrheit er⸗ 1 da in der Nachwahl im Kreise Stadt⸗
Im der bürgerliche Kandidat über unseren Genossen, Lagerhalter Scholl, siegte. Doch halten sich die Bürgerlichen und die Sozial⸗ demokraten die Wage, es befinden sich 8 sozial⸗ demokratische und 8 bürgerliche Abgeordnete im Landtage. In Mannheim ging bei der Ge⸗ meindewahl in der Niederstbesteuerten⸗Klasse die sozialdemokratische Liste ohne Gegenliste durch.
Eine empfindliche Niederlage
haben die Kronjuristen der sächsischen Regierung sich vor den Geschworenen in Stuttgart geholt. Dort wurde gegen den Redakteur Keil von der Schwäb. Tagwacht verhandelt wegen Beleidig⸗ ung des Königs von Sachsen. Das Delikt sollte begangen sein durch einen Artikel, der gleichlautend in mehreren Blättern erschien, und das Verhalten der sächsischen Regierung anläßlich des Versuchs der Gräfin Montignoso, zum Weihnachtsfest ihre Kinder wiederzusehen, be⸗
handelte. In Zwickau ist ein Redakteur wegen dieser Sache zu vier Monaten Gefängnis ver⸗ urteilt worden, in Stuttgart aber wurde Keil freigesprochen. Schwäbische Geschworenen sind eben keine sächsischen Richter!
Soziales, Gewerkschastliches.
Der Neunstundentag in der Offenbacher Schuhindustrie.
Im Bericht der hessischen Fabrikinspektoren ist das Gutachten eines Offenbacher Schuh⸗ fabrikanten über die Wirkung der auf neun Stunden verkürzten Arbeitszeit wiedergegeben. Die betreffende Firma beschäftigt 75 Arbeiter und der Inhaber berichtet der Fabrikinspektion: „Die von mir seit etwa drei Jahren eingeführte 9 stündige Arbeitszeit bewährt sich vorzüglich. Ich habe damit erreicht, daß die Frühstücks⸗ und Vesperpausen mit dem unvermeidlichen Biertrinken wegfallen. Die Arbeiter sind und bleiben nüchtern, leisten dadurch in 9 Stunden mindestens dasselbe wie in 10 Stunden, was ich durch mehrwöchige Ver⸗ suche genau feststellte. Der Kraftverbrauch des Motors reduzierte sich infolge der kürzeren Arbeitszeit um 10 Proz., und im Winter ist eine Stunde Lichtarbeit weniger, zwei Vorteile, die meinens Erachtens allein schon die allge⸗ meine Einführung der 9 stündigen Arbeitszeit empfehlen.“
Dieses Urteil war durchaus geeignet, die Bestrebungen der Offenbacher Fabrikschuhmacher zu unterstützen, aber auch die Fabrikanten scheinen etwas daraus geiernt zu haben. Nach⸗ dem kürzlich die Arbeiterschaft eines Betriebes den Neunstundentag forderte, hat der Fabri⸗ kanten verband beschlossen, ihn allge⸗ mein zur Einführung zu empfehlen. Sechs Offenbacher große Schuhfabriken haben darauf⸗ hin beschlossen, auf acht Wochen einen Versuch zu machen; der siebente und größte Betrieb, ebenso ein dem Unternehmerverband ange⸗ hörender Betrieb in Niederrad wird wahrschein⸗ lich folgen.— Bemerkt sei noch, daß vor reich⸗ lich zwei Monaten eine Offenbacher Seifen⸗ fabrik versuchsweise die 8 ½ stündige Arbeitszeit einführte.
Aus den Genossenschaften. Der Kon⸗ sumverein Leipzig⸗Plag witz hat dieser Tage seinen Jahresbericht veröffentlicht. Dieser erweckt diesmal größeres Interesse, weil diese Genossenschaft im Laufe des Geschäftsjahres den zusammengebrochenen Konsumverein Conne⸗ witz zum Teil mit aufgenommen hat. In dem Berichte wird auch betont, das verflossene Ge⸗ schäftsjahr sei eins der schwersten gewesen, denn die Liquidation des Konsumvereins Connewitz habe eine starke finanzielle Belastung verursacht, 280000 Mk. mußten für die Uebernahme auf⸗ gewendet werden. Trotzdem könne der Abschluß als befriedigend bezeichnet werden. Der Umsatz betrug 13 092 082 Mk., also 1006 736 Mark mehr als im Vorjahre. Ein Reingewinn von 1293 321,67 Mk. wurde erzielt, von dem 3 104 868,80 Mk. an die Mitglieder— 10 Proz. ihres Wareneinkaufs— zurückgegeben werden sollen.— Man ersieht aus alledem, daß es ein glücklicher Ausweg gewesen ist, daß der Konsum⸗ verein Plagwitz die Vermögensmasse des zu⸗ sammengebrochenen Brudervereins übernommen hot. Selbst das Schmerzenskind, die Fleischerei, eröffnet unter der jetzigen Leitung alle Aussicht, lukrativ zu werden. Vor allem ist aber dadurch den Gegnern des Konsumvereinswesen der größte Triumph zunichte gemacht worden.
Ein wirtschaftlicher Riesenkampf ist in der Berliner Elektro- und Metall⸗ Industrie ausgebrochen. 33 000 Arbeiter der Allgemeinen Elektrizitäts⸗Gesellschaft und der Siemens⸗Schuckertwerke waren bereits vorige Woche ausgesperrt, ihre Zahl hat sich bis zum Augenblicke, da diese Zeilen gedruckt werden, noch um Tausende vermehrt und beträgt über 60 000 und zum 14. Oktober kündigt der Bund der Metallindustriellen die Aussperrung aller bei seinen Mitgliedern beschäftigten Arbeiter an. Wird diese Drohung ausgeführt, so dürfte sich die Zahl der von den Berliner Kapital⸗
protzen aufs Pflaster gesetzten Arbeiter auf mehrere Hunderttausende belaufen.
Der eigentliche letzte Anlaß zum Ausbruch dieses kolossalen Kampfes war nach dem Vorwärts äußerst Mirela ez Natur. Vier- bis fünf⸗ hundert Arbeiter des Werner⸗Werkes und des Kabelwerkes Ober⸗Schöneweide hatten gering⸗ fügige Lohnforderungen gestellt. Sie zu erfüllen weigerten sich die Unternehmer und warfen erst 10000, dann 33 000 Arbeiter und Arbeiterinnen auf die Straße, damit dieser Gewaltakt die Lohnerhöhung Fordernden zum Verzicht auf ihre Forderung zwinge. Kein Zweifel: das Unter⸗ nehmertum, das sich durch Androhung solcher Mittel oder durch Anwendung derselben einen widerrechtlichen Vermögens vorteil verschafft, in⸗ dem es die unzureichenden Löhne weiterzahlt, begeht nichts anderes als einen Erpressungs⸗ versuch an der Arbeiterschaft, der sogar gerichtlich zu ahnden wäre, wenn man gegen Unternehmer dieselbe Judikatur zur Anwendung brächte, wie gegen streikende Arbeiter!
Von der Berliner Elektrizitätsindustrie gilt tatsächlich, daß sie heute nicht nur auf dem deutschen, sondern sogar auf einem großen Teil des Weltmarktes eine monopolistische Macht⸗ stellung einnimmt, und deshalb, sucht sie da⸗ mit, daß sie die bescheidenen Lohnerhöhungs⸗ forderungen einiger kleiner Arbeiterkategorien brusk zurückwies, den Standpunkt des unbe⸗ schränkten„Herrn im Hause“ zur rücksichtslosen Geltung zu bringen. Die Gesellschaften, denen viele gewesene hohe Beamte als Mitglieder an⸗ gehören, haben stets reichliche Dividende gemacht. Es wäre deshalb für sie eine Kleinigkeit, die außerordentlich bescheidenen Forderungen der Arbeiter zu gewähren, die kaum iusgesamt so viel betragen als die Tantiemen einiger Aufsichts⸗ ratsmitglieder. Aber sich den aus der Arbeits⸗ kraft der Arbeiter herausgepreßten Profit schmälern zu lassen, verspüren die Herren nicht die geringste Neigung.
Verschiedene andere Arbeitergruppen be⸗ schlossen zur Unterstützung der Metallarbeiter ebenfalls Einstellung der Arbeit. Man ver⸗ sucht durch Heranziehung von Ingenieuren und Beamten, die auch die Elektrizitäts⸗Gesellschaft zur Verfügung stellt, und vor Allem mit Hilfe leider stehengebliebener Arbeiter den Betrieb aufrecht zu erhalten. Die Straßenbahn mußte den Betrieb wesentlich einschränken, aber nicht einstellen. Die Beleuchtung funktioniert angeb⸗ lich vollständig. Die Polizei unterstützt wie gewöhnlich das Unternehmertum.
Der jetzige Stand der Dinge gibt den Aus- gesperrten und Streikenden Recht, wenn sie hoffnungsvoll in die Zukunft sehen. Selbst wenn die Zustände des Kraftbetriebs sich nicht weiter verschlechtern, sondern so bleiben wie ste sind, so ist damit ein Zustand geschaffen, den Berlin anf die Dauer nicht ertragen kann.
Der Oberbürgermeister Kirchner hat seine Bereitwilligkeit dazu ausgesprochen, den beiden Parteien bei etwaigen neuerlichen Einigungs⸗ versuchen behilflich zu sein. Er hat erklärt, daß er die Lage für sehr er ust und sehr bedenklich halte. Die Schuld an dieser ernsten und bedenklichen Lage tragen aber allein die Unternehmer, die einer 49000 f laben par⸗ tielleu Lohndifferenz wegen 40000 Arbeiter in Not und die ganze Reichshauptstadt in Sorge und Aufregung gestürzt haben.
Von Nah und Fern.
Hessisches.
— Die hessischen Standesherren machen gegen die Gemeindesteuer⸗Reform mobil. Wie es heißt, habe der erweiterte Finanzaus⸗ schuß der ersten Kammer beschlossen, die Regier⸗ ung um eine grundsätzliche Umarbeitung der von der zweiten Kammer bereits im zustim menden Sinne erledigten Gemeindesteuervorlage zu ersuchen. Da sich das Plenum der ersten Kammer dem Ausschußantrag anschließen wird, ist das Zustandekommen des hessischen Steuer⸗ resormwerkes in diesem Landtag als ausge⸗ schlossen anzusehen. Wie bei Vereitelung der Wahlrechtsreform soll auch hier der reaktionäre Einfluß des Herrn v. Heyl die Hauptschuld


