Ausgabe 
8.10.1905
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 41.

Vorstände und der Vertrauenspersonen an. Auer, Berlin SW. 68, Lindenstraße 69 zu be⸗ richten. Der Umstand, daß der bisherige Vor⸗ stand eines Kreisvereins, wo solche schon be⸗ stehen, oder die Vertrauensperson wiederge⸗ wählt ist, darf kein Grund sein, die Neuwahl nicht zu melden.

Parteigenossen! Die in Jena beschlossene Organisation der Partei Deutschlands wird iu vielen Kreisen eine Reorganisation der Vereine nötig machen. Wir fordern die Parteigenossen auf, so bald als irgend möglich mit der Re⸗ organisation zu beginnen, damit die Periode des Ueberganges möglichst bald überwunden wird.

Wir lassen das in Jena beschlossene Organi⸗ sationsstatut in großer Auflage drucken und werden es den Partciorganisatsonen und Ver⸗ trauensleuten in der Zahl zustellen, der sie in den einzelnen Orten bedürfen. Wir ersuchen deren Vorstände und Vertrauenspersonen, uns möglichst bald mitzuteilen, wieviel Exemplare sie für ihren Bezirk gebrauchen.

Diesen geschäftlichen Mitteilungen fügt die Parteileitung diesmal einen längeren Aufruf bei, dem wir folgendes entnehmen:

Die vorhandenen Organisationen müssen im weitesten Maße ausgebaut und wo solche noch nicht bestehen, rascheslens gegründet werden. Innerhalb eines Jahres die 3 ahl der organisierten Genossen in Deutsch⸗

zu verdoppeln, ist das Mindeste, was

erreicht werden muß und erreicht werden kann. Es muß ein glühender Wetteifer unter uns ent⸗ stehen, um das Höchste zu leisten. Künftig darf es nicht mehr vorkommen, wie es bisher nicht selten vorgekommen ist, daß wenn der Zufall einen Wahlkreis in die Nachwahl brachte, erst wieder von Neuem organisiert werden mußte, weil man nach der Hauptwahl die Erhaltung oder den Weiterausbau der Organisation unter- ließ. Ein Wahlkreis, der künftig in ähnlicher Weise handelte, beginge ein Verbrechen an den Interessen der Partei. Um aber die geschaffene Organisationen zu erhalten und zu erweitern, dazu muß der rechte Geist unter den Mitgliedern derselben vorhanden sein. Der Geist der Einigkeit und der Opferwilligkeit, der Eifer zu lernen, um sich über die großen Aufgaben und Ziele der Partei zu unterrichten und durch die gewonnene Erkenntnis immer neue Anhänger für die Partei zu erobern. Wissen ist Macht! Unsere Macht darf nicht bloß auf der immensen Zahl der Köpfe beruhen, die wir für unsere Ideen und Ziele gewinnen können, sondern sie muß vor Allem auch auf dem Wissen und Erkenntnis dieser Köpfe beruhen. Wir brauchen klare und ziel⸗ bewußte Männer und Frauen, deren Kampfes⸗ lust und Begeisterung mit ihrem Wissen und ihrer Erkenutnis wächst.... Die breitung der Parteipresse und Par⸗ teiliteratur unausgesetzt zu betreiben, ist also ebenfalls eine der vornehmsten Aufgaben eines Parteigenossen! Keine Gelegenheit dazu darf versäumt werden. Bekaantlich fehlt es häu fig den Parteigenossen in den mittleren und kleinen Orten an hervorragenderen und geistigen Kräften, die zum Beispiel durch Vorträge den Stoff zu anregender und belehrender Diskusston liefern. Hier müssen durch den Vortrag von Auf⸗ fätzen aus unserer wissenschaftlichen Zeitschrift Die neue Zeit und der sonstigen Parteipresse und durch das Vorlesen geeigneter Broschüren oder Abschnitte aus Büchern die fehlenden Kräfte ersetzt werden. Diese Vorlesungen bieten dann die Veranlassungen zu Diskusstonen, in denen die zu öffentlichem Reden veranlagten Parteigenossen am besten sich ausbilden können. In Orten, in denen die Zahl der Parteige⸗ nossen eine kleine ist oder in denen geeignete Räume zu Zusammenkünften nicht zur Ver⸗ fügung stehen, muß die Organisterung von Lese⸗ und Debattierklubs, die in Privatwohnungen zusammentreten, eine stehende Einrichtung werden. Die bevorstehenden Herbst⸗ und Winkerabende müssen zu diesen Zwecken gründlich ausgenutzt werden. Wir sind bereit, die Parteigenossen an Orten, die aus eigenen Mitteln sich das nötige Material nicht zu beschaffen vermögen, mit Rat

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und Tat zu unterstützen. Parteigenossen! In Jena herrschte darüber nur eine Stimme, daß die theoretische Ausbildung der Parteigenossen und dementsprechend auch die Verbreitung unserer wissenschaftlichen Literatur in starkem Mißverhältnis stehe zu der Aus⸗ dehnung der Parteianhängerschaft. Wir sind sehr in die Breite, aber ungenügend in die Tiefe gewachsen. Wir wollen künftig allerdings noch mehr als bisher in die Breite, aber noch weit, weit mehr auch in die Tiefe wachsen. Erst dann steht die Partei als ein mächtiger Baum, der dem stärksten Sturme trotzt, unaus⸗ rottbar fest. Deshalb müssen wir Alle, in welchen Stellungen wir immer sind, die ge⸗ ebenen Winke beachten und ihnen gemäß handeln. Es ist ferner Pflicht eines jeden Parteigenossen, wie es in der vom Jenaer Parteitage über den politischen Massenstreik an⸗ genommenen Resolution heißt, für dessen Beruf eine Gewerkschaftsorganisation vorhanden ist oder gegründet werden kann, einer solchen bei⸗ zutreten und die Ziele und Zwecke der Ge⸗ werkschaften zu unterstützen. Parteigenossen! Schließt die Reihen! Im Namen aller Unter⸗ drückten und Entrechteten: Vorwärts! Hoch die Sozialdemokratie!

Politische Rnudschau. Gießen, den 5. Oktober 1905.

Agrarischer Lebens mittelwucher.

Den Galgen hat als verdiente Strafe einst derGottesmann Luther denen angedroht, diewider göttlich Recht und Gebot sich er⸗ frechen, Wucher zu treiben mit des Volkes Leibesnotdurft. Die permanente Begehung dieses Verbrechens durch unsere Agrarier nennen dieseWahrung der Interessen der Landwirt- schaft. Sie sind die gemeingefährlichste Wucherer. sippe, die jemals die Interessen eines Volkes geschändet hat. Es ist nicht genug mit der Fleischteuerung. Die Kartoffel⸗ ernte verspricht in diesem Jahre eine sehr reichliche zu werden. Das paßt natürlich den Agrariern insofern nicht, als die Kartoffelpreise herabgehen. Um solchen Preisrückgang abzu- wehren, empfiehlt ein agrarischer Gemütsmensch, Herr Schulz⸗Wutkow, in derDeutschen Tages⸗ zeitung folgendes Rezept:

Wir müssen uns auf der ganzen Linie rühren und durch verstärkten Konsum das Angebot vermindern, den Markt entlasten! Zwei Mittel seien zunächst vorge⸗ schlagen: Starke Fütterung an das Vieh! Kar⸗ toffeln, insbesondere auf dem Rübenschneider gemahlen und mit Häcksel vermischt, erlauben eine starke Fütterung; dieses Verfahren ist bei dem verregneten Rauhfutter und den hohen Kraftfutterpreisen höchst rationell und empfehlens⸗ wert. Der Mann giebt nun noch weitere tech⸗ nische Ratschläge und meint zum Schluß: dadurch würden Hunderttausende von Zentnern Kartoffeln aus dem Markte genommen.

Natürlich! Aber, fügen wir hinzu, damit wäre auch Hunderttausenden von armen Leuten die Möglichkeit genommen, sich auch nur noch an Kartoffeln satt zu essen. Das ist aber für echte Agrarier Nebensache, wenn nur bei ihnen selbst das Geld im Kasten klingt. 5

Agrarzölle schaden den Kleinbauern.

Während der Zollkämpfe ist von sozialdemo⸗ kratischer und auch von anderer Seite nachge⸗ wiesen worden, daß die künstlichen Preiserhöh⸗ ungen der landwirtschaftlichen Produkte den kleinen Produzenten, die genötigt sind, Pacht⸗ land zu bewirtschaften, nicht nur nichts nützen, sondern direkt schädlich sind. Daß dies voll⸗ kommen zutreffend ist, beweist wieder eine Mit⸗ teilung, die dem Gothaer Volksblatt aus Friemar zugeht. Dort sind dieser Tage 7 Acker Land verpachtet worden. Während aber früher für den Acker nur 21 Mark erzielt wurden, sind die Preise diesmal auf 35 Mark pro Acker hinaufgetrieben worden. Hier zeigt sich, daß die höheren Einnahmen für die landwirtschaft⸗

lichen Produkte durch die höheren Pachten wieder weggenommen werden; der Profit bleibt schließlich nur den Landeigentümern, und auch diesen nur, wenn ste über ein genügend großes Stück Grund und Boden verfügen. Ein kleiner Besttzer z. B., der Viehzucht treibt und seine Futtermittel nicht selbst 1 25 kann, wird das Mehr, das er für sein Vieh erhält, für das teuerere Futter und die sonstigen durch die Zölle verteuerten Gegen⸗ stände wieder hergeben müssen. Noch schlechter steht es um die ganz kleinen Bauern, die nicht viel über den eigenen Bedarf produzieren. Die Folgen des Zolltarifs werden manchem Land⸗ mann die Augen öffnen.

Posadowsky und der Zukunftsstaat.

Graf Posadowsky hielt am Sonntag bei der Einweihung des nach ihm benannten Wohl⸗ fahrts⸗Institutes in Berlin eine sozialpolitische Rede. Er führte unter anderem aus, daß die Art des Wohnens für die körperliche und sitt⸗ liche Gesundheit der Familie von großer Wichtig⸗ keit sei. Auf der Familie beruhe der Bestand des Staates und seine Zukunft, und so ergebe es sich von selbst, von welchem Gewicht das für die breiten Volksschichten bestehende Wohnungs⸗ wesen für die Nation sei. Deshalb habe das Wohnungsproblem eine so hohe Bedeutung. Es gebe aber eine Partei, die von allen allgemeinen Bestrebungen nichts wissen wolle. Diese Partei stehe auf dem Standpunkte, daß Rettung nur von ihrem Zukunftsstaate erwartet werden könne. Auch die Regierung glaube an einen Zu⸗ kunftsstaat, wenn auch in anderem Sinne. Ju der Entwickelung, die die Zukunft bringen werde, liege der Zukunftsstaat. Das ist gar nicht so übel gesagt und man könnte darüber mit Posadowsky einig werden. Er sorge nur da⸗ für, daß wir uns frei entwickeln können, der Kapitalistenstaat möge das Seinige in seiner Entwicklung tun, und wir können dem Er⸗ gebnis der gegenseitigen Einwirkung beider Kräfte aufeinander mindestens mit derselben Ruhe entgegensehen, wie Graf Posa. Daß wir vonallgemeinen Bestrebungen nickts wissen wollten, ist natürlich ein Unfinn und es ist frag lich, ob der Staatssekretär ihn ausgesprochen hat.

Das Konto der Soldatenschinder.

Von Ende Juni bis Ende September 1905 wurde die gerichtliche Aburteilung von 40 Sol datenmißhandlern bekannt, wobei zu bemerken ist, daß während der Manöver die Militärge⸗ richte nur ausnahmsweise Sitzungen abhalten. An Strafen wurden ausgesprochen 11 Jahre 3 Monate 21 Tage Gefängnis, 11 Monate 15 Tage mittlerer Arrest, 3 Monate 7 Tage gelinder Arrest, 1 Monat 28 Tage Stuben⸗ arrest, 6 Degradationen. Im ganzen 12 Jahre 8 Monate 11 Tage Freiheitsent⸗ zug. Unter den wegen Mißhandlung verur⸗ teilten Offizieren befinden sich 1 Major und 2 Hauptleute. Der Major gehört zum bayrischen Heere und dürfte nicht mehr lange im Dienste sein; möglich aber, daß er dann in Preußen Stellung bekommt, wie schon mehrere in seiner Lage befindlichen Kollegen.

Die Essener Wahl.

Nach den amtlichen een sind bei der Stichwahl in Essen am 28. September für Giesberts(Zentrum) 41799, für unseren Genossen Redakteur Wilh. Geweh r⸗Elber⸗ feld 37524 Stimmen abgegeben, während 603 ungültig waren. Mit rund 4000 Stimmen hat also das Zentrum nochmals gestegt und zwar mit Anstregung aller Kräfte. Ueber den Aus⸗ fall dieser Ersatzwahl liest man in der bürger⸗ lichen Presse bewegliche Klagelieder. So schrieb dieNationalzeitung:Die Ziffern müssen dem Zentrum ernstlich zu denken geben. Vor zwei Jahren war es dem Sozial⸗ demokraten in der engeren Wahl noch um 6300 Stimmen voraus, jetzt nur noch um 4000. Und dies, trotzdem in der ersten Wahl die Summe der neben dem 17 abgegebenen bürgerlichen Stimmen 21 500 betrug. Wo sind diese in der engeren Wahl geblieben? Der Sozialdemokratie sind 10 000 davon zugewachsen, 5000 Wähler sind zu Hause geblieben und nur