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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Johann Jakoby. Zu seinem 100. Geburtstage.
Unter jener dünn gesäten Kategorie bürger⸗ lichen Demokraten, die vermöge ihrer Intelli⸗ genz und lauteren Gesinnung sich über die Schranken ihrer Klasse erhoben haben, zum Verständnis und zur Würdigung der prole⸗ tarischen Bewegung vorgedrungen sind und schließlich sich ihr als Mitkämpfer angeschlossen haben— in rühmlichem Gegensatz zu andern, die sich rückwärts mausern— strahlt in unver⸗ gänglich historischem Glanze der Name des Mannes, von dem Franz Ziegler, der wetter⸗ feste Freiheitsmann, 1870 bezeugte:„Als wir alle noch in polttischer Finsternis lebten, trat Johann Jakoby aus dem Dunkel hervor, fertig, klar, glänzend, kühn, und ward der Schöpfer des politischen Lebens in Preußen.“
In Königs berg, wo er am 1. Mai 1805, etwa ein Jahr nach dem Untergange des großen philosophischen Gestirns Kant, geboren ward, studierte er Philosophte und Medizin und war seit 1830 daselbst praktischer Arzt. Dabei widmete er den öffentlichen Zuständen lebhaftes Interesse und trat bald mit einer Publikation auf den Plan, die in jener dumpfen Reaktions⸗ periode das Signal zur Freiheitsbewegung gab und das Volk mächtig aufrüttelte.
Man weiß, wie schmählich das deutfche Volk nach den sogenannten Befreiungskriegen von seinen lieben Landesvätern geprellt wurde. Von dem großen Weltdespoten Napoleon unter⸗ jocht, hatten die kleineren Despoten Verfassungen und Freiheit versprochen. Um mit Börne zu reden: Den Völkern sagten sie, Napoleon sei ihr einziger Tyrann und sein Untergang wäre der Aufgang ihrer Freiheit. Die deutschen Völker glaubten das und sie besiegten den Kaiser der Franzosen. Darauf kamen ste mit großen Schnappsäcken herbei, um von den Schlacht⸗ feldern die erbeutete Freiheit nach Hause zu tragen. Aber die Fürsten lachten das dumme Volk aus, und als es räsonnierte, prügelten stie es weidlich durch. Und der schlimmsten einer war der Hohenzoller Friedrich Wilhelm III., der auch andere Fürsten, welche Wort halten wollten, zur Treulosigkeit verleitete.
Das Jahr 1848 drängte Jakoby aus der Studierstube in die Arena des Revolutions⸗ kampfes.
Er gehörte zu den hervorragenden und radikalsten Mitgliedern des Frankfurter Parla⸗ ments, der preußischen Nationalversammlung und der oktroyierten Zweiten Kammer.
Zum geflügelten Wort wurde die Antwort, die Jakoby als Mitglied der Deputation der Nationalversammlung im November 1848 im Schloß zu Potsdam dem König gab, als dieser sich weigerte, bei der Ueberreichung der Adresse Darlegungen über die wahre Lage des Landes zu hören:„Das istimmer das Unglück der Könige gewesen, das sie die Wahrheit nicht hören wollen.“
Schon damals war Jakoby weit über den Bannkreis der bürgerlichen Demokratie hinausgeschritten. Das zeigt besonders die Rede vom 5. Juni 1848. Als die Handhaben, deren herrschsüchtige Fürsten sich zu ihren egoistischen Zwecken bedienen, hebt er hervor, neben dem zu blindem Gehorsam abgerichteten stehenden Heer, die Furcht der Besitzenden vor den Besitzlosen. Er fordert Gerechtigkeit, volle Gerechtigkeit gegen die arbeitende Klasse. Und er schließt seine Rede mit der Aufforderung, fest im Auge zu behalten, daß die politische Freiheit nicht der höchste und letzte Zweck sei, sie solle nur den Weg bahnen zur Lösung einer höheren Aufgabe, der so⸗ zialen, nur als Mittel dienen zum Wohl⸗ ergehen, zur Erhebung und Veredelung aller.
Der Fortschrittspartei mit wachsendem Miß⸗ trauen gegenüberstehend, lehnte Jakoby ein Mandat für die preußische Kammer zweimal ab und nahm ein solches erst 1862 an, als ihm der 2. Berliner Wahlkreis trotz seiner Ablehnung nochmals wählte. Natürlich trat er der äußersten Linken bei und verweigerte den Etat.
In der Konfliktszeit hatte er mehrfache Verfolgungen zu erdulden. Wegen einer Protest⸗
rede in Königsberg am 14. Sept. 1870 gegen
die Annexion von Elsaß⸗Lothringen wurde er auf Befehl des Generals Vogel von Falckenstein am 20. Sept. verhaftet und nach der Festung Lötzen an der polnisch⸗russischen Grenze gebracht und einige Zeit als Staatsgefangener festge⸗ halten.
Wie weit er sich inzwischen in sozialistischer Richtung fortentwickelt hatte, beweist am deut⸗ lichsten seine Rede vom 20. Januar 1870 vor seinen Berliner Wählern über„Das Ziel der Arbeiterbewegung“. In dieser Rede forderte er auch Abkürzung der Arbeits⸗ zeit, Festsetzung eines Normalarbeitstags und Verbot der Kinderarbeit.
Ob auch aus ideologischen Grundanschau⸗ ungen herausgewachsen, deckte sich im wesent⸗ lichen sein soziales Programm mit dem unserigen, so daß er 1872, nach der Verurteilung Lieb⸗ knechts und Bebels im Leipziger Hochverrats⸗ prozeß, öffentlich seinen Beitritt zur sozial⸗ demokrattschen Partei erklärte. Auch das andere geflügelte Wort hat Johann Jacoby geprägt:
„Die Gründung des kleinsten Arbeiter⸗ vereins wird für den künftigen Kultur⸗ historiker von größerem Werte sein als der Schlachttag von Sadowa.“ a
Johann Jacoby starb am 6. März 1877. Zwanzig Jahre nach seinem Sterbetag widmete ihm Liebknecht einen begeisterten Nachruf, der mit dem Satz schloß:„Er hat das Banner, unter dem die Kämpfe des Völkerfrühlings geführt wurden, entrollt— sein Geist, seine Werke werden immer leben. So lange das Herz des Volkes für Freiheit und Recht erglüht, wird sein Name unvergessen sein.“
(Schw. Tagw.)
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Sehillerspende.
Von Dr. R. Strecker in Bad⸗Nauheim.
Schiller! Der Name erklingt zum Fest in jubelnden Tönen,
Gleiche Begeist' rung entflammt selbst Widerstrebende heut.
Und an Worten gewiß, an schönen, wird es nicht fehlen.
Bliebe ihr Echo doch stark in einem dauernden Werk!
„In die Furchen der Seit bedenkst du dich Taten zu streuen,
Die, von der Weisheit gesät, still für die Ewigkeit blühn d“
Aber zu großer Tat, wem sind die Kräfte gegeben d Weisheit, wo findet sie sich, die für die Ewigkeit sät d—
„Immer strebe zum Ganzen! Und kannst du selber kein Ganzes
Werden, als dienendes Glied schließ' an ein Ganzes dich an!
Was nicht der Einzelne kann, das können verbündete Hräfte,
Und auch unsere Seit hat ihre höhere Pflicht.“—
Schon Jahrtausende lang durchrauschet irdische Lande Segnend ein doppelter Strom, mündend ins ewige Meer: Kunst und Wissenschaft! da erblühen die Gärten des Lebens, Aber nur schmales Gebiet netzt ihr erquickendes Naß. Keine Welle findet den Weg zum entlegenen Tale, Dürstender Armut reicht niemand den labenden
Kelch.
Wer, wer hilft? Wer öffnet das Herz und öffnet die Hände,
Rilft Kanäle uns ziehn, hilf uns schöpfen die Flut d
Schillerspende! O, käme ein Schatz, ein reicher, zusammen.
Schöneres Denkmal für ihn, als in Marmor und Erz!
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Seines Geistes laßt einen Hauch, einen warmen, euch rühren,
Gebt ein Kleines dem Siel, welchem der Große gelebt!
Willst du Armer stehen allein, und allein durch dich selber,
Wenn durch der Kräfte Tausch selbst das Unendliche N steht d
Laßt vereinigt uns dienen der aufwärts strebenden Menschheit,
Ceben im Ganzen! Wenn wir lange dahin sind, es bleibt.
Der Verband für Volkvorlesungen und ver⸗ wandte Bestrebungen(Sitz: Frankfurt a. M.) veran⸗ staltet die Sammlung einer Schillerspende für Zwecke der Volksbildung in den Rhein⸗Main⸗Landen Hessen, Nassau und angrenzenden Gebieten). Aus dem
rtrag der Sammlungen sollen Volks bibliotheken gegründet, gemeinverständliche Vortragsveranstalt⸗ ungen eingeführt und alle auf Hebung unserer Volks⸗ knltur dice Bestrebungen gefördert werden. Bei⸗ träge zur Schillerspende nimmt Herr Charles L. Hallgarten in Frankfurt a. M., Neue Mainzerstr. 74, entgegen.
ir sind gern erbötig, Beiträge
rung entgegen zu nehmen. Red. d. zeitung,
r Weiterbeförde⸗ itteld. Sonntags⸗
Schillerworte.
Kein Despot hält das Rad der Geschichte auf.
Sie wollen sich dem Rade
Des Weltverhängnisses, das unaufhaltsam
In vollem Laufe rollt, entgegenwerfen?
Mit Menschenarm in seine Speichen fallen? Sie werden nicht.
Der Mensch ist mehr, als sie von ihm gehalten. Des langen Schlummers Bande wird er brechen.
Pharisäer.
Da donnern sie Sanftmut und Duldung aus ihren Wolken und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer wie einem feuerarmigen Moloch— stürmen wider den Geiz und haben Peru um goldener Spangen willen entvölkert und die Heiden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt!
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Belecken den Schuhputzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten. Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare. Fallen in Ohnmacht, wenn ste eine Gans bluten sehen und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankrott von der Börse geht! f
Herrschsucht.
Herrschsucht hat eherne Augen, worin ewig nie die Empfindung perlt.— Wer keinen Menschen zu fürchten braucht, wird es sich eines Menschen erbarmen? Wer an jeden Wunsch einen Donnerkeil heften kann, wird er für nötig finden, ihm ein sanftes Wörtchen zum Geleite zu geben?
Strafen.
Seitdem die Gesetze zu der Schwäche des Menschen herunter gestiegen, kam der Mensch auch den Gesetzen entgegen. Mit ihnen ist er sanfter geworden, wie er mit ihnen verwilderte. Ihren barbarischen Strafen folgen die bar⸗ barischen Verbrechen allmählich in die Vergessen⸗ heit nach. Ein großer Schritt zur Veredelung ist geschehen, daß die Gesetze tugendhaft sind, wenn auch gleich noch nicht die Menschen.
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Einen Menschen aus den Lebendigen ver⸗
tilgen, weil er etwas Böses begangen hat, heißt eben so viel, als einen Baum umhauen, weil eine seiner Früchte faul ist.
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Dem Menschen bring' ich nur die Tat in Rechnung, Wozu ihn ruhig der Charakter treibt; Denn blinder Mißverständnisse Gewalt Drängt oft den besten aus dem rechten Gleise.
Nr. 19.
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