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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 19.
anderer Grundlage einzubringen, in der Rich⸗ tung des Staatssteuergesetzes, in Verbindung mit dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung. Mit andern Worten heißt das wohl, daß die „stärkeren Schultern“, die Geldsäcke, ja nicht zu schwer belastet werden sollen.
Gießener Angelegenheiten.
— Die Oktroi⸗Erhöhung abgelehnt. Die Stadtverordneten haben doch die von der Bürgermeisterei vorgeschlagene Erhöhung des Oktrois auf Fleisch und die Wiedereinfüh⸗ rung desselben auf Mehl und Backwaren nicht beschlossen. Mit 17 gegen 12 Stimmen(5 Stadtverordnete fehlten) wurde die Oktroi⸗ „Reform“ abgelehnt und zur Deckung des Deftzits eine Erhöhung der Gemeindesteuern auf 120 Prozent beschlossen. Dafür, also für Belastung der Armen zu Gunsten der Besitzenden stimmten die Stadtväter: Petri, Brück, Emme⸗ lius, Heichelheim, Schmall, Jann, Keller, Helf⸗ rich und Schiele, ferner der Oberbürgermeister und die zwei Beigeordneten 0 und Curschmann. Eine Diskussion sollte nach dem Wunsche des Herrn e erst gar nicht stattfinden, sondern sogleich zur Abstimmung geschritten werden. Dagegen erhob sich denn doch Protest. Die Beratung war eine sehr ausgiebige. Verschiedene Freunde des Oktrois brachten recht merkwürdige Ansichten vor. Mit Entschiedenheit wendeten sich Gutfleisch, Krumm und Beigeordt. Georgi dagegen. Gutfleisch räumte gründlich auf mit den Behauptungen der Denkschrift, daß die Preise von dem Oktrot nicht beeinflußt würden. Herr Löber wandte sich auch dagegen und las etne Rede vor, die mit ihrem ee Humor stürmische Heiterkeit entfesselte. echt hatte er insofern, als er die Oktroi⸗Erhöhung als ein neues Geschenk an die Bäcker bezeichnete.
— Der erste Mai in Gießen und Uagebung
wurde wie alljährlich durch Versammlungen gefeiert.
Die in Gieden auf Lony's Bierkeller war sehr gut be⸗ sucht und nahm die Ausführungen des Genossen Vetters, beifällig auf. Genosse Ulrich⸗Offenbach, der als Redner vorgesehen war, hatte für einen erkrank. en Referenten einspringen müssen und konnte daher nicht erscheinen. Der Gesangverein„Eintracht“ verschönte die Feier durch mehrere Liedervorträge.— Die Feiern in Wie seck am Sonntag, sowie die in Heuchelheim und Lollar am Montag waren ebenfalls gut besucht.— In der weiteren Umgebung, Frankfurt, Offenbach, Mainz und Umgegend war stärkere Beteiligung als früher zu ver⸗ zeichnen. In der Vormittags⸗Versammlung in Offenbach waren zirka 1800 Personen anwesend. In Frankfurt füllten fast die Holzarbeiter allein den großen Saal des Gewerkschaftshauses, wo Genosse Vetters sprach.
— Maifest. Wie alljährlich haben auch diesmal die Gießener Gewerkschaften ein Wald⸗ fest arrangiert, das am Sonntag im Stadtwalde an der Licherstraße abgehalten wird. Punkt ½2 Uhr marschiert der Festzug von Oswalds⸗ garten nach dem Festplatze ab. Alle Gewerk⸗ schaftsmitglieder und Parteigenossen wollen sich beteiligen und wenigstens eine Viertelstunde vor Abmarsch zur Aufstellung des Zuges auf Oswaldsgarten sich einfinden. Selbstverständlich können auch Frauen und Kinder im Zuge mit⸗ 1 das ist sogar erwünscht. Im Uebrigen ei auf das Inserat verwiesen, Bei ungünstigem Wetter findet das Fest 8 Tage später statt.
— Ueber unsere Maifeier verzapfte der„Gieß. Anzeiger“ in seiner Nummer vom vorigen Samstag fürchterlich dummes Zeug. Der„Weltfeiertag“ überschriebene Artikel steht wirklich aus, als stamme er aus dem Bureau eines Scharfmacher⸗Verbandes oder aus der Fabrik Schweinburgs. Unter anderm heißt es da:
„Die meisten„Genossen“ Blätter klagen denn auch regelmäßig am 1. Mai über die immer geringer werdende Teilnahme an der Maifeier, aber wenn sie mehr Be⸗ geisterung für die Feier verlangen, so stellen sie damit eine durchaus inkonsequente Forderung auf. Wofür sollen sich denn eigentlich die Arbeiter begeistern? Ein besonderer Gedenktag, auch von Partei wegen, ist doch der 1. Mai nicht. Er soll nur die Macht des einigen Arbeitertums zeigen, soll zeigen, daß kein Mensch den Arbeiter zur Arbeit zwingen kann, wenn er eben nicht arbeiten will, kurz, er soll die Ueberlegenheit der Arbeiter über die Arbeitgeber zeigen. Er 5 105 etwas zeigen, was in Wirklichkeit nicht
a ist.“
Von wegen der Beteiligung straft sich der
Anzeiger in derselben Nummer selbst Lügen, indem er berichtete, daß in Berlin und Um⸗ gebung rund 100 Versammlungen stattfinden würden. Soviel waren es auch tatsächlich, also bedeutend mehr als in früheren Jahren und viele davon überfüllt! Von einer geringeren Beteiligung ist also in Berlin nicht die Rede. Ebensowenig aber auch in der Provinz, wie auch diesmal wieder konstatiert werden konnte. Wofür die Arbeiter am 1. Mai eintreten und sich begeistern, wissen ste sehr wohl. Das Amtsblatt könnte sich davon in jeder Mai⸗ versammlung überzeugen. Es wäre aber die Gegenfrage erlaubt, wofür sich die Arbeiter bei gewissen„nationalen“ und dynastischen Feiern, etwa am St. Sedan, den in früheren Jahren Tausende von Arbeitern durch Arbeitsruhe be⸗ gehen mußten, ohne daß ihre„patriotischen“ Unternehmer für den Lohnausfall aufgekommen wären. Allerdings soll die Maifeier die Macht der Arbeiter zeigen, die sie wirklich in Händen
der Fall ist, werden auch die„Ordnungs“blätter den ersten Mat feiern, sie müßten es zum größten Teile jetzt schon, wenn der Buchdrucker⸗ tarif nicht wäre! Anmaßend ist es von den Unternehmern, den Arbeiter zur Arbeit zu zwingen. Was würden sie sagen, wenn die Arbeiter ihnen gegenüber dasselbe[wollten?
— Schiller⸗Ausstellung der Uni⸗ versitäts⸗ Bibliothek. Die in dem Aus⸗ stellungsraum der Großhzgal. Universttäts⸗ Bibliothek(Erdgeschoß) veranstaltete Schiller⸗ ausstellung wird am Dienstag, den 9. Mai vormittags 11 Uhr eröffnet werden. Die Ausstellung wird zunächst den Mai hindurch an jedem Dienstag und Freitag von 11—12 Uhr und an den Sonntagen von 11—1 Uhr unentgeltlich zugänglich sein. Näheres über Umfang und Inhalt der Ausstellung, die sich auch auf Schillers Zeitgenossen, namentlich Göthe ersteckt, wird in Kurzem an dieser Stelle mitgeteilt werden.
— Der Schneider⸗Ausstand dauert noch immer fort. Anstatt, daß die Unternehmer die paar Pfennige Lohn bezahlen, die gefordert werden, was sie sehr wohl können und nur nicht wollen, machen ste sich nicht geringe Kosten und Unannehmlichkeiten mit ihren Versuchen, die Arbeit anderwärts unterzubringen. Das geht nicht immer so glatt, wie folgende Episode zeigt:
In Mainz wurde, wie die„Volksztg.“ berichtet, entdeckt, daß eine Schneiderfamilte für Gießen Streikarbeit lieferte. Der Schneider Hof arbeitet gewöhnlich für die Firma Scheuer und Plaut, und stolz auf seine Heldentat als Aufertiger von Gießener Streikarbett, erzählte er ahnungslos dem Genossen Pfeifer, wie leistungsfähig er sei. Die beiden Söhne Hof's sind bei Scheuer und Plaut als Zu⸗ schneider beschäftigt und der jüngere von beiden arbeitete abends bei seinem Vater noch für Gießen. Da die Arbeit scheinbar durch die Hände der Firma Scheuer und Plaut ging, so beschloß eine Werkstattversammlung, hier sofort Abhilfe zu schaffen. Bei den Verhand⸗ lungen zwischen der Kommission und der Firma kam es ans Licht, daß der Reisende Mann hinter dem Rücken der Firma Streikarbeit für die Firma Frensdorf in Gießen vermittelte, die dann bei Hof angefertigt wurde. Die Firmeninhaber machten der Geschichte ein resolutes Ende. Sie waren von diesen Dingen aufs peinlichste berührt. Die Firma sagte auch
ebenso wird der ältere Zuschneider Hof und sein Vater entlassen. So sind in diesem Falle weitere Differenzen infolge der entschiedenen Haltung der Arbeiter und des taktvollen Ver⸗ haltens der Firmeninhaber vermieden worden. Die Gießener Unternehmer müssen aber nach neuen Arbeitswilligen Umschau halten. Von „Terrorismus“ wußte das Amtsblatt zu reden. Ein streikender Schneider sollte einen Streilbrecher überfallen und verprügelt haben. Das ist un wahr. Auch die polizetliche Ver⸗ nehmung hat, wie uns mitgeteilt wird, nichts Belastendes für die Streikenden ergeben.
— Zum Schneiderstreik erhielten wir folgende Zuschrift:
haben, wenn sie einig sind. Wenn dies einst
sofort die Entlassung des jüngeren Hof zu und
„In der letzten Nummer Ihrer Zeitung veröffentlichen Sie einen Bericht der hiestgen im Streik stehenden Schneidergehilfen, aus dem
zu ersehen, daß die Prinzipale trotz Milch⸗ erhöhung, trotz Oktroidebatte, trotz kommender
weiterer Mietsteigerungen infolge der Kanali⸗ sation und endlich trotz der infolge der Zoll⸗ tariferhöhungen gesteigerten Lebens mittel preise, zu keinerlei Entgegenkommen sich bequemen wollen. Es dürfte nun im Interesse der Ge⸗ hilfen liegen, wenn der angedeutete Schritt, Einrichtung einer Betriebswerkstätte, baldigst in die Wege geleitet würde. Denn eine Unter⸗ stützung aller rechtlich denkenden Bürger Gießens wäre sicher. Dann aber wäre eine Bekannt⸗ gabe derjenigen Firmeninhaber, die so geringes sozialpolitisches Verständnis zeigen, durchaus zweckentsprechend, damit nicht Leute geschäftlich unterstützt werden, die bei einer derartigen Sachlage noch von einer Aufhetzung durch be⸗ zahlte Agitatoren reden.“ 5
Ein alter Gewerkschaftler.
— Studentische Rüpeleien sind in der Nacht zum 1. Mat zahlreiche verübt; in der Mäusburg und andern Straßen wurden Fenster⸗ und Erkerschetben sowie Straßenlaternen zertrümmert. So begehen die zukünftigen Staatsstützen ihre„Maifeier“. Wir wollten mal hören, wie das Amtsblatt schimpfen würde, wenn sich Arbeiter auch nur den zehnten Teil derartiger„Freiheiten“ erlauben würden. Wenn auch verschiedene der Herrchen zur An⸗ zeige kommen, ste wissen, es passiert ihnen nicht viel. So wurden erst kürzlich in Halle zwei Studenten mit geringen Geldstrafen von 75 und 100 Mk. belegt, trotzdem sie die Poltzisten in der unverschämtesten Weise beleidigt und beschimpft hatten. Der eine davon krakehlte in einem Freudenhause und mußte mit Gewalt herausgebracht werden. Dabei schrie er dem Poltzeibeamten unter andern gemeinen Schimpf⸗ worten die freche Aeußerung zu:„Die Hallesche Poltzei und die Vertreter der Staatsanwaltschaft stecken mit den H... unter einer Decke.“ Das sind Söhnchen der„Gebildeten“!
— Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen tritt am Freitag, den 2. Juni, zu⸗ sammen. Gegen den Raubmörder Hudde dürfte erst am 5. Junt verhandelt werden.
— An Genickstarre starb ein Italiener in der hiesigen Klinik, wohin er vor einigen Tagen verbracht worden war.
Aus dem Rreise gießen.
— Watzenborn⸗Steinberg. Die Maffeier begehen die hiesigen Parteigenossen diesen Sonntag Nachmittag durch eine Festlichkeit, die auf dem Wiesen⸗ platze zwischen Watzenborn und Steinberg abgehalten wird. Näheres im Inserat. Die Arbeiterschaft der Umgebung wolle sich dazu recht zahlreich einfinden,
X. Trohe. Ihre silberne Hochzeit feierten unser Parteigenosse und langjähriges Mitglied des Arbeiter⸗ Gesangvereins Jakob Licher und Frau, geb. Müller. Aus diesem Anlaß gingen dem Paare von Seiten vieler Freunde und Bekannten Glückwünsche zu und abends vereinigte man sich in der Wirtschaft Seipp zur ein⸗ fachen, aber recht gemütlichen Feier. Mögen dem Paare noch ein langes glückliches Zusammenleben beschieden sein!
r. Alten⸗Buseck. Die hiesigen Parteigenossen begingen ihre Maifeier am Montag Abend in einer gut besuchten Versammlung. Leider war es nicht mög⸗ lich, einen Redner von auswärts zu erhalten; trotzdem verlief die Feier in der schönsten Weise. Gesang und sonsrige Unterhaltung wechselten in angenehmer Weise mit einander ab. Eine entsprechende Resolution, in der auch den russischen Freiheitskämpfern die wärmste An⸗ teilnahme ausgesprochen wurde, fand einstimmige An⸗ nahme.
— Sozialdemokratie im Konfirmanden⸗ Unterricht. An den Osterfeiertagen war in der Kirche in Groß en⸗Buseck Konfirmanden ⸗Examen. Unter anderm stellte der Pfarrer die Frage an ein Mädchen:„Wie heißen die Leute, die an keinen Gott glauben?“„Sozialdemokraten!“ antwortete das Mädchen prompt. Darauf bemerkte der Pfarrer:„Nein Kind. die sind vielleicht frömmer als du und ich.“ Dabei hat der Herr Pfarrer gewiß nicht an die Frömmigkeit im landläufigen Sinne gedacht, die gleichbedeutend mit Frömmelei und Muckerei ist; er wollte gewiß damit sagen, daß die Sozialdemokraten mehr wahrhafte christ⸗ liche Gesinnung, christliche Nächstenliebe betätigen, als man sonst bei denen, die sich Christenleute nennen, zu sehen gewohnt ist. Und wenn es der Herr Pfarrer so
gemeint hat, stimmen wir ihm bei. Jedenfalls ehrt


