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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 19. 5
durch diesen Freispruch gebührendermaßen zu einer frivolen Ungerechtigkeit gestempelt.
Das Opfer, das er da seiner Ueberzeugung hatte bringen müssen, war nur geeignet, seine Kampfesfreudigkeit zu stärken. Unermüdlich wirkte er in Versammlungen als gern gehörter, fesselnder und überzeugender Redner, sowie auch schriftstellerisch und buchhändlerisch für die Partei. Zahlreichen wichtigen Propaganda⸗ schriften sicherte er die Verbreitung. Eine sehr wirksame Agitationsschrift von dauerndem Wert unter dem Titel„Nieder mit den Soztal⸗ demokraten“ lieferte er der Partei zu der Reichstagswahl im Jahre 1877; ste ist in Hunderttausenden von Exemplaren in der deut⸗ schen Arbeiterwelt verbreitet und wird als Doku⸗ ment des felsenfesten Vertrauens auf den Sieg der Sozialdemokratie nicht in Vergessenheit geraten.
Bei den Reichstagsneuwahlen von 1877 er⸗ oberte Bracke das Mandat für den sächstschen Wahlkreis Glauchau⸗Meerane, welches ihm 1878 bei den Attentatsschwindelwahlen abermals zu⸗ fiel. Hervorragend beteiligte er sich im Reichs⸗ tage an den Sozialistengesetzdebatten; ruhig und objektiv, mit durchdringender Schärfe, setzte er in drei Reden die niederträchtige Ten⸗ denz dieses Schandgesetzes und die Torheit des Gedankens auseinander, mit ihm die Sozial⸗ demokratie vernichten zu wollen.
Und in einer dieser Reden fällte er folgendes prophetische Urteil über das Schandgesetz:
„Wenn Sie da eine solche Bestimmung treffen, dann kann man auf politischem Gebiete machen, was man will. Wenn Sie irgendwo das Recht der Staatsbürger schützen wollen, so können Sie eine solche Bestimmung absolut nicht aufnehmen. Dieselbe richtet sich auch gar nicht gegen die Sozialdemokraten. Meine Herren, ich will Ihnen sagen: Wir pfeifen auf das ganze Gesetz!(Großer anhaltender Lärm. Orb nungsruf.) Meine Herren! Ich will das gesagt haben— und ich spreche das hier offen und deutlich aus— in bezug auf die Wirksamkeit des Gesetzes gegenüber unserer Be⸗ wegung. Das Gesetz kann einzelnen Personen, unseren einzelnen Unternehmungen Schaden tun, meine Herren, aber der Bewegung im ganzen nimmermehr.“
Bald darauf, im Dezember 1879, zwang ihn seine Krankheit zur Niederlegung des Man⸗ dats. Nur anderthalb Jahre sozialistengesetz⸗ licher Zeit hat er miterlebt und, soweit es schließlich sein Zustand noch gestattete, mit durchkämpft. Jetzt ist ein Vierteljahrhundert seit seinem Tode verflossen. Durch gewaltigen Kampf ist die Partet, wie Bracke vorausgesehen hat, von Sieg zu Sieg geschritten. Der Terro⸗ rismus der Herrschenden, wie die aus Mißver⸗ ständnissen entspringenden, in einem so großen Organismus kaum zu vermeidenden inneren Konflikte sind von ihr mit Leichtigkeit über⸗ wunden worden. Und so wird es bleiben. Die Kämpfer fallen, aber der Kampf dauert fort. Die Heerschau, die das Proletariat Deutschlands und das Proletariat der ganzen Welt am 1. Mai abhält, zeigt immer größere Massen, die sich unter die glorreichen Fahnen des inter⸗ nationolen Sozialismus gestellt haben. Immer mehr wird dem arbeitenden Volke zur Gewiß⸗ heit, was Bracke im Jahre 1878 im Reichstag der Reaktion zugerufen hat: Was in der Zeiten Schotz schlummert, bermag keine Macht der Erde zurückzuhalten!“
Die Maifeier 1905.
Ueberall in Deutschland hat auch in diesem Jahre der Feiertag der Arbeit den besten Ver⸗ lauf genommen und stärkere Beteiligung als im Vorjahre gezeigt. Besonders stark war natürlich die Beteiligung in Berlin, Hamburg, Leipzig und anderen großen Industrie⸗Zentren und Partei⸗Orten. In Berlin und Umgebung wurden etliche achtzig Vers ammlungen abgehalten, die meistens überfüllt waren, so daß die Loka⸗ litäten polizeilich abgesperrt wurden. Im Bau⸗ gewerbe ruhte trotz der Aussperrungsdrohungen der Unternehmer die Arbeit fast vollständig. Auch in der Metall- und in der Holzindustrie wurde in größerem Umfange als in den ver⸗ gangenen Jahren gefeiert. Alles in Allem sprechen die Zeichen in Berlin für einen neuen Aufschwung des Maigedankens. Die sozial⸗
demokratischen Arbeiter Berlins begreifen, daß in der Polttit nur der sicher mitzureden hat, der Macht hat und Macht zeigt. Nach einer kurzen Periode der Enttäuschung und des Zweifels hat das alte Machtwort seine alte Bedeutung wieder erlangt:„Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will.“
Wie immer, nahm auch in Hamburg die Feier unter großer Beteiligung der Arbeiter- schaft einen prächtigen Verlauf. Ein Demon⸗ strationszug bewegte sich durch die Straßen, an dem sich etwa 25000 Personen beteiligten. Der Arbeitgeberverband erklärte, feiernde Ar⸗ beiter für zehn Tage auszusperren.
Großartig verlief die Maifeier in Leipzig. Am Vormittag demonstrierte das Leipziger Proletariat in fünf überfüllten Versammlungen. Dann kamen die Maidemonstranten im feinsten Viertel Leipzigs, dem Albertpark, zusammen und bewegten sich in losem Zuge durch die Stadt nach Stötteritz. Etwa 10000 Personen mögen an dem Spaziergange mit teilgenommen haben. In Stötteritz wurde in dem bekannten Brauereigarten die Maifeier bei herrlichstem Wetter begangen. In der Festhalle hielt Ge⸗ nosse Goldstein aus Zwickau die Festrede. An sächstsche Verhältnisse wurde man gemahnt, als die Polizei verlangte, die rote Fahne mit einer großen 8 und weißem Rande, die lustig auf dem Volkshause flatterte, müsse entfernt werden. Diesem Verlangen kam man nach und hängte sie im Lokale auf.
Aus Dresden und den übrigen Sachsen wird starke Beteiligung an der Maifeier ge⸗ meldet und überall nahm sie den besten Verlauf 155 zeigte sich starke Begeisterung der Arbeiter⸗ chaft.
Enorme Beteiligung war auch in Münch en, Nürnberg und den übrigen bayrischen Städten zu verzeichnen. Aus München wurde berichtet: Von einem Abflauen der Begeisterung für die Maifeter⸗Demonstration ist in der bayrischen Hauptstadt vorläufig nichts zu merken. Die beiden Vormittagsversammlungen, die in dem riesigen Saale des Münchner Kindl⸗Kellers und in der Schwabinger Brauerei stattfanden, waren total überfüllt und die Reden der Genossen Ad. Müller und Ed. Schmid wurden mit großer Begeisterung aufgenommen. Nachmittags fand ein Ausflug nach Holzapfelkreuth statt, der vom herrlichsten Sommerwetter begünstigt war und an dem eine sehr zahlreiche, festlich gestimmte Menge teilnahm.
Ebenso war in Nürnberg weit stärkere Beteiligung als in früheren Jahren zu ver⸗ zeichnen. Einige tausend Arbeiter waren in der Lage, den Weltfeiertag durch Arbeitsruhe zu begehen. Verschiedene große Fabriken und eine Anzahl kleinerer Betriebe hatten den Tag ihren Arbeitern vollständig freigegeben.
Aehnlich gestaltete sich die Feier im übrigen Süden, in Straßburg, Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen ꝛc. Allein Stuttgart macht eine Ausnahme, wo infolge des vom Gewerkschaftskartell gefaßten Be⸗ schlusses, von Vormittagsversammlungen abzu⸗ sehen, wenige Feiernde zu verzeichnen waren.— Im Ruhrrebier und dem rheinischen Indu⸗ striegebiet sind die Feiern ebenfalls imposant ver⸗ laufen. Aus Krefeld, Köln, Düsseldorf wird über starken Besuch der Maiversammlungen berichtet.
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Auch im Auslande, Frankreich, Spanien, Italien und besonders Belgien feierte man diesmal den 1. Mai mehr als sonst. Selbst in Rußland fanden in verschiedenen Orten Umzüge statt, wobei die vertierte zarische Sol⸗ dateska viele aus der wehrlosen Menge mordete.
Politische Nundschau.
Gießen, den 4. Mai 1905.
Eine Reichserbschaftssteuer
soll doch eingeführt werden. Wenigstens wußte ein Scherl⸗Blatt zu berichten, daß der Entwurf zu einer solchen dem Staatsministerium vorliege. Die Reichserbschaftssteuer sei nach elsässischem Muster ausgearbeitet, begreife auch Erbanfälle
an Kinder ein und werde nach Abzug der er⸗ 1
wähnten Entschädigung etwa 80 Millionen Mark bringen. Man braucht sich aber keinen grotzen Hoffnungen auf Einführung einer ge⸗ rechten, die unbemittelte Bevölkerung etwa ent⸗ lastenden Steuer hinzugeben. Es wird schon genügend Wasser in den etwaigen Wein gegossen werden. Und vielleicht will man mit der Reichs⸗ einkommensteuer irgend eine neue indirekte Ver⸗ brauchssteuer einführen.
Die Angst vor der Sozialdemokratie
wird von der preußischen Regierung und den bürgerlichen Arbeiterfreunden ganz unzweideutig als das treibende Motiv des kärglichen Reform⸗ gesetzes zur Verbesserung der Lage der Berg⸗ arbeiter eingestanden, das an der Trutzkommission des preußischen Landtags zu scheitern droht. So erbringt die preußische Regierung höchstselbst den Beweis der Notwendigkeit und Berechtigung der Sozialdemokratie und belehrt die Arbeiter darüber, daß sie dieser Partei jeden, auch den geringsten Fortschritt zu danken haben. Es verleutet, daß Graf Bülow bei der zweiten Lesung des Bergarbeitergesetzes im Abgeordnetenhause selbst„mit Nachdruck“ in die Verhandlungen eingreifen und der reform⸗ feindlichen Mehrheit den Kopf zurechtsetzen will. Aber es ist kaum anzunehmen, daß die Mehr⸗ heitsparteien des Landtages sich in ihrer Politik beirren lassen werden durch die angstvollen Hinweise darauf, daß sie die Geschäfte der Sozialdemokratie besorgen durch ihre Politik.
Sie rechtfertigen ihr Verhalten ja gerade mit
der Behauptung, durch Arbeiterschutzgesetze würden unsere Geschäfte besorgt. Die Lösung der Preisfrage, ob man unsere Geschäfte besser durch Arbeiterschutz oder durch Arbeitertrutz besorgt, wollen wir gern den streitenden„Staats⸗ erhaltenden“ aller Richtungen überlassen. „Objekt“ bilden die Arbeiter für alle bürger⸗ lichen Politiker nur. Nur durch die Sozial- demokratie können sie sich aus diesem unwürdigen Zustande der Bevormundung befreien und es erreichen, daß sie endlich Subjekt der Gesetz⸗ gebung werden und selbst bestimmen können, was ihnen frommt.
Die monarchischen Glasmacher in Portugal.
Zur Zeit als der Kaiser auf seiner letzten Reise in Lissabon weilte, ging eine Meldung durch die bürgerliche Presse, die besagte, daß organisterte sozialdemokratische Glasarbeiter Kaiser Wilhelm eine Huldigung dargebracht und ihm einen silbernen Teller als Geschenk überreicht hätten. Obwohl der Schwindel mit Händen zu greifen war, hat die Notiz doch die Runde durch die ganze bürgerliche Presse ge⸗ macht und einige Blätter haben dem angeblichen aufsehenerregenden Vorgang auch Leitartikel gewidmet. Jetzt wird der Schleswig⸗Holsteini⸗ schen Volksztg. durch eine Zuschrift aus Amora noch bestätigt, daß die bürgerliche Presse zu früh gejubelt hat und die huldigenden sozial⸗ demokratischen Glasmacher das Phantasieprodukt eines Reporters sind. In dem Schreiben heißt es:
Es besteht nämlich seit dem 1. Januar hier eine deutsche Schule, welche der deutschen Gesandtschaft von Lissabon untersteht, und deren Hauptzuschuß vom Deutschen Reiche entrichtet wird. Als es bekannt war, daß der Kaiser nach Lissabon komme, so wurde unserem Kandidaten, welcher die Kinder in der Schule unterrichtet, von der Gesandtschaft gesagt, daß die Schulkinder von Lissabon und Porto den Kaiser bei seiner Ankunft empfangen würden und unter anderem auch ein kleines Geschenk überreichen würden, so möchte auch er mit seinen Kindern sich diesen beiden Städten anschließen. Es gab in unserer Kolonie keinen Widerspruch, schon wegen unseres Kandidaten und wegen der kaiserlichen Gesandtschaft, welche sehr viel für unsere Schule übrig hat, und welcher wir auch verdanken, daß unsere schul⸗ pflichtigen Kinder, 36 an der Zahl, nicht versumpfen, wie die hiesigen Eingeborenen und aufwachsen wie die Wilden. Es war selbstverständlich von vornherein be⸗ schlossen, daß das Geschenk ein Schulkind dem Kaiser überreichen soll. Kaisers bekam der Schullehrer von der Gesandtschaft die Nachricht, daß das Geschenk kein Kind überreichen könne, sondern daß dies von einer Deputation von drei Mann geschehen müsse. Der Kandidat bestimmte drei Mann, welcher Vorschlag von der Versammlung,
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Zwei Tage vor der Ankunft des
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