Ausgabe 
7.5.1905
 
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Nr. 19.

Gießen, den 7. Mai 1905.

12. Jahrgang.

Redaktion: Mirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

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Schiller.

Alle Welt feiert in diesen Tagen Friedrich Schiller, Deutschlands hervorragendsten Dichter. Der 9. Mai ist sein Todestag, seit⸗ dem nun hundert Jahre verflossen sind. In unzähligen Festreden, Festvorstellungen und Schriften wird man sein Lob singen und viele werden Begeisterung für ihn zur Schau tragen, die nicht die geringste Ideen⸗Gemeinschaft mit dem kühnen Freiheits dichter haben, denen seine revolutionären Gesänge sogar recht unangenehm in den Ohren klingen dürften. Gewiß, wenn einer heute auftritt und für Volksfreiheit streitet, kann er sicher sein, von derguten Gesellschaft, die in Schillerverehrung das Möglichste leistet, gemieden, geächtet und gehetzt zu werden. Aber Schiller ist ja tot und somtt ungefährlich; mit einem Lebenden, derdas Volk verhetzt, wäre es allerdings eine andere Sache! Das würde er selbst erfahren müssen, wenn er heute noch lebte und seine glühenden Freiheitsgesänge ins Volk schleudern könnte. Heute würden sie wohl auch etwas anders klingen als damals. Zu seiner Zeit waren Absolutismus und die Adels⸗ herrschaft die Feinde der Volksfreiheit und Volkswohlfahrt, die zu bekämpfen waren und ihnen hat er auch nichts geschenkt, sondern ihnen energisch genug seine Zornesblitze in's Gesicht geschleudert.

In Tyrannos! Nieder mit den Tyrannen! Das war das Motto, das der 18 jährige Dichter⸗ jüngling auf sein kühnes ErstlingswerkDie Räuber setzte.Fiesko,Kabale und Liebe, Don Carlos atmen denselben Geist. Und das reifste Werk des Dichters,Tell, das er ein Jahr vor seinem Tode vollendete, ist ein Hochgesang auf die Revolution, als die ultima ratio des Volkes, wenn alles andere versagt. Da hilft keine beschönigende Sophistik. Schiller scheut hier nicht davor zurück, selbst den poli⸗ tischen Mord von dem Grundsatz aus zu rechtfertigen, daß der Zweck unter Umständen auch das sonst verabscheuenswerteste Mittel heilige. Die Tat Tells erscheint ihm groß und gut, weil sie nach Lage der Verhältnisse not⸗ wendig geworden war zur glücklichen Durch⸗ führung des Befreiuugswerkes. Das repu⸗ blikanische Ideal der freien Selbstbestimmung des Volkes über seine höchsten Angelegenheiten, wird als berechtigtes Ziel politischen Strebens unumwunden und mit flammender Begeisterung gefeiert.

So sagt unser Genosse David sehr richtig in seinem Aufsatze in der Schillerzeitung, welche die, Buchhandlung Vorwärts herausgab. Seine republikanische, antimonarchische Ge⸗ sinnung bringt Schiller vielfach in seinen Werken zum Ausdruck.Der erste Fürst war ein Mörder, und führte den Purpur ein, die Flecken seiner Tat in dieser Blutfarbe zu verstecken, heißt es in Fiesko.Deutschlands Majestät und Ehre ruhet nicht auf dem Haupt seiner Fürsten, sagt er an anderer Stelle. Und an die schlimmen Monarchen richtet er diese Verse: Berget immer die erhabene Schande Mit des Majestätsrechts Nachtgewande!

Bübelt aus des Thrones Hinterhalt.

Aber zittert für des Liedes Sprache, Kühnlich durch den Purpur bohrt der Pfeil der Rache

Fürstenherzen kalt.

Leider wenig wissen die Arbeiter von Schiller. Woher auch? Was ihnen die Volksschule in dieser Beziehung bietet, beschränkt sich auf ein paar Gedichte, die in den Lesebüchern ab⸗ gedruckt sind. Sonst wird wenig oder gar nichts über unsere klassischen Dichter und ihre Werke gesagt. Dazu bleibt keine Zeit übrig. Der Lehrer ist froh, wenn er seiner Herde Schüler das vorgeschriebene Quantum von biblischen Geschichten, Katechismusstücken und Gesangbuchversen eingepaukt hat. Die weltliche Poesie und Literatur wird da als gefährlicher und verbotener Luxus angesehen. Und ist das Proletarierkind der Schule entwachsen, so fehlt ihm erst recht Gelegenheit und Anleitung zum Studium der Werke unserer großen Geister. Nur wenigen aus der Arbeiterklasse gelingt es, davon etwas zu erhaschen.

Wir können hier nicht entfernt daran denken, über Schiller und seine Werke, seine Bedeutung für das deutsche Volk Eingehendes zu sagen. Ebensowenig können wir sein kurzes(er war geboren am 10. November 1759 in Marbach in Württemberg, ist also nur reichlich 45 Jahre alt geworden), aber an Entbehrungen und auch Verfolgungen reiches Leben schildern, daß er am 9. Mat 1805 in Weimar beschloß. Wer von unsern Freunden und Lesern über Schiller und seine Bedeutung etwas Gutes lesen will, dem empfehlen wir Franz Mehrings kürzlich in Leipzig erschienene Schrift:Schiller, ein Lebensbild für deutsche Arbeiter, wo sein Wirken und seine Werke klar, verständlich und objektiv gewürdigt sind.

Von den vom Bürgertume veranstalteten Schillerfetiern ist die Arbeiterschaft meist aus⸗ geschlossen. Diebesseren, besitzenden Kreise wollen keinen Proleten dabei haben. Und an⸗ statt alles zu tun, um unsere deutschen Denker und Dichter dem ganzen Volke näher zu bringen, sind auch unsere meisten Gelehrten eher bestrebt, ste ihnen fern zu halten. Was tut ein Arbeiter mit Schiller?

Wäre er aber heute noch unter uns, so wäre wohl bei seiner leidenschaftlichen Freiheitsliebe nicht zu bezweifeln, daß er in gleichem Maße, wie einst dem Absolutismus, heute auch dem Kapitalismus einMonument von unserer Zeiten Schande in seinen Werken setzen würde.

Schiller könnte und würde nicht an der sozialen Frage, die eine Frage der ganzen Kulturmenschheit, eine Frage der Kultur selber . ist, vorübergehen. Er war kein Mensch, der aus feiger Berechnung unange⸗ nehmen Konsequenzen aus dem Wege ging er war ein feuriger Kämpfer, der für seine Ideale gern und freudig alles einsetzte.

Sein früher Tod ist ja nicht zum wenigsten mit einer Folge seiner Jugendkämpfe und Jugendentbehrungen; seine Kraft hat sich in der rastlosen Arbeit und in dem nimmermüden Kampfe gegen armselige und widrige Verhält⸗ nisse allzurasch verzehrt. Schon aus diesem Grunde darf ihn das Proletariat mit zu den Seinen rechnen dennEr auch war ein Proletar, wie Ferdinand Freiligrat von dem darbenden Dichter so ergreifend singt.

Schiller war mit seinem gewaltigen Frei⸗ heitsdrang ein Bahnbrecher auch für das Prole⸗ tariat, und darum hat dieses nicht bloß das Recht, sondern geradezu die Pflicht, auch seiner⸗

seits am Gedächtnista

des großen Toten einen Ehrenkranz auf sein

rab niederzulegen.

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Vor 25 Jahren.

Am 27. 11 7 waren es 25 Jahre, daß die sozialdemokratische Partei Deutschlands einen schweren Verlust erlitt! Wilhelm Bracke schloß am 27. April 1880 für immer die Augen. Sein Name ist aufs innigste verknüpft mit den bewegtesten Zeiten der deutschen Sozialdemo⸗ kratie, mit ihrem Heroenzeitalter. Unter der alten Garde, die in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unmittelbar aus der Las⸗ salleschen Agitation erwachsen war, nimmt Bracke eine hervorragende Stelle ein. Trotzdem seiner aufopfernden Betätigung durch einen frühen Tod bald ein Ziel gesetzt wurde, sind die Spuren seines Wirkens unauslöschbar.

Am 29. Mai 1832 in Braunschweig geboren, erreichte er ein Alter von kaum achtunddreißig Jahren; eine tückische, unheilbare Krankheit raffte ihn im besten Mannesalter dahin. Wenn wir, so schreibt dasHamb. Echo, heute seiner ehrend, in alter Liebe und Freundschaft gedenken, so wollen wir nicht vergessen, zu bemerken, daß er nicht proletarischer, sondern bürgerlicher Herkunft war. Bracke zählte zu den wenigen aus den Kreisen des gewerbtätigen Bürgertums, welche, der Anregung Lassalles folgend, aus unverdorbenem liberalen Ideengang sich kon⸗ sequent zu Bekennern des demokratischen Sozia⸗ lismus entwickelten, um in der jungen Arbeiter⸗ partei eine führende Stellung zu erlangen. Einem kaufmänntischen Beruf obliegend, trug er kein Bedenken, seine bürgerliche Exlstenz einzusetzen im Kau'pfe für die Sache der Arbeiterklasse ein gutes und erhebendes Beispiel, das ihm, wie auch unserem Geib und manch anderem Kampfgenossen jener Zeit, als besonderes Ver⸗ dienst angerechnet werden muß.

Bracke war ein vorzüglicher Propagandist und Taktiker. In seiner Eigenschaft als Mit⸗ glied des Ausschusses der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, welcher damals in Braunschweig seinen Sitz hatte, war er in die Lötzener Kettenaffäre verwickelt. Es war am Morgen des 9. September 1870, als die fünf Mitglieder des Ausschusses von Militärpatrouillen, unter Führung von Polizeibeamten, in ihren Wohnungen überfallen, verhaftet und in Ketten nach der Festung Lötzen transportiert wurden. Dieser brutale Gewaltakt war befohlen von dem Gouvernear der Küstenlande General Vogel von Falkenstein; er hatte seinen Grund in einem von dem be⸗ zeichneten Ausschusse unterm 5. September gegen die Annexion von Elsaß⸗Lothringen und für einen billigen Frieden mit Frankreich er⸗ lassenen Mantfest. Bracke und die übrigen Mitglieder des Ausschusses wurden desHoch⸗ und Landesverrats beschuldigt, zunächst vom Braunschweiger Kreisgericht zu Gefängnisstrafen verurteilt Bracke zu der höchsten von sechzehn Monaten dann aber in der Rekursverhand⸗ lung vor dem Obergericht zu Wolfenbüttel freigesprochen. Die schmachvolle Ketten- schließung und die verfassungswidrige Ein⸗ kerkerung in Lötzen die langwierige und strenge Untersuchungshaft und die Anklage dieses ganze Justtzgebaren reaktionärer Gewalt wurde