Ausgabe 
6.8.1905
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 52.

Von Nah und Lern.

Av. Eine Gemeinde⸗Vertreter-Konferenz fürtz den Wahlkreis Friedberg tagte am 9. Juli in Groß⸗Karben. Anwesend waren 17 Gemeinde-Ver⸗ treter aus 8 Orten des Wahlkreises. Genosse Kühn vom Vorstand des Kreiswahlvereins Friedberg- Büdingen eröffnete um Uhr die Konferenz, indem er dem Wunsche Ausdruck gab, daß die erste Konferenz das fernere Blühen und Gedeihen der sozialistischen Gemeinde⸗ vertretung fördern möge. Hierauf erhielt Gen. Busold⸗ Friedberg das Wort, um in stündigem Vortrage die Pflichten und Rechte der Gemeindevertreter eingehend zu erläutern. An Handen der Landgemeinde-Ordnung ging Redner auf deren wichtigste Stellen näher ein. Be⸗ sonders die Oeffentlichkeit der Gemeinderats-Sitzungen, welche vom Gemeinderat beschlossen werden kann, ist in vielen Orten nicht durchgeführt. Auch zum Besuch der Sitzungen ist jeder Gewählte verpflichtet und muß ge nügende Entschuldigung zur rechten Zeit eingereicht sein, wenn ein Mitglied von einer Sitzung entbunden sein will. Redner geht hierbei auf den Fall in Vilbel näher ein. Nachdem er auf die Wichtigkeit der Voranschlags⸗ Beratung hingewiesen hatte, ging er auf die Grund und Bodenpolitit ein und empfahl, so viel wle möglich, wo es die Verhältnisse bedingen, Boden zu erwerben, um dadurch dem immer weiter umsichgreifenden Bodenwucher entgegen zu steuern. Hler wies Redner ebenfalls auf einige drastische Fälle hin. Auch ist die Gemeinde im Interesse billiger und gesunder Wohnungen verpflichtet, in diesem Sinne zu wirken. Ebenso soll sich die Ge⸗ meinde an Gründung von Baugenossenschaften, soweit sie ihre Interessen im Vorstande an erster Stelle wahren kann, beteiligen. Auch die Schulgebäude lassen viel zu wünschen übrig. Treffe man doch auch in unserer Gegend noch Schulen an, welche die reinsten Ruinen darstellen, und denen gegenüber die Ställe der reichen Bauern reine Paläste sind. Badegelegenheiten in den Schulen and die Anstellung von Schulärzten seien ebenfalls Forderungen, welche sozlalistische Gemeindevertreter im Interesse der Volkswohlsahrt zu stellen haben. Unentgeltlicher Heb⸗ ammendienst un) unentgeltliche Totenbestattung, sowie Errichtung von Leichenhallen, besonders letzteres wegen der äußerst beschränkten Wohnungsverhältnulsse, Haupt forderungen seien.

In der Diskussion, an der sich fast alle Anwesenden beteiligten, trat zu Tage, daß solche Konferenzen sehr notwendig sind und im Interesse der Beteiligten öfter im Jahre stattfinden müssen, um alles zu prüfen und die richtigen Lehren daraus zu ziehen. In seinem Schlußwort betont Genosse Busold, die Konferenz habe

gezeigt, daß noch sehr viel aufzuklären sei und erläuterte

noch einige in der Diskusston berührte Fragen. Hoffentlich tragen derartige Konferenzen dazu bet, die Wirksamkeit der sozialistischen Gemefndevertreter möglichst einheitlich nach den Vorschriften unseres Kommunal-Programms zu gestalten.

Pfäffische Bestrebungen.

Von K. Wbr.

I. Katholische.

DemMainzer Journal, dem Hauptblatt der hessischen Katholiken, hatte der Erfolg des bayrischen Zentrums in die Augen gestochen, so arg, daß es ganz zu vergessen schien 1. mit wessen Hülfe allein dieser Erfolg möglich war und 2. zu welchem ganz ausnahmsweisen vor⸗ übergehenden Zweck unter den besonderen lokalen Verhältnissen ihm diese Hülfe zu teil geworden ist. Es möchte den bayrischen Landtagssieg bereits als sichres Fundament für weitere Vorstöße des Katholizismus ausgenutzt wissen und fragte deshalb vor einiger Zeit ganz naiv, ob denn bei uns in Hessen nicht ähnliches möglich sei. Und dann kam in rührender Offenherzigkeit das ganze ultramontane Schul⸗ programm, das nach dem Wunsche des Journals von der Zentrumsfraktton als nächstes Ziel der praktischen Politik verfolgt werden müsse. Die Konfesstonsschule, die uns 1874 verloren ging, habe uns zu den großen Erfolgen 1864 bis 1871 verholfen. Ste müsse wiederkommen. Es müßten, der Zahl der Katholiken entsprechend, mehr katholische Schulinspektoren und ein katho⸗ lisches Lehrerseminar geschaffen werden, der Religionsunterricht set allein durch den Bischof (unter Ausschaltung des Staats) zu kontrollieren. Katholische Schulen für katholische Kinder!

Der Zentrumsfraktton des Landtages kam dieses allzuoffne Bekenntnis intimster Herzens⸗ wünsche offenbar verfrüht und ungelegen und in ihrem Namen mußte daher Dr. Schmitt die Verantwortung für solche Gedanken ablehnen.

Er stellt fest, daß die Zentrumsparteitrotz der im Journal behaupteten angeblichen Volks⸗ stimmung in keiner Richtung von der von ihr seither festgehaltnen Politik des Friedens und der Ausgleichung der Gegensätze abzugehen denke. Und dieser gewundene, gummiartig dehnbare Ausdruck ist alles, was die Herrn Zentrumsvertreter gegen die Konfesstonsschule zu sagen haben? Man möchte mit Cicero sagen: cum tacent, clamant! Ihr Schweigen ist eigentlich ein lautes Geständnis! Und daß jene Konfesstonsschulpolitik in Wahrheit eben doch die Sehnsucht aller ultramontanen Gemüter ist, wird noch deutlicher aus der Ausdrucksweise der Köln. Volksztg., wo es heißt:Daß nicht alle Forderungen des katholischen Volks, so auch auf dem Gebiete der Schule, erfüllt wurden, ist männiglich bekannt. Ein Aufrollen der Schulfrage im gegenwärtigen Augenblick würde zweifellos mit einem entschiedenen Mißerfolg abschließen.(Allerdings!) Da sowohl die Re⸗ gierung, als die überwiegende Mehrheit der

Zweiten Kammer entschieden auf dem Boden

der Simultanschule stehen. Also, im gegen⸗ wärtigen Augenblick nicht opportun! Sonst, später, wenn es möglich wäre... es ist wahrhaftig nicht schwer, dieeinfältigen Herzen der Frommen zu durchschauen.

Zum Schluß aber noch ein paar offene Anfragen unsrerseits: Wenn die katholischen Kinder katholische Schulen haben sollen, wird man dann wohl auch den füdischen jüdische, den Fretreligiösen freireligiöse, den Atheisten atheistische einrichten usw.? Wird man dann auch der Zahl dieser Richtungen entsprechend, für ein paar jüdische, atheistische ꝛc. Schul⸗ inspektoren sorgen und auch für ste besondere Lehrerseminare begründen? Oder ist es etwa nur Gewissenszwang und Sittenverderbnis, wenn katholische Kinder evangeltsch rechnen lernen, dagegen nichts Schlimmes, wenn jüdische oder freidenkende Kinder von einem katholischen Geschichtslehrer die Gottheit Christi und die Wunder der Heiligen erzählt bekommen? Und wenn der Religionsunterricht doch nicht mehr staatlich geprüft werden soll, ist das nicht ein Schritt zur Trennung von Religion und Schule?

Als ob es mehr als eine Wissenschaft gäbe! Als ob es mehr gäbe, als ein ehrliches Suchen nach der Wahrheit! Als ob das schon Toleranz wäre, wenn alle denkenden Menschen nur in die fertigen Schemata von zwet oder drei Konfessionen gepreßt werden müßten! Ganz zu schweigen von den handgreiflichen pädagogischen Schattenseiten solcher kirchenpartei⸗ lichen Schulzerstückelung!

17 7 CC 1 b Anterhaltungs Keil.

155 3. a NU

A

Die Dorfarme. Von K. H. Diefenbach.

In Talkirchen lebte vor Jahren ein armes Weibchen. Das hatte einmal einen Mann ge⸗ habt, der war Leineweber gewesen und hatte ihr sechs Kinder und sonst nichts hinterlassen, als er im besten Mannesalter die Augen schloß für die Ewigkeit. Sechs Kinder und sonst nichts da weiß man genau, wie reich die Lisbeth Fadenschneider war, als ste zurückkehrte in das enge Häuschen am Dorfende. Aber damals war die Lisbeth doch reich: sie hatte ein paar die Arbeit gewohnte Arme und mit Fleiß und Ausdauer brachte sie ihr halbes Dutzend Tra⸗ banten in die Höhe. Da flogen sie nach und nach aus eins ließ sich hier nieder, eins dort, einem gings ein wenig besser, einem ein wenig schlechter, aber gut gings keinem, und das Sprichwort der Alten, daß eine Mutter eher sechs Kinder ernähren kann, als sechs Kinder eine Mutter, bewahrheitete sich. Für die Lis⸗ beth Fadenschneider konnte keines der sechs Kinder auch nur einen Taler jährlich von einem kärglichen Einkommen abzwacken.

So hat denn die Lisbeth, ats sie siebzig Jahre alt geworden war und Nadel und Scheere nicht mehr halten konnte, sich auf ihre Truhe gesetzt, in der sie nach Art der alten Waschfrau unter andern Heiligtümern auchihr Hemd, ihr Sterbehemd bewahrte, und die Hände in den Schooß gefaltet, während sie sprach:Jetzt

eht's nicht mehr! Lisbeth, was meinste, was fol ich jetzt machen? Jetzt werd ich halt Hunger leiden müssen. O jeh!

Und sie litt Hunger. Sie nährte sich von Kaffee, Brot und Kartoffeln und von Kartoffeln, Kaffee und Brot. Dabei ging's in rasender Schnelligkeit bergab mit ihr, und ehe sieben Wochen um waren, vermochte sie kaum einmal in der Woche zum Bäcker zu gehen, um sich einen Laib Brot zu holen.

Da brachte ein Dorfältester die Geschichte mit der alten halbverhungerten Frau vor den Gemeinderat, und der hielt dieser Geschichte wegen eine Sitzung ab.

Also, sagte der Bürgermeister,Ihr wißt ja, Ihr Männer, um was wir heut' zusammen gekommen sind. Die Lisbeth Fadenschneider kann nicht mehr. Was sollen wir machen?

Die Herren Gemeinderäte schwiegen stlll.

Will keiner was reden? fragte der Bürger⸗ meister.

Keiner wollte etwas reden.

Das Ortsoberhaupt kraute sich ob dieses Bescheides hinter den Ohren.Ja, ja, hm, hm, fing er endlich an.Ja, ja, hm, hm, was ich sagen wollte, wenn niemand etwas sagt hm, hm ich werde halt doch etwas sagen müssen.

Die Gemeinderäte nickten zu diesen Aus⸗ führungen des Ortsoberhauptes eifrig mit den Köpfen.

Der Bürgermeister nahm seine Kappe vom Tische, drehte sie zwischen den Fäusten hin und her und tat nach einer kleinen Weile auf's neue den Mund auf:

Ich hab' es gesagt, Ihr Männner, die Lisbeth Fadenschneider kann nicht mehr. Sie ist fertig, und es bleibt nichts übrig wir werden darüber raten müssen, was zu tun ist in dieser Sache. Will einer der Männer'was reden? Der Jakob Bäbbler will'was sagen. Du hast's Wort, Jakob!

Jakob Bäbbler, ein knorriger, alter Bauer mit auffallend langen Armen und Beinen, er⸗ hob sich und sagte:Nu ja, versteht sich, wir sind ja dafür da, für die alten Weiber. Was wollen wir machen? Mach' einmal einer einen Vorschlag.

Ja, mach' einmal einer einen Vorschlag, wiederholte der Bürgermeister.

Zum Beispiel mit diesen Worten er⸗ hob sich nun ein anderer Gemeinderat, ein schippelrundes Männlein mit himmelblauen Knopfäuglein.Zum Beispiel, es muß etwas geschehen. Ich hab' sie gesehen, und ich weiß zum Beispiel, daß es so nicht weiter gehen kann. Aber was? Wenn ich zum Beispiel wüßte, daß es in der Gemeinde einen gäb', der ste für ein Geringes zu sich nehmen würde, da würde ich zum Beispiel sagen: Nimm sie! So mein' ich.

Der Bürgermeister schüttelte den Kopf:Das wird halt doch nicht gehen, Christian,'s nimmt sie keiner. So'ne alte Frau kann lange leben, und die Geschichte kann uns teuer kommen. Wenn ich einen Vorschlag machen soll, so mache ich den; geben wir der Lisbeth halt pro Jahr zehn Taler ich denke, dann ist die Sache erledigt. Was meint Ihr dazu?

Da werden wir eine Steuer mehr erheben müssen, warf einer der Männer hin.

Hat sich denn die Lisbeth schon selbst um eine Unterstützung an uns gewandt? fragte ein anderer.

Das hat sie nicht getan. Von anderer Seite wurde ich darauf aufmerksam gemacht, erwiderte der Bürgermeister.

Ich meine, versetzte darauf der Frage⸗ steller,da sollten wir warten, bis sie selbst kommt. Fragen wir sie erst einmal, ob sie einer Unterstützung bedürftig ist. Dann haben wir immer noch Zeit, etwas zu beraten und zu be⸗ schließen.