1—
2
Seite 4.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 32.
und seine Geschwister mögen sich beruhigen. Wenns in Jena Auseinandersetzungen gibt, über die von den bayrischen Genossen befolgte Wahltaktik anz sicher nicht. Noch nicht ein einziges Parteiblatt hat sich dagegen gewendet. Das Schönste aber ist, daß der Anzeiger den Schwindel nachdruckte, als er bereits vom Vorwärts als solcher zurückgewiesen war! Für die Wahrheits⸗ 1 Amtsblattes ist dies sehr bezeich⸗ nend.
— Ueber Teuerung der Lebens⸗ mittel wird jetzt allgemein und zwar mit vollem Recht geklagt. Die Fleischpreise haben eine Höhe erreicht, die noch nicht da war und die Arbeiterfamilien einfach zwingt, auf Fleisch⸗ nahrung zu verzichten. Butter kostete auf dem Markte am Samstag 1.30 Mark das Pfund, Eier sind für Minderbemittelte ebenfalls nicht zu bezahlen. Auch Gemüse, Beeren ꝛc. verzeichnen trotz der durchaus günstigen Witte⸗ rung überaus hohe Preise. Vielen Arbeiter⸗ familien ist es daher unmöglich, sich für den Winter einiges Gelee ꝛc. einzukochen, zumal auch der Zucker infolge der Preistreiberei des Syndikats fast so teuer ist als früher. Die profitgierigen Kapitalisten verstehen es, das Volk in jeder Beziehung zu schröpfen. Wehrt Euch dagegen! 5
— Der sozialdemokratische Wahl⸗ verein hält am Samstag den 12. August im Lokale Orbig seine Generalversamm⸗ lung ab. Diese sollte eigentlich schon am ver⸗ gangenen Nereinsabende stattfinden, doch es war die Versammlung wegen ungenügender Bekanntmachung sehr schwach besucht und des⸗ halb wurde sie auf die nächste Versammlung verschoben. Die Tagesordnung ist aus dem Inserat ersichtlich. Es ist Pflicht jedes Mit⸗ gliedes in der Versammlung zu erscheinen.
— Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitungund Buchdruckertarif. Wir sind nochmals genötigt, die Leser mit einer Sache zu behelligen, die in unserem Blatte be⸗ reits mehrfach erörtert und vollkommen klar gestellt wurde. Es handelt sich um den im Buchdrucker. Correspondent erschienenen von uns schon in der Nummer vom 11. Juni zitierten Bericht über eine Gießener Buchdrucker Ver⸗ sammlung. Dieser Bericht, dessen ungeschickte und unrichtige Fassung von dem Einsender selbstbedauert und auch im„Correspon⸗ dent“ berichtigt wurde, gibt, wie das voraus- zusehen war, der bürgerlichen Presse Veran⸗ lassung zu Angriffen auf unser Blatt und unsere Partei. Besonders die Zentrums- und Stöcker⸗ presse geht damit krebsen. Wir müssen daher Folgendes erklären:
J. Die Druckerei, in der unser Blatt her- 9 95 5 wird, gehört nicht der Partei.
Die Firmeninhaber Heppeler& Meyer sind nicht Angehörige der sozialdemokratischen Partei. 3. In dem Druckvertrag zwischen unserm Verlag und der Firma ist festgelegt, daß die Firma die Bedingungen des Buch⸗ drucker⸗Tarifs erfüllen soll. 4. Letzteres ist der Fall. Ein von der Buchdrucker⸗Versammlung beschlossener Antrag an das Tarifamt, die Firma aus der Tarifgemeinschaft zu streichen, wurde als gänzlich unbegründet 1
Hinzugefügt set noch, daß die Buchdrucker verlangen, daß nur Verbands mitglieder an der Zeitung beschäftigt werden sollen und darüber schweben Verhandlungen.
Dem stöckerschen„Nassauer Volksfreund“ in Herborn, der uns wegen dieser Sache an⸗ pöbelt, ließ die Preßkommission eine Erklärung mit obigen Tatsachen zugehen, das Blatt nahm
sie aber nicht auf, hielt im Gegenteil seine
schmutzigen Angriffe aufrecht. Dieses Verhalten des christlichen Blattes müssen wir als ehr⸗ los und gemein bezeichnen.
— Die„Freie Turnerschaft“ hält diesen Sonntag auf der Pulvermühle ihr Sommerfe st ab, dessen näheres Programm aus dem Inserat ersichtlich ist. Die Turner dürfen wohl auf einen starken Besuch ihres Festes aus den Kreisen der Arbeiterschaft Gießens und Umgegend rechnen, schon wegen
der dort gebotenen Unterhaltung, sie haben aber auch Anspruch auf urch weil sie die Arbeiterfeste stets durch ihre Leistungen ver⸗ schönern helfen.
— Durch ein Schadenfeuer, daß am Montag Abend ausbrach, wurde das Lagerhaus des Elsoffer'schen Warenhauses i der Markt⸗ straße eingeäschert. Die Feuerwehr konnte den Brand auf das eine unbewohnte Gebäude be⸗ schränken. Die bei dem Feuerlärm entstandene Aufregung benutzte ein Dieb, um in dem Metzgergeschäfte von L. Sack Wtwe. eine Geld⸗ summe von 1500 Mk. aus einem unverschlossenen Pulte zu stehlen. Frau Sack hatte sich auf nur wenige Minuten nach der Brandstelle be⸗ geben und auch von dem übrigen Personal war niemand anwesend. Der Dieb wurde bis jetzt noch nicht ermittelt.
Aus dem Rreise gießen.
— In Garbenteich entwickelt sich unser vor wenigen Wochen gegründete Verein vor⸗ trefflich. Er zählt jetzt bereits 34 Mitglieder und es ist zweifellos noch auf weiteren nicht unbedeutenden Zuwachs zu rechnen. Von einem Orte wie Garbenteich, wo fast nur Arbeiter wohnen, darf man auch billigerweise verlangen, daß eine kräftige politische Arbeiterorganisation vorhanden ist. Es hätte schon längst der Fall sein sollen! Am Sonntag fand im„Kühlen Grunde“ eine Versammlung statt, welche ein Referat des Genossen Vetters über:„Vorwürfe gegen die Sozialdemokratie“ entgegennahm. Den Ausführungen des Redners, welcher die Erbärmlichkeit der Angriffe kennzeichnete, die von den Gegnern und ihrer Presse täglich gegen uns erhoben werden, wurde allgemein zugestimmt. Mehrere Diskusstonsredner forderten zu einigem Zusammenhalt auf. Immer vorwärts!
r. Watzenborn⸗Steinberg. Unser Wahlverein hielt am Samstag seine regelmäßige Versammlung ab, die angesichts der wichtigen Tagesordnung etwas stärker besucht sein konnte. Zum ersten Punkte erläuterte der Vorsitzende die Beratungsgegenstände der Kreiskonferenz und es wurde im Anschluß ein Antrag angenommen, wonach der Punkt„Unsere Presse“ mit auf die Tages⸗ ordnung gesetzt werden soll. Zwei Delegierte zur Kreis⸗ konferenz wurden gewählt. Ueber die Landeskonfe⸗ renz in Alzey sprach ebenfalls der Vorsitzende und er bemerkte hierbei, daß von Seiten des Landeskomitees in Bezug der Agitation für das direkte Wahlrecht mehr getan werden müßte. Auch die dem Landtage zuge⸗ gangene Vorlage über die Revision der Verwaltungs⸗ gesetze biete sehr viel Material, das ausgenützt werden könnte und über das Aufklärung geschaffen werden müßte. Ueber die Beschickung der Landeskonferenz be⸗ schließt eine am Sonntag, den 6. August stattfindende Bezirlsversammlung. Unter Verschiedenem wurden noch die politischen Tagesereignisse besprochen.
— Die unpatrtotischen Heuchel⸗ heimer. Bei dem Bismarcksrummel wurde eine Urkunde in den Grundstein des zu er⸗ richtenden Denkmals eingelassen, in der es heißt:
„Weniger entgegenkommend waret Ihr, Ihr Bauern von Heuchelheim, die Ihr von uns 1 Mark heutigen Geldes für den Geviertmeter Ackers verlangtet, der doch sonst nur 15 Pfg. gilt.“
Für den Zweck hätten die Heuchelheimer mindestens das Doppelte verlangen sollen.
Aus dem Rreise qriedberg⸗Büdingen.
n. Ein Volksbad soll in Friedberg errichtet werden und die Stadt hat bereits Gelände dafür ge⸗ kauft. Und zwar hat unser Genosse Bu sold der Stadt dazu verholfen. Es ist ihm gelungen, ein Grundstück von 2000 Quadratmeter in bester Lage der Stadt für rund 28 000 Mark zu erwerben und der Stadt zum gleichen Preis zur Verfügung zu stellen. Die Stadt hat das Angebot angenommen. Allgemein wird diese Tat besprochen und anerkannt; ist für uns doch die Errichtung eines Volksbades damit in die Nähe gerückt. Busold hatte schon früher, als er noch in der Stadtverordneten⸗Versammlung war, oft die Errichtung eines Volksbades ang⸗regt, immer wurde ihm entgegnet, daß kein Platz dafür da sei, jetzt hat nun Busold diese schwierige Frage gelöst. Das Amtsblatt, das sonst jeden Besitzwechsel meldet, bringt von dieser Sache kein Wort. Es scheint darüber unzufrieden zu sein, daß es gerade ein Sozialdemokrat war, der durch sein Bemühen diese Sache so weit gefördert hat, und sie fürchten, daß, wenn sie davon schreiben, der Name desselben hier noch popu⸗ lärer würde, als er ohnehin schon ist. Diese Todschweige⸗ Taktik wird aber dem Genossen Busold nichts schaden!
V. Die Kreis konferenz für den Wahlkreis Friedberg, die am Sonntag in Heldenbergen tagte, war von 34 Delegierten besucht, die 20 Orte vertraten. Nach dem Geschäftsbericht, den der Kassterer, Genosse Kühn⸗Friedberg, erstattete, hat der Wahlverein im verflossenen Jahre gute Fortschritte gemacht. Neun Filialen wurden neu gegründet. Die Mitgliederzahl stieg von 750 auf 1050. Der Bezirk Friedberg hat in dem Genossen Repp, der nach Hamburg übergesiedelt ist, eine tüchtige Arbeitskraft verloren. In Friedberg selbst ruht die Agitation auf den Schultern weniger Genossen, weshalb ein Antrag gestellt ist, den Sitz der Kreisleitung nach Vilbel zu verlegen. Vilbel ist die größte Filiale; außerdem befindet sich dort ein Stamm tüchtiger, rühriger Genossen. Die Kassenverhältnisse haben sich auch gegen das Vorjahr besser gestaltet. An Ein⸗ nahmen sind 1662.79 Mark und an Ausgaben 1223.88 Mark zu verzeichnen. Der Kassenbestand beträgt 438.94 Mark. Gerügt wird in dem Bericht, daß in einzelnen Orten sogar die Verteilung des Agitationskalenders am Orte selbst den Genossen bezahlt worden sei. Den Genossen sollten nur die Ausgaben bei auswärtigen Verteilungen ersetzt werden,— Anschließend hieran er⸗ statten die Bezirksleiter ihre Berichte. Daraus ist hervorzuheben, daß die Vilbeler Genossen in ihrem Bezirke eine rührige Tätigkeit entfalteten. Vilbel selbst hat 320 politisch organisierte Parteigenossen. Bei der Gemeinderatswahl konnten Erfolge erzielt werden, weil man sich direkt an das Parteiprogramm hielt und nur überzeugte Genossen aufstellte. Auch in Ilbenstadt wurde ein Genosse in den Gemeinderat gewählt. In Burggräfenrode erzielten die Genossen zwar keinen direkten Erfolg, es wurde aber durch die Beteiligung der Genossen an der Wahl erreicht, daß der wütendste Gegner der Arbeiter, das Gemeinderatsmitglied Kost, abgehalftert und aus dem Gemeinderat hinausgewählt wurde. Im Ganzen zogen im Bezirk Vilbel sieben neue sozialdemokratische Gemeinderatsmitglieder in die
verschiedenen Gemeindeverwaltungen ein. Schwieriger
war schon die Agitation im Bezirk Rodheim. Nach weiteren Berichten und einer längeren Diskussion dar⸗ über wird der Antrag des Vorstandes, die Krersleitung nach Vilbel zu verlegen, angenommen und zum Vorsitzenden Karl Armbrust gewählt.
Ueber die bevorstehende Landtagswahl referiert sodann Genosse Karl Armbrust. Er erläutert eingehend die Wahlrechtsbestimmungen. Die erste Voraussetzung sei, daß man charakterfeste Leute als Wahlmänner auf⸗ stelle. Bei einer einigermaßen geschickten Agitation könne der Landtagswahlbezirk Vilbel erobert werden. In 21 Ortschaften sind 34 Wahlmänner zu wählen. Die Arbeiter sollten ein wachsames Auge auf die Gegner haben, die oft noch in letzter Minute allerhand Wahl⸗ manöver anwenden.
Ueber die diesjährige Landeskonferenz sprach Busold. An der Tätigkeit der Landtagsfraktion sei in diesem Jahre nichts auszusetzen. Höchstens könne man sagen, daß das Landeskomitee nicht im vollen Umfange seine Schuldigkeit getan habe. Dies liege aber in den Ver⸗ hältnissen. Die Anstellung eines besoldeten Partei⸗ sekretärs sei um so mehr notwendig, als auch das Zentrum bestrebt sei, immer mehr Sekretäre anzustellen. — In Bezug auf die Presse erklärte Busold, ein
Wochenblatt, in dem die hessischen Verhältnisse berück⸗
sichtigt würden, für unbedingt notwendig und deshalb müsse für Verbreitung der„Mitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung“ das Möglichste getan werden.— Ferner müsse der oberhessische Bezirk besser vom Landeskomitee unter⸗ stützt werden.— Dann wurde über den Parteitag in Jena verhandelt, über den ebenfalls Busold sprach. Er erörterte besonders das Organisationsstalut. Er erklärt sich besonders mit der Bestimmung einverstanden, nach welcher der Parteivorstand dort mit zu entscheiden haben soll, wo es zu Meinungsverschiedenheiten kommt bei der Aufstellung von Kandidaten. Dies könne leicht vorkommen, wenn, wie es jetzt auch in Isenburg wieder geschah, ein Doktor als Landtagskandidat aufgestellt würde, der in der Partei ganz fremd sei. Manchen in der Agitation erprobten Arbeiter müsse dies vor den
Kopf stoßen.— Als Delegierter zum Parteitage wird
Busold gewählt. Aus dem Rreise Wetzlar.
n. Die Parteiversammlung für den Wahlkreis Wetzlar, welche am Sonntag in Gießen abgehalten wurde, war nicht so gut be⸗ sucht, wie es hätte sein sollen. Im ganzen Jahre findet in der Regel nur eine solche Ver⸗ sammlung statt und es müßten sich dazu die Kollegen immer recht zahlreich einfinden. Als erster Punkt kommt der neue Organisations⸗ entwurf der Partei zur Beratung. Es werden die einzelnen Bestimmungen vom Vorsitzenden verlesen und erläutert und nach kurzer Debatte gutgeheißen. Im weiteren beschließt die Ver⸗ sammlung, die diesjährige Lassallefeier am 27. August in Gleiberg abzuhalten.


