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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 2.
genossen haben bereits vor längerer Zeit für alle 73 Kreise Kandidaten aufgestellt und haben ihr Wahlprogramm veröffentlicht. Eine Anzahl Genossen sind in mehreren Kreisen als Kandi⸗ daten aufgestellt.
Für erhöhte Tabaksteuer machte die konservative„Kreuzzeitung“ Stimmung. Bei den in sehr hohe Berliner Kreise hinaufreichen⸗ den Beziehungen des Junkerblattes ist anzu⸗ nehmen, daß es bestimmte Pläne widerspiegelt und daß es sicher ist, daß im Rahmen der sogenannten Reichsfinanzreform auch höhere Einnahmen aus dem Tabak erzielt werden sollen, wie das übrigens schon im Laufe des Winters wiederholt angekündigt wurde.„Be⸗ ruhigend“ wird diese Ankündigung natürlich sicher nicht wirken, und es wird vergebliche Mühe der Anhänger der Tabalsteuer sein, diese als harmlos und nicht belastend hinzustellen.
Freiheitskampf.
Gegenüber alldeutschen, antisemitischen und sonstigen geist⸗ wie gemütsarmen Kriegshetzern, die mit mordspatriotischen Phrasen uns am liebsten gegen alle Welt in Rüstung bringen möchten, widmet der„Simplizisstmus“ eine Nummer dem Frieden mit Frank reich. Da finden wir ein Gedicht von Thoma, das jenen großsprecherischen Radaumachern gegen⸗ über auf einen viel dringenderen geistig en Kampf hinweist, für den wir, statt gegen Frank⸗ reich unsere äußerliche militärische Kraft zu messen, besser von diesem Nachbarn lernen sollten: Das ist der Kampf für die Freiheit, für die innere Freiheit, in politischer wie in geistiger Richtung. Die Verse werden allen, denen das sich immer breiter bei uns machende„schneidige“ und dabei innerlich so spießbürgerlich armselige Kraftmeiertum zuwider ist, aus tiefster Seele gesprochen sein. Sie lauten:
Deutschland und Frankreich. Hebt hoch das Glas! Wir wollen sagen So lieben wir dich, deutsches Land,
Wie Mutterschoß, der uns getragen; Und Ehrfurcht heiligt unser Band.
Doch wer dich hegt in treuem Herzen, Der will für dich kein Heldentum, Erkauft um bitt're Mutterschmerzen, Der wünscht dir keinen eitlen Ruhm.
Nicht was an dir die Fürsten preisen Und Pfaffen segnen, gilt uns wert. Sei du als Heimat uns der Weisen, Als Land der Arbeit sei geehrt.
Es sollen dir die besten Siege
Für Freiheit noch beschieden sein, Und reich die Hand in diesem Kriege Der edlen Schwester überm Rhein!
Ja, wie große Aufgaben wären uns da noch zu erfüllen! Denken wir an unsre Zoll⸗ wirtschaft, unsre Kirchenpolitik, unsre Wahl⸗ beschränkungen, an die grundsatzlosen Willkür⸗ lichkeiten unsrer feudalen Regierung, an die vornehme Geheimniskrämerei in der äußern Politik usw.! Offenbar denkt der Dichter im Besondern an den französischen Kulturkampf, in dem auch unser Genosse Jaures eine so hervorragende Rolle spielte.
Aber zu dem Allen gehörte noch ein viel kraftvollerer demokratischer Wind, als wir ihn leider, leider zur Zeit in Deutschland haben! Es ist zu traurig, daß da unsre bürgerliche Demokratie so jämmerlich versagt. Da stehen, wie in jedem Volk und zu allen Zeiten, die beiden großen Richtungen auch bei uns sich gegenüber: Aristokratie und Demokratie, die Herrschaftspartei und die Freiheitspartei! Statt nun die eine von beiden zu fördern, hat sich der bürgerliche Liberalismus zwischen sie gestellt, und ist zwischen ihnen förmlich zerrieben worden. So hat Eugen Richter seine Kräfte im„Zweifrontenkampf“ vergeudet, so ist Pfarrer Naumann bei der letzten Wahl mattgesetzt worden, weil er schließlich ebenso kräftig gegen uns, als gegen die Reaktion zu Felde zog.
Wenn's anders würde, wenn wir einmal eine wirklich charakterfeste Demokratie, einen nicht nur sogenannten„Liberalismus“ hätten, da könnte vielleicht auch bei uns in Preußen⸗ Deutschland das immer energischere Rückwärts⸗ steuern aufgehalten werden, könnte eine frei⸗
heitliche, volksfreundliche Politik gemacht werden. Aber selbst auf die Demokraten, der am weitesten nach links stehenden bürgerlichen Partei ist nicht der geringste Verlaß. Nur die Sozialdemokratie ist die wahre Freiheitspartet.
Ein„nationaler“ Entrüstungsrummel
erhob sich kürzlich über einen Artikel der„Mün⸗ chener Post“, unseres dortigen Parteiblattes. Der Artikel weist darauf hin, daß bei dem Marokkokonflikt tatsächlich die Lage eine gespannte und gefahrvolle war. Es hätte leicht dahin kommen können, daß mehrere Millionen Menschen marschieren mußten und hingeopfert wurden, ohne daß die Volksver⸗ tretung nur mit einer Silbe gefragt worden wäre. Auf diese Art würde das Volk zum Schlachtokeh degradiert.
„Wir wollen also den sehen, schließt der Artikel, der uns mit vernünftigen Gründen— Phrasen haben bei uns keinen Kurs— be⸗ streitet, daß ein Schwein, das zum Schlachten geführt wird, im Grunde besser daran ist, als ein deutscher Soldat, der für einen solch aus⸗ gemachten Humbug wie der Marokkokoller sein Leben hätte hingeben müssen.“ i
Daraus fälschte die bürgerliche Presse, die Münchener Post habe die deutschen Soldaten, die den„Heldentod“ sterben, mit Schweinen verglichen und so war der Entrüstungs⸗-Tamtam fertig. Für den Artikel, dessen Verfasser der frühere Offizier Rud. Kraft ist, machte die „Tägl. Rundschau“ den Gen. v. Vollmar verantwortlich und Vollmar hatte merkwürdiger⸗ weise nichts Eiligeres zu tun, als durch ein Telegramm an das bürgerliche Blatt zu er⸗ klären, daß er mit dem Artikel nichts zu tun habe. Mit Recht tadelt die ganze Partei⸗ presse das Verhalten Vollmars. Was konnte ihm, was kann überhaupt einem Parteigenossen daran liegen, wenn sich die bürgerliche Presse über ihn entrüstet! Und hielt er eine Erklärung für nötig, so standen ihm Parteiblätter zur Verfügung. Nach seiner neueren Erklärung hatte er den Artikel noch gar nicht gelesen! Sonst würde er gewiß nichts dagegen einge⸗ wendet haben. Wir wenigstens sind mit dem Artikel vollkommen ein verstanden.
Wem nützt die Kolonialpolitik?
Noch präziser müßte die Frage lauten: Wer steckt einen großen Teil des Geldes ein, das für die Kolonien bewilligt wird? Antwort darauf findet man in einer neulichen Veröffent⸗ lichung in der„Deutschen Tageszeitung“, in welcher der Vorsitzende der Gruppe Meiningen der deutschen Kolonialgesellschaft Gersten⸗ hauer heftige Angriffe gegen die kapitalistische Ausbeutung, die die„Südwestafrikanische Sied⸗ lungsgesellschaft“ betreibt. Er wirft der mit Staatsmitteln glänzend unterstützten Gesellschaft vor, daß ste die Besiedlung der Kolonie er⸗ schwere, statt sie zu erleichtern, und aus dem Verkauf der ihr geschenkten Ländereien unge⸗ heuere Gewinne herauswirtschafte. Nach der eigenen Bilanz des Hauptmachers der Gesell⸗ schaft Herrn Vohsen⸗Essen habe seine Gesell⸗ schaft bei einem Aktienkapital von 163000 Mk. bis 1903 einen Gewinn von 517000 Mk. erzielt. Herr Gerstenhauer schreibt:
„Wir müssen gegenüber den Sonderinteressen gewisser Unternehmer, die auf Staatskosten Profit suchen, das Staatsinteresse, die Interessen der Gesamtheit ver⸗ treten. Das ist eine Forderung, von der die ganze Existenz der deutschen Kolonien abhängt. Denn wenn wir ihr nicht gerecht werden, so werden allmählich die Steuerzahler und ihre Vertreter im Reichstage der un⸗ aufhörlichen zwecklosen Ausgaben müde werden, und damit wären die deutschen Kolonien überhaupt verloren. Diese Kolonialmüdigkeit ist jetzt schon da; schon jetzt ist durch die Konzessionspolitik, durch die Praxis gewisser Gruppen von kolonialen Unternehmern, die es liebte, mit Reichszuschüssen und auf Reichskosten zu operieren, unsere Kolonialpolitik in Mißkredit geraten. Am 20. Oktober 1902 schrieb uns ein hochangesehener Ansiedler, der bekannte E. Hermann⸗Nomtsas über die„Kolonial⸗ schmarotzer, Konzessionsjäger und Landspekulanten“: „So fließt der ganze Kolonialetat in die Taschen weniger„Wissenden“, und die Kolonie bleibt arm und wimmelt von rui⸗ nierten Existenzen.“
Herr Gerstenhauer, der für Kolonien ist,
glaubt höchst irrtümlicherweise die Kolonial⸗ müdigkeit dadurch zu bekämpfen, indem er den kolonialen Kapitalismus bekämpft. Vergebliches Bemühen! Die Kolonialpolitik ist eine Teil⸗ erscheinung der kapitalistischen Wirtschaft und man kann mit ihr keinen Hund mehr vom Ofen locken, wenn mit ihr keine Geschäfte mehr zu machen sind. Unsere Kolonialpatrioten pfeifen in dem Augenblicke auf die ganzen Kolonien, wenn sie sich dabei nicht bereichern können.
Und wie's gemacht wird, geht aus einem Briefe hervor, der sich im Organ der Deutschen Kolontalgesellschaft fludet. In Windhuk, heißt es da, herrsche ein mächtiges Leben und Treiben. Große herrsche; die Kaufleute machten große Geschäfte. Die meisten der früher in den Stores(Läden) Angestellten hätten sich selbständig gemacht. Ein früherer Handlungsgehülfe der Damara⸗ und Namaqua⸗Handelsgesellschaft hat vor einem halben Jahre einen Kramladen eröffnet und in der kurzen Zeit 15000 Mk. zurück⸗
elegt. Die Farmer haben dabei das Zu⸗ schen bis auf wenige, die durch Frachtfuhren schönes Geld verdient haben.
Da bestreite einer noch den Segen der Kolonien! 15000 Mk. in einem halben Jahre erspart! Aber— dieser ungeheure Verdienst ist in der deutschen Heimat aufge⸗ bracht! Dadurch, daß ungeheure Truppen⸗ massen in die nutzlose Sandwüste geschickt werden, blüht dort„das Geschäft“! Aus dem Lande selbst ist nichts zu ziehen, durch Arbeit nichts zu verdienen. Aber wenn man die Situation benützt, um für alle Bedürfnisartikel Phantasiepreise zu nehmen, dann kann man zu „Ersparnissen“ kommen. Schließlich bezahlt ja das deutsche Volk alles, und auf einige Millionen, die nebenbei in die Taschen der Spekulanten fließen, kommt es nicht an. Diese Leute werden die Kolonialpolitik segnen und sich mehr Kolontalkriege wünschen. Auf der andern Seite müssen Tausende das Leben lassen in dem
zweck⸗ und erfolglosen Kriege, andere Tausende
kommen als Krüppel oder totkrank in die Heimat zurück.
Zwei Begnadigungs angelegenheiten.
Durch die Presse gingen dieser Tage zwei Mitteilungen, die als Gegenstücke zu einander zu verschtedenen Gedanken auxregen dürften:
Am 27. Mai v. J. hatte sich der Leutnant Haupt vom Grenadierregiment Nr. 123 wegen Mißbrauchs der Dienstgewalt zu verantworten. Das Urteil lautete wegen 59 Fällen fort⸗ gesetzter vorsätzlicher Mißhandlungen wäh⸗ rend der Ausübung des Dienstes, wegen neun Vergehen der Beleidigung, wegen sechs Vergehen der vorschriftswidrigen Behandlung, wegen zwei Vergehen der Anmaßung der Strafgewalt und wegen eines weiteren Vergehens der Anstiftung eines Untergebenen zu einer mit Strafe be⸗ drohten Abhandlung auf neun Monate Festung. Am 22. Februar d. J. wurde Leutnant Haupt, nachdem er sieben Monate der erkannten Strafe verbüßt hatte, begnadigt und mit schlichtem Abschied aus dem Heere eutlassen. Am 20. Juli d. J. meldet eine Extra⸗Ausgabe des Mil.⸗Woch.⸗Blattes Nr. 88:
„Haupt, Kgl. Württemb. Leutnant a. D., zuletzt im Gren.⸗Regt. K. K.(5 Württb.) Nr. 123, in der Preuß. Armee mit Patent vom 7. Februar 1900 als Leutnant d. R. des Rhein. Train⸗Bat. angestellt und vom 1. Aug. 1905 ab auf 1 Jahr zur Dienstleistung bei diesem Bataillon kommandiert; während dieser Dienst⸗ leistung ist sein Patent als vom 16. Februar 1900 datiert anzusehen.“
Also ein Offizier, der wegen gröblicher Dienstverfehlungen, wegen schlimmsten Miß⸗ brauchs seiner Dienstgewalt zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, erhält nicht nur im Wege der Begnadigung einen Teil der Strafe erlassen, sondern er wird nach einer kurzen Karenzzeit von einigen Monaten wieder dem Offizierstande zugeführt. Es muß schon auffallen, daß dieser Mann nicht zugleich mit seiner Verurteilung den schlichten Abschied erhalten hat; er hat so bei der Festungshaft noch von dem Offizierstitel profitiert. Ihn
aber am 22. Febr. entlassen und am 20. Jult
als Reserveleutnant wieder anstellen mit ein⸗
Wohnungsnot


