Ausgabe 
5.11.1905
 
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Seite 6.

N

Nr. 48.

Mitteldeutsche Sonulaßz⸗ Zeitung.

Auf zur Landtagswahl!

Parteifreunde! Die Land⸗ tagswahlen sind nunmehr ausge⸗ schrieben. Die

Wahlmännerwahlen sind bereits auf Mittwoch, den 15. November

festgesetzt. Die Abgeordnetenwahlen sollen am 28. November stattfinden. Es bleibt daher nur noch kurze Zeit zur Agitation übrig, die unsere Freunde tüchtig ausnützen müssen. Ueberall, wo die Vorbereitungen noch nicht beendet sind, muß so⸗ fort die letzte Hand angelegt werden! Wegen etwaiger Aus⸗ künfte wende man sich an den Vorsitzenden des Kreiswahlvereins Gg. Beckmann, Gießen, Grün⸗ bergerstraße 44. Die Sonntag erscheinenden Flugblätter wollen unsere Genossen allerorts

zweckmäßig und richtig verteilen. Wahlberechtigt ist jeder 25 Jahre alte Hesse,

der seit dem 1. April 1905 irgend welche

(Staats⸗ oder Kommunal-) Steuern zahlt.

Wähler! Die Angehörigen der werk⸗ tätigen Bevölkerung haben im Wahlkreise Gießen⸗ Land die erdrückende Mehrheit. Sie haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß nicht wieder ein Feind des direkten Wahlrechts, ein Mann, der die Lebensmittelverteuerungs⸗ Politik unterstützt und die rückständigsten An⸗ schauungen vertritt, als Vertreter unseres Kreises in den Landtag einzieht!

Das Wahlkomitee.

von Nah und Fern.

Jahre Zuchthaus wegen ein paar Blumen!

Von einem Klassenurteil schlimmster Art wurde vor wenig Tagen aus Siegen be⸗ richtet. Dort hatte die Witwe Heinrich Meier auf dem Kirchhof Blumen gestohlen und ver⸗ kauft. Ob sie nun rückfällig ist, ob sie den Diebstahl aus Not oder Profttsucht ausgeführt hat, wird nicht mitgeteilt. Gleichb iel erscheint aber die von der Strafkammer erkannte Strafe von Jahren Zuchthaus als eine ganz außergewöhnliche harte, besonders im Hin⸗ blick auf die überaus milden Urteile, die täg⸗ lich gegen Millionendiebe, Börsenschwindler, und Soldatenschinder erlassen

erden.

Krankenka ssen⸗Schwindel.

Vor der Strafkam mer in Hanno ver hatten sich dieser Tage die Gründer und Leiter der verkrachten HülfskrankenkasseThalia wegen ihres Tuns und Treibens zu verantworten. Unter ihnen sind einige vom Unionprozeß her bekannt der Schreiber Karl Schomburg und Kauf⸗ mann Karl Kurre, von denen sich Schomburg noch in Haft befindet. Ferner sind angeklagt der frühere Vizefeldwebel, Kaserneninspektor und Inhaber eines Militäreffektengeschäftes in Dieden⸗ hofen, auch Hülfsgerichts diener in Frankfurt a. M. Josef Hennes, der jetzt wieder in Hachen⸗ burg ⸗Westerwald unter dem klingenden Namen⸗ 2Landeskranken⸗ und Sterbekasse eine neue Hülfskrankenkasse mit ins Leben gerufen hat

Der aus Coppenbrügge gevürtige Schlosser Heinrich Wichmann und der jetzt erst 23 Jahre alte Sattler Wilhelm Renner. Schomburg stammt aus Bevern, Kurre wohnt in Linden, beide sind bereits wegen Betruges und Ver⸗ gehens gegen das Versicherungsgesetz vorbestraft. Im März 1903 fand die wichtigste Tätigkeit der Kassengründer statt, die Generalversamm⸗ lung, in der die Vorstandsämter verteilt und die enormen Einnahmen festgesetzt wurden. Schomburg wurde zum ersten, dessen Schwager Renner zum zweiten Vorsitzenden, Hennes auf seinen Wunsch zum Kontrolleur, Wichmann zum ersten, ein inzwischen verstorbener Pole Jachinski zum zweiten Beisitzer und ein Ar⸗ beiter Hoffmann zum Revisor gewählt. Der sogenannte geschäftsführende Vorstand erhielt ein monatliches Gehalt von 350 Mk., 5 Prozent Tantieme von der Einnahme, 20 Mk. Reise⸗ spesen pro Tag außer Fahrgeld 2. Klasse pro Mann zugebilligt. Die Generalversammlung bestand nur stets aus Vorstandsmitgliedern und ein paar polnischen Arbeitern, die von den Be⸗ ratungen überhaupt nichts verstanden. Die Beschlüsse wurden laut Protokoll natürlich alle durch Zuruf gefaßt. Auf Grund dieser Be⸗ schlüsse bezog dann Hennes ein Einkommen von über 7000 Mk., Schomburg ein solches von rund 8000 Mk. aus der Kasse. Festgestellt wurde, daß bei Revistonen und bei Besuchen seitens der Gerichtsvollzieher in der Kasse fast nie Geld gewesen ist. Einen Reservefonds gab es nicht. Aus den Sitzungsprotokollen ging hervor, daß die für Tausende von Menschen verhängnisvollen Beschlüsse des angeblichwohl⸗ tätigen Instituts uur von den Eingeweihten gefaßt wurden. Die Angeklagten suchten vor Jahren auch in unserer Gegend Mitglieder für ihreKassen, gewannen auch hier und da solche, die dann natürlich ihre Groschen umsonst geopfert hatten. Solchen Gründungen gegen⸗ über ist stets Vorsicht geboten.

r 7 Auterhallungs Teil.

Massenstreik⸗Marseillaise.

Auf, Volk der Arbeit, sei gerüstet, Steh' kampfbereit, klar zum Gefecht! Wenn es dem bösen Feind gelüstet Zu rauben dir dein gutes Recht, Dann schreite ernst zum heil' gen Kriege Mit unerschrocknem Mannesmut, Schür' der Begeist'rung helle Glut Und stürme vor, durch Kampf zum Siege. Wir ziehen ins Gefecht Für unser gutes Recht. Kein Ambos dröhnt, kein Fammerschlag Heut' ist der Freiheit Tag!

Will man das Wahlrecht dir verkümmern, Dann stehe wie ein Baum zum Hauf'; Will die Gewerkschaft man zertrümmern, Dann raff' zur mut'ger Tat dich auf. Will man das Volk in Ketten schlagen, Dann laß' die roten Banner weh'n, Sum Sturm voraus den Heerbann geh'n Beim Trommelschall zu kühnem Wagen. Wir ziehen ins Gefecht Für unser gutes Recht. Kein Ambos dröhnt, kein Fammerschlag Heut' ist der Freiheit Tag!

Vom Bau, vom Acker, aus der Grube, Aus der Fabriken stick' ger Cuft, Aus enger Werkstatt, dumpfer Stube Herbei, herbei, die Freiheit ruft! Kein Schlot raucht, Ruhe herrscht im Hafen Und alle Räder stehen still, weil es der Arbeit Volk so will Nicht länger will im Frondienst sklaven. Wir ziehen ins Gefecht Für unser gutes Recht.

und angeblich bei dieser noch tätig ist. Weiter:

Kein Ambos dröhnt, kein Hammerschlag Heut ist der Freiheit Tag

Reicht euch die Hand, ihr Millionen, Sum festen Bunde treuvereint. In Ehren wird die Arbeit thronen, Wenn uns des Sieges Sonne scheint. Wer wagt's, die Freiheit anzutasten?! Es stockt der Pulsschlag der Kultur, Das Räderwerk der Weltenuhr, Wenn unsere fleiß' gen Arme rasten! Wir ziehen ins Gefecht Für unser gutes Recht. Hein Ambos dröhnt, kein Hammerschlag Heut' ist der Freiheit Tag! (Hamb. Scho.

Hoffnungen. Skizze von F. Feilguß. Marie! So klingt es weich und innig

in dem kleinen, aber überall sauber erscheinen⸗ den Dachstübchen, und dabei erfaßt er die Rechte des jungen Mädchens, das vor ihm am Fenster mit den blühenden Nelken sitzt. Nur ihren Namen hatte er genannt, aber das genügt, um eine Welt voll Seligkeit in ihrem Herzen wachzurufen. Ach, sie war ja so glücklich, daß sie hätte laut aufjauchzen mögen, ob der Freude und Wonne, die in ihrem Herzen ein⸗ gezogen. Ihre strahlenden Blicke schweifen hin⸗ über über das von der Morgensonne über⸗ gossene Meer von Dächern, hinter dem fernen Horizont, um endlich auf dem Antlitz des jungen Mannes haften zu bleiben. Und wäh end sie zu ihm aufsteht voll unendlicher Liebe, ent⸗ fährt es sanft ihrem Munde:

So ist es dennoch wahr geworden, Her⸗ mann, was seit so langer Zeit nur im Traum uns vorgeschwebt! Das große Glück ist zur Wirklichkeit geworden. Ein gütiges Geschick hat es gefügt, daß wir uns angehören dürfen.

Ein guͤtiges Geschick, ja du hast recht, Marie, entgegnete der junge Mann,nach langer Zeit voller Trübnis sind wir am Ziele unser Wünsche. Nur ein Tag noch trennt uns von der Hochzeit.

Des Mädchen Antlitz leuchtet auf voll un⸗ endlicher Glückseligkeit. Am liebsten hätte sie laut aufjubeln mögen. Nach Tagen voll bitteren Herzeleides war auch für sie endlich die Freude wieder gekommen.

Sie hatten sich lange schon lieb gehabt. Damals auf einem kleinen Vereinsvergnügen hatten sie sich kennen gelernt und seit jener Zeit hatten ihre Herzen sich gefunden. Hermann Bender, ihr Bräutigam, war Dachdecker. Wie sie von vielen hatte rühmen hören, sollte er ein sehr geschickter Arbeiter sein. Ihrem Herzens⸗ bunde aber schien der Dämon des Schicksals feindlich gegenüber zu stehen. Hermann hatte als einziger Sohn für seine Eltern zu sorgen. Bei seinem Verdienst konnte er bei Lebzesten seiner Eltern nicht daran denken, seinen eigenen Hausstand zu gründen. Zu entsetzlich war ihm der Gedanke, daß sein junges Weib das Leben gleich mit Not und Entbehrung hätte beginnen sollen. Nur eines konnte er rollbringen, ent- weder der Gewalt der Liebe sich unterwerfen, um seinem Weibe ein bescheidenes Heim zu bieten, aber seine Eltern mußten sür ihn dann in den Hintergrund treten, oder er mußte der treue Ernährer von Vater und Mutter bleiben und seiner Braut somit auf unbestimmte Zeit entsagen. Wie manchesmal hatte dieser Ge⸗ danke ihn seiner ganzen Schaffensfreudigkeit beraubt und ihn oft einen Ekel an der Welt empfinden lassen. Nur wenn er dann des Abends mit seiner Marie zusammen kam, und diese ihm gebot nicht zu verzagen, sondern aus⸗

ehen, dann schöpfte er immer wieder Hoffnung.

Der Glaube an eine neue, schönere Zukunft hatte ihn nicht betrogen. Vor einigen Wochen hatte er eine ansehnliche Summe in der Lotterie gewonnen. Nun waren die Tage des Harrens vorüber. Das Schicksal war ihnen also freund⸗ lich gesinnt gewesen und Fortuna hatte ihr Füllhorn über Herrmann und Marie ausge⸗ schüttet. Jetzt konnten sie sich angehören, ohne daß er seine Eltern der bitteren Not preis zu

geben brauchte.

von den Lippen des jungen Mannes, hoch oben

155 80 und freudig der Zukunft entgegen zu