Ausgabe 
5.11.1905
 
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Nr. 45.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeimung.

Seite 7.

Wenn das Band fürs Leben geschlossen war, dann wollte er sich ein eigenes Geschäft gründen und dann mußte ja die Zukunft sich heiter gestalten. f

Ganz erfüllt von diesem freudigen Gedanken war er auch heute Morgen vor Marie getreten, um ihr guten Morgen zu wünschen, bevor er sein Tagewerk begann. Ihr holdes Bild sollte ihn bei seinem schweren Berufe umschweben, um ihm die Stunden an diesem letzten Arbeits⸗ tage vor der Hochzeit pfeilschnell entschwinden zu lassen.

Eeine Welt voll Hoffnungen in der Brust ist er dann von ihr geschieden. Heute war es grade noch ein sehr böses Stück Arbeit, das ihn erwartete. Es galt am Turm der Stadt⸗ kirche eine Reparatur vorzunehmen. Aber was gab es für ihn den geschickten Kletterer denn eigentlich Schweres?

Bezwungen lag das Schicksal, das ihm immerdar feindlich gesonnen gewesen, am Boden. Er war am Ziel seiner Wünsche und Hoff⸗ nungen. Was sollte ihm jetzt noch geschehen? Ihm, der in der Gunst der Glücksgöttin sich sonnte.

Bei dem Frühstück spendete er seinen Kollegen zur Feier des Tages reichlich Bier. Er selbst, der im Rufe eines äußerst soliden Menschen stand, hatte wacker mit angestoßen, warum auch nicht? Am Tage vor der Hochzeit! Ach, er war ja so glücklich, daß er die ganze Welt hätte umarmen mögen. Und darum sollten auch seine Kameraden an seinem Glücke sich freuen. N

Leichten Herzens stieg er auf den Dachstuhl des Kirchturmes.

In dem heitersten Blau wölbte sich der Himmel über ihm. Durch den plötzlichen Be⸗ such gestört, flogen einige Dohlen mit heiserem Krächzen davon. Fern am Hortzonte sind die Berge in einen grauen Nebel gebettet. Von unten dringt das Leben und Treiben der Straße zu ihm herauf. f

Mit geschickter Hand begann er seine Arbeit. Doch was ist das? Mit einem Male schleicht ein eigenartiges Gefühl ihm nach dem Herzen. Er kann es selbst sich nicht erklären. Wie ein Schleier legt es sich vor seine Augen. Ihm deucht, daß die Berge vom fernen Horizont langsam sich zu bewegen beginnen. Und wie er wieder hinblickt auf seine Arbeit, da ist ihm, als wenn der Turm unter ihm schwände. Seine Glieder zittern in dicken Tropfen tritt der Angstschweiß ihm auf die Stirn. Immer toller beginnt der Horizont ihn zu umkreisen. Die Dohlen, die ihn umfliegen, scheinen anzuwachsen zu gräßlichen Ungeheuern und unten aus der Tiefe klingt es bald wie Wogen der Brandung, bald wie fernes Glocken⸗ geläute und Orgelbrausen süß berauschend harmonisch.

Und doch will er mit Gewalt sich aus diesem Zustand reißen. Vergebens. Vor seinen Augen flimmert es immer toller. Der Stütz⸗ punkt unter seinen Füßen schwindet seine Hände greifen in Todesangst nach einem Halte, aber sie greifen ins Leere. Ein Schrei dringt von seinen Lippen markerschütternd dann ist es geschehen.

Totenstille herrscht wieder um den Turm der alten Stadtkirche. Die Dohlen sind von ihrem lästigen Besuche befreit. In dem er⸗ habensten Blau aber spannt das Himmelsge⸗

nd die Sonne sendet

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Unten hat man eb f

Körper in den Flur eines Hauscs gelragen⸗ Am anderen Tage konnte man in der Zeitung

lesen: Gestern ist ein junger Dachdecker von

der Stadtkirche abgestürzt. Er war sofort tot.

Allerlei.

rechtzeitig die Sampen anzünden

Im Herbste, wo die Dämmerung schon immer früh hereinbricht, pflegen die Schulkinder nur zu leicht noch bei ganz unzureichender Be⸗ leuchlung zu lesen und zu schreiben, ja, man

steht die Mädchen häufig bis spät in die fast

völlige Dunkelheit hinein mit feinsten Häkel⸗ und Strickarbeiten beschäftigt. Da es nun all⸗ gemein bekannte Tatsache ist, daß die unge⸗ wohnte Anstrengung der Augen beim Schreiben, Zeichnen und Lesen in Dämmerlicht ungemein die Augen und das Sehvermögen schwächt und die Kurzsichtigkeit, dieses in abschreckender Weise weiter verbreitete Uebel befördert, so haben Eltern und Erzieher gerade in der Herbstzeit ihr Augen⸗ merk auf die Erhaltung der Sehkraft ihrer Kinder oder Zöglinge zu richten. Zu rechter Zeit die Lampen anzuzünden, sei ihnen in der Jetztzeit ernste Pflicht! Das sogenannte Zwie⸗ licht ist der schlimmste Feind der Augen, den aber rechtzeitige Aufmerksamkeit beseitigen kann.

Aphorismen.

In denGemeinnützigen Blättern des Rhein⸗Main⸗Verbandes für Volksvorlesungen finden wir folgende treffende Aphorismen:

Vorwärts, vorwärts drängen die Denker und Künstler immer anspruchsvoller und reicher werden die Geister, immer feiner und empfindlicher die Seelen; auf immer engere Kreise konzentriert der Einzelne seine Arbeitskraft zu intensivster Ausbeutung, immer enger wird der Kreis derjenigen, die die vordersten Vorläufer der Kultur noch im Auge zu behalten vermögen. Und das Volk? Ist das wohl die gleiche göttliche Bestimmung der Mensch⸗ heit, daß sich ewig unüberbrückt diese Kluft auftun sollte? Der homo sapiens und die misera contri⸗ buens plebs?

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All die Spruchsätze, Zitatensammlungen und Antho⸗ logien! Gekaufte Blumen statt der selbst gepflückten! Eine dünne Bildungstünche zum äußeren Aufputz innerer Hohlheit! Was bedeutet mir doch eigentlich ein Zitat, das ich im Bedarfsfalle irgendwo nach einem alpha⸗ betischen Verzeichnis aufschlage? Es fehlt so vielen Menschen die Fähigkeit innerer Sammlung, die zur Verarbeitung jedes ernsten Buches gehört. Die äußere Sammlung für ein paar Mark soll sie ersetzen.

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Wenn man auf den Visitenreisen in den Salons unsre Klassiker stehen sieht, die Namen in Gold⸗ lettern auf dem Buchrücken: HerdersIdeen, Lessings Erziehung des Menschengeschlechts, SchillersAesthe⸗ tische Briefe, GoethesFaust ist's nicht oft wie ein Schimmer aus einer ganz anderen, fremden Welt? Toilettenfragen und Küchenzettelsorgen, kleinlicher Kla tsch und geistlose Vereinsmeierei, Kaffeegesellschaften und Stammtischabende, wenn's hoch kommt, Sportinteressen und Sammelliebhabereien und zu dem allen die Geschäfte wo bleibt für jene Raum?

Lebendig machen, was sie gedacht haben, das wäre die Aufgabe!

Das WortSchlagwort ist allmählich selbst zum Schlagwort geworden. Man nennt den Idealismus, die soziale Frage, die Kunsterziehung, die Gewissens frei⸗ heit und so manches andere Schlagworte, dann ist man damit fertig.

Das geht auch mit dem WorteVolksbildung.

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Ueber die Gefahren der Halbbild ung kann man viel weise Reden hören. Nun, diese Gefahren zu bekämpfen giebt es zwei Wege: Entweder nämlich, die halbe Bildung zu einer ganzen vertiefen oder das Volk in völliger Unbildung und Roheit lassen. Der letztere Weg ist natürlich der bequemere.

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Dieidealen Gedanken unserer großen Denker und Dichter mit einem überlegren Lächeln abtun das hilft am besten über ihr Unbequemes und Beunruhigen⸗ des hinweg. Denn alle idealen Gedanken schmecken

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Jiculich dctute uu jemand, daß doch eigentlich Lessing, Schiller und Goethe nicht so rechtkirchlich gewesen seien. Ich fragte dagegen, ob wohl die Schuld daran allein auf Lessings, Schillers und Goethes Seite gelegen habe?

Splitter.

Erziehung ist das größte Problem und das schwerste, was dem Menschen kann aufgegeben werden. Denn Einsicht hängt wieder von der

Einsicht ab. Kant.

Humoristisches.

Keine Schweinenot. Ede: Ick bejreife jar nich, wodrum det die Ministers von dieSchweinenot nischt wissen wollen? Jude: Aber, Ede, det is doch sehr eenfach! Weil die aus die höheren Kreise sind und da jiebt etSchweine mehr als jenug!

(Südd. Postillon.)

Gemütlich. Student:Kathi, was habe ich zu zahlen?) Kellnerin:Eine Mark fünfund⸗ fünfzig, Herr Doktor! Student:Schön, können Ste mir auf 10 Mark herausgeben? Kellnerin: Jawohl, Herr Doktor, hier acht Mark fünfzig! Student:Gut. Das Zehumarkstück bringe ich Ihnen beim nächsten Mal mit! g

Unter Patrioten. Gast(an der Festtafel): Kellner die Kompotschüssel!l Vereinsvorstan d: Unterlassen Sie mal jefälligst solche politische Anspielungen, sonst fliegen Sie naus! Hier sind Sie in keinem Arbeiter verein verstanden?

(Südd. Postillon.)

Das Uhren- und Goldwarengeschäft

von D, Kaminka befindet sich jetzt Marktplatz 11

am Kriegerdenkmal.

Literarisches

Wie sollen wir unsere Kinder ohne Prügel erziehen? Ueber diese Frage hat Julian Bochardt eine Broschüre im Verlage der Buchha idlg. Vorwärts erscheinen lassen. Der Verfasser geht von dem Gedanken aus, daß die Prügel in der Schule zu verwerfen seien, daß aber auch das Prügeln der Kinder im Hause für das körperliche und geistige Entwickeln des Kindes ver⸗ derblich sei. Er gibt dann vielfache Aaregung, wie man die Kinder ohne Prügel erziehen kann. Der Preis dieser Broschüre beträgt 30 Pfg., diese ist durch die Exped. der Mitteld. Sonntagsztg. zu beziehen.

Empfehlenswerte sozialistische Schriften! Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen:

Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk.

Ratgeber für Arbeiter, eine Zusammenstellun g der wichtigsten Bestimmungen der Arbeiter Versicher ungs⸗ gesetze und der bürgerlichen Gesetzgebung ꝛc. 20 Bogen Taschenformat. Verlag der Leipziger Buchdru clerei⸗ Aktiengesellschaft. Preis gebunden 1,25 Mk.

Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg.

Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg.

Grundsätze und Forderungen der So zial⸗ demokratie. Von Karl Kantsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg.

Der Zukunftsstact der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg.

Das Kommunistische Manifest. Von Karl Marx und Friedrich Engels. Preis 15 Pfg.

Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg. komplett in 50 Heften.

Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg.

Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft à 10 Pfg. 5

Generalstreik und Sozialdemokratie. Von Henriette Roland⸗Holst. Mit Vorwort von Kautsky. Preis 1.20 Mk.

Intime Briefe Lassalles an seine Familien⸗

Angehörigen. Herausgegeben von Ed. Bernstein. Preis 3 Mk.

Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg.

Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische

Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg.

Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg.