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Mitteldeutsche Souutaas⸗Zeitung.
Nr. 45.
arbeiten, in den Ausschuß gewählt werden. Als wenn die Arbeiter nicht selber dafür sorgten! Die wählen solche aus dem sehr ein⸗ fachen Grunde nicht, weil sie sie nicht kennen und nicht wissen, ob sie als Ausschußmitglied geeignet sind. Es kann aber sehr leicht passteren, daß ein Arbeiter, der erst ein viertel oder ein halbes Jahr in den städtischen Betrieben beschäftigt ist als Mitglied des Ausschusses und zur Ver⸗ tretung der Interessen seiner Kollegen sehr ge⸗ eignet wäre. Ein solcher kann dann nicht ge⸗ wählt werden! Im übrigen ist ja die Ein⸗ richtung ganz lobenswert; nur müssen die Arbeiter tüchtige Vertreter wählen.
— Flugblattverteilung! Diesen Sonntag wird ein Flugblatt zur Landtags⸗ wahl im Landkreise Gießen verteilt. Unsere Gießener Genossen wollen sich hierzu recht zahl ⸗ reich zur Verfügung stellen und sich Sams⸗ tag Abend in der Wirtschaft Orbig einfinden. Unsere Freunde in den Landorten wollen sich ebenfalls um sorgfältigste Verteilung bemühen.
— Die Holzarbeiter⸗Versamm⸗ lung in Lonys Bierkeller am Montag war recht gut besucht und nahm das Referat des Kollegen Simon⸗ Augsburg beifällig entgegen. Der Verband hat in letzter Zeit recht gute Fortschritte gemacht; es gehören ihm jetzt etwa drei Viertel der hier beschäftigten Holzar⸗ beiter an. i
— Die Schneider hielten am Sams⸗ tag ihr Stiftungsfest im Café Leib ab. Es war nicht sehr stark besucht; von Mitgliedern anderer Gewerkschaften waren nur wenige er⸗ schienen. Besser wäre es jedenfalls, wenn mehrere Gewerkschaften bei Veranstaltung von Festen sich zusammenschließen.
— Ausschuß für Volks vorlesungen. Uns wird geschrieben: Schon vor anderthalb Jahrzehnten haben sichf in unserer Nachbarstadt Frankfurt a. M. opferwillige Männer zu einem„Ausschuß für Volks⸗ vorlesungen und verwandte Bestrebungen“ zusammenge⸗ funden, um an ihrem Teil und nach Kräften für die Hebung und Vertiefung der Volksbildung zu wirken. Diese Bestrebungen haben außerordentlichen Erfolg ge⸗ habt, und eine Reihe ähnlicher Gründungen ist ihnen gefolgt, so daß sich schon die sämtlichen Ausschüsse zu einem„Rhein⸗Mainischen Verband für Volksvorlesungen und verwandte Bestrebungen“ haben zusammenschließen können. Heute steht dieser Verband dank seiner vorzüg- lichen Organisation und unermüdlichen Agitation an der Spitze aller volkstümlichen Bildungsbestrebungen in unseren Landen. Gie ßen ist als Sitz der Landes uni⸗ versität und zahleicher Bildungsanstalten berufen, der geistige Mittelpunkt eines großen Gebietes zu werden. Deshalb haben sich Angehörige aller Stände aus unserer Stadt vereinigt, um die Bestrebungen des Rhein⸗ Mainischen auch hierher zu übertragen, Auf dem Pro⸗ gramm dieses Gießener„Ausschusses für Volksvor⸗ lesungen und verwandte Bestrebungen“ stehen: Volks⸗ vorlesungen, Volksunterhaltungsabende, volkstümliche Theatervorstellungen, Konzerte und Kunstausstellungen, Führungen durch Museen, Förderung des volkstümlichen Bibliothelswesen und Beratung einzelner bildungseifriger Personen Der Ausschuß als solcher ist politisch und religtös völlig neutral, Angehörige aller Parteien und Konfessionen find ihm willkommen ohne Unterschied des Standes, Alters und Geschlechtes. Notwendig aber ist, daß die bildungsinteressierten Einwohner unserer Stadt seine Bestrebungen unterstützen, alle durch Besuch seiner Veranstaltungen, die wohlhabendeu auch durch finanzielle Unterstützung, durch Beitritt zum Gesamtverband(Jahres⸗ beitrag 3 Mk.) Nur dann kann er hoffen, sein hohes Ziel zu erreichen, dann wird auch frisches, geistiges Leben in unserer Stadt erblühen.
Zu jeder Auskunft ist bereit: Oberlehrer Dr. A. Klein, Bismarckstr. 32 part.
Aus dem RAreise gießen.
Zu den Landtagswahlen.
— Herr Leun und das direkte Wahlrecht. Der„Gießener Anzeiger“ macht den komischen Versuch, Herrn Leun als bewährten Kämpfer für das direkte Wahlrecht hinzustellen. Das Blatt nennt unsere Agitation „skrupellos“ und meint, niemand habe das Recht, an der Erklärung Leuns, daß er für das direkte Wahlrecht eintrete, zu zweifeln. Der sich so naiv stellende Anzeiger mutet der Wählerschaft wirklich starken Glauben zu. Wenn's dem Anzeiger so ernst mit dem direkten Wahlrecht wäre, wie er vorgibt, müßte er schon etwas zweifelsüchtiger sein. Leun stimmte
gegen das direkte Wahlrecht! Taten
beweisen mehr als Worte. Die Erklärung
Leuns ist, wie Vetters in Garbenteich sagte,
etwa so aufzunehmen, wie die eines Mannes,
der stets sagt, er trinke keinen Alzohol, den man aber sehr oft betrunken über die Straße taumeln sieht!— Im Uebrigen rechnet das
Amtsblatt 25 Wahlmänner für Leun und 16
für uns heraus. Wir könnten also demnach
den Wahlkampf aufstecken und den Kreis den
Gegnern überlassen. Vorläusig tun wir das
aber noch nicht, unsere Wählerschaft muß viel⸗
mehr dafür sorgen, daß die Anzeiger⸗Rechnung
kläglich zu schanden wird! a
— Zu der Leun'sche Vertrauens⸗ männer⸗Versammlung, aus der wir in voriger Nummer einiges berichten konnten, wird uns mitgeteilt, daß ein Herr Reul, der dort nach unserem Bericht als Redner aufge⸗ treten sein, in Heuchelheim gar nicht ex ist iert. Unser Gewährsmann kann sich möglicherweise also mit dem Namen verhört haben. Doch die sachlichen Ausführungen sind tatsächlich so, wie wir berichteten, gemacht worden. Auch Herr Weißbinder Größer in Großen⸗Buseck be⸗ streitet, wie uns berichtet wird, an der Leun⸗ schen Versammlung teilgenommen zu haben. Es kann ja immerhin möglich sein, daß auch hier ein Irrtum mit dem Namen vorliegt. Aber wir betonen, daß jene Aeußerungen, die darauf hinausliefen im Geheimen für Leun zu agitieren, wirklich gefallen sind. Die Namen spielen ja dabei weiter keine Rolle, unsere Geuossen in den betreffenden Orten kennen schon ihre Leute. Aus Heuchelheim be⸗ teiligten sich übrigens mehrere an der Dis⸗ kusston.
— In Garbenteich fand Donnerstag Abend eine gutbesuchte Wählerversammlung statt, in der Abg. Dr. David die politischen Zustände in Hessen beleuchtete und besonders das Verhalten der bürgerlichen Parteien und der Ersten Kammer zur Wahlreform geißelte und auf die Schädigung des werktätigen Volkes durch die agrarische, die Lehensmittel verteuernde Zollpolitik hinwies. Seine Ausführungen wurden ebenso wie diejenigen des Genossen Vetters beifällig aufgenommen. Letzterer betonte am Schlusse, daß die Gegner kurz vor der Wahl es an Verunglimpfungen unserer Partei und ihrer Wortführer nicht fehlen lassen würden. Demgegenüber sollten sich nur die Wähler die Tätigkeit unserer Parteifreunde im Landtag und Reichstag, die auch von Seiten der Gegner wiederholt anerkannt worden sei, vor Augen halten und sich darnach bei ihrer Stimmabgabe richten.
Wähler⸗Versammlungen finden statt in: Heuchelheim, Samstag, 4. Nov. 8/ Uhr
abends bei Aug. Rinn. Redner Abg. Dr. Da vid.
Hausen: Samstag, 4. November 87/ Uhr abends bei Gastwirt Wallbott. Redner Vetters.
Großen ⸗Buseck: Samstag, 4. November 8½ Uhr abends bei Gastwirt Wagner (früher Größer). Redner Reichstagsabg. Scheidemann. 0
Staufenberg: Sonntag, 5 Nov. nachm. 3 Uhr bet Gastwirt Geißler. Redner: Scheidemann.
Rödgen: Sonntag, 5. November nachm. ½4 Uhr bei Gastwirt Wagner. Redner: Vetters.
Leihgestern: Sonntag, 5. Nov. 8 Uhr im„Löwen“. Redner: Scheidemann.
Gen. Ulrich spricht 11. und 12. Nov. in Wieseck und Steinberg.
— Strafverfolgung Köhlers. Gegen Bürgermeister Köhler⸗Langsdorf ist jetzt, nachdem der Landtag geschlossen und Köhler nicht mehr durch Immunität geschützt ist, wegen der bekannten Eberstädter Kindsmordgeschichte Anklage erhoben. Köhler hatte damals in der „Hungener Landpost“ schwere Angriffe gegen die in der Sache tätig gewesenen Medizinal⸗ und Gerichtsbehörden veröffentlicht. Später nahm er im Landtage seine Behauptungen
zurück. Der Redakteur jenes Blattes fiel mit
500 Mk. Geldstrafe herein. Die antisemitisch⸗ bündlerische„Volkswacht“ begleitet die Meldung von der erfolgten Anklage mit folgenden Sätzen: „Die nationalliberal-freistnnig⸗jüdische Clique zu Gießen freut sich dessen baß,— aber auch unsere Bauernschaft! denn die Bauern ersehen daraus, daß es noch Leute gibt, die für ste zu kämpfen und in selbstloser Hingebung ihr Alles aufs Spiel zu setzen bereit sind!“ Ein größerer Schwindel steht wirklich nicht mehr auf! Herr Köhler mag im guten Glauben gehandelt haben, er ist dabei hereingefallen, was jedem passteren kann. Aber den ziemlich täppischen Hereinfall als„selbstlose Hingebung“ für die Bauern ausschlachten zu wollen— das geht denn doch über die Hutschnur. Die Ver⸗
Strafkammer statt.
s. Die Maurer in Oberhessen fühlen endlich mehr und mehr, daß die Besserung ihrer Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen unbedingt notwendig ist und sie lernen den Wert der Organisation immer mehr schätzen. Am Sountag vor acht Tagen fand in Kohden bei Nidda eine Maurerversammlung statt, in der 50 Maurer erschienen waren. 29 davon gehörten schon vorher dem Verbande an und 16 traten noch bei, so daß die dort errichtete Zahlstelle 45 Mitglieder zählt. Es ist auch wirklich an der Zeit, daß unter den Ar⸗ beitern in Nidda und Umgegend mal ein wenig Auf⸗ klärung geschaffen wird.
Aus dem Rreise sriedberg⸗Büdingen.
k. Gewerbegerichtswahl in Friedberg. Seit Jahren hat sich das Friedberger Gewerkschafts⸗ kartell um die Errichtung eines Gewerbegerichts be⸗ müht. Endlich gab man dem Drängen der Arbeiter⸗ schaft nach und am Montag fanden die Wahlen statt. Nun hätte man meinen sollen, da andere Kreise für ein Gewerbegericht seither kein Interesse gezeigt hatten, es würde außer unserer Liste keine andere aufgestellt werden. Aber weitgefehlt; dennoch erschien eine Gegenliste und allgemein ist man der Meinung, daß die auf derselben bezeichneten Kandidaten von Seiten des Arbeltgeberver⸗ bandes aufgestellt waren, obwohl sich auch 20 Arbeit⸗ nehmer gefunden hatten, welche die zur Einreichung der Liste notwendigen Unterschriften hergaben. Die Herren Arbeitgeber haben dann auch die nötige Agitation für diese Gegenliste entfaltet, indem sie die Stimmzettel da⸗ für sel bst auf den Arbeitsstellen und Werkstätten ver⸗ tellten. Aber alle ihre Liebesmühe war doch vergebens Die Liste der Gegner erhielt ganze 33 Stimmen, während die Liste des Gewerkschaftskartells 392 erhielt, sodaß also trotz des Proportionalsystems, die Gegner noch nicht einmal einen Sitz im Gewerbegericht bekamen. Dabei war die Beteiligung eine äußerst starke. Von etwa 550 Wahlberechtigten stimmten 428 ab, gleich 78 Proz. Auch die Arbeitgeber erschienen, durch den Arbeitgeber⸗ verband eingeladen, in der Stärke von 78 Mann zur Abstimmung. Hier war nur eine List aufgestellt. Der Ausfall der Wahl zeigt wieder einmal, was die Einig⸗ keit der Arbeiterschaft vermag und dürften wohl die 33„u icht so zialdemokratisch gestnnten“ Ar⸗ beiter, wie es im Zirkular der Gegner heißt, für die Zukunft die Lust verloren haben, sich mit uns zu messen.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Die Stöcker leute waren am Sonn: tag im Hotel Kaltwasser zusammen. Wie dem Amtsblatt jedenfalls von den Haupt⸗Akteuren selbst geschrieben wird, sei die Versammlung von sehr vielen Orten des Kreises besucht ge⸗ wesen. Die Stöckerianer wollen den Wahlkreis Wetzlar unbedingt den Liberalen abnehmen und „die Sozialdemokratie am weiteren Wachstum hindern“, wie Herr Burckhardt sagte. Mit dem letzteren wird er aber sicher kein Glück haben, falls ihm das erstere wirklich gelingen sollte woran jedoch stark zu zweifeln ist. Burckhardt erzählte dann weiter, daß die„Reformpartei die Unterstützung den Christlich⸗Sozialen zuge⸗ sagt hätte. Dann stellte er den berühmten Behrens als Reichstagskandidaten vor. Dieser hielt eine Pauke, in er den Beitritt zum christlichen Bergarbeiter⸗Gewerkverein, dessen„Generalsekretär“ er ist, empfahl.
Das werden einsichtige Bergleute bleiben lassen. Auch sie leruen allgemach die„christ⸗ lichen“ Streikbrecher⸗Organisation richtig ein⸗ schätzen.
h.„Not der Land wirtschaft.“ Ueber eine Bauernhochzeit, die vorletzte Woche in Weyer bei St. Goarshausen a. Rh. drei Tage lang 0
wurde, war im Wetzl. Amtblatt zu lesen:„Die Zahl der Verwandten, Freunde und Bekannten, die sich zun
handlung findet Dienstag früh vor der Gießener
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