Ausgabe 
5.11.1905
 
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Seite 2.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Ar. 45.

In Petersburg erscheinen keine Zei⸗ tungen, da die Setzer streiken. Das Clektrizi⸗ tätswerk mußte den Betrieb einstellen, die Stadt war nachts in Dunkel gehüllt. In Moskau stellten bereits am Freitag das Wasserwerk, die Straßenbahn und die Gasanstalt den Be⸗ trieb ein.

Dem PariserTemps telegraphierte sein Petersburger Korrespondent am Sonntag: Allem Anscheine nach wird die gegenwärtige Krists mit dem Siege des Volkes endigen. An dem letzten Meetings in der Universttät nahmen Ministerialbeamte in Uniform teil. Man begrüßte sie mit Rufen:Hoch die Re⸗ volution! Nieder die Autokratie! Der Kaiser stehe vor der Alternative, die Konstitution zu gewähren oder den unmöglichen Versuch zur Herstellung der Ordnung durch die bewaffnete Macht zu machen. Die Aufgabe ist um so schwerer, als der Zar nicht mehr auf die Treue der Soldaten rechnen kann.

Ferner wurde am gleichen Tage berichtet: Die Revolutionäre sind gut bewaffnet und mit Bomben ausgerüstet. Die Regierung verlor die Kontrolle über die Probinzen. Wohlfahrtsausschüsse verwalten Mos⸗ kau, Charkow und Saratow. Die Behörden sind unfähig, Petersburg lange zu halten. Das Heer ist unzuverlässig, sogar die Garden sind verdächtig. Die Abdankung ist der einzige Ausweg.

Und weiter aus Petersburg: Die Arbeiter- verbände haben eine eigene Regierung gewählt und beschlossen, mit bewaffneter Hand die kaiserlichen Truppen zu bekämpfen. Der Aufstand greift immer weiter um sich. Ueberall werden Versammlungen abgehalten, worin die Bevölkerung zum Aufruhr aufge⸗ fordert wird. Die Studenten den Medizinischen Akademie beschlossen, in einer Resolution dem Zaren ihren Abscheu auszusprechen.

Aus Sosnowice(Polen) wird berichtet, daß die Menge der zarischen Konstitution mi 2⸗ traue. Man verlangt das allgemeine Wahl⸗ recht. Unter den Augen der Polizei und des Militärs wurden massenhaft Proklama⸗ tionen verteilt, in denen weitere Revolution, die Republik und das Verharren im Ausstande gefordert wird. Die Behörden ließen gewähren. Agitatoren hielten aufreizende Reden an die

Menge, die unter Vorantragen roter Fahnen

zum Polizeimeister und Prokuratur marschierte und die Freilassung mehrere politischer Häft⸗ linge forderte. Das Mißtrauen erscheint allerdings sehr berechtigt.

Politische Rundschau. Gießen, den 2. November 1905.

Der Reichstag

wird nicht am 24. sondern am 28. November zusamentreten. Die Einberufung auf dieses Datum ist bereits erfolgt. Wahrscheinlich wird man ihm die Flotten vorlage und die sogenannte Reichs finanzreform als die ersten, vor allen Dingen zu erledigenden Auf⸗ gaben vorlegen. Der Ertrag der Reichs⸗ erbschaftssteuer ist nicht auf 100 und mehr Millionen, wie es hieß, sondern, wie zu⸗ verlässig verlautet, nur auf ungefähr 60 Mil⸗ lionen für die Reichskasse veranschlagt.

Eine treffende Abfertigung

läßt Bebel dem Haupt⸗Zentrumsorgan, der Germanta zuteil werden. Das Zentrums⸗ blatt hatte sich bemüht darzulegen, daß wenn das Zentrum einer Erhöhung der Steuern auf feineren Tabak und echtes Pilsener Bier zustimme, alsdann Leute wie Singer und Bebel noch nicht bankerott würden, auch wenn sie 5 Pfennig mehr für das Glas zahlen müßten.

Bebel antwortet darauf im Vorwärts sehr treffend:

Das stimmt. Muß einmal zum erhöhten Schutz von Thron, Altar und Geldsack gesteuert werden, können wir uns dem nicht gut entziehen. Aber ich werde von solchen Steuern sehr gering

betroffen und das schmerzt mich. Nach einer genauen Berechnung, die ich anstellte, würde ich für meinen gesamten Jahreskonsum an Bier höchstens zwei Mark Steuer zu zahlen haben. Und die Erhöhung einer Steuer auf feinere Tabake und Zigarren würde mich noch weniger treffen, da ich als Sonntags⸗ raucher höchstens 50 Stück im Jahre verbrauche. Freund Singer würde es freilich schlimmer er⸗ gehen. Er trinkt mehr Bier und raucht namentlich weit mehr Zigarren als ich. Aber ich habe meinen Freund Singer als boshaften Menschen kennen gelernt und traue ihm zu, daß, wenn diese Steuern recht hoch ausfallen, er in seiner trockenen Art sagte:Nu man jrade nicht! das Biertrinken und Rauchen einstellte und so das Reich aufs schnödeste um seine Einnahme prellte.

Ich will also derGermania und dem

Zentrum auf die Sprünge helfen, wie man uns Und andere in ähnlicher Lage wie wir gründlich treffen kann.

Herr v. Stengel wird dem Reichstag ein Steuerbukett präsentieren, in dem auch eine Erbschaftssteuer enthalten ist. Ich fürchte, die letztere entpuppt sich als reine Anstandssteuer. Beantragen wir also, daß Aszendenten und Deszendenten mindestens 4 Proz. ihres Erbes an das Reich zu zahlen haben, Seitenverwandte nach dem Grad der Verwandtschaft bis 10 Prozent, fremde Erben 20 Proz. Um die Steuerhinterziehung schon bei Lebzeiten der Erb⸗ lasser zu verhindern, führe man ein gleich ge⸗ artete Schenkungssteuer ein. Damit aber dem Reich, das bekanntlich auch im Dalles sitzt, gründlich geholfen wird, schlage ich weiter vor, dem Gesetz über die Erbschaft⸗ und Schenkungsstener rückwirkende Kraft bis zum Jahre 1901 zu geben. Es würden als⸗ dann unzählige Erbschaften getroffen. I ch befinde mich z. B. alsdann in der Gesellschaft der Erben von Stumm und Krupp, welch' letzterer bekanntlich ein kolossoles Vermögen, das über 26 Millionen Jahresein⸗ kommen abwirft, hinterließ. Ferner würde Fürst Bülow mit seiner 5 Millionen⸗ Erbschaft getroffen. Zugleich müßte aber alsdann eine Entlastung der unbemittelten und armen Klassen eintreten, durch Aufhebung der Salz⸗ und Zuckersteuer, des Petroleumzolls und der Zölle auf Getreide und Fleisch.

Bringt die Sozialdemokratie, wie ich an⸗ nehme, solche oder ähnliche Anträge im Reichstag ein, so hoffe ich, daß dieGermania sie warm befürwortet und das Zentrum ihnen zustimmt, damit wenigstens einigermaßen den schönen christlichen Geboten entsprochen wird, die ich neulich in meiner Antwort auf diePost im Vorwärts vom 20 Oktober aus dem Neuen Testament zitierte.

Unser Alter hat sehr recht. Er weiß natürlich so gut, wie das Zentrum selber, daß dieses einer Steuer, die zwar viel einbringen würde, aber die Reichen träfe, niemals zustimmen wird. Es halst lieber den Armen die Lasten in Form von Zöllen und indirekten Steuern auf.

Wegen seiner Erbschaft wurde Bebel übrigens von irgend einem Berliner Schmierfink ange⸗ griffen. Man mutete Bebel zu, die ihm zuge⸗ fallene Erbschaft doch zu verteilen. Der Artikel war auch dem Gießener Amtsblatt zum Ab⸗ druck nicht zu blödsinnig. Diese Gesellschaft! Warum forderten sie denn von Stumm, Krupp, Heyl und anderen vielfachen Millto⸗ nären nicht, daß sie ihre Milltonen mit dem Volke teilen, durch dessen Ausbeutung sie ihren Reichtum ersterworben haben. Bebel hat niemanden ausgebeutet und verwendet das ihm zugefallene Geld im Interesse der Befreiung der Arbeiter. Jeder Parteigenosse gönnt es ihm auch und wünscht ihm noch mehr dazu!

Merkwürdige Kaiserreden.

Wilhelm II. hat jüngst wieder zwei Reden gehalten, die en aufftelen. Die eine in der Dresdener Grenadier⸗Kaserne, die andere bei Enthüllung eines Moltke⸗Denkmals in Berlin. Letztere wird in der französtschen Presse alskriegerische Rede und als kaiser⸗ liche Drohung registriert. Er sagte da u. a.:

Wie es in der Welt steht mit uns, Haben die Herren gesehen. Darum das Pulver trocken, das Schwert geschliffen, das Ziel erkannt, die Kräfte ge⸗ spannt und die Schwarzseher ver⸗ bannt. Mein Glas gilt unserem Volk in Waffen.-

Jeder muß sich da fragen: Was ist denn los? Wo brennt's denn? Soll das deutsche Volk etwa in einen mörderischen Krieg gestürzt werden? Wir meinen, Rußland böte er⸗ schreckendes Beispiel genug. Man braucht zwar die Bedeutung solcher Tafelreden nicht zu über⸗ schätzen und das deutsche Volk wird sich in seiner Mehrheit auch schwerlich in einen Kriegs- taumel hineinreden lassen. N

Der Fleischnotminister und Besttzer einer großen Schweinezüchterei, Podbielski hat vor kurzem wieder mal eine Rede gehalten und zwar in Münster auf irgend einem Landwirtschaftstag. Er sagte da unter anderem:

Wir haben dank der Unterstützung und Mitwirkung des Reichstags und dank dem ein⸗ mütigen Zusammenstehen unserer Landwirt⸗ schaft bessere Erwerbs- und Arbeits⸗ bedingungen erhalten. Wir wollen dabei nicht vergessen, wie immer im Leben, daß man dann, wenn man eine längst erstrebte Position er⸗ stritten und errungen hat, nicht die Hände in den Schoß legen darf, sondern sich überzeugt halten muß, daß es auch Leute gibt, die uns diese Posttion nicht gönnen. Er gilt jetzt nicht, eine Position zu nehmen, son dern diese zu halten. Wir sind gestählt, und ich bin überzeugt, daß gerade durch die bessere Ans sicht, die uns jetzt winkt, die Landwirtschaft, weil ste harte Männer erzogen hat, wirklich als gesunder, kräftiger und gleich wichtiger Faktor mit Handel und Industrie sich entwickeln wird, zum Segen unseres ge⸗ samten Vaterlands.

Mehr kann kaum ein Minister, dem doch das Wohl des ganzen Volkes am Herzen liegen sollte, für sein eigenes persönliches Interesse und das seiner Kaste, der Junkersippe eintreten. Wir haben höhere Preise erzielt; wir müssen

unsere Position erhalten; uns winkt bessere

Aussicht der Minister spricht genau, wie der Vorsttzende eines bündlerischen Vereins! Er benutzt seine Machtstellung, um seine und seiner Klassengenossen Einkünfte zu erhöhen.

Daß das unter dem Lebens wucher schwer leidende Volk diesen Herrn nicht mit Schimpf und Schande zum Teufel jagt, beweist, von welcher Lausgeduld es beseelt ist.

Zu den badischen Landtagswahlen.

Ende voriger Woche sind die nötigen Stich⸗ wahlen in Baden vorgenommen worden. Für diese war, wie in letzter Nummer bereits erwähnt, ein Abkommen zwischen dem liberalen Block und unsern Parteigenossen getroffen worden, das gegenseitige Unterstützung vorsieht, um eine Zentrumsmehrheit zu verhüten. In Freiburg II und III unterlagen die Zen⸗ trumsleute und es wurde der Liberale Reb⸗ mann und unser Genosse Kräuter gewählt. Bei den übrigen am Samstag vorgenommenen Stichwahleg sind noch sechs weikere Sozial⸗ demokraten gewählt worden, sodaß unsere Partei nunmehr 12 Mann stark im badischen Landtage vertreten ist. Die neue Kammer, die 10 Abgeordnete mehr zählt, als die vorige, setzt sich nunmehr zusammen aus: 28 Zentrum, 24 Nationalliberalen, 12 Sozialdemokraten, 5 Demokraten, 3 Konservativen und 1 Frei⸗ sinnigen. Gewonnen haben: Sozialdemo⸗ kratie 6, Zentrum 5, Konserv. 2 Mandate; verloren: Nationallib., Demokratie und Frei⸗ sinnige je 1 Mandat.

Die sozial demokratische Fraktion setzt sich nunmehr wie folgt zusammen: Bechtold, Landwirt, Eich ho ru, Parteisekretär, Frank, Dr., Rechtsanwalt, Geck, Adolf, Buchdr.⸗Bes., Horst*, Gastwirt, Kolb, Redakteur, Kramer, Kassier, Kräuter, Sägenfeiler, Lehmann, Buchhalter, Pfeiffle, Ex⸗ pedient, Rössch, Buchdrucker, Süßkind, Kaufmann. Die mit bezeichneten gehörten