*
3
8
E
f
2 E
5
225
. ·
Wil
N
—— 1.——
.
Gießen, den 5. November 1905.
——————
Nr. 45. 12. Jahrgang. a eng 11. Sclosgese Mitteldeuts. che eee, 1——— 5*
Sonntags-
ung.
Abounementspreis:
Bestellungen
Juserate
Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt
Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.
Bei mindestens
Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33¼%ͥ und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabat.
Gegen die einde der Polkorechte!
So muß für alle Angehörigen der werk⸗ lätigen Bevölkerung, alle Kleinbauern, Hand⸗ werker und Arbeiter die Parole bei den be⸗ vorstehenden hessischen Landtags⸗ wahlen lauten. Es gilt für alle wirtschaft⸗ lich Schwachen, für alle Minderbemittelten, daß sie auf den Plan treten um nicht nur ihre kärg⸗ lichen Rechte zu schützen, sondern auch weitere zu erobern, die ihnen bisher vorenthalten wurden. Das hessische Volk war bisher in seinen Rechten empfindlich beschränkt. Es konnte nicht in dem Maße, wie es sich für ein geordnetes Staatswesen und freies Volk ge⸗ bührt, an der Gesetzgebung und an der Ge⸗ staltung der Staatsangelegenheiten teilnehmen. Eine Handvoll„Standesherrer“, fürst⸗ licher Großgrundbesitzer beeinflußt als Erste Kammer die hessische Politik in volksfeindlichem Sinne und verhindert die fortschrittliche Weiter⸗ entwicklung unseres staatlichen Gemeinwesens.
An diesen beschämenden Zuständen ist aber das Volk selbst nicht unschuldig. Es hat sich bedauerlicher⸗ und unbegreiflicherweise das Vorrecht einiger Geburts- und Geldaristokraten gefallen lassen. Es hat diesen Dingen bisher ziemlich gleichgültig gegenübergestanden. Wo es sich an den Landtagswahlen beteiligte, wurden meist Leute als Volksvertreter abgeordnet, die
weder den Willen noch sonst das Zeug dazu
hatten, gegen dieses widersinnige, der Vernunft und der sozialen Gerechtigkeit widersprechende Adels- und Geldsackvorrecht anzukämpfen. Jetzt tritt jedoch die Gemeingefährlichkeit dieser In. stitution immer deutlicher zutage; jedermann fühlt und erkennt den unhaltbaren Zustand, daß zwei Dutzend Privilegierter den Willen des gesamten Volkes durchkreuzen können.
Darum: Fort mit der Ersten Kammer! Nieder mit den Adels⸗ vorrechten! Diese Parole, die in dem An⸗ trage der sozialdemokratischen Land- tagsfraktion auf Abschaffung der Ersten Kammer ihren Ausdruck findet, muß jeder wahre Volksfreund zu der seinen machen. Jeder, dem die Wohlfahrt des gesamten Volkes und die freiheitliche Entwickelung unseres Staatswesens am Herzen liegt, muß bei der bevorstehenden Landtagswahl mit aller Energie dahin wirken, daß Männer in die Zweite Kammer gewählt werden, die auf dem Boden des sozialdemokratischen Antrages stehen und die Volksrechte kraftvoll zu schützen und zu er⸗ weitern bereit sind. Daraufhin die Kandidaten sich anzusehen ist Pflicht des Wählers! Er muß sich auch die Frage vorlegen: wie stellen sich die Parteien hierzu?
Die letzte! Landtagsverhandlungen haben
das volksfeindliche Wesen und die Gemeinge⸗
fährlichkeit der vermoderten J stitution in die hellste Beleuchtung gerückt. Die Wahl⸗ reform schelterte an dem Widerstande der
errenhäusler unter Führung des Wormser
ederbarons. Dadurch blieb dem Volke wieder das direkte Wahl recht, das es schon seit Jahrzehnten fordert, vorenthalten. Die „hohen und erlauchten“ Herren dünken sich als Vormünder des Volkes und erklären es für politisch nicht reif. Sie machten sogar den dreisten Versuch, ihre Vorrechte noch zu er⸗
weitern. Bet der Gemein desteuer⸗Re⸗ form zeigte sich wiederum die Volksfeindlich⸗ keit der Privilegierten. Sie brachten die Ge⸗ setzesvorlage zum Scheitern, weil ste die Reichsten und Reichen, sich selber schützen und alle Lasten den Armen aufhalsen wollen. Wenn irgendwo, so war es hier am Platze, deß auch alle bürgerlichen Parteien einmütig und energisch die Beseitigung des Herrenhauses forderten. Aber nichts von alledem! Weder National- liberale, noch Bauernbündler, noch Zentrums⸗ leute konnten sich dazu aufschwingen. Sie waren sogar gewillt, Volks rechte preis⸗ zugeben und der Ersten Kammer Erweiterung ihres Budgetrechtes zuzustehen.
Wie stehen diese Parteien überhaupt zum direkten Wahlrecht? Bauernbündler und Nationalliberale, die hier bei uns besonders in Frage kommen, ertlärten sich wohl öffent⸗ lich dafür. Hinter den Koulissen aber gaben sie sich redliche Mühe, die Wahlreform zum Scheitern zu bringen. Welche Anstchten einige von der Partei Drehscheibe in dieser Beziehung haben, erkennt man an den Ausführungen des früheren nationalliberalen Abg. Jöckel von Friedberg, der bei der ersten Beratung der Wahlrechtsvorlage erklärte:
„Einem Mann, der nach der Richtung von äußeren Einflüssen und wirtschaftlichen Ver⸗ hältnissen abhängig ist, dem gebührt überhaupt kein Wahlrecht. Das ist kein selbständiger Mann, kein freier Mann, der hat kein Wahlrecht.“
Aehnliches sprach Heyl und andere National⸗ liberale aus. Und wie verhielten sich die Bauernbündler? Sie haben zwar das direkte Wahlrecht im Programm stehen. Mit der praktischen Durchführung dieses ihres Programmpunktes sah's aber anders aus. Wir sahen, daß einer von ihnen, der Vertreter von Gießen⸗Land, Leun, bei der prinzi⸗ piellen Abstimmung gegen das direkte Wahl⸗ recht stimmte. Später traten ste nicht nur für alle erschwerenden„Kautelen“ ein, ste be⸗ reiteten der Wahlreform auch sonst alle mög⸗ lichen Schwierigkeiten. In raffinierter Weise suchten sie bei der Wahlkreiseinteilung Vor⸗ teile für sich herauszuschlagen. Sie wollen den ehrlichen, besitzlosen Arbeiter, der doch seine Pflichten gegen den Staat erfüllen muß, als vollberechtigten Staatsbürger nicht anerkennen. In ihrem Organ, dem Blatte des Herrn Hirschel in Friedberg wurde die Arbeiterschaft wiederholt als„hergelaufene Masse“, als„Lum⸗ penzeug“ bezeichnet und die Sozialdemokratie aufs ordinärste beschimpft. Nebenbei treten die Bauernbündler bekanntlich für den Lebens⸗ mittel wucher ein und erschweren den Ar⸗ beitern, Handwerkern und Kleinbauern empfind⸗ lich die Lebenshaltung.
Sollen wiederum Vertreter solcher rückstän⸗ diger Anschauungen, solcher verderblicher und volksfeindlicher Politik in großer Zahl in den Landtag einziehen? Nein! Gegen die Feinde des Volksrechts muß das werktätige Volk in den Wahlkampf ziehen! Für Freiheit, Gerechtigkeit und Volks⸗ wohlfahrt laute seine Parole, der es nur Ausdruck geben kann durch Wahl eines sozialdemokratischen Vertreters.
Die russische Revolution.
Was sich in den letzten Tagen in Rußland abspielte, hätte noch vor wenigen Monaten jeder Mensch für unmöglich gehalten. Es ist Tat⸗ sache: die Revolution marschiert nicht nur, man kaun getrost sagen, sie hat gesiegt! An allen Ecken des gewaltigen Reiches lodert der Aufruhr empor. Wo früher kein Mensch einen soztaldemokratischen, ja nicht einmal einen liberalen Gedanken zu äußern wagte, werden jetzt große Versammlungen abgehalten, in denen die Redner Errichtung der Republik fordern; gewaltige Demonstrationszüge bewegen sich unter Vorantritt roter Fahnen durch die Straßen Moskaus und Petersburgs. Die öffentlichen Gewalten sind machtlos, die Behörden haben jede Autorität verloren. Militär, Offiziere, in einzelnen Fällen sogar die halbwilden Kosaken⸗ horden verweigerten es, ihre Waffen gegen das Volt zu kehren. In Petersburg und Moskau nahmen Offiziere an den Versammlungen teil, hielten sogar Reden und verlangten mit dem Volke Beseitigung der Willkürherrschaft. Kurz, die Flamme des Aufstandes jagt wie ein ver⸗ zehrendes Präriefeuer über die Steppen durch die großen Industriebezirke von einer Grenze des russischen Reiches zur andern! Das Ende des Zarismus ist gekommen. Die Willkür⸗ herrschaft, der Absolutismus überdauert diese Bewegung nicht. Noch vor kurzem schien es manchmal, als würde sie im Blute erstickt, doch jetzt sehen wir die Flammen des Auf⸗ standes an allen Orten gleichzeitig hervorbrechen. Immer erhabener und gewaltiger wird dieser Aufstand eines ganzen Volkes gegen seine Henker und Schlächter. Das ist die rein prole⸗ tarische Rebolution mit ihren modernen unwiderstehlichen Waffen; das ist die Anwendung des politischen Massenstreiks mit einer Wucht und in einem Umfange, wie es sich noch zur Zeit des Jenaer Parteitages kein deutscher Sozialdemokrat hätte träumen lassen. Die rusfischen Arbeiter geben uns ein prächtiges Beispiel der Anwendung dieses revolutionären Mittels. Sie vermeiden nach Möglichkeit Zu⸗ sammenstöße mit dem Militär, ste ermüden und verwirren die Herrschenden, ste stürzen die Ge⸗ sellschaft durch die Verweigerung der Arbeit in das wildeste Chaos. Und der Erfolg ist da. Die staatliche Antorität ist so tief gesunken, daß sich revolutionäre Wohlfahrtsausschüsse, provi⸗ sorische Regierungen bilden und daß kein rächen⸗ der Blitz die Frevler zerschmettert. Das hat der Massenstreik der Proletarier getan, der dem Absolutismus die Machtmittel aus der Hand wand.
Jeden Augenblick können wichtige Ent⸗ scheidungen fallen. Und wenn auch jetzt das Volk nochmals unterliegen sollte, seine Sache wäre deshalb noch nicht verloren, sein Sieg nur hinausgeschoben!
Aus der Fülle der Nachrichten, die seit Sonntag einliefen, können wir hier nur die wichtigsten verzeichnen.
Fast alle Bahnlinien stehen seit voriger Woche infolge des allgemeinen Eisenbahnerstreiks still. Weder Güter noch Briefe werden von der deutschen Post zur Beförderung nach Ruß⸗ land angenommen. Auch der Telegraph ist auf vielen Linien unterbrochen.


